Der vorliegende Sammelband erscheint in utopiemageren Zeiten und rückt die ländlichen Räume als Bezugsebene von gesellschaftlicher Erneuerung in den Mittelpunkt. Das ist besonders betonenswert, weil, wenn überhaupt, Utopien meist in Beziehung zu technologischen oder politischen Aspekten gesetzt werden (vgl. S. 300).
Das Buch „Ländliche Utopien. Herausforderungen und Alternativen regionaler Entwicklungen“ ist in drei Abschnitte gegliedert: Der erste Abschnitt benennt „Konzeptionelle Zugänge“ zu ländlichen Utopien. Hier wird in sechs Beiträgen der Ländlichkeit in historischen Utopien nachgegangen und es werden Bezüge zum ländlichen Raum in den theoretischen Debatten um das Utopische hergestellt. Im zweiten Abschnitt stehen „Planung und Politik“ der ländlichen Utopien im Mittelpunkt. Die neun Beiträge entfalten ein Spektrum an inhaltlichen Dimensionen, die von Infrastrukturen über Genderfragen, Kommunalfinanzen und Armut bis zu planungspolitischen Fragen reichen. Dieser Abschnitt bildet die Brücke zum dritten Abschnitt, der als „Gelebte Utopien“ bezeichnet wurde und mit zehn Beiträgen den größeren Teil des Buches ausmacht. Es wird den real gelebten Beispielen ebenso nachgegangen wie dem Ergründen von Umsetzungsmöglichkeiten von Utopien im ländlichen Raum, wobei das Dorf eine neue Sinngebung erfahren sollte. Hier sind auch, beispielsweise mit dem Kibbuz, internationale Bezüge oder kritische Reflexionen vertreten.
Mit Beiträgen von 36 Autorinnen und Autoren meist universitärer Herkunft oder aus bundesnahen Forschungsinstituten erweist sich die Lektüre als eine akademische Zusammenschau, die über die bekannten Sichtweisen auf das Dorf oder die ländliche Region als Gegenstand von Agrarpolitik oder ländlicher Entwicklung hinausgreift. Utopie dient hier als Vehikel für den Versuch, einen weitergehenden Rahmen der gesellschaftlichen Raumdiskussion anzubieten.
Es ist erfreulich, dass in dieser Publikation Utopien im Kontext ländlicher Entwicklung nicht vornehmlich als Ergebnis romantisierender, bisweilen naiver Heile-Welt-Suchen dargestellt werden. Deshalb gilt es abzuschätzen, ob und inwiefern die Beiträge den mit Fragen der Transformation befassten Leserinnen und Lesern durch die dargebotene Argumentation bei der Umsetzung visionärer Ideen unterstützen könn(t)en. Deshalb ist es sinnvoll, zunächst einen Blick in die inhaltliche Struktur des Buches zu werfen: Den Aufhänger bilden ausgewählte Utopien, die als Denkmodelle für den erfolgreichen Umgang mit (nachteiligen) raumwirksamen Trends und Entwicklungen in ländlichen Regionen herangezogen werden. Darauf folgt deren Übersetzung in konkrete räumliche Kontexte anhand konkreter Beispiele vor allem aus dem deutschsprachigen Raum. Das ist gewagt, drohen doch die einzelnen Aspekte im Versuch einer jeweils ganzheitlichen Betrachtung lediglich tangiert und additiv behandelt zu werden. Dieses Risiko ist das Herausgeberteam eingegangen und konnte dieses bedingt auffangen, wie im Folgenden dargelegt wird.
