Die integrierte Stadtentwicklungsplanung (STEP) als eine zentrale Aufgabe planender Verwaltung in Großstädten gibt es, wenn auch nicht immer exakt unter diesem Namen, seit über einem halben Jahrhundert. Ein deutschsprachiges Fachbuch, das sich ihr umfassend und ausschließlich widmet, gibt es erst mit dieser Publikation von Stefan Heinig, die im vorvergangenen Jahr erschien. Wie der Autor in seiner Danksagung verrät, haben wir es der Corona-Pandemie zu verdanken, die ihm hinreichend Zeit und Muße zum Schreiben ließ.
Selbstverständlich hat sich in den letzten Jahrzehnten ein beachtlicher Berg an Literatur zum Thema aufgebaut, auf die sich der Autor stützen kann: auf Stichworte in einschlägigen Hand- und Handwörterbüchern, auf Teilabschnitte in Publikationen, die sich übergreifend mit räumlicher Planung allgemein oder mit Methoden und Verfahren der Planung und der Beteiligung befassen, auf die unzähligen Stadtentwicklungsplanwerke selbst, die mit immer wieder neuen konzeptionellen Ansätzen erarbeitet wurden, und auf die ebenso zahlreichen Werkstattberichte aus der Praxis, die in den Fachzeitschriften veröffentlicht werden. Von besonderem Gewicht sind hier die Positionspapiere, die die Fachkommission Stadtentwicklungsplanung des Deutschen Städtetags seit Jahrzehnten immer wieder erarbeitet und veröffentlicht. In der Fachkommission treffen sich die engagiertesten Stadtentwicklungsplanerinnen und -planer aus den Mitgliedsstädten, tauschen ihre Erfahrungen aus, diskutieren künftige Anforderungen und neue Ansätze in der STEP und formulieren fachpolitische Forderungen. Dieses Gremium wird von seinen Mitgliedern als eine wertvolle und wichtige Diskussionsplattform außerordentlich geschätzt. Was an innovativen konzeptionellen und methodischen Ansätzen in der Stadtentwicklungsplanung entwickelt wurde, hatte nicht selten dort seinen Ursprung. Der Autor war als verantwortlicher Stadtentwicklungsplaner der Stadt Leipzig viele Jahre Mitglied der Kommission und von 2017 bis 2020 ihr Vorsitzender. Für eine breitere Fundierung seines Buches konnte er auch gezielt auf das Erfahrungswissen einiger Kommissionsmitglieder zurückgreifen, denen er immer wieder in längeren Zitaten Raum gibt.
In den ersten beiden Kapiteln entfaltet der Autor sein Grundverständnis der zentralen Begriffe zur Stadtentwicklung, gibt einen Überblick über die verschiedenen historischen Etappen, die die Stadtentwicklungsplanung seit den frühen 1970er-Jahren durchlief, und verortet sie in den aktuellen Programmatiken der Neuen Leipzig Charta und der Nationalen Stadtentwicklungspolitik.
Im dritten Kapitel werden die verschiedenen grundsätzlichen Dimensionen, in denen sich die gegenwärtige STEP aufspannen lässt, reflektiert: die Zielorientierungen (Nachhaltigkeit, Resilienz, Gemeinwohl und als städtebauliches übergreifendes Leitbild die kompakte, nutzungsgemischte Stadt), die Prozessmerkmale (Steuerungskreislauf, Gegenstromprinzip, Gleichzeitigkeit von Prozessen) und ihre Skalen (Region, Gesamtstadt, Stadtteil). Des Weiteren werden die Elemente und Bedingungen ‚integrierten Arbeitens‘ in der STEP markiert und ihre Instrumente umrissen: von den Rechtsinstrumenten über Subventionen und Bodenpolitik bis hin zu Beratungsangeboten und zur Einbeziehung kommunaler Unternehmen als Akteure.
Die analytischen Grundlagen der STEP werden im vierten Kapitel aufgefächert. Hier geht es um die erforderlichen Daten und ihre Beschaffung, Auswertung und Darstellung in jeder Phase des Prozesses: von den Grundlagenuntersuchungen zu Beginn über die Projektionstechniken (Trendfortschreibung, Prognosen, Szenarien) bis hin zu Monitoring und Evaluation. Ein eigener Abschnitt (Kapitel 5) widmet der Autor den „partizipativen Prozessen“, die als unverzichtbarer Bestandteil einer jeden STEP in allen Phasen nicht nur mitbedacht, sondern ‚orchestriert‘ werden müssen.
Alle Kapitel veranschaulicht der Autor mit eigenen Ablauf- und Strukturschemata sowie mit ausgewählten Diagrammen, Plänen, Schaubildern und Fotos, vor allem aus seiner eigenen Stadt Leipzig, in der er viele Jahre für die STEP verantwortlich war. Zur Illustration werden jedoch auch zahlreiche Beispiele aus anderen deutschen Großstädten herangezogen, so etwa aus Berlin, Hamburg, Nürnberg, Osnabrück, Halle und als einziger Mittelstadt Ludwigsburg.
