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            <journal-title>Raumforschung und Raumordnung | Spatial Research and Planning</journal-title>
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            <article-title xml:lang="de">Wacquant, Loïc (2023): Bourdieu in the City. Challenging Urban Theory</article-title>
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                  <institution>HafenCity Universität Hamburg</institution>
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               <license-p>This Open Access article is published under a Creative Commons Attribution 4.0 International Licence (CC BY).</license-p>
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      <p>Die Publikation thematisiert – in mehrfacher Hinsicht – relevante Aspekte der Fachdiskussion in den unterschiedlichen Disziplinen, die sich den bis heute brisanten Fragen der sozialen Stadtentwicklung widmen. Der Autor Loïc Wacquant erschließt das komplexe theoretische Konzept von Pierre Bourdieu unter Berücksichtigung seiner historischen Genese. Dabei legt er verschiedene Schnittstellen dieses Denkmodells zu aktuellen Diskursen in dem breiten Spektrum der <italic>Urban Studies</italic> offen, die von Bourdieu selbst nie explizit thematisiert worden sind. Stadtforschende greifen bis heute ihrerseits weltweit Denkfiguren aus Bourdieus Theorie des Sozialraums auf, ohne – so der Autor – deren Vielschichtigkeit immer adäquat zu berücksichtigen. Loïc Wacquant fordert mit diesem Buch zu einer Verfeinerung theoretischer Zugänge in der globalen wissenschaftlichen Forschung zu urbanen Phänomenen heraus, um die empirische Vielfalt des Gegenstandes methodologisch adäquat zu erfassen. Seine theoretische Tiefenbohrung in kritischer Auseinandersetzung mit historischen Wurzeln und zeitgenössischen Begleitern der Entwicklung von Bourdieus sozialtheoretischen Überlegungen mündet in Ergänzungen derselben, mit denen er hofft, auch die empirische Evidenz und Reichweite räumlicher Forschungsergebnisse zu erhöhen.</p>
      <p>Der Band ist in fünf Abschnitte gegliedert: Einer Einführung in die Fragestellung des Buches folgen der Prolog, danach drei Kapitel zu zentralen Aspekten in Bourdieus Theoriekonzept und der abschließende Epilog.</p>
      <p>In der Einführung formuliert Loïc Wacquant bereits seine zentrale These mit dem Vorschlag, ‚das Urbane‘ wie folgt zu überdenken: Er betrachtet es als Ergebnis der Akkumulation, Diversifizierung und Auseinandersetzung von Kapitalien und als Terrain, in dem sich vielfältiger Habitus mischt und kollidiert, wodurch die Stadt zu einem zentralen Ort historischer Kämpfe wird (S. xi, Übersetzung IB). Adressiert werden dabei das interdisziplinäre Feld der praktischen Stadtforschung sowie Humanwissenschaftler, die daran interessiert sind, Überlegungen von Bourdieu in ihr Forschungsfeld einzuführen.</p>
      <p>Im Prolog identifiziert der Autor sechs disperse Forschungscluster im Bereich der <italic>Urban Studies</italic>, die weitgehend getrennt voneinander arbeiten. Er charakterisiert diese unter Nennung jeweils zentraler Quellen und situiert sich an der Schnittstelle zwischen abstrakten diskurstheoretischen und makro- wie mikrosoziologischen Analysekonzepten. Gleichzeitig betont er die Relevanz historischer Stadtforschung, die langfristige Entwicklungsdynamiken städtischer Phänomene fokussiert und dadurch eine historische Einordnung unterschiedlicher Variationen zeitgenössischer Stadtphänomene ermöglicht. Positivistische Stadtforschung, praxisorientierte Forschung zur Expansion und technologischen Steuerung von Metropolen sowie das Feld der <italic>Urban Studies</italic> im globalen Süden könnten nach seiner Auffassung durch seine konzeptionellen Überlegungen angereichert werden. Nach dieser Einordnung seiner Position in die existierende Forschungslandschaft zu urbanen Fragestellungen skizziert der Autor prägnant seine Absicht einer möglichen Rekonstruktion urbaner Theorie und damit verbundener Fragestellungen auf der Basis von Bourdieus „Trialektik“ von symbolischem, sozialem und physischem Raum (S. 6–11).</p>