Der erste Abschnitt geht von der Tradition der Utopien aus und es werden ideengeschichtliche Anschlüsse bei Theodor W. Adorno gesucht, die sich in der Frage zuspitzen, ob die „Kritische Theorie“ Landutopien parat hält. Transformative Perspektiven auf utopische Potenziale ländlicher Räume werden in spezieller Weise behandelt, um schließlich nach „Ruralen Utopien“ zu fragen. Der weit gespannte Bogen ist anregend, wird dem thematischen Anspruch jedoch nur bedingt gerecht. Deutlich wird, dass der „ländliche Raum“, die „Region“, das „Dorf“ und die Unterschiede zur „Stadt“ zwar angedeutet, aber nicht klärend ausgelotet werden. Die Sicht auf das Stadt-Land-Verhältnis im Schlüsselwerk zum Thema „Utopia“ von Thomas Morus aus dem Jahr 1516 wird treffend als „ausgewogen“ charakterisiert – ohne Dörflichkeit (S. 45). Eine vertiefende Auseinandersetzung mit dem Raumverständnis von Thomas Morus ist wenig ergiebig, da sie nur durch einen kleinen Ausschnitt der umfassenden Literatur zu Thomas Morus ergründet wurde. Hier hätte ein Blick in die stadt- und raumplanerischen Analysen von Morus’ Werk bei Kegler (2018) und Kegler/Fischer (2019) weitere Deutungen ermöglicht. Bei letzterem findet sich zudem eine umfassende Darstellung und Erörterung zum Thema. Da die Region als Handlungsebene im Zentrum aller Fragen der ländlichen (Weiter‑)Entwicklung steht, müssen städtische und ländliche Kommunen gleichermaßen betrachtet und deren funktionale Beziehungen, respektive Abhängigkeiten reflektiert werden. Diese Aspekte sind im von Leser und Schwarz (2018) herausgebrachten Sammelband weitaus klarer behandelt worden. Dieses Buch wird leider nur am Rande erwähnt (S. 313).
Der zweite, planerische Abschnitt behandelt erwähnte Teilaspekte ländlicher Entwicklung. Die (scheinbar) zufällige Auswahl ist anregend, ergibt aber kein konsistentes Bild zum Thema. Dies wäre hinsichtlich des Erfordernisses einer strategischen Entwicklung ländlicher Räume jedoch wünschenswert gewesen und hätte durch den Verweis auf viel beachtete reale Aktivitäten gelingen können, wie etwa der „Internationalen Bauausstellung STADT-LAND Thüringen“, die zwischen 2010 und 2023 eine Vielzahl an Planungen, Projekten und theoretischen Veröffentlichungen, Tagungen und konkreten Erneuerungsimpulsen sowie Kunst- und Bauvorhaben in ländlichen Räumen hervorgebracht hatte.
Schließlich geht der dritte Abschnitt in den einzelnen Beiträgen von einem durchaus kritischen Bild kapitalistisch verfasster Gesellschaften aus und sucht nach konkreten Alternativen für den ländlichen Raum (z. B. S. 309 oder S. 323–324). So erscheint auch der Bezug auf Frank Lloyd Wright und dessen Transformationstheorie („Brüche, Freiraum, Symbiose“) als wohltuende Bezugnahme auf aktuelle, grundlegende Diskurse, die tatsächliche Möglichkeiten von alternativen Entwicklungen in sich bergen (S. 278). Jedoch wird gerade in diesem Kapitel die ‚Westlastigkeit‘ des gesamten Buches deutlich: Das wohl wichtigste Projekt konkreter Alternativen, „Siebenlinden“ in der Altmark im Land Sachsen-Anhalt, blieb ausgespart.1 Auch die Berücksichtigung älterer Überblicksarbeiten zu internationalen Beispielen gelebter Utopien in ländlichen Räumen wie beispielsweise „Wirtschaft von unten“ (Stiftung Bauhaus Dessau 1996) hätte die inhaltliche Abrundung unterstützt.
Schließlich fällt auf, dass kardinale Themen wie etwa der Klimawandel oder wirtschaftliche wie demographische Perspektivlosigkeit von Dörfern, die unbedingt nach Utopien rufen, ‚unterbelichtet‘ behandelt wurden. Die Auseinandersetzung mit dieser zentralen Herausforderung der Zukunft wird auf deren dystopische Aspekte („Das Ministerium der Zukunft“ S. 106–109) beschränkt. Hier sind zwingend Raumutopien gefragt, worauf beispielsweise bei Kegler und Fischer (2019) explizit eingegangen wird.
