Räumliche Planung steht im Spannungsgeflecht unterschiedlicher Interessenlagen, komplexer Datengrundlagen und politisch-administrativer Planungsprozesse. Die technokratisch orientierte umfassende städtebauliche Planung zur Organisation der Flächennutzung der 1960er/1970er-Jahre hat sich im Planungsverständnis seit den Engpässen an Ressourcen und dem Erkennen planetarer Grenzen deutlich verändert. Dies spiegelt sich in planungstheoretischen Reflexionen (z. B. Selle 2017) ebenso wider wie in der kontinuierlichen Weiterentwicklung des rechtlichen Instrumentariums. Stadtentwicklungspolitik steht zwar unter dem in der Leipzig Charta formulierten Mandat einer gerechten, grünen und produktiven Stadt mit den Prinzipien guter urbaner Governance, Gemeinwohlorientierung, integrierten Planungen und der Beteiligung und Koproduktion mit der Stadtgesellschaft sowie einer Mehrebenenkooperation (BMI 2020), beugt sich aber doch oftmals den nationalen und internationalen Kapitalinteressen, die auf Grund und Boden einwirken. Die 17 politischen Ziele für eine nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals) der Vereinten Nationen (2016)1 müssen als ortsbezogener Ansatz auf die räumlichen Ebenen des Quartiers, der Gesamtstadt und der Stadtregion heruntergebrochen werden. Eine geforderte Beschleunigung von Planungsprozessen und Verfahren steht dynamischen und inzwischen krisenhaften Einflussfaktoren und Determinanten bei Planungsanlässen, -zielen und -prozessen gegenüber. Als richtungsweisend, insbesondere für die räumliche Planung, kann der Beschluss des Bundesverfassungsgerichts zu den Verfassungsbeschwerden zum Klimaschutzgesetz vom 12. Dezember 2019 gesehen werden.2 Unter anderem wird in den Leitsätzen die dem Gesetzgeber zugeschriebene besondere Sorgfaltspflicht gegenüber künftigen Generationen und Berücksichtigung belastbarer „Hinweise auf die Möglichkeit gravierender oder irreversibler Beeinträchtigungen“ hervorgehoben. Damit wird die hohe Bedeutung wissenschaftlicher Datengrundlagen für die politische Abwägung betont. Dies beansprucht eine sorgfältig vorbereitete räumliche Planung von jeher für sich. Verstärkt haben sich inzwischen jedoch die aktive Einbindung privater Investoren in Planungsprozesse nicht nur bei Großprojekten und vor allem ein gesellschaftliches Engagement und damit verbundene Innovationen, die häufig bottom-up von Nutzerinnen und Nutzern vor Ort entwickelt werden. Diese Prozesse zur Erfassung von sozial eingelagertem Wissen erfordern neue Formate für kollektives Lernen und Kompetenzen für die Gestaltung städtischer Räume. Der Fokus liegt nunmehr auf dem Um- und Weiterbau des städtebaulichen Bestands, der die Komplexität von technischen, wirtschaftlichen und sozialen Anforderungen an die Prozesse erhöht, verbunden mit vielfältigen Akteuregruppen und ihren Interessen sowie steigender Unsicherheit in Bezug auf die Verfahrens- und Ergebnisqualität. Agile Methoden, Instrumente und Techniken sind in inter- und transdisziplinären Prozessen für nachhaltige Lösungen gefragt und erfordern entsprechende Planungskompetenzen.
Den Perspektiven und Erfahrungen in Städtebau und Stadtplanung von Praktikerinnen/Praktikern, Forschenden, Lehrenden und in der Politikberatung Tätigen widmet sich der vorliegende Sammelband. Hier lassen 35 Autorinnen und Autoren (davon 14 von der Technischen Universität Kaiserslautern) an ihren Reflexionen teilhaben, überwiegend auf der Basis jahrzehntelanger Erfahrungen im Bereich der räumlichen Planung. Das Buch würdigt Professor Albert Speer, der lange an der TU Kaiserslautern den Lehrstuhl für Städtebau und Stadtplanung innehatte, und die von ihm gegründete Stiftung. An zahlreichen Stellen wird auf seine richtungsweisenden Beiträge zur Stadtplanung und Städtebaukultur verwiesen, dies mit der expliziten Zielsetzung, bei der akademischen Berufswahl für planerische Fächer zu motivieren. Denn: „Wir haben doch den schönsten Beruf der Welt, jeden Tag unterschiedliche Aufgaben“ (Zitat Albert Speer, S. 207). Um es vorwegzunehmen: Die Reflexion ist gelungen.