Ein besonderes Gewicht haben die Abbildungen im längsten, abschließenden Kapitel 6, das sich mit den Stadtentwicklungskonzepten selbst befasst. Dort wird noch einmal, das heißt in Paraphrase der vorangegangenen Kapitel, der „Baukasten der Stadtentwicklungsplanung“ vorgestellt und es werden – hier nun ausdrücklich als praktische Herausforderung – die verschiedenen methodischen Zugänge zur „Prozessplanung und -gestaltung“, zur „Bewertung und Ableitung von Handlungsbedarfen“, zur „Entwicklung eines Zielsystems“ bis hin zur „Beschlussfassung und Umsetzung“ umrissen, wobei ein besonderer Abschnitt der Herleitung der allfälligen Leitbilder und Leitsätze gewidmet ist. Darauf aufbauend stellt der Autor die verschiedenen Ausprägungen der STEP in eigenen Unterkapiteln vor: „stadtweite integrierte Stadtentwicklungskonzepte“, „integrierte Stadtteilkonzepte“ und als sektorale STEP „Konzepte zum Wohnen“, „Einzelhandels- und Wirtschaftskonzepte“ und schließlich „Wirtschaftsflächenkonzepte“. Sie alle charakterisiert er nach gleichen Kriterien: ihre besondere Funktion, ihre fachlichen Besonderheiten und methodischen Unterschiede sowie die jeweils gebotene Arbeitsstruktur und geeignete Organisation des Beteiligungsprozesses. Hier wird das Vorgestellte mit mehreren doppelseitigen farbigen Plandarstellungen aus den verschiedenen Beispielstädten illustriert.
Der Autor ist sehr bestrebt um eine möglichst nüchterne, klare und differenzierte Darstellung der STEP in deutschen Großstädten, die den aktuellen Stand von Praxis und Theorie reflektiert. Dies ist ihm ohne Frage gelungen. Dabei stützt er sich auf sein umfängliches Erfahrungswissen aus einer elaborierten und im Dialog mit anderen Kolleginnen und Kollegen informierten Berufspraxis. Dort, wo seine eigenen Erfahrungen und Einschätzungen vom gängigen Verständnis oder der Lehrmeinung abweichen oder diese erweitern, bringt er sie in die Darstellung ein, wobei er sie ausdrücklich als persönliche Wertungen kennzeichnet.
Mit seinem Buch wendet sich der Autor „an Studierende ebenso wie an kommunale Stadt- und Fachplaner, die neu in Aufgaben und Arbeitsweisen von Stadtentwicklung einsteigen“, sowie an „gesellschaftliche Akteure, die sich aktiv in Stadtentwicklungsprozesse einbringen“ (S. 7/8). Vermutlich wird die zweitgenannte Gruppe den meisten Honig aus dem Buch saugen können: junge Planerinnen und Planer im Städtebaureferendariat oder in den ersten Berufsjahren, die sich zum ersten Mal der anspruchsvollen Herausforderung einer STEP stellen. Für die Lektüre des Buches ist ein erweitertes fachliches Vorwissen deutlich von Vorteil. Vermutlich wird das Buch in diesen Kreisen dann auch eher selektiv gelesen, je nachdem, über welchen Ausschnitt der STEP man sich näher informieren möchte. Diese selektive Lektüre ist auch ohne Einbußen möglich; im Gegenteil, der Aufbau des Buches bringt es mit sich, dass dem, der das ganze Buch von Beginn an liest, unvermeidlich einige Wiederholungen und leichte Redundanzen begegnen.
Als Lehr- und Einführungsbuch für Studierende oder interessierte Laien, „die sich aktiv in Stadtentwicklungsprozesse einbringen“ (S. 8) möchten, aber noch kein Vorwissen haben, ist das Buch vermutlich etwas weniger geeignet. Dies hat mit dem Sprachduktus des Buches zu tun, in dem sich, was wenig verwundert, der Sprachduktus seines Gegenstandes, also der verwaltungsnahe Fachjargon, in dem die STEP gewöhnlich selbst verfasst sind, spiegelt. Und der ist Laien meist wenig zugänglich. Wie sein Gegenstand wird er als nicht sehr anschaulich, als abstrakt und spröde empfunden. Diese Anmerkung sei nicht als eine Kritik an diesem Buch verstanden, sie verweist auf ein allgemeines Problem von Lehrbüchern räumlicher Planung in deutscher Sprache, die fast alle damit zu kämpfen haben. Dass es anders geht, zeigen die besseren angloamerikanischen Lehrbücher wie etwa das von John Levy „Contemporary Urban Planning“ (2017) oder von Peter Hall „Urban and Regional Planning“ (1992).
All das schmälert die Leistung dieses Buches keineswegs. Im Gegenteil, es bleibt das große Verdienst des Autors festzuhalten, eine erste umfassende und fundierte Monographie zur integrierten Stadtentwicklungsplanung in Deutschland vorgelegt zu haben. Man wünscht ihr große Verbreitung und eine aufmerksame Leserschaft.
