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https://doi.org/10.14512/rur.2234
Raumforschung und Raumordnung | Spatial Research and Planning (2024) 82/2: 188–190
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Rezension / Book review

Kaminer, Tahl; Ma, Leonard; Runting, Helen (Hrsg.) (2023): Urbanizing Suburbia. Hyper-Gentrification, the Financialization of Housing and the Remaking of the Outer European City

Christian Diller Contact Info

(1) Professur für Raumplanung und Stadtgeographie, Justus-Liebig-Universität Gießen, Senckenbergstraße 1, 35390 Gießen, Deutschland

Contact InfoProf. Dr. Christian Diller 
E-Mail: christian.diller@geogr.uni-giessen.de

Eingegangen: 20. September 2023  Angenommen: 28. September 2023  Online veröffentlicht: 30. Oktober 2023


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In diesem Band geht es um drei seit Längerem anhaltende Entwicklungstrends in europäischen Großstädten: Mit dem Phänomen der Hyper-Gentrification ist der jüngere Typus einer massiven Aufwertung von Stadtteilen angesprochen, der vor allem durch die Kräfte des internationalen Finanzkapitals mit Wohnimmobilien als einem möglichen Asset bestimmt ist und der die Politik vor besondere Herausforderungen stellt. Damit in engem Zusammenhang stehen die weitgehend vollzogenen Umstrukturierungen einer zunehmend mit den globalen Finanzmärkten verflochtenen Wohnungswirtschaft, die damit dem demokratisch legitimierten kommunalen Einfluss in weiten Teilen entzogen wurde. Als Folge dieser hohen Entwicklungsdynamiken von Finanz- und Wohnungsmärkten, die sich in europäischen Großstädten bislang vor allem auf die Inner Cities richtete, nimmt auch der Entwicklungsdruck auf die jeweiligen Outer Cities zu.

„Urbanizing Suburbia“ umfasst insgesamt 21 Textbeiträge, die in diesem Rahmen nicht alle gewürdigt werden können. Im ersten der drei Grundlagenkapitel werden zunächst die drei o.g. Themen im Zusammenhang andiskutiert und ein Ausblick auf die folgenden einzelnen Beiträge gegeben. Der zweite Artikel gibt einen historischen Abriss über die Suburbanisierungsdebatte, wobei vor allem auf die Unterschiede zwischen dem US-amerikanischen und dem europäischen Modell abgehoben wird. Daran schließt der dritte Grundlagenbeitrag an, der sich dem Thema Hyper-Gentrification und den damit verbundenen Entwicklungen auf den Immobilienmärkten und vor allem den Wohnungswirtschaften widmet.

Den empirischen Kern des Buches bilden vier Blöcke von Fallstudienbeiträgen zu den Städten Amsterdam, Berlin, London und Stockholm, die durch einen Karten- und Abbildungsanhang ergänzt werden. Dabei steht nach den konzeptionellen Überlegungen der Herausgeber (S. 20) London exemplarisch für weitgehend dem Markt überlassene Prozesse, für Berlin wird der Aspekt der zivilgesellschaftlichen Widerstände gegen die negativen Folgen der Entwicklung wie Verdrängung und Exklusion besonders betont. Amsterdam steht als Beispiel für eine eher bewusste lokale Politik des Transfers von Kreativimpulsen von der Inner in die Outer City. Am Beispiel Stockholm werden die Spannungen der in weiten Teilen vollzogenen Liberalisierung – von einer traditionell eher sozialdemokratischen Wohnungspolitik hin zu gezielten öffentlich-privaten Interventionen – verdeutlicht. Eine gewisse weiterführende Abrundung des Bandes stellt dann ein Epilog dar, in dem versucht wird, das Thema in die große Linie der internationalen Stadtforschung seit den 1930er-Jahren einzuordnen und zugleich weitere Forschungsperspektiven aufzuzeigen.

Zur Bewertung von „Urbanizing Suburbia“ lässt sich resümieren, dass der Band einen sehr gelungenen, lesenswerten und insgesamt gut wissenschaftlich fundierten kollektiv erarbeiteten Beitrag für diese in vielen Großstädten sehr aktuelle Problematik liefert. Dem von den Herausgebern selbstgesetzten Anspruch eines eher losen Patchworks zu dem Thema wird ohne Abstriche Rechnung getragen. Als besonders gelungen kann dabei die konzeptionelle Idee der Mischung aus literatur- und empiriebasierten Forschungsbeiträgen – hier in einer insgesamt ausgewogenen Mischung aus quantitativer Evidenz und qualitativer Beschreibung und Interpretation – und ausführlichen Interviews mit Expertinnen und Experten, die nicht nur aus der Forschung, sondern auch aus der Planungspraxis kommen, bezeichnet werden.