      <p>Das erste Kapitel führt zu Beginn in die Entstehungsgeschichte von Bourdieus Theoriekonzept ein, ausgehend von seinen frühen Arbeiten zu Macht, Raum und der Ausbreitung urbaner Strukturen in der französischen Provinz und im kolonialen Algerien. Anschließend diskutiert der Autor vier Grundsätze, die Bourdieus Untersuchungen zugrunde liegen: Zunächst thematisiert er den epistemologischen Bruch zwischen Alltagswissen und wissenschaftlichem Wissen nach Gaston Bachelard, danach Max Webers Einladung zur historischen Einbettung des Handelns (Habitus), der Welt (sozialer Raum) und der Analysekategorien. Es folgt die Aufforderung zu einem topologischen Modus des Denkens von Gottfried Wilhelm Leibniz und Émile Durkheim, womit die situativen Beziehungen zwischen den Raumdimensionen fassbar werden. Schließlich diskutiert er den ‚Befehl‘ von Ernst Cassirer, die konstitutive Wirksamkeit symbolischer Strukturen zu berücksichtigen (S. 32–36). Nachfolgend wird gezeigt, wie Bourdieus Konzepte von Habitus und Feld urbane Schmelztiegel prägen, um abschließend auf deutsche Kommentare zu Loïc Wacquants Positionierung im Forschungsfeld einzugehen.</p>
      <p>Im zweiten Kapitel steht – ausgehend von Loïc Wacquants Arbeit zu „Urban Outcasts“ aus dem Jahr 2008 – eine vertiefende Auseinandersetzung mit territorialer Stigmatisierung im Vordergrund. Dabei werden Bourdieus Überlegungen zu symbolischer Macht mit der interaktionstheoretischen Konzeptualisierung beschädigter Identität von Erving Goffman verknüpft. Er leuchtet so die geschichtliche Genese und den hartnäckigen Fortbestand der Schattenseiten urbaner Phänomene seit dem 19. Jahrhundert in unterschiedlichen gesellschaftlichen Kontexten aus. Anhand unterschiedlicher als ‚Problemgebiet‘ stigmatisierter Quartiere betrachtet er deren anhaltende Ab- und Ausgrenzung, die national verbreitete, nicht nur durch Eliten befeuerte Stilisierung zu <italic>no-go-areas</italic>, staatliche Förderlogiken und statistische Repräsentationen sowie ihre rassistische Beschreibung als Vektor sozialer Desintegration als Triebkräfte der Entwicklung eines verräumlichten negativen sozialen und symbolischen Kapitals. Angesichts der von unterschiedlichen Akteuren stetig erzeugten Persistenz bleiben Auswege aus solchen sozialräumlichen Degradierungsprozessen weitgehend verschlossen und fördern so die Verfestigung entsprechender urbaner Strukturen. Das Kapitel endet mit Reaktionen auf Kolleginnen und Kollegen, die sich mit stigmatisierten Gebieten befassen und mit Empfehlungen zur Analyse der Enteignung und Entehrung marginalisierter Gebiete in Metropolen.</p>
