Raumforschung und Raumordnung | Spatial Research and Planning 0034-0111 1869-4179 oekom 10.14512_rur_48_0207 Der Diffusionsprozeß der neuen Biotechnologie steht noch am Anfang Anmerkungen zu den Biotech-Standorten in der Bundesrepublik Deutschland Volkert Bernd Dipl.-Volksw. Institut für südwestdeutsche Wirtschaftsforschung (ISW) Urbanstraße 62 a7001 Stuttgart Deutschland 48 2 109 116 1990 by the RuR Editors; re-published by oekom 2023 Zusammenfassung

Der folgende Beitrag unterzieht die bisherigen Ergebnisse zur Standortverteilung biotechnischer Produktionen einer differenzierenden Betrachtung. Ausgehend von einer Dreiteilung biotechnologischer Entwicklungsstufen werden zunächst die industrielle und die räumliche Diffusion biotechnologischer Erkenntnisse neu diskutiert. Im Anschluß werden die bisher zugrundegelegte Datenbasis näher beleuchtet und mögliche Verzerrungen in der Abbildung herausgearbeitet.

In räumlicher Hinsicht wird dieses am Beispiel der Region München verdeutlicht. Den Abschluß bildet die Vorstellung einer möglichen Kulisse von Innovationsräumen in der Bundesrepublik Deutschland auf der Basis biotechnischer Standortschwerpunkte.

