© by the author(s); licensee oekom 2024. This Open Access article is published under a Creative Commons Attribution 4.0 International Licence (CC BY).
https://doi.org/10.14512/rur.3060
Raumforschung und Raumordnung | Spatial Research and Planning (2025) 83/1: 66–67
rur.oekom.de

Rezension/Book review

Förster, Agnes; Kropp, Cordula; Kuhlmann, Sabine; Lohrberg, Frank; Neuwirth, Christopher; Polívka, Jan; Reicher, Christa (Hrsg.) (2024): Transformation von Mittelstädten. Über neue Kulturen des Stadtmachens

Marcus Menzl Contact Info

(1) Technische Hochschule Lübeck, Mönkhofer Weg 239, 23562 Lübeck, Deutschland

Contact InfoProf. Dr. Marcus Menzl 
E-Mail: marcus.menzl@th-luebeck.de

Eingegangen: 22. Oktober 2024  Angenommen: 29. Oktober 2024  Online veröffentlicht: 9. Dezember 2024


rur_3060_Figa_HTML.gif

Zu den großen Herausforderungen von Stadtforschung zählt seit Jahren schon die Frage, wie die eigenen wissenschaftlichen Projekte sowie die daraus resultierenden Erkenntnisse so angelegt werden können, dass sie einen relevanten Effekt auf die reale Stadtentwicklung erzielen. Gesucht sind Formate, die nicht nur detailliert aufzeigen und analysieren, warum ein Phänomen zustande kommt, sondern die darüber hinaus auch Ideen entwickeln oder sogar Ansätze erproben, wie alternative Handlungsmuster und Prozessarchitekturen aussehen können und die damit Wege in eine transformative Praxis ebnen.

Die hier rezensierte Publikation ist in dieser Hinsicht ein Musterbeispiel, wie ja bereits der Untertitel „Über neue Kulturen des Stadtmachens“ verrät. Anspruch des Sammelbandes, der die Aktivitäten eines von der Robert-Bosch-Stiftung geförderten Graduiertenkollegs zusammenfasst, ist es, „transformative Prozesse gestaltend [zu] verstehen“ (S. 217). Die Promovierenden sollten nicht nur ‚von außen‘ forschen, sondern durch Vor-Ort-Aktionen Impulse setzen und diese wiederum auswerten und reflektieren. Dieser selbst gesteckte Anspruch zieht sich wie ein roter Faden durch den gesamten Band und bringt methodisch sehr unterschiedliche, vielfach sehr kreative und mitunter ausgesprochen vielversprechende Ansätze hervor.

Der inhaltliche Fokus der Publikation richtet sich auf die (nach wie vor nicht angemessen im wissenschaftlichen Diskurs repräsentierten) kleineren Mittelstädte und die Frage, wie diese angesichts multipler Herausforderungen und beschränkter Ressourcen eine angemessene Handlungsfähigkeit erlangen können. In dem Kolleg wurde hierzu ein Vorgehen gewählt, das Mittelstadtforschung und -praxis eng miteinander verzahnt und damit im besten Sinne transdisziplinär ist: So wurde ein Netzwerk von 40 interessierten Mittelstädten aufgebaut und über den Bearbeitungszeitraum von etwa vier Jahren immer wieder systematisch und zugleich sehr individuell in den Wissens- und Erfahrungsaustausch integriert.

Dieses Vorgehen findet auch in der Struktur dieser Abschlusspublikation seinen Ausdruck, die sich in drei Blöcke unterteilt: Der unter dem Titel „Transformation von Mittelstädten“ stehende umfangreiche erste Block, der rund zwei Drittel des Bandes ausmacht, stellt die zehn Einzelvorhaben des Graduiertenkollegs dar. Das inhaltliche und methodische Spektrum der Beiträge ist dabei ausgesprochen breit, da die drei vom Graduiertenkolleg identifizierten Interventionsebenen (Raum‑, Governance- und Prozessgestaltung) in individueller Weise akzentuiert und miteinander verwoben werden. Gerahmt werden die zehn Beiträge einerseits von einer Einführung der Herausgebenden, in der die Ausgangsannahmen und der Anspruch des Kollegs verdeutlicht werden, und andererseits von einem Rückblick auf den Arbeitsprozess des Kollegs (vgl. Beitrag Förster/Neuwirth), der insbesondere die komplexe Doppelrolle der Doktorierenden als Forschende und „Transformative Agent*innen“ (S. 199) reflektiert.