Gerade durch seine inspirierende Wirkung macht der Band die Schwierigkeiten deutlich, die eine noch systematischere vergleichende Forschung zu diesem Themenkomplex anzugehen hätte. Dies beginnt bereits bei dem zentralen Begriff der „Suburbanisierung“ und dem Verhältnis zu den Begriffen „Inner Cities“ und „Outer Cities“. Denn die internationalen Begriffsverständnisse von Suburbanisierung sind verschieden. Im deutschen Kontext ist mit Suburbanisierung in der Regel die Verlagerung von Impulsen aus der administrativ abgegrenzten Kernstadt in das angrenzende, administrativ selbstständige Umland angesprochen. Dieses Verständigungsproblem verstärkt sich, wenn die Begriffe für empirische Untersuchungen operationalisiert werden sollen. Hier ist die Frage der administrativen Grenzen zentral. Die Begriffsverwendung der Autorinnen und Autoren, die unter Suburbanisierung vermutlich (ganz klar definiert wird dies nicht) vor allem eine Verlagerung von Entwicklungsimpulsen von der Inner in die Outer Cities verstehen, passt sehr wohl zum Beispiel Amsterdam, das auch die Herausgeber und Herausgeberin betrachten: Innerhalb der administrativen Grenzen der Stadt kann hier eine Inner City von einer Outer City mit Vorstadtcharakter unterschieden werden. Auch im Falle des deutlich größeren London kann ein Inner von einem Outer London unterschieden werden. In Paris jedoch, um hier ein nicht untersuchtes Beispiel zu nennen, sind die Banlieues nicht Teil der administrativen Kernstadt Paris, daher kann nicht ohne Weiteres von einer Inner und Outer City gesprochen werden.

Fast verwirrend wird die Situation, wenn man das im Band untersuchte deutsche Beispiel Berlin heranzieht. Die vorgenommene Unterscheidung der Bereiche im inneren S‑Bahn-Ring als Innenstadtbezirke von den Außenbezirken ist zwar in der Sache plausibel. Die im Band untersuchten Quartiere Ober- und Niederschöneweide und noch mehr die Hufeisensiedlung Britz als Gegenstand aktueller Suburbanisierungstendenzen zu bezeichnen, ist im deutschen Begriffskontext eher irritierend. Als suburbaner Raum wird in der Regel der brandenburgische Speckgürtel um Berlin bezeichnet, nicht aber die Berliner Außenbezirke. Dies mag als Indiz für den fehlenden internationalen Anschluss der deutschen Stadtregionsforschung interpretiert werden. Dennoch müsste ein systematischer Vergleich von Städten auf solche Aspekte der nationalen und gegebenenfalls auch lokalen Begriffskontexte zumindest hinweisen. Wenn solche Fragen administrativer Einheiten aus den stadtmorphologischen Perspektiven, die der Band zum großen Teil verfolgt, weniger interessant sind, so sind sie jedoch bei der Frage des politischen Umgangs mit Phänomenen wie der Gentrification zentral. Aus deren Untersuchung lässt sich letztlich erst ableiten, ob die als Auswahlkriterium der Fallstudien unterstellten Politikmodelle auch verifizierbar sind. Unter theoretischen Aspekten ist weiterhin die Frage nach dem kausalen Zusammenhang von Hyper-Gentrification, Veränderung der Wohnungswirtschaft unter Einbeziehung internationaler Finanzmärkte und von außen gesteuerten Investitionen und der konkreten Form räumlichen Dezentralisierung der Gentrification in dem Band nicht klar formuliert. Das Statement eines Experten für Berlin (S. 153) deutet darauf hin, dass in vielen Fällen ebenso Koinzidenzen wie Kausalitäten vorliegen könnten. Dies freilich sind Ansprüche, die über das selbst gesteckte Ziel der Herausgeber und der Herausgeberin hinausgehen. Dessen ungeachtet hilfreich für eine bessere vergleichende räumliche Orientierung – und trotz der sehr unterschiedlichen Stadtgrößen machbar – wären allerdings in den Text integrierte Kartendarstellungen der Städte gewesen. Sie erfolgten hier sehr heterogen und zum Teil erst im Anhang. Der aus hoher ‚Flughöhe‘ verfasste Epilog – dies schließlich als letzte Kritik – ist zwar äußerst anregend, er kann jedoch einen präganten Quervergleich der Fallstudien nicht ersetzen.

Die kritisierten Punkte machen aber deutlich: Es handelt sich um einen Band, der auch sehr konkrete Perspektiven für die zukünftige stadtregionale Forschung aufzeigt. Um zumindest die Hürden unterschiedlicher Definitionen von Suburbanisierung zu vermeiden, könnte es unter Umständen hilfreich sein, die Forschungen eher unter dem umfassenderen Begriff „Räumliche Dezentralisierung von Gentrifizierung“ voranzutreiben und stärker räumlich unterschiedliche räumliche Muster (z. B. stadtinternes, aber auch stadtgrenzenübergreifendes Waterfront Development) zu differenzieren.

Vollständige bibliographische Angaben des rezensierten Werkes:  
Kaminer, T.; Ma, L.; Runting, H. (Hrsg.) (2023): Urbanizing Suburbia. Hyper-Gentrification, the Financialization of Housing and the Remaking of the Outer European City. Berlin: Jovis. 352 S., 70 Abb.