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https://doi.org/10.14512/rur.2578
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Rezension / Book review

Affolderbach, Julia; Schulz, Christian (2024): Wirtschaftsgeographien der Nachhaltigkeit

Martina Fuchs Contact Info ORCID

(1) Wirtschafts- und Sozialgeographisches Institut, Universität zu Köln, Meister-Ekkehart-Straße 9, 50937 Köln, Deutschland

Contact InfoProf. Dr. Martina Fuchs 
E-Mail: fuchs@wiso.uni-koeln.de

Eingegangen: 13. Mai 2024  Angenommen: 15. Mai 2024  Online veröffentlicht: 7. Juni 2024


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Die steigende Bedeutung von Nachhaltigkeit verändert die Wirtschaftsgeographie in Forschung und Lehre. Die Lehre bietet dabei ein Forum, um Möglichkeiten zu Nachhaltigkeitstransformationen zu thematisieren und Auswege aus zerstörerischen Entwicklungspfaden aufzuzeigen. Gleichzeitig bilden Hochschulen und Schulen junge Menschen aus, die später in verschiedenen Berufsfeldern als Multiplikatoren von Ideen und Konzepten wirken. Das Lehrbuch von Julia Affolderbach und Christian Schulz zu „Wirtschaftsgeographien der Nachhaltigkeit“ liefert eine zentrale Grundlage, um aus der Sicht der Wirtschaftsgeographie aktuelle Debatten zu Herausforderungen wie Klimaschutz und Klimagerechtigkeit, Umgang mit Ressourcen und Biodiversität kritisch aufzuarbeiten, weiterzuführen und praxisorientierte Konsequenzen daraus abzuleiten.

Das Lehrbuch beginnt mit einer Einordnung aktueller Nachhaltigkeitsverständnisse und -strategien, basierend auf einer Rückschau auf bisherige gesellschaftliche Verständnisse von Umwelt- und Naturschutz. Die anschließenden Kapitel verdeutlichen das Spektrum von verschiedenen Ansätzen, die sich zwischen wachstumsorientierten und wachstumskritischen Sichtweisen bewegen. Auch die Spannungsfelder, die durch unterschiedliche Priorisierungen von sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit existieren, werden erklärt. Die Kapitel widmen sich Konzepten der ökologischen Modernisierung, der Politischen Ökologie, der Umweltgerechtigkeit, des Zirkulären Wirtschaftens und der Green Economy. Ebenfalls aufgegriffen werden im Lehrbuch evolutionär-dynamische Ansätze wie Transitionsstudien und Postwachstumskonzepte. Die Themen werden in den Kapiteln zunächst jeweils mit Beispielen und konkreten Sachverhalten veranschaulicht, dann theoretisch-konzeptionell eingeordnet, vertieft und hinsichtlich denkbarer Bewältigungsmöglichkeiten und Handlungsansätze diskutiert.

Dieser erste Teil des Lehrbuchs schließt mit einer Synthese ab. Der zweite Teil des Buches stellt dar, wie sich gesellschaftliche Akteure innerhalb der verschiedenen theoretischen und weltanschaulichen Strömungen positionieren und welche Handlungsansätze sich daraus ableiten. Entsprechend werden gesellschaftliche Akteure ins Blickfeld gerückt, wie staatliche Akteure (als regulative Ebene) und zivilgesellschaftliche Organisationen (als soziale Bewegungen und Akteure des Widerstands). Auch der Bereich von Wissenschaft und Bildung wird einbezogen. Dies ist innovativ, da Bildung für nachhaltige Entwicklung zwar in der geographischen Hochschuldidaktik seit Längerem ein Thema ist, aber in der fachlichen wirtschaftsgeographischen Forschung eher randlich behandelt wird – obwohl die Wirtschaftsgeographie Wissen und Kompetenzen seit Langem als Voraussetzung und Folge regionaler Entwicklung erkannt hat. Neben den viel diskutierten Steuerungsmechanismen von Marktkräften und Regulation rücken somit Kompetenzen als dritte Säule für Nachhaltigkeitstransformationen ins Blickfeld. Zugleich beziehen Julia Affolderbach und Christian Schulz nicht nur gesellschaftliche Organisationen und Institutionen als Triebkraft oder Bremse für Nachhaltigkeitstransformationen ein, sondern auch Individuen, die mit ihren Ideen und Denkweisen, ihrem Ausprobieren und Handeln die Welt bzw. Umwelt verändern.

Bemerkenswert ist für dieses Lehrbuch, dass es – neben der kritischen Analyse gängiger Schlagworte, politischer Konzepte, Theorien und Denkrichtungen – auch immer darauf Wert legt, Beispiele für eine nachhaltige Praxis zu benennen. Seien es bereits implementierte gesetzliche Grundlagen, welche zu Umweltverbesserungen beigetragen haben, mittlerweile verbreitete Normen für Umwelt- und Naturschutz, bereits länger existierende alternative Wirtschaftspraktiken in ökonomischen Nischen oder seien es noch junge Modellversuche und kleinere Projekte, die neue Formen nachhaltigen Wirtschaftens ausprobieren, immer werden den Leserinnen und Lesern in handlungsorientierter Weise verschiedene Möglichkeiten aufgezeigt, wie und auf welchen Ebenen wirtschaftliches Handeln (vom lokalen zum globalen Wirtschaften) gestaltet werden kann. Das Buch liefert Beispiele für technische Innovationen in Richtung der Green Economy, bezieht aber auch zahlreiche Beispiele für gesellschaftliche Innovationen in Richtung Postwachstumsökonomien mit ein. Damit offenbart sich ein Anspruch, neben der Kritik am Bestehenden auch pädagogische und gesellschaftliche Handlungsoptionen jenseits akademischer Diskurse aufzuzeigen. Erwähnenswert ist hier beispielsweise die innovative Rubrik „Raus ins Feld“, in welcher Personen aus Forschung und Praxis in Interviews über ihre Arbeit und ihr Engagement für nachhaltiges Wirtschaften berichten.