Eine andere, durchaus damit zusammenhängende Frage betrifft die kapitalistische Verwertung des ländlichen Bodens, gepaart mit dem Export von Flächeninanspruchnahme in den Globalen Süden, der neuer Nord-Süd-Utopien bedarf. Mit dieser globalen Sicht auf Utopie schlösse sich der Bogen zum Ausgangspunkt: Utopia von Thomas Morus und der Frage nach dem „Recht auf Dorf“, wie der abschließende Beitrag überschrieben ist. Bei Thomas Morus gibt es keine Dörfer, nur Städte. Im Zuge der Kapitalisierung des „Landes“ hat ein auf Subsistenz gegründetes Dorf keine Existenzberechtigung mehr, was ja zu Lebzeiten von Thomas Morus in England ein erkennbarer Tatbestand war. Hier hätte sowohl utopiekritisch als auch utopieperspektivisch (S. 51) angeknüpft werden können. Wenn heute – in Analogie zu einem „Recht auf Stadt“ – auf ein „Recht auf Dorf“ gepocht wird, muss dies an die Grundlagen des Eigentums und der Verfügbarkeit von Boden, aber auch an die globale Gerechtigkeit gekoppelt werden. Zurecht wird – z. B. mit Bezügen zu Theodor W. Adorno (S. 62–63) oder Ernst Bloch (S. 67–69) – auf die grundlegenden kritischen Momente bei der Dörflichkeit als verklärende Romantisierung, aber auch reaktionär-völkischer Indoktrination sowie staatlicher Umstrukturierungspolitik verwiesen (S. 84–86).
Zusammenfassend ist dem vorliegenden Buch zuzuschreiben, dass es geeignet ist, das Interesse der Leserinnen und Leser an Utopien per se zu wecken und über Möglichkeiten von deren Umsetzung in lokalen und regionalen Kontexten zu reflektieren. Dazu trägt die Aufforderung zu radikalem Reformismus für eine neue Raumplanung (S. 156–157), die der Utopie einen neuen Stellenwert beimisst, bei. Dieses Ansinnen kann helfen, den vielfach begrenzten Blickhorizont zu weiten. Damit ist eine Lektüre all jenen zu empfehlen, die an der Umsetzung von Utopien beteiligt sind bzw. sich daran beteiligen wollen. Dies deshalb, weil das Zulassen und Durchführen von Gedankenexperimenten dieser Art, einen Ausdruck vielgestaltiger, transformationsbereiter, demokratisch verfasster Gesellschaften darstellt. Mehr noch: Deren Ergebnisse können sich zu essenziellen geistig-kulturellen Bausteinen einer humanen, resilienten und gerechten Zukunft im Sinne gleichwertiger Raum-Lebensverhältnisse entwickeln.
Literatur
| Kegler, H. (2018): Der Plan von Amaurotum. In: Leser, I.; Schwarz, J. (Hrsg.): utopisch dystopisch. Visionen einer ‚idealen‘ Gesellschaft. Wiesbaden, 13–28. https://doi.org/10.1007/978-3-658-21966-6_2 |
| Kegler, H.; Fischer, T. (2019): Utopia – Eine Welt von morgen im Spiegel utopischer Versuche. Bern. = Stadtentwicklung 3. |
| Leser, I.; Schwarz, J. (Hrsg.) (2018): utopisch dystopisch. Visionen einer ‚idealen‘ Gesellschaft. Wiesbaden. https://doi.org/10.1007/978-3-658-21966-6 |
| Stiftung Bauhaus Dessau (Hrsg.) (1996): Wirtschaft von unten. Beiträge für eine soziale Ökonomie in Europa. Dessau. |
Fußnoten
| 1 | https://siebenlinden.org/de/oekodorf-sieben-linden/oekologie (25.07.2025). |