Das Buch ist in fünf Abschnitte gegliedert, beinhaltet eine abschließende Zusammenfassung und basiert auf drei Symposien. Ein fast 30 Jahre altes Schmankerl ist der Abdruck eines Briefs von Albert Speer an die Hochschulleitung zu Strategien zur möglichen Entwicklung des Lehrgebiets „Stadtplanung“ im Studiengang Raum- und Umweltplanung an der TU Kaiserslautern (1996), in dem er sich für eine nachfolgende Aufteilung seines Lehrstuhls in zwei Lehrstühle (für Städtebau und für Stadtplanung) ausspricht, eine Diskussion, die punktuell auch heute noch so geführt wird. In einem zweiten, dem mit elf Beiträgen umfangreichsten Abschnitt, werden Großprojekte und ihre Innovationen behandelt. Dem folgen die Herausforderungen für Transformationsprozesse und im Weiteren ein Abschnitt zu Städtebau und Baukultur. Abschließend werden Folgerungen für die Stadtentwicklungspolitik gezogen und in einer Zusammenfassung von den Herausgebern Anforderungen an die universitäre Ausbildung in Stadt- und Raumplanung formuliert.
Zunächst befasst sich Peter Zlonicky mit einer Neubewertung des städtebaulichen Entwurfs und der Notwendigkeit von Praxiserfahrungen im Projektstudium. Darauf beziehen sich auch die weiteren Beiträge mit einem direkten Fokus auf die TU Kaiserslautern und die Lehre zur Baugeschichte (Matthias Schirren), zur integrierten Städtebaulehre und dem Projektstudium mit einem Rückblick auf die technischen Bedingungen der 1970er-Jahre (Stichworte: Hollerithkarten, Thermopapier und Kneipendichte) (Gerold Reker) sowie der Stadtplanung als Lehr- und Forschungsgebiet an der TU Kaiserslautern (Matthias Grunwald, Suzanne Mösel, Lothar Lukoschek). Die formelle Planung in Verbindung mit informellen Ergänzungen hebt Bernd Scholl hervor und hält – wie auch andere Autorinnen und Autoren – eine Ode auf Projektarbeit im Studium. Nach einem theoriegeleiteten Zugang (Uwe Altrock und Grischa Bertram) werden in weiteren Beiträgen zu Großprojekten überwiegend berufsbiographische Erfahrungen mit planungstheoretischen und -praktischen Erfahrungen sehr gut lesbar verknüpft (Christiane Thalgott, Engelbert Lütke Daldrup, Elisabeth Merk, Elmar Schütz, Markus Neppl). Sehr interessant dürften insbesondere für jüngere Leserinnen und Leser typologische Ansätze und die an vielen Stellen strukturierten Planungsprinzipien sowie gezogenen Resümees sein, die anhand der Projekte anschaulich werden.
Dies gilt größtenteils auch für den Abschnitt, der sich Transformationsprozessen auf unterschiedlichen Maßstabsebenen widmet. Seien es die regionale Perspektive des Agglomerationskonzepts der Region Köln/Bonn (Reimar Molitor), die fachplanerischen Aspekte (Hartmut Topp) oder der instrumentelle Zugang (Cornelia Zuschke, Martin Haag und Susanne Knospe), sie alle vermitteln die Komplexität von Interessenlagen und in der Planung zu berücksichtigende Belange, aber auch die Notwendigkeit eines stabilen Rahmens für planerische Konzepte bei flexibler Offenheit mit dem Fokus auf „Stadt als Sondertypus von Landschaft“ (Udo Weilacher). Wandel in der Baukultur durch demographische game changer (René Fleschurz, Patricia Hammer und Karina Pallagst) und Defizite bei Beteiligungsformaten (Jürgen Aring und Thomas Kuder) verweisen auf Rahmenbedingungen bzw. Voraussetzungen zukunftsorientierter Planung.
