In der jüngeren deutschsprachigen und europäischen Forschung zu ländlichen Räumen setzte sich die Erkenntnis durch, dass ländliche Räume divers und vielfältig sind – die beiden Pole „prosperierend“ und „peripherisiert“ werden dafür oft herangezogen (vgl. Krajewski/Wiegandt 2020). Unterschiedliche Entwicklungspfade sind zum einen in globale und gesamtgesellschaftliche Prozesse eingebunden und weisen zum anderen gleichzeitig immer auch eine lokale Komponente auf. Die Folge ist ein kleinräumiges Nebeneinander von sich demographisch wie ökonomisch positiv entwickelnden Dörfern und Kleinstädten und jenen ‚schrumpfenden‘, die Einwohnerinnen und Einwohner sowie Arbeitsplätze verlieren. Wie kommt es aber dazu, dass sich Kommunen auf dem Land, in unmittelbarer Nachbarschaft gelegen, divergent entwickeln oder – überspitzt formuliert – wie können insbesondere in peripheren und schrumpfenden Regionen, prosperierende Dörfer entstehen? Erkenntnisse darüber liefert Alistair Adam Hernández in der Monographie „Das resiliente Dorf – eine interdisziplinäre Analyse von Akteuren, Lernprozessen und Entwicklungen in drei ländlichen Gemeinschaften Europas“, die als Dissertation verfasst und im oekom verlag erschienen ist.
Das sehr ausführliche oeuvre umfasst insgesamt 455 Seiten und richtet mit der Fokussierung auf Dörfer den Blick auf eine Siedlungsform, die in der ländlichen Raumforschung eine gewisse Tradition hat (vgl. Steinführer/Laschewski/Mölders et al. 2019). Die Dynamiken, die Dörfer durch Transformationsprozesse erfahren, analysiert der Autor, indem er Akteurinnen und Akteure vorstellt, Lernprozesse skizziert und Entwicklungsprozesse nachzeichnet. Ausführliche empirische Ergebnisse aus drei Fallstudien, die in je einem Dorf in Deutschland, Großbritannien und Spanien durchgeführt wurden, werden in der Monographie vergleichend diskutiert. Die anspruchsvolle konzeptionelle Rahmung erfolgt dabei durch Bezugnahme auf Konzepte der Resilienz. Im Zentrum steht demnach die Frage: „Kann das Konzept der Resilienz erklären, wieso Dörfer sich dem Wandel besser anpassen und sich trotz widriger Umstände positiv entwickeln?“ (S. 7). Dem Autor gelingt es erstens, das unbestimmte und in zahlreichen Disziplinen häufig benutzte Konzept der Resilienz zu theoretisieren, und zweitens die lokale Ebene ländlicher Entwicklung gebührend zu würdigen. Ein tiefer Einblick in lokale Konfigurationen in die drei Untersuchungsdörfer ist das Ergebnis von intensiver Fallstudienarbeit vor Ort.
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Soziale Beziehungen und Netzwerke
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Lernen und Selbstreflexion
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Werthaltungen, Einstellungen und Überzeugungen
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Gemeinschaftliches Handeln und Entscheiden
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Führungs- und Schlüsselpersonen
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Wohlbefinden von Menschen, Umwelt und Wirtschaft
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Diversität und Integration
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Daseinsvorsorge und Infrastruktur
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Der Autor greift damit Schlüsselbereiche der ländlichen Raumforschung auf und inspiriert Forscherinnen und Forscher gleichzeitig, diese auf andere Kontexte anzuwenden.
Mit der transparenten Darstellung der Auswahlkriterien für die Untersuchungsorte, die sehr schön aufzeigen, dass die drei Dörfer innerhalb der Region tatsächlich eine Sonderstellung in Bezug auf die demographische und wirtschaftliche Entwicklung aufweisen, bereitet der Autor die Leserinnen und Leser gut auf die Darstellung der empirischen Ergebnisse vor. Es folgt eine sehr ausführliche, an manchen Stellen zu detaillierte Beschreibung der Methodik und der Stichprobe.
Zu jedem der drei Untersuchungsdörfer stellt Alistair Adam Hernández auf jeweils knapp 100 Seiten Ergebnisse aus quantitativer Befragung, teilnehmender Beobachtung, Experteninterviews und Dorfgesprächen vor. Die Struktur folgt dabei den Ergebnissen aus den jeweiligen Methoden, was beim Lesen zunächst durchaus fordert. Der Autor bietet dafür jedoch jeweils eine integrative Gesamtbetrachtung und eine Diskussion der ortsbezogenen Gesamtergebnisse an. Von besonderem Interesse sind die jeweiligen lokalen Konfigurationen und Akzentuierungen, die für resiliente Dörfer eine Rolle spielen. Wurden in allen drei Dörfern zum Beispiel Zugezogene als Schlüsselpersonen identifiziert, so werden für Albarracín in Spanien explizit Rückkehrerinnen/Rückkehrer oder (neo)rurale Raumpionierinnen/Raumpioniere genannt.
Mit der Diskussion von ortsübergreifenden Ergebnissen wird die Monographie schließlich dem Anspruch einer komparativen Betrachtung gerecht. Das Resilienz-Modell wird vor dem Hintergrund der empirischen Ergebnisse in Bezug auf die acht Dimensionen überprüft und ein optimiertes Modell für Resilienz im Dorf entwickelt (S. 405). Damit inspiriert der Autor sowohl Forschende für die Anwendung des Konzepts in anderen räumlichen Kontexten wie auch Praktikerinnen und Praktiker in der ländlichen Entwicklung zu einer Evaluierung ihrer lokalen Gegebenheiten. Sowohl aus theoretisch-konzeptioneller wie auch empirischer Sicht ist das in der Reihe „Hochschulschriften zur Nachhaltigkeit“ erschienene Buch sehr zur Lektüre zu empfehlen.
