Dieses Buch schreibt zwei Geschichten, die für die professionellen Communities der räumlichen Planung – die akademische und die planungspraktische – gleichermaßen relevant sind und verspricht eine ertragreiche Lektüre. Zum einen dient das Buch der Würdigung des 2022 verstorbenen Geographen und Planers Karl Ganser, der als Wissenschaftler, leitender Verwaltungsbeamter sowie als Geschäftsführer der IBA Emscher Park im Ruhrgebiet (1989-1999) ein außerordentlich umfangreiches und national wie international hoch respektiertes Oeuvre hinterlassen hat. Zum anderen bieten das Buch und die Rezeption Gansers Werks durch Zeitgenossinnen und -genossen, Kolleginnen und Kollegen und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Einblick in die aktuelle Selbstreflexion der Disziplin. Diese Erinnerungsarbeit wirft, ohne dass dies vielleicht Absicht gewesen wäre, einige Fragen auf bezüglich ihrer Konsequenzen für Planungsforschung und -praxis.
Das Buch wird herausgegeben von Anna Kloke, Habilitandin am Institut für Geschichte und Theorie der Architektur der Technischen Universität Dortmund, gemeinsam mit Heiner Monheim als langjährigem Weggefährten Gansers an Stationen wie der Bundesforschungsanstalt für Landeskunde und Raumordnung (BfLR) oder dem nordrhein-westfälischen Städtebauministerium, sowie Uli Paetzel, Vorstand der Emschergenossenschaft – in deren Händen liegt heute der Umbau der Emscher, das womöglich wirkmächtigste Erbe der IBA Emscher Park. Während Kloke, Monheim und Paetzel aus unterschiedlichen Generationen stammen, wurden die 42 Buchbeiträge zu weit überwiegenden Teilen aus der Zeitgenossenschaft Karl Gansers verfasst. Dies verschafft den Leserinnen und Lesern einerseits einen sehr authentischen Einblick in entsprechende Planungsaufgaben und -kontexte der vergangenen Jahrzehnte. Aus der Lektüre des Buchs lernt man unglaublich viel darüber, wie Planungspraxis tatsächlich funktioniert. Andererseits bewegt sich die Bewertung ihrer Ergebnisse, und dazu gehören ihre Erfolge ebenso wie ihre Grenzen und möglichen Misserfolge, dadurch auch in gewissen Grenzen.
Das Buch ist in fünf Teile gegliedert, die von Kloke, Monheim und Paetzel ‚kuratiert‘ wurden: Erinnerungen, Schriften, ausgewählte Praxisfelder, IBA Emscher Park, Folgeprojekte. Es kombiniert insofern biographische Elemente und ausgewählte Schriften Gansers mit Würdigungen durch Weggefährten. Bereits die nachträgliche Lektüre von Gansers Aufsätzen macht das Buch lesenswert. Zu den zentralen Vorhaben, an denen Ganser maßgeblich mitgewirkt hat und die hier resümiert werden, gehören natürlich die IBA Emscher Park als ganzheitlicher Ansatz zur Erneuerung alter Industrieregionen. Darüber hinaus geht es um Industriedenkmalpflege, die Rolle von Kultur in Stadt- und Raumentwicklung und -planung, Bestandsorientierung in der städtebaulichen Praxis, das Ruhrgebiet als Metropole anderen Typs. Diese Punkte gehören zu den Schlüsselelementen im Planungsverständnis Karl Gansers.
Die diesem Planungsverständnis zugrunde liegende Haltung, die auch für die Leserschaft außerhalb Nordrhein-Westfalens von Interesse ist, lässt sich wie folgt resümieren: Skepsis gegenüber dem Großen Plan, die hartnäckige Verknüpfung von Ambition mit realitätstüchtiger Umsetzung, ein durch jahrzehntelange Erfahrung geschärfter Sinn für die Funktionsweise von Apparaten und die Notwendigkeit ihrer Innovation, ein vorurteilsfreier, nüchterner Blick auf das Verhältnis von Zentralität und Dekonzentration in der Raumentwicklung. Zurecht genießt die Frage der Planungsprozesse und der Umsetzung von Planinhalten auch im Buch einen zentralen Stellenwert. Schließlich betonen die Würdigungen seines persönlichen Schaffens durchweg das Unkonventionelle, das Gegen-den-Strom-Schwimmen, das Charismatische an Karl Gansers Persönlichkeit.
Das Buch, das sehr anschaulich gestaltet und illustriert ist, wurde in der erstaunlichen kurzen Zeit von einem Jahr nach dem Tod Gansers vorgelegt. Es bietet in der Detaillierung vieler Darstellungen einen hohen Erkenntnisgewinn, dem sich niemand mit Interesse für Stadt- und Raumplanung entziehen kann. Darüber hinaus sollen weitere Projekte die Erinnerung an Gansers Tätigkeit für heutige Planungsaufgaben produktiv machen. Dazu gehören das von der Stiftung Deutscher Architekten geförderte Forschungsprojekt der Mitherausgeberin Anna Kloke, die Pflege von Karl Gansers Nachlass durch das Baukunstarchiv NRW, schließlich die Archivierung von Material zur IBA Emscher Park in der Bibliothek des Ruhrgebiets, die an der Ruhr-Universität Bochum angesiedelt ist. Deren Fakultät Geowissenschaften hatte Ganser im Jahr 1999 einen Doktorgrad ehrenhalber verliehen. Diese Vorhaben leiten über zur zweiten Geschichte, die das Buch der interessierten Leserschaft bietet, nämlich die Werkrezeption auch im Licht aktueller Planungsprobleme und -praktiken.
Am Baukunstarchiv NRW fand im Frühjahr 2023 die offizielle Präsentation des Buches statt, bei der viele Weggefährten Gansers anwesend waren. Einige Sequenzen dieser Veranstaltung sind in Videos auf YouTube nachvollziehbar, auch sind mehrere Redemanuskripte von Panelteilnehmerinnen/-teilnehmer auf der Website des Baukunstarchivs eingestellt. Dieses Material vervollständigt unseren Blick auf die Rezeption des Erbes Karl Gansers und die Lehren, die sich daraus womöglich für die Zunft ergeben. Es bestätigt eine Interpretation, die sich bereits nach der Lektüre des Buchs eingestellt hat: Offenbar zurecht beeindruckt von der Persönlichkeit Gansers, dominiert in der weit überwiegenden Zahl der Beiträge eine geradezu euphorische Perspektive auf sein Oeuvre. Sie zieht sich, mit einer gewissen Redundanz, durch das Buch selbst sowie auch durch die Redebeiträge auf der Veranstaltung. So unstrittig der Respekt gegenüber Person und Werk ist: Durch diese Sichtweise schimmert zugleich ein Hauch von Verklärung, und aus der Sicht der aktuellen Planungsprobleme erscheint die Zeit Gansers wie eine ferne Vergangenheit der Masterplanung. Dies klingt paradox im Hinblick auf Gansers Planungsverständnis: Sollte ausgerechnet diesem reflektierten Ansatz mit Rückgriff auf das tradierte Modell des Gottvater-Planers (vgl. Siebel 2006) gedacht werden?
Zwei Aspekte sind in den Buchbeiträgen meines Erachtens unterrepräsentiert. Dazu gehören erstens die immanenten Grenzen der Planung, die trotz charismatischer Planergestalten nahezu zwangsläufig jede Praxis mitbestimmen. Im Buch scheint dies nur an einzelnen Stellen durch, und dann oft in der plakativen Gegenüberstellung von innovativem Einzelkämpfer hier und verkrusteter Institution dort. Karl Gansers Frustration über die Sperrigkeit tradierter Strukturen und Interessen wird zwar wiederholt erwähnt, die für die Planung extrem wichtige Reibung zwischen Struktur und Handlung aber nicht systematisch thematisiert. Auch würden Geschichten des Scheiterns Anschauung für Lernprozesse geben. Zweitens hätten die komplexen Regulierungsbedingungen im Verhältnis von Stadt und Staat oder die, zurückhaltend formuliert, unterschiedliche Positionierung der Städte zur IBA, eine vertiefende Auseinandersetzung verdient. Solche Überlegungen werden im Buch, von punktueller Referenz abgesehen, nicht angestellt. Sie sind für eine retrospektive Einordung dieser Epoche in die Planungsgeschichte aber sehr wertvoll, gerade über das Beispiel Nordrhein-Westfalen hinaus. Man vermisst auch kritische Positionen etwa zur IBA Emscher Park, die als ‚IBA von unten‘ noch ihren festen Platz im Diskurs hatten, in der vorliegenden Publikation aber komplett ausgeblendet sind.
Das Buch bietet für alle Planungsinteressierten einen vorzüglichen Quellenfundus und liefert damit wichtige Beiträge zum Verständnis einer formativen Epoche der räumlichen Planung in Deutschland. Vom gelegentlich hagiographischen Subtext mancher Beiträge abgesehen kann das Buch als Plädoyer für die Aufwertung historisch orientierter Planerbiographien gelesen werden. Davon gibt es leider viel zu wenige. Arbeiten wie die von Caro (1974) oder im deutschsprachigen Kontext zuletzt durch von Petz (2016) oder Zöpel und Bocian (2018) informieren in unterschiedlicher Nuancierung der biographischen Methode über den jeweiligen Zeitgeist sowie die ideellen und materiellen Randbedingungen der Planungspraxis. Erst damit können Umsetzungsprozesse dokumentiert und Erfolge wie Misserfolge der Planung bewertet werden. Auf diese Weise wird das Zusammenspiel von machtbewusster bzw. charismatischer Persönlichkeit, politisch-administrativen Institutionen und Routinen sowie strukturellen Rahmenbedingungen nachvollziehbar. Auch die mit dem vorliegenden Buch fortgeführte forschende Erinnerungsarbeit zu Person und Werk Karl Gansers würde davon profitieren: Erst der offene, (selbst)kritische Blick auf das Handeln der betrachteten Akteure, ihre Institutionen und die jeweiligen Kontexte erklärt die Planungspraxis auf eine Weise, dass daraus auch allgemeine Lehren formuliert werden können.