Dieses Lehrbuch baut auf vielen Beiträgen der wirtschaftsgeographischen Nachhaltigkeitsforschung auf (z. B. Hayter 2008; Braun/Oßenbrügge/Schulz 2018), einschließlich der Labour Geography (z. B. Grenzdörffer 2021). Kurz vor dem Erscheinen dieses Lehrbuchs von Julia Affolderbach und Christian Schulz ist im Jahr 2023 das Lehrbuch zur „Nachhaltigen Wirtschaftsgeographie“ von Ingo Liefner und Sebastian Losacker auf den Markt gekommen (Liefner/Losacker 2023). Beide Lehrbücher unterscheiden sich deutlich in ihrer Ausrichtung. Ich empfehle daher, beide Lehrbücher als einander ergänzende Lektüre zu verwenden. Während sich das Werk von Ingo Liefner und Sebastian Losacker explizit als Lehrbuch versteht, das den Wissenskanon der Wirtschaftsgeographie aufgreift und diesen in innovativer Weise nachhaltigkeitsorientiert interpretiert (vgl. Fuchs 2024), geht es im Werk von Julia Affolderbach und Christian Schulz um Nachhaltigkeitstransformationen, die aus der Perspektive pluraler Wirtschaftsgeographien erörtert werden. Das Lehrbuch von Ingo Liefner und Sebastian Losacker stellt die Wirtschaftsgeographie mit ihren theoretischen Ansätzen, Methoden und Praxisempfehlungen als Fach für Nachhaltigkeit dar. Julia Affolderbach und Christian Schulz gehen von den sozialökologischen Herausforderungen aus und analysieren sie aus wirtschaftsgeographischer Sicht.

Das Lehrbuch ist aus guten Gründen in deutscher Sprache verfasst. Zugleich nimmt die Anzahl internationaler Bachelor‑, Master- und Promotionsstudiengänge zu, zu denen auch die Wirtschaftsgeographie beiträgt. Daher würde ich – auch in dieser Rezension (vgl. Fuchs 2024) – Überlegungen zu einer zusätzlichen englischsprachigen Ausgabe als Möglichkeit zur Internationalisierung anregen.

Das Buch ist in verständlicher Sprache geschrieben. Zentrale Begriffe werden präzise, kritisch und nachvollziehbar erklärt. Zahlreiche Abbildungen, Tabellen und Karten veranschaulichen den Text. Diese Materialien vertiefen die Themen und liefern wichtige Informationen. Einige Abbildungen illustrieren das Lehrbuch als Karikaturen und Leitfiguren. Darüber hinaus unterstützen Links zu Webpages innovative Lehr-Lern-Prozesse. Die Aufgaben und Fragen am Ende der Kapitel sind so formuliert, dass sie sich sinnvoll in die Lehre integrieren lassen. Lehrende und Studierende der Wirtschaftsgeographie werden dieses Lehrbuch mit großem Gewinn lesen und durcharbeiten. Das Buch ist sehr gut geeignet für den Einsatz in der Hochschule, aber auch im fortgeschrittenen Schulunterricht. Es ist zudem lesenswert für alle, die in Theorie und Praxis von Raumforschung und Raumordnung tätig sind.

Vollständige bibliographische Angaben des rezensierten Werkes:  
Affolderbach, J.; Schulz, C. (2024): Wirtschaftsgeographien der Nachhaltigkeit. Bielefeld: transcript Verlag. 486 Seiten, 118 Farbabbildungen, 9 Tabellen, 6 Karten. https://doi.org/10.36198/9783838561325


Literatur

Braun, B.; Oßenbrügge, J.; Schulz, C. (2018): Environmental economic geography and environmental inequality: challenges and new research prospects. In: Zeitschrift für Wirtschaftsgeographie 62, 2, 120–134. https://doi.org/10.1515/zfw-2018-0001
 
Fuchs, M. (2024): Rezension: Liefner, Ingo; Losacker, Sebastian (2023): Nachhaltige Wirtschaftsgeographie. In: Raumforschung und Raumordnung | Spatial Research and Planning 82, 2, 191–193. https://doi.org/10.14512/rur.169
 
Grenzdörffer, S. M. (2021): Transformative perspectives on labour geographies – The role of labour agency in processes of socioecological transformations. In: Geography Compass 15, 6, e12565. https://doi.org/10.1111/gec3.12565
 
Hayter, R. (2008): Environmental Economic Geography. In: Geography Compass, 2, 3, 831–850. https://doi.org/10.1111/j.1749-8198.2008.00115.x
 
Liefner, I.; Losacker, S. (2023): Nachhaltige Wirtschaftsgeographie. Paderborn. https://doi.org/10.36198/9783838558868