Der zweite Block richtet den Blick auf einige der im Mittelstadtnetzwerk vertretenen Städte und stellt diese auf knappe und inspirierende Weise aus der Sicht von Verwaltungsmitarbeiterinnen und -mitarbeitern vor und fokussiert auf einzelne Projekte, ‚verzwickte‘ Herausforderungen oder besondere Ideen bzw. Akteure. Der abschließende Block unter dem Titel „Einblicke“ vermittelt einen Eindruck von der Arbeitsweise und dem kreativen ‚Spirit‘ im Kolleg: Hier finden sich ein Manifest zum eigenen (transformativen) Forschungsverständnis, die skizzenförmig festgehaltenen Prozessarchitekturen der zehn Einzelvorhaben und ein Planspiel, mit dessen Hilfe Entscheidungsdilemmata im Rahmen der Transformation von Mittelstädten sichtbar gemacht werden sollen. Man könnte vielleicht meinen, die Blöcke 2 und 3 seien eher ein etwas zu lang geratener Anhang, doch das würde täuschen: Die Integration dieser Blöcke ist wichtig, um den transdisziplinären Anspruch und den kreativen Charakter des Kollegs noch einmal explizit sichtbar zu machen.

Zusammenfassend ist es dem Herausgeber-Team und dem Kolleg insgesamt mit dieser Publikation gelungen, einen inhaltlich über weite Teile sehr substanziellen und hinsichtlich der methodischen Ansätze bzw. der Interventionen im Feld erfreulich inspirierenden Sammelband zusammenzustellen, der es zudem schafft, den anfangs formulierten eigenen Anspruch an die Arbeit im Kolleg auch für die Publikation im Sinne eines roten Fadens konsequent im Blick zu behalten (was ja keineswegs selbstverständlich ist für Sammelbände dieser Art). Die doppelte Forschungslücke – die Befassung mit Mittelstädten und mit Transformationsprozessen – wird engagiert und mit Mut zu neuen Wegen angegangen. Hervorzuheben ist zudem die klare Binnenstruktur der meisten Beiträge, die durch zahlreiche graphische Elemente (Prozess- und Strukturgraphiken) wirkungsvoll unterstützt wird.

Abschließend lässt sich nun natürlich die Frage stellen, ob das Kolleg mit dem gewählten Ansatz und der Idee, mit kreativen, oft spielerischen Interventionen eine neue Kultur des Stadtmachens zu befördern, auf dem richtigen Weg ist. Angesichts der enormen Herausforderungen und der davon scheinbar unbeirrten Persistenz gewohnter Handlungsmuster in der Entwicklung von Mittelstädten scheint diese neue Kultur auf den ersten Blick mühsam und wenig aussichtsreich zu sein. Andererseits bietet sich mit solch kleinteiligen und experimentellen Vorgehensweisen die Chance, Thematisierungstabus zu überwinden und neue Perspektiven der Stadtentwicklung anzutesten, ohne sofort in den Verdacht zu geraten, am Status quo der lokalen Entscheidungsträgerinnen und -träger sowie der Hauseigentümerinnen und -eigentümer rütteln zu wollen. Insofern ist die hier angedeutete neue Kultur des Stadtmachens gewiss nicht der einzige Baustein auf dem Weg zu transformativen Praktiken und vielleicht auch nicht der entscheidende Hebel zu einem kurzfristigen Kurswechsel, aber doch ein unverzichtbarer Baustein, um veränderte Perspektiven auf die eigene Stadt zu generieren und zu etablieren.

Vollständige bibliographische Angaben des rezensierten Werkes:  
Förster, A.; Kropp, C.; Kuhlmann, S.; Lohrberg, F.; Neuwirth, C.; Polívka, J.; Reicher, C. (Hrsg.) (2024): Transformation von Mittelstädten. Über neue Kulturen des Stadtmachens. Bielefeld: transcript Verlag. 287 Seiten.