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https://doi.org/10.14512/rur.213
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Rezension / Book review

Kogler, Raphaela; Wintzer, Jeannine (2021): Raum und Bild – Strategien visueller raumbezogener Forschung

Katharina Schmidt Contact Info

(1) Institut für Geographie, Universität Hamburg, Bundesstraße 55, 20146 Hamburg, Deutschland

Contact InfoDr. Katharina Schmidt 
E-Mail: fgrv007@uni-hamburg.de

Eingegangen: 21. März 2022  Angenommen: 28. März 2022  Online veröffentlicht: 19. April 2022


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Anfang der 2000er-Jahre warf Gillian Rose die Frage auf, inwiefern die Geographie als visuelle Disziplin zu verstehen sei, und löste eine kritische Diskussion und Reflexion über den Umgang mit Bildern in Geschichte und Gegenwart der Disziplin aus. Mit ihrem Buch „Visual Methodologies. An Introduction to Researching with Visual Materials“ lieferte sie eine Auseinandersetzung mit sozialwissenschaftlichen, visuell-methodologischen Grundlagen, welche die Bedeutung und Möglichkeiten des kritischen Umgangs mit Bildern jenseits einer illustrativen Funktion als Bestandteil von raumbezogener Forschung herausstellte (Rose 2001). Im Anschluss an diese im englischsprachigen Raum angestoßene Debatte fanden globale kontextspezifische Auseinandersetzungen mit den jeweiligen visuellen Geographien statt, was sich unter anderem in Sammelwerken, wie z.B. in „Geographie und visuelle Kultur“, herausgegeben von den argentinischen Geographinnen Carla Lois und Veronica Hollman (2013), oder dem von Antje Schlottmann und Judith Miggelbrink herausgegebenen Band „Visuelle Geographien“ (2015) für den deutschsprachigen Kontext zeigt.

Während diese Sammelwerke hauptsächlich theoretische und methodologische Debatten führen, indem sie interdisziplinär philosophische, phänomenologische, künstlerische, mediale und kulturwissenschaftliche Bildtheorien vor allem in Bezug zur Fotografie aufgreifen, legt der vorliegende Sammelband „Raum und Bild – Strategien visueller raumbezogener Forschung“ nun dezidiert ein Kompendium an konkreten methodischen Zugängen vor. Die Frage, ob die Geographie eine visuelle Disziplin ist, stellt sich hier gar nicht mehr. Vielmehr wird hier der Frage nachgegangen, wie die Geographie mit alten und neuen Formen raumgreifender Visualität umgeht bzw. wie Visualität einen Untersuchungszugang zu Raum herstellen kann. Gerade vor dem Hintergrund gegenwärtiger und zukünftiger digitaler visueller Geographien und deren multimedialer Verbreitung, Bearbeitung und Zirkulation durch social media gewinnen diese Fragen an Bedeutung für geographische Arbeiten, weshalb eine Auseinandersetzung damit in Forschung und Lehre zunehmend erforderlich ist.

Als Lehrbuch konzipiert, werden im Band unterschiedlichste visuelle Zugänge, unter anderem in Form von Fotografien, Karten, Zeichnungen, Videos, mentalen und technisch produzierten Bildern, street art oder Filmen, in ihrem praktischen Einsatz in Kontexten von Forschungsarbeiten, Studien und anwendungsorientierten Projekten herausgestellt. Hierfür ist das Buch in die Teile „Bilder (er)öffnen Raum“ (Teil 1) und „Bilder (re)konstruieren Raum“ (Teil 2) gegliedert. Beide Teile zeichnen sich dadurch aus, dass dort klassische Verfahren und Begrifflichkeiten interdisziplinärer, visueller Forschung aufgegriffen und durch neue Zugänge und Perspektiven ergänzt werden. Dies geschieht in den meisten Beiträgen am Beispiel aktueller thematischer Kontexte und in Bezug zu konkreten raumbezogenen Fragestellungen. Aufgrund neuer technischer Möglichkeiten und interdisziplinärer, mehrdimensionaler Verschneidungen der verschiedenen theoretischen und methodischen Zugänge, findet hier immer wieder ein Update klassischer bildtheoretischer Diskussionen statt. Dies gilt beispielsweise für die Verschneidung von visuellen Verfahren mit mobilen, emotionalen, digitalen, georeferenzierten, künstlerischen, kreativen und reflexiven Zugängen, die sich auch in einer Vielfalt von Analyse- und Interpretationsformaten widerspiegelt.

Die einzelnen Beiträge vertiefen diese unterschiedlichen Schwerpunkte in verschiedensten Kombinationen und geben spannende Einblicke in vielseitige Untersuchungsräume von Körper über Stadtteil, Schule oder Wald bis hin zu imaginierten, planerischen oder virtuellen Räumen sowie in die Interaktion mit diversen Zielgruppen, wie älteren oder jüngeren Menschen, Lehrerinnen/Lehrer oder Planerinnen/Planer. Mithilfe von visuellen Strategien generiert das Lehrbuch Impulse für eine Erweiterung des methodischen Repertoires im Rahmen geographischer bzw. raumbezogener Fragestellungen und positioniert diese zu Recht als relevante und ernstzunehmende methodologische Zugänge.