Anmerkungen Beispielhaft seien genannt: Grabow, Busso; Henckel, Dietrich: Die kleinräumige Verteilung von Unternehmen der Informationstechnik in der Bundesrepublik Deutschland. = Aktuelle Information des Deutschen Instituts für Urbanistik, Nr. 3, Berlin 1986. Popp, Kilian: Räumliche Ebenen der Standortwahl mikroelektronischer Betriebe und deren Standortkriterien. Aufgezeigt am Beispiel der Region München. In: Berichte zur deutschen Landeskunde, H. 1, Bd. 62, 1988, S. 83–108. Volkert, Bernd: Angebotsstruktur und räumliche Verteilung der Unternehmen des EDV- und Kommunikationssektors in Bayern und Baden-Württemberg. – Stuttgart 1988 Vgl. Henckel, Dietrich: Die räumliche Verteilung von Unternehmen der Biotechnik und der Informationstechnik. Ein Vergleich. In: Informationen zur Raumentwicklung (1989) H. 4, S. 237 ff. Einige vorläufige Ergebnisse auf der Basis der Datenbank BIKE (Stand 1987/88) wurden vom ISW erstmals im Sommer 1988 veröffentlicht. Vgl. Volkert, Bernd: Neuere Biotechnologie. Chancen und Ansatzpunkte aus baden-württembergischer Sicht. – Stuttgart 1988 BIKE steht dabei für Biotechnologie-Informations-Knoten für Europa. Im folgenden wird auf die weitere Verwendung des Begriffs “Technologiezyklus“ verzichtet, da mit Blick auf das Feld der Biotechnologie keine echten zyklischen Muster zugrunde liegen. Vielmehr sind Techniken und Märkte älterer Stufen nach wie vor existent und entwickeln sich auch noch weiter. Einteilung in Anlehnung an die OECD. Vgl. OECD (Hrsg.): Biotechnology. Economic and wider Impacts. – Paris 1989, S. 4 MSR steht für Meß-, Regel- und Steuertechnik. Die spektakulärsten Fälle verkörpern junge Gentechnikfirmen aus den USA wie etwa Cetus, Biogen Inc., Genentech, Plant Genetics. Für die Bundesrepublik sei beispielhaft darauf verwiesen, daß in Verbindung mit dem TOU-Modeflversuch des BMFT seit 1983 34 Biotechnologieunternehmen neu gegründet wurden (vgl. o.V.: Forschungsförderung. In: Wirtschaftswoche, Nr. 43, 20.10.1989, S. 121). Vgl. OECD (Hrsg.): a.a.O., S. 11 Etzkowitz, H.: Entrepreneurial Scientists: Normative Change and the Social Structure of Science. – Purchase o. J., S. 23 (zitiert nach: Amann, Klaus u. a.: Kommerzialisierung der Grundlagenforschung. Das Beispiel Biotechnologie. – Bielefeld 1985, S. 9 f.) Vgl. Drews, Jürgen: Forschung im Pharmaunternehmen. In: Zeitschrift für Betriebswirtschaft (1989) H. 2, S. 129 f. Anzuführen als ein prominentes und sehr weitreichendes Beispiel ist die Innovation des Mikroprozessors, die nicht wie der Transistor den Bell-Laboratorien von AT&T entstammt, sondern von der Firma Intel im Silicon Valley kam. Auch die Ergebnisse einer ebenfalls am Deutschen Institut für Urbanistik durchgeführten Analyse zum Bereich der Informations- und Kommunikationstechnik decken durchaus die Relevanz des Aspekts “neue Unternehmen an neuen Standorten“ auf. Vgl. Grabow, Busso; Diller, Christian: Räumliche Verteilung und Entwicklungstendenzen bei Unternehmen der Informations- und Kommunikationstechnik. = Aktuelle Information Nr. 2 des Deutschen Instituts für Urbanistik, Berlin, September 1989, S. 8 Gentechnisch fundierte Forschung und Produktion ist dabei sicher in vielen Fällen, aber nicht in jeder Hinsicht ohne räumliches Gefährdungspotential. Zu den Einschätzungen von Booz Allen & Hamilton vgl. o.V.: Drei Schritte zum globalen F&E-Management. In: highTech, Nr. 12, 1989, S. 50 Vgl. Mietzsch, Andreas (Hrsg.): Biotechnologie. Das Jahr- und Adreßbuch 1988/89 sowie 1989/90. – Braunschweig 1988 dzw. 1989 Nohert Rau auf einem Vortrag vor dem Arbeitskreis “Biotechnik“ der Industrie- und Handelskammer Mittlerer Neckar am 19.4.1989. Vgl. Henckel, Dietrich; von Soest, Daniela: Die räumliche Verteilung von Unternehmen und Forschungseinrichtungen der Biotechnik in der Bundesrepublik Deutschland. = Aktuelle Information Nr. 1 des Deutschen Instituts für Urbanistik, Berlin, September 1989, S. 3 Ein Anhaltspunkt dafür findet sich möglicherweise in folgendem Beispiel: Die Bissendorfgruppe ist – soweit dies im Adreßbuch 1989/90 zu verfolgen war – mindestens sechsmal für den Raum Hannover-Braunschweig verzeichnet, was einem Anteil von deutlich über 10 % am gesamten nachgewiesenen Unternehmenspotential des Raumes entspricht. Daneben kam für diese Unternehmensgruppe 1989 das Aus. Sie gehört mittlerweile weitgehend zur Schweizer Biodor Holding AG. Vgl. o.V.: Nach stürmischem Wachstum: Aus für Bissendorf-Gruppe. In: BioEngineering, Nr. 3+4,1989, S. 11 So ist allgemein bekannt, daß alle drei großen Chemiekonzeme der Bunderepublik, BASF, Bayer und Hoechst, Aktivitäten auf dem biotechnologischen Feld – zunächst noch primär auf der F&E-Ebene – auch jenseits ihrer Stammsitze und Stammregionen entfalten. Vgl. Henckel, Dietrich, a.a.O., Karte 2 Vgl. etwa Kunz, Dieter: Das Nord-Süd-Gefälle. Ein entwicklungstheoretischer Ansatz zu seiner Erklärung. In: Süd-Nord-Gefälle in der Bundesrepublik? Thesen und Beobachtungen, NlW-Workshop 1984, Hannover 1984, S. 12 ff. Weitere Unterstützung findet diese Tatsache im Bereich der Biotechnologie jüngst durch das verstärkte investive Engagement internationaler Biotech-Unternehmen im “europajungen“ Elsaß, speziell auch im Raum Straßburg. Vgl. HenckellSoest, a.a.O., S. 11. Allerdings zeigt sich in diesem Punkt ein gewisser Widerspruch zur ersten DIFU-Veröffentlichung von Dietrich Henckel, in der auch für die Biotechnologie eine Verstärkung des ökonomischen Gefälles in der Bundesrepublik reklamiert wird. Vgl. Henckel, a.a.O., S. 241 Vgl. Fischer, Klaus: Fortentwicklung der Regionalplanung und Anforderungen an die räumliche Forschung. In: Informationen zur Raumentwicklung (1989) H. 2/3, S. 146 f. und derselbe: Die neuen Informations- und Kommunikationstechniken. Raumordnerische Auswirkungen, raumplanerische Konsequenzen und regionalpolitischer Handlungsbedarf. In: Räumliche Wirkungen der Telematik, Veröffentlichungen der Akademie für Raumforschung und Landesplanung, Forschungs- und Sitzungsberichte, Bd. 169, Hannover 1987, S. 177 ff., hier S. 184 Das Indikatorenbündel legt Fischer nicht im einzelnen offen, es erstreckt sich aber auf die Bruttowertschöpfung im Dienstleistungsbereich, auf ausgewählte Produktionsdienste, hochqualifizierte Beschäftigte, Unternehmensstandorte und kulturell herausragende Leistungen. Vgl. Fischer, Klaus, a.a.O., 1989, S. 149. Im übrigen dürfte für die heutige DDR gelten, daß an anderen Standorten als in Berlin aller Voraussicht nach so schnell kein echtes Innovationszentrum in Sachen Biotechnologie entstehen wird. Die Datenbank BIKE zählt lediglich 19 DDR-Unternehmen, die auch in der Biotechnik aktiv sind, davon 6 reine Vertriebsfirmen (Export – Import) und der Rest im wesentlichen Kombinate und VEBs der modernen, weniger der neuen Biotechnologie. Gleichzeitig sind immerhin 55 Forschungseinrichtungen verzeichnet mit klarem Schwerpunkt in Berlin (Ost, 16 Einrichtungen) und an zweiter Stelle in Leipzig (10 Einrichtungen). Vgl. Fischer, Klaus, a.a.O., 1989, S. 147