© by the author(s); licensee oekom 2024. This Open Access article is published under a Creative Commons Attribution 4.0 International Licence (CC BY).
https://doi.org/10.14512/rur.2575
Raumforschung und Raumordnung | Spatial Research and Planning (2024) 82/5: 366–383
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Forschungsbeitrag / Research article

Die „fünfte Suburbanisierung“ – Perspektiven suburbaner Raumentwicklung in den 2020er-Jahren

Stefan Siedentop Contact Info

(1) Fakultät Raumplanung, Technische Universität Dortmund, August-Schmidt-Straße 6, 44227 Dortmund, Deutschland

Contact InfoProf. Dr. Stefan Siedentop 
E-Mail: stefan.siedentop@tu-dortmund.de

Eingegangen: 4. Mai 2024  Angenommen: 2. September 2024  Online veröffentlicht: 18. Oktober 2024

Zusammenfassung  
Deutschland erlebt derzeit eine erneut anziehende Suburbanisierung und eine damit verbundene verstärkte Siedlungstätigkeit im näheren und weiteren Umfeld der Großstädte. Wie sich diese – nachfolgend als „fünfte Suburbanisierung“ in der Geschichte dieses Landes bezeichnete – Entwicklung im Spiegel früherer Phasen der intraregionalen Dekonzentration charakterisieren lässt, ist Gegenstand dieses Beitrages. Die vier historischen Referenzphasen verstehen sich nicht als klar voneinander abgrenzbare und aufeinander folgende Entwicklungen. Ihre Konzeptualisierung ist weniger zeitlich als vielmehr baulich-materiell, sozialräumlich, institutionell, kulturell, ökonomisch und politisch-diskursiv begründet. Es geht um jeweils phasentypische Eigenschaften gebauter Umwelten, um spezifische soziale und ökonomische Treiber, um dominante wohnungs- und planungspolitische Leitorientierungen, soziokulturelle Bedeutungen und Werte sowie um gesellschaftliche Einbettungen und Aushandlungsprozesse. Die suburbane Siedlungsentwicklung der 2020er-Jahre wird sich in einem sowohl sozioökomisch als auch institutionell veränderten Prozessfeld abspielen, wenngleich diesbezüglich noch wenig empirische Erkenntnisse vorliegen. Dementsprechend will dieser Beitrag auch zu einer Diskussion über neue Forschungsdesiderate und realistische Gestaltungsansprüche an die suburbane Raumentwicklung in den 2020er-Jahren aufrufen. Eine historische Kontextualisierung des gegenwärtigen Siedlungs- und Planungsgeschehens wird dabei als wesentlich angesehen.

Schlüsselwörter  Suburbanisierung – Dekonzentration – Raumentwicklung – Raumplanung – Deutschland


The “Fifth Suburbanisation”—Perspectives for suburban spatial development in the 2020s
Abstract  
Germany is currently experiencing a renewed rise of suburbanisation and an associated increase in urban expansion in the peripheries of large cities. How this development—referred to below as the “fifth suburbanisation” in the history of this country—can be characterized in the light of earlier phases of intraregional deconcentration is the topic of this paper. The four historical reference phases are not to be understood as clearly distinguishable and successive developments. Their conceptualization is less temporal than structural-material, socio-spatial, institutional, cultural, economic and political-discursive. The focus is on characteristics of built environments typical of each phase, specific social and economic drivers, dominant housing and planning policies, socio-cultural meanings and values as well as social embedding and negotiation processes. Suburban development of the 2020s will take place in a socio-economically and institutionally changed process field, even though there is still little empirical evidence in this regard. Accordingly, this paper also aims to call for a discussion on new research desiderata and realistic policy designs for suburban spatial development in the 2020s. A historical contextualization of the current development and planning processes is considered essential.

Keywords  Suburbanisation – Deconcentration – Spatial development – Spatial planning – Germany


1  Einleitung

Seit Mitte der 2010er-Jahre wird in Wissenschaft, Politik und Gesellschaft über eine erneut anziehende Suburbanisierung diskutiert (Busch 2016; Hesse/Siedentop 2018; Stawarz/Rosenbaum-Feldbrügge/Sander et al. 2022; Volgmann/Growe/Münter et al. 2022; Deschermeier/Henger/Oberst 2023; Dolls/Lay 2023; Osterhage 2023; Münter/Garde/in der Beck et al. 2024). Die deutschen Metropolen, die in den 2000er- und frühen 2010er-Jahren enorme Binnen- und Außenwanderungsgewinne verbuchten, erleben aktuell eine deutlich gebremste Bevölkerungsentwicklung, in vielen Fällen sogar Einwohnerrückgänge (Rink/Haase/Leibert et al. 2021). Bei Personen mit deutscher Staatsangehörigkeit sind die Wanderungsverluste besonders ausgeprägt (Osterhage/Albrecht 2021). Gleichzeitig erfahren suburbane und ländliche Gemeinden verbreitet Wanderungsüberschüsse (Berlin-Institut/Wüstenrot Stiftung 2022; Osterhage 2023). Die nicht nur in Deutschland viel diskutierte „Reurbanisierung“ (Brake/Herfert 2012; Siedentop 2018a; Dembski/Sykes/Couch et al. 2021) scheint an ein vorläufiges Ende gelangt zu sein. Als mögliche Ursachen werden marktgetriebene Entwicklungen wie die steigenden großstädtischen Wohnkosten (Bauer/Gies/Hoch et al. 2021; Deschermeier/Henger/Oberst 2023) ebenso angeführt wie Veränderungen von Wohn- und Wohnstandortpräferenzen im Kontext der Corona-Pandemie (Dolls/Mehles 2021; Seyfarth/Osterhage/Scheiner 2021; Dolls/Lay 2023). Ähnliche Entwicklungen werden aktuell auch in anderen europäischen Ländern und Nordamerika beobachtet (vgl. z. B. Peiser/Hugel 2022; Vogiazides/Kawalerowicz 2023; Wolff/Mykhnenko 2023).

Diese – häufig als „neue Suburbanisierung“ bezeichnete – Entwicklung (Fina/Osterhage/Rönsch et al. 2019) hat im deutschsprachigen Raum bis dato noch wenig akademische Rezeption erfahren. Dennoch lassen sich einige Anhaltspunkte dafür finden, das Anbrechen einer nicht nur in quantitativer Hinsicht neuen Entwicklungsphase der deutschen Stadtregionen anzunehmen:
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Mit der zunehmenden Durchsetzung digitaler Informations- und Kommunikationstechnologien nimmt die Standortbindung von Produktion, Arbeit, Versorgung und Freizeit weiter ab. Die aktuell beobachtbaren steigenden Binnenwanderungsgewinne peripherer suburbaner und ländlicher Gemeinden (Osterhage/Albrecht 2021; Berlin-Institut/Wüstenrot Stiftung 2022) wie auch die weiterhin zunehmenden Pendeldistanzen der Berufstätigen (Adam/Dugay/Pütz 2024) könnten Ausdruck neuer – digital-technologisch forcierter – residentieller Fliehkräfte sein, die das bisherige territoriale Verständnis von Suburbanisierung sprengen.
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Veränderungen der suburbanen Raumentwicklung könnten auch aus der gesellschaftlichen Verarbeitung einer zunehmend krisengeprägten Gegenwart resultieren. Insbesondere während der Corona-Pandemie waren großstadtkritische Untertöne in der medialen Debatte über die „Zukunft des Städtischen“ unüberhörbar (Höhne/Michel 2021: 142). Auch dies könnte auf Einstellungen und Präferenzen des Wohnens Einfluss nehmen.
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Die aktuelle Suburbanisierung muss schließlich auch im Licht einer entfesselten Finanzialisierung des Wohnens gesehen werden (Heeg 2013). Die krisenhafte Entwicklung der großstädtischen Wohnkosten hat neue Debatten über die Verdrängung einkommensschwächerer Haushalte (Frank 2011; Beran/Nuissl 2019), die soziale Komposition der Stadt-Umland-Wanderung und eine mögliche Suburbanisierung der Armut ausgelöst (Pfaffenbach/Dobusch/Weck et al. 2023; Weck/Dobusch/Pfaffenbach et al. 2023).
Die suburbane Siedlungsentwicklung der 2020er-Jahre wird sich – so eine zentrale Ausgangsannahme dieses Beitrags – in einem sowohl sozioökonomisch als auch institutionell veränderten Prozessfeld abspielen, begründet in der fortschreitenden De- und Multilokalisierung von Arbeit, Konsum und Freizeit sowie einer steigenden und sich ausdifferenzierenden Wohnungsnachfrage, die auf eine zumindest in Teilen wachstumsskeptische Politik und Gesellschaft in Suburbia trifft. Das Ziel dieses Beitrags besteht vor diesem Hintergrund darin, das Neue dieser Entwicklung mittels einer historischen Einbettung aktueller Entwicklungen in suburbanen Räumen Deutschlands hypothetisch herauszuarbeiten. Gefragt wird, wie sich die derzeitige Suburbanisierung, die ich als „fünfte Suburbanisierung“ in der Geschichte der Bundesrepublik bezeichne, im Spiegel früherer Phasen der Dekonzentration charakterisieren lässt. Diskutiert werden die jeweils spezifischen Entstehungsbedingungen und Ausprägungen suburbaner Siedlungsentwicklung. Ich unterscheide dabei eine
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handlungsbezogen prozedural-diskursive Dimension, die eine Betrachtung der gesellschaftlichen Praktiken des Bauens und Wohnens sowie der Aneignung und Deutung von Raum in Suburbia impliziert,
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materiell-physische und soziale Dimension, welche die suburbane Siedlungsentwicklung anhand von baulich-physischen und sozialräumlichen Eigenschaften von Siedlungsräumen und der Eigenart materieller Nutzungsstrukturen adressiert,
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regulativ-institutionelle Dimension, mit welcher die zeitspezifischen Normen und Regulationssysteme, die Machtbeziehungen und rechtlichen Regelungen von Raumproduktion untersucht werden.

Zusätzlich werden auch die in der Wissenschaft vorherrschenden Verständnisse und Deutungen suburbaner Raumentwicklung und ihre Veränderungen im zeitlichen Verlauf reflektiert.

Mein Blick richtet sich demnach nicht nur auf das materielle Ergebnis suburbaner Siedlungstätigkeit im Sinne von jeweils entstandenen Siedlungsstrukturen und prägenden Eigenschaften gebauter Umwelten. Vielmehr soll auch der Wandel in den Entstehungsbedingungen, der Wahrnehmung und Bewertung von Suburbia sowie der vorherrschenden Meinungen über die Ordnung und Gestaltung der suburbanen Raumentwicklung in Politik, Gesellschaft und Wissenschaft reflektiert werden. Eine historische Kontextualisierung des gegenwärtigen Siedlungs- und Planungsgeschehens wird als wesentlich angesehen, die Spezifik aktueller Entwicklungen präziser abbilden zu können und neue Forschungsdesiderate herzuleiten.

Das Aufzeigen von vier historischen Phasen stellt nicht in Abrede, dass suburbane Siedlungsentwicklung auch als ein Kontinuum in dem Sinne angesehen werden kann, dass in suburbanen Räumen in den vergangenen Jahrzehnten durchgängig Prozesse demographischen wie baulichen Wachstums und Wandels, funktionaler Anreicherung und sozialer Ausdifferenzierung stattