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https://doi.org/10.14512/rur.2542
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Rezension / Book review

Franz, Yvonne; Heintel, Martin (Hrsg.) (2022): Kooperative Stadt- und Regionalentwicklung

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(1) Berlin, Deutschland

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Eingegangen: 27. Februar 2024  Angenommen: 05. März 2024  Online veröffentlicht: 29. April 2024


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Mit dem Rückzug des keynesianischen Wohlfahrtsstaats seit den Krisen der 1970er-Jahre wurden vormals staatliche Aufgaben auf Städte und Gemeinden sowie Regionen übertragen. Auch arbeiten staatliche Stellen zunehmend mit Akteuren aus Zivilgesellschaft und Wirtschaft zusammen. Mit diesen Prozessen sind die Diskussionen zu Re-Skalierung (Brenner 2004) und Governance (Mäntysalo/Bäcklund 2018) verbunden. Diese beiden Begriffe sind auch nutzbar, um die Steuerung der Entwicklung von Städten und Gemeinden zu beschreiben. Re-Skalierung und Governance sind eng mit Kooperation verbunden, vertikal zwischen Akteuren unterschiedlicher staatlicher Ebenen sowie horizontal mit Akteuren außerhalb des staatlichen Sektors. An dieser Diskussion setzt die von Yvonne Franz und Martin Heintel herausgegebene Publikation „Kooperative Stadt- und Regionalentwicklung“ an, die sie als Lehrbuch bezeichnen. Entstanden ist sie im Weiterbildungsprogramm „Kooperative Stadt- und Regionalentwicklung“, das beide an der Universität Wien leiten. Mit der Publikation reagieren sie auf das von ihnen postulierte Defizit, dass eine kooperative Stadt- und Regionalentwicklung (noch) nicht explizit etabliert sei. Allerdings – so die These von Franz und Heintel – bedürfe es für eine zukunftsfähige Entwicklung beim Umgang mit raum- und gesellschaftsrelevanten Herausforderungen Kooperation. Diese möchte die vorliegende Publikation unterstützen, indem sie Impulse in Wissenschaft und Gesellschaft hineinträgt und ihren wechselseitigen Austausch befördert.

Eine einleitende Synthese führt in das Verständnis einer kooperativen Stadt- und Regionalentwicklung ein. Darauf aufbauend widmet sich die Publikation in Form eines Sammelbandes in drei Kapiteln Konzepten, Methoden und Implementation von Kooperation in der Stadt- und Regionalentwicklung. Im Kapitel zu den Konzepten reicht die Spannbreite der Beiträge von einer theoretischen Reflexion der Begriffe Stadt und Region über Beschreibungen von Kooperation in der österreichischen Raumentwicklungspolitik bis hin zur Auseinandersetzung mit den Konzepten Gemeinwohl, Solidarische Ökonomie, Governance sowie Schlüsselakteuren und Netzwerken und ihren Bezügen zu kooperativer Stadt- und Regionalentwicklung. Das zweite Kapitel führt mit Sozialraumanalyse, Datenvisualisierung, strategischer Kommunikation, Framing, agilen Arbeitsweisen und Design-Thinking in Methoden ein, die meist nicht zum Repertoire klassischer Planung zählen, aber kooperative Prozesse unterstützen können. In 13 Beiträgen geben vorwiegend Praktikerinnen und Praktiker im abschließenden Kapitel einen Überblick über ihre Tätigkeit. Damit beschreiben sie die Vielfalt an Kooperationen in der Stadt- und Regionalentwicklung. Im Hinblick auf Regionalentwicklung werden interkommunale Kooperationen in gewerblicher Standortentwicklung, beim Begegnen der Jugendabwanderung in ländlichen Räumen, im touristischen Destinationsmanagement, in der Gebietsschutzpolitik sowie in der Entwicklung kollaborativer Arbeitsorte in ländlichen Räumen angesprochen. Themen der Stadtentwicklung betreffen städtebauliche Projekte, Lebensmittelversorgung, Mehrfach- und Zwischennutzung sowie partizipative Quartiersentwicklungen. Das Gros der Beispiele ist dabei – wie in der gesamten Publikation – in Österreich verortet. In dem Kapitel stechen ein Beitrag zur europäischen Dimension der Wohnungspolitik und einer zu Forschungs- und Entwicklungsvorhaben eines großen Automobilherstellers thematisch heraus.

Das Verdienst der vorliegenden Publikation besteht darin, etablierte Lehrbücher zur Stadt- und Regionalentwicklung um das Thema Kooperation zu ergänzen. Dabei kommt sie dem Charakter eines Lehrbuchs vor allem in den Beiträgen zu kooperativen Methoden am nächsten. Hierfür gewannen die Herausgeberin und der Herausgeber meist Praktikerinnen und Praktiker, welche kurze Einführungen in die jeweiligen Methoden verfassten und diese anhand von Beispielen beschreiben. Der Schwerpunkt liegt hier meist auf innovativen methodischen Zugängen, die nicht aus den Raumwissenschaften stammen. Es fällt auf, dass klassische Praktiken der Regionalentwicklung wie Raum- und Leitbildprozesse nicht thematisiert werden. Zu ihnen bieten die beschriebenen Methoden durchaus Anknüpfungspunkte. Auch Rahmung (framing) zielt darauf ab, Handlungen zur Veränderung eines Zustands zu initiieren. Auch eine Einführung in Regionalkonferenzen erfolgt nicht. Insgesamt sind die Beiträge in diesem Kapitel gut geeignet, um einen ersten Einstieg in die beschriebenen Methoden zu gewinnen. Die Beiträge im Kapitel zu den Konzepten entsprechen ihrem Wesen nach stärker Texten in wissenschaftlichen Sammelbänden. Wünschenswert wäre hier eine thematische Ergänzung um das Konzept der strategischen Planung gewesen, das ebenfalls Bezüge zu Kooperation aufweist. Dagegen stehen im Kapitel zur Implementierung Erfahrungsberichte im Vordergrund. Damit ist die vorliegende Publikation weniger ein klassisches Lehrbuch als ein Hybrid, das sich etablierten Schubladen entzieht. In ihm ist es Herausgeberin und Herausgeber gelungen, den roten Faden Kooperation für die Leserschaft erkennbar zu lassen. Dabei beziehen sich Autorinnen und Autoren wie Alexandru Brad, Alistair Adam Hernández und Annett Steinführer, Stefanie Döringer sowie Martina Schorn explizit auf die anfangs angesprochene Diskussion zu Governance mit Bezug auf Regionen. Auch die meisten anderen Beiträge sind aus der Perspektive von staatlicher Steuerung auf unterschiedlichen Skalenebenen verfasst. Der Beitrag von Irina Koller-Matschke verdeutlicht, dass Kooperation darüber hinaus geht und international tätigen Konzernen auch zur Erschließung neuer Märkte dient, indem sie gemeinsam mit staatlichen Akteuren in Regionen neue Produkte testen. Gerade an dieser Stelle wird deutlich, dass in der Publikation kaum eine kritische Auseinandersetzung mit dem gewandelten staatlichen Steuerungsverständnis erfolgt. Dabei stellen sich in kooperativen Prozessen staatlicher Stellen mit Akteuren, die nicht demokratisch legitimiert sind, Fragen nach der Legitimation, der Repräsentation gesellschaftlicher Gruppen, die kaum über Zugänge zu entsprechenden Prozessen verfügen, sowie ganz grundsätzlich nach der Rolle des Staats. In Ansätzen enthalten die Beiträge von Christina Holweg und Eva Lienbacher sowie von Brigitte Vettori solch eine reflektierende Perspektive. Auch ein einführender Beitrag zur Genese der Kooperativen Stadt- und Regionalentwicklung wäre für einen umfassenden Einstieg in das Thema wünschenswert gewesen. Ungeachtet dieser Schwächen sei „Kooperative Stadt- und Regionalentwicklung“ allen denen in Studium und Praxis empfohlen, die sich einen umfassenden Überblick über dieses Handlungsfeld verschaffen möchten oder sich für ihre berufliche Praxis inspirieren lassen wollen.

Vollständige bibliographische Angaben des rezensierten Werkes:  
Franz, Y.; Heintel, M. (Hrsg.) (2022): Kooperative Stadt- und Regionalentwicklung. Wien: Facultas Verlag. 480 Seiten.


Literatur

Brenner, N. (2004): New State Spaces: Urban Governance and the Rescaling of Statehood. Oxford.
 
Mäntysalo, R.; Bäcklund, P. (2018): The Governance of Planning: Flexibly Networked, Yet Institutionally Grounded. In: Gunder, M.; Madanipour, A.; Watson, V. (Hrsg.): The Routledge Handbook of Planning Theory. New York, 237–249.