Städtebau und Baukultur werden im Folgenden (Michael Denkel, Torsten Becker, Thomas Metz) vor allem auf Planungsprozesse mit einem deutlichen Bezug zum Engagement von Albert Speer und insgesamt der Stadtplanung an der TU Kaiserslautern mit aktuellen planerischen Leitbildern wie der Leipzig Charta 2020 verbunden (Detlef Kurth). Mehrfach hervorgehoben wird die Relevanz der Strategieentwicklung zu Beginn von Planungsprozessen (Phase 0), um so Stadtentwicklungspolitik als Daueraufgabe für Transformation zu verstehen und dialogoffen zu bleiben (Oliver Weigel). Es gilt, Brücken zu schlagen zwischen der Stabilisierung von sozialen, Arbeits‑/Wohnverhältnissen, stadtplanerischen Strukturen und Prozessen und der Eigenverantwortung der Stadtbewohnerschaft (Hilmar von Lojewski). Strategische Mehrebenenkooperation wird insbesondere in Zeiten von Krisen notwendig (Elena Wiezorek) und erfordert Zukunftsbilder für die Stadt als Lebensort aus der Perspektive von Planners for Future (Julian Schneider). Die abschließenden Anforderungen an die Ausbildung in Stadt- und Raumplanung beziehen sich auf Lernen am konkreten Ort, Beteiligung, die wichtige Rolle von Forschung, unterschiedliche Wissensbereiche und die Mitwirkung der Praxis, einschließlich des integrierenden Projektstudiums.
Nahezu alle Beiträge sind zwischen Analyse und normativ geprägten Vorstellungen von Raum insgesamt und Stadt angesiedelt und halten die Balance zwischen theoretischer Reflexion und praktischer Erfahrung. Der zentralen politisch-fachlichen Rolle von Bodenpolitik hätte ich deutlicheres Gewicht gewünscht, ebenso den rechtlichen Steuerungsinstrumenten oder auch sozialen Belangen der Stadtgesellschaft in Verbindung mit aktuellen Strategien des ‚Stadtmachens‘ (bottom up). Kleinere Nachlässigkeiten der Herausgeber wie uneinheitliches gendern in den Beiträgen oder die korrekte Bezeichnung der Öffentlichkeitsbeteiligung (§ 3 BauGB, nicht mehr: Bürgerbeteiligung) schmälern die Aktualität des Buches nicht. Zusammenfassend vermittelt der Band eine Selbstvergewisserung der Relevanz räumlicher Planung, ihrer Themen und Akteure, die aktuell angesichts von Debatten um Beschleunigung und Entschlackung auf ihre Kernkomponenten verweist.
Literatur
| BMI – Bundesministerium des Inneren, für Bau und Heimat (Hrsg.) (2020): Die neue Leipzig Charta. Die tranformative Kraft der Städte für das Gemeinwohl. https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/downloads/DE/veroeffentlichungen/2020/eu-rp/gemeinsame-erklaerungen/neue-leipzig-charta-2020.pdf?__blob=publicationFile&v=6 (28.02.2024). |
| Selle, K. (2017): Partizipation 8.0. Bürgerinnen und Bürger in Prozessen der Stadtentwicklung – ein Blick zurück nach vorn. In: Informationen zur Raumentwicklung 6, 12–23. |
Fußnoten
| 1 | https://sdgs.un.org/goals (28.02.2024). |
| 2 | Vgl. 1 BvR 2656/18, 1 BvR 78/20, 1 BvR 96/20, 1 BvR 288/20; https://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Entscheidungen/DE/2021/03/rs20210324_1bvr265618.html (28.02.2024). |