      <p>Im dritten Kapitel entwirrt der Autor seine mit den Publikationen „Urban Outcasts“, „Punishing the Poor“ und dem angekündigten Werk „Deadly Symbiosis: Race and the Rise oft the Penal State“ entwickelte Trilogie mit dem Ziel, die politische Herstellung, sozialräumliche Verteilung und auf Strafe ausgerichtete Behandlung von Marginalität zu erklären. Seine Ausführungen zur Janusköpfigkeit des Staates und der Metropolen – liberal an der Spitze und strafend an der Basis – legen überzeugend die von ihm eingeforderte notwendige Zusammenarbeit aller Disziplinen nahe, die Strukturen und Entwicklungsprozesse urbaner Räume ins analytische Blickfeld nehmen: Ihr Spektrum umfasst nach Loïc Wacquant Stadtsoziologie, Stadtökonomie, Anthropologie, politische Forschung zu Ethnizität, Kriminologie und Soziale Arbeit mit ergänzendem geographischem Input zur Erfassung räumlicher Dimensionen von urbaner Polarisierung. Für diesen analytischen Schritt nutzt Loïc Wacquant Bourdieus Modell der Interferenz von symbolischer Macht, sozialem Raum und Habitus und erweitert es gleichzeitig um die Kategorien des bürokratischen Feldes, der ökonomischen Klasse und der ethnisch konstruierten Rasse (Abbildung 4, S. 127), die in Abbildung 5 (S. 131) in weitere Unterkategorien ausdifferenziert werden. Dieser theoretischen Konzeption zufolge erweist sich das Gefängnis nach Loïc Wacquant als zentrale und in doppeltem Sinne paradoxe urbane Institution: Zum einen absorbiert und neutralisiert sie Anti-Urbanismus und stellt zum anderen einen Frontalangriff auf Urbanität dar (S. 139–140). Auch dieses Kapitel endet mit Antworten des Autors auf seine Kritikerinnen und Kritiker, die er auf sechs unterschiedlichen thematischen Ebenen formuliert.</p>
      <p>Im Epilog erhalten Leserinnen und Leser einen Einblick in die Hintergründe dieser differenzierten Auseinandersetzung mit und Erweiterung von Bourdieus Theoriemodell: Loïc Wacquant betont die vielen Schnittstellen seiner Forschung mit Bourdieus Denkansatz. Er fasst sie hier nochmal prägnant zusammen und zeigt dabei auf, wie fruchtbar Bourdieus Konzept in unterschiedliche Sphären sozialwissenschaftlicher Forschung mit räumlichen Bezügen eingebaut werden könnte. Gleichzeitig fühlt er sich durch dessen explizites Zurückweichen vor analytischen Schritten zur Exploration urbaner Komplexität herausgefordert. Zwar gab es in Bourdieus Werkgeschichte mehrere potenzielle Anlässe, urbane Fragestellungen gezielter ins Blickfeld zu nehmen; aufgrund fehlender Finanzierung oder der engeren thematischen Ausrichtung auf städtische Wohnverhältnisse entstand jedoch kein Link zu grundsätzlicheren Fragen der Urbanisierung. Im Jahr 1993 bot sich sogar eine Gelegenheit, ein Zentrum für Stadtforschung unter Leitung von Loïc Wacquant zu gründen, die sich jedoch nicht materialisiert hat (S. 183).</p>
      <p>Leserinnen und Leser, die zu Beginn der Lektüre dieses Buches den Eindruck gewinnen könnten, in diesem Buch wenig Neues zu erfahren, empfehle ich den Schritt über den Epilog hinaus zu wagen. Mit Muße und theoretischer Neugierde erschließen sich erst danach die Feinheiten der zur Diskussion gestellten konzeptionellen Überlegungen. Insbesondere die Vielfalt der verwendeten weltweiten Quellen bieten einen guten Überblick zu dem inzwischen breit gefächerten Forschungsstand. Sie regen zur Präzisierung eigener Fragestellungen im Forschungsfeld globaler Urbanisierung an. Der Aufruf des Autors zur Intensivierung interdisziplinärer Kooperation in den <italic>Urban Studies</italic> könnte dazu beitragen, mit methodologisch differenzierten Forschungskonzepten empirische Befunde zu generieren, die auch in der urbanen Praxis mehr Wirkung entfalten.</p>
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            <title>Vollständige bibliographische Angaben des rezensierten Werks:</title>
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         <p>Wacquant, L. (2023): Bourdieu in the City. Challenging Urban Theory. Cambridge/Hoboken: Polity. xiv, 230 Seiten, Illustrationen.</p>
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