Trotz der Begriffsdefinitionen, den Exkursen und Beispielbezügen sind es gerade die Vielfalt und Unterschiedlichkeit der Themen, Methoden und Herangehensweisen der Beiträge, die eine stringente „Lehrbuchstruktur“ behindern. Manche Beiträge fungieren als eine Art methodische step by step-Anleitungen, andere fokussieren die analytische Ebene und wieder andere zentrieren empirisch-kontextspezifische oder theoretisch-konzeptionelle Herangehensweisen. Dies wechselt immer wieder von Beitrag zu Beitrag und wirkt wenig kohärent in seiner Gesamtkomposition. Bis zum Schluss bleibt unklar, was die Beiträge in Teil 1 des Buches von Teil 2 unterscheidet, da in beiden Teilen durch die Beiträge Räume eröffnet und Räume (re)konstruiert werden.

Dies ist an sich kein Manko, allerdings funktioniert das Buch so insgesamt mehr als Sammelband. Für ein Lehrbuch hätte ich mir eine stärkere Kontextualisierung der Beiträge entlang der grundlegenden Debatten visueller Geographien, deren Potenziale, aber auch Limitationen gewünscht, welche auch Machtverhältnisse um visuelle Politiken und den machtvollen Einsatz von Visualität stärker thematisieren. Besonders hinsichtlich der Geschichte der Geographie mit ihrem Einsatz von Visualität (unter Beteiligung von Fotografie, Kartographie, Zeichnung, Imagination und (Luft‑)Bildinterpretation) zu Kolonisierung, Imperialismus und Beherrschung von Welt, Territorien, Menschen und auch deren Vernichtung ist eine Vermittlung dieser Techniken und Herangehensweisen meines Erachtens vor allem in einem Lehrbuch stets vor diesem Hintergrund zu betrachten.

Gleichzeitig ist es jedoch auch eine Stärke des Lehrbuchs, dass es vielfältige Anknüpfungspunkte über disziplinäre Debatten hinweg aufzeigt. So liefert das Buch Inspirationen für einen Umgang mit Raum und Bild, die in bisherigen Geographie-Lehrbüchern kaum vorkommen oder nur im Kontext spezieller Fokushandbücher aufgegriffen werden (z. B. von Benzon/Holton/Wilkinson et al. 2021; Dammann/Michel 2022).

Das Lehrbuch macht deutlich, dass es nicht nur in der Geographie notwendig ist, eine kritische literacy im Zusammenhang von Raum und Bild zu entwickeln. Neue Formen und Praktiken der Produktion von Raum mit oder durch Visualität und Visualisierung sind dynamisch. Gerade auch bei der Suche nach methodischen Zugängen zur Untersuchung der immer wichtiger werdenden digitalen Geographien, die den visuellen digitalen Raum unter anderem in Bezug auf social media oder memes in den Blick nehmen, bietet sich die methodisch-konzeptionelle Weiterentwicklung visueller Geographien an.

Für mich, die ich seit 2014 regelmäßig Seminare zu visuellen Geographien und Methoden in der universitären Lehre anbiete, stellt dieses Lehrbuch eine lang ersehnte, zugängliche, aktuelle und inspirierende Lektüre dar, die mit Sicherheit Anwendung im nächsten Kurs „Visuelle Methodologien“ finden wird. Ich hoffe, dass mit dem Lehrbuch „Raum und Bild – Strategien visueller raumbezogener Forschung“ der Sprung auf die Literaturliste qualitativer Methodenseminare im Generellen gelingt, weil das Buch aufgrund seiner zahlreichen, weitgreifenden und vor allem innovativen Verschneidungen Relevanz für die unterschiedlichsten qualitativen Forschungstraditionen darstellt.

Rezensionshinweis  
Das Lehrbuch wurde in digitaler Form rezensiert. Von Seiten des Verlags wurde kein gedrucktes Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Diese Praxis ist sehr bedauerlich und gerade hinsichtlich eines Großverlags wie Springer unverständlich. Der Aufwand für Rezensionen als Dienst für die wissenschaftliche community und für wissenschaftliche Debatten wird damit nicht adäquat wertgeschätzt.
Vollständige bibliographische Angaben des rezensierten Werkes:  
Kogler, R.; Wintzer, J. (2021): Raum und Bild – Strategien visueller raumbezogener Forschung. Berlin: Springer Spektrum. XXIV, 286 Seiten.


Literatur

Dammann, F.; Michel, B. (Hrsg.) (2022): Handbuch kritisches Kartieren. Bielefeld.
 
Lois, C.; Hollman, V. (Hrsg.) (2013): Geografía y cultura visual. Los usos de las imágenes en las reflexiones sobre el espacio. Rosario.
 
Rose, G. (2001): Visual Methodologies. An Introduction to Researching with Visual Materials. London.
 
Schlottmann, A.; Miggelbrink, J. (Hrsg.) (2015): Visuelle Geographien. Zur Produktion, Aneignung und Vermittlung von RaumBildern. Bielefeld.
 
von Benzon, N.; Holton, M.; Wilkinson, C.; Wilkinson, S. (Hrsg.) (2021): Creative Methods for Human Geographers. Thousand Oaks.