„Eine Vision für Mitteldeutschland“ – In diesem Grundlagenwerk entfaltet Harald Kegler ein faszinierendes und weithin unbekanntes Panorama der praktischen und wissenschaftlichen Planung in der Spätphase der Weimarer Republik, vor allem der damals neuen räumlichen Ebene der Landesplanung. Wenn der Leser oder die Leserin das Buchcover betrachtet, so sieht er oder sie eine bunte Karte – auf den ersten Blick eine ganz normale, nicht sonderlich bemerkenswerte Karte. Das ändert sich schnell bei genauerem Hinsehen: Dann fällt auf, dass neben den beiden großen roten Flecken – Leipzig und Halle – hellgrüne Bänder zu erkennen sind, die nicht nur die beiden großen Städte verbinden: ein erster Hinweis auf eine überörtliche Planung. Diese Karte, der „Plan 23“, so wird beim Lesen des Buches später deutlich, versinnbildlicht einen Höhepunkt deutscher, ja internationaler Planungskultur. Doch bevor wir das erfahren, werden wir durch die Planungsgeschichte der späten Kaiserzeit und dann der Weimarer Republik geführt – angereichert mit Hinweisen auf einflussreiche Planungspersönlichkeiten, die bis heute nur einem kleinen Kennerkreis vertraut sind.
Vor gut 100 Jahren entstand das, was wir heute unter Regionalplanung verstehen. Von vorneherein im internationalen Austausch, und – das ist entscheidend – ohne gesetzliche Grundlage, das heißt nolens volens auf freiwilliger Basis. Was aber bedeutete das konkret? Hier plante kein Land, kein Staat, auch keine Kommune, wenigstens nicht direkt. Die Landesplanung entfaltete sich in Mitteldeutschland informell, kooperativ – „demokratisch“, wie Harald Kegler hervorhebt (S. 122, 124, 158). Als eine Art schwebende Stabsstelle fungierte seit 1925 der „Gesamtsiedlungsausschuss“ (seit 1927: „Landesplanungsverband“) aus Vertretern der Kommunen, der Kreise und der Wirtschaft, rechtlich betrachtet ein von allen Beteiligten finanzierter ‚privater Verein‘, der für einzelne Gebiete die geographischen, sozialen, wirtschaftlichen und historischen Verhältnisse analysierte und dann Planentwürfe vorschlug. Das waren keine statischen Pläne, sondern, wie Harald Kegler das nannte, Prototypen „einer emergent-adaptiven Planung“, einer „strategischen Setzung von Grundlinien zukünftiger, stabiler Entwicklung, die Spiel-Räume ermöglicht, zugleich aber auch Grenzen formuliert“ (S. 122).
Als Startpunkt der Landesplanungsgeschichte für Mitteldeutschland dient die Internationale Städtebauausstellung im schwedischen Gotenburg 1923. Die nächste wichtige Zwischenstation war die Leipziger Siedlungswoche 1927, wo Grundsätze der Landesplanung vorgestellt wurden. Der Prozess der Konstituierung der Landesplanung fand schließlich in Mitteldeutschland 1932 seinen Höhe- wie Endpunkt mit der Veröffentlichung eines Planungsatlas von 39 Karten, der sowohl eine Bestandsanalyse wie Planungsoptionen präsentierte. Kern dieses Werkes war der Plan 23, der „im Wesentlichen ein Plan der Flächennutzung (Raumstruktur) und der Mobilität war“ (S. 115). Dass so eine freiwillige Landesplanung überhaupt möglich war und – wenngleich unterschiedlich gut – funktionierte, ist nicht nur erstaunlich, sondern auch eine Ermutigung, bis heute.
Voraussetzung dafür war das Engagement von heute zum Teil vergessenen Fachmännern: Robert Schmidt, Chef des fest institutionalisierten Siedlungsverbandes Ruhrkohlenbezirk, Stephan Prager, einer der Protagonisten des organisatorischen Aufbaus der Landesplanung in Deutschland, Martin Pfannschmidt, ein Hauptautor des Planungsatlas von 1932, und vor allem Gustav Langen, die „wichtigste wissenschaftliche Instanz in Deutschland auf dem Gebiet der Landesplanung“ (S. 97). Gustav Langens Wiederentdeckung als eines der bedeutendsten Planungsexperten der Weimarer Republik ist Harald Kegler zu verdanken. Gustav Langen, Schöpfer des „Deutschen Archivs für Städtebau, Siedlungswesen und Wohnungswesen“ in Berlin, hat zahlreiche wichtige Schriften veröffentlicht, die Grundsatzfragen der räumlichen Entwicklung betrafen: die Rolle der sich verändernden Industrie für die Entwicklung von Stadt und Land, die Debatte um die richtige Form der ‚Dezentralisierung‘, der Zusammenhang von Mobilität (Eisenbahn und Automobil) und Siedlungsentwicklung, die Notwendigkeit einer die kommunalen Grenzen transzendierenden Planung und weitere.
Gustav Langen war wie viele andere Größen der Planungsgeschichte eine schillernde Figur, ein Planer mit großen Verdiensten, aber auch einigen diskutablen Positionen. Das betrifft etwa den Wunsch nach einem führenden Planer oder das Vordenken von Umsiedlungen – beides zentrale Themen der Fachdebatten. Für die mitteldeutsche Landesplanung waren die Verhältnisse klar: Der Planer war vor allem ein Moderator, und die Kommunen blieben die Hauptakteure. Das war den politischen Bedingungen geschuldet – etwa dem Fehlen des ersehnten Städtebaugesetzes. Es darf auch nicht vergessen werden, dass die „Vision für Mitteldeutschland“ 1932 erst in einem Planwerk festgehalten war, dessen Umsetzung noch ausstand und nach 1933 nicht mehr möglich war. Damit blieb die Antwort auf die Frage offen: Wäre auch eine Umsetzung freiwillig ohne gesetzliche Grundlage möglich gewesen? Angesichts der Weltwirtschaftskrise und des Taumelns der Demokratie in der Endphase der Weimarer Republik verstärkte sich jedenfalls bei vielen Experten der Wunsch nach einer starken Planungshand. Und diese schien 1933 in greifbare Nähe gerückt. Auch Gustav Langen hatte sich mehrfach und unmissverständlich zur Rolle eines führenden Planers geäußert, etwa in dem viel zu wenig beachteten planerischen Schlüsselwerk „Wohnung Wirtschaft Gestaltung“ (Ritter 1928). Dort schrieb er: „Es ist kein Zufall, daß Fürsten und Könige bisher fast die einzigen Bauherren im Planungswesen großen Stils gewesen sind. […] Friedrich der Große […] – er sei das Vorbild unserer Zunft“ (Langen 1928: 231). Und Friedrich der Große wurde auch in Gustav Langens Schrift „Das Umsiedlungsproblem“ von 1934 als Vorbild beschworen, als Herrscher, dem ein alle sonstigen Experten überragender „Siedlungsfachmann“ zur Seite stehen muss (Langen 1934: 10).
Der Titel der Schrift von 1934 „Das Umsiedlungsproblem“ verweist auf eine weitere Ambivalenz. Harald Kegler zeigt, dass Gustav Langen ein Vertreter der umfassenden Dezentralisation war, kein fanatischer Feind der Großstadt, wohl aber ein Kritiker, der in langen Zeiträumen denkt und dabei die Umsiedlung der Großstadtbevölkerung im Auge hat. Sozusagen ein behutsamer Umsiedler. Es bleibt aber zu fragen, ob dies nicht nur den politischen Verhältnissen der Weimarer Republik geschuldet war, der Einschätzung dessen, was machbar ist. 1934 meinte Gustav Langen: „Jedenfalls läßt sich sagen, daß, nähere Ermittlungen vorbehalten, die Zahl der aus den Städten umzusiedelnden Familien in die Millionen gehen wird“ (Langen 1934: 14). Diesen Strom gilt es, so Gustav Langen weiter, „richtig zu lenken“, zwar „hauptsächlich auf den Osten“, nicht zuletzt zur „Grenzsicherung“ (Langen 1934: 16, 46, 116). Diese 1934 veröffentlichten Gedanken dürfen aber auch nicht falsch gelesen werden: Sie hatten nichts mit dem expansiven und mörderischen Konzept des Generalplans Ost zu tun, dieser war damals noch in weiter Ferne. Gustav Langens Konzept der Landesplanung für den Osten Deutschlands war auch ein anderes als das der Raumplaner des besetzten Ostens, es unterschied sich von dem dort angewandten Konzept der Zentralen Orte. Die Umsiedlungsfrage aber bleibt – auch jenseits von Gustav Langen – eines der großen Tabuthemen der Planungsgeschichtsschreibung. Die Selbstverständlichkeit, wie immer wieder, auch nach 1945, große Menschenmassen in den Planerköpfen ‚verpflanzt‘ werden, verweist auf ein potenziell autoritäres Denken.
Der Band „Eine Vision für Mitteldeutschland“ ist ein zusammenfassendes Standardwerk zur Planungsgeschichte der Weimarer Republik, dessen Lektüre nicht nur Menschen aus dem nicht mehr ganz so mittigen „Mitteldeutschland“ zu empfehlen ist. Großartig, dass der Planungsatlas mit all seinen 39 Karten farbig am Ende des Buches vollständig dokumentiert wird – umso bedauerlicher, dass die Karten im Textteil leider nur schwarz-weiß wiedergegeben sind und daher oft an Aussagekraft verlieren, etwa die überaus bedeutsame und wenig bekannte „Übersichtskarte zum Wirtschaftsplan Berlin-Brandenburg“ (1935) von Gustav Langen.
Harald Kegler hat in diesem Band viele seiner früheren Arbeiten verdichtet, weiterentwickelt und veranschaulicht – darunter seine Dissertation „Die Herausbildung der wissenschaftlichen Disziplin Stadtplanung – ein Beitrag zur Wissenschaftsgeschichte“ (Kegler 1987), seine vielen Projekte im Rahmen des regionalen Transformationsprogramms „Industrielles Gartenreich“ nach 1989, seine Habilitationsschrift „Spiel-Räume – demokratisch basierte Landesplanung in Mitteldeutschland zwischen 1923 und 1932 sowie 1990 und 2000: Ein Beitrag zur Geschichte und Theorie strategischer, nicht-linearer Planung“ (Kegler 2012) sowie seine Vorbereitungsarbeiten für die Jubiläumstagung „100 Jahre Landesplanung in Mitteldeutschland“ im April 2025, als dessen „Festschrift“ dieser Band schließlich diente. Aber das Buch ist mehr als eine Neuland erschließende historische Studie, mehr als ein fundiertes wissenschaftliches Werk, es bietet auch eine programmatische Orientierung für die Planung der aktuellen Transformationen.
Literatur
| Kegler, H. (1987): Die Herausbildung der wissenschaftlichen Disziplin Stadtplanung. Ein Beitrag zur Wissenschaftsgeschichte. Weimar. = HAB-Dissertationen 5. |
| Kegler, H. (2012): Spiel-Räume – demokratisch basierte Landesplanung in Mitteldeutschland zwischen 1923 und 1932 sowie 1990 und 2000: Ein Beitrag zur Geschichte und Theorie strategischer, nicht-linearer Planung. Weimar. https://doi.org/10.25643/bauhaus-universitaet.1700 |
| Langen, G. (1928): Planungswesen. In: Ritter, H. (Hrsg.): Wohnung, Wirtschaft, Gestaltung. Berlin, 223–231. |
| Langen, G. (1934): Das Umsiedlungsproblem mit besonderer Berücksichtigung der deutschen Kleinstädte und ihrer raumwirtschaftlichen Aufgaben, näher erläutert an einem Kleinstadtbeispiel. Berlin. |
| Ritter, H. (Hrsg.) (1928): Wohnung, Wirtschaft, Gestaltung. Berlin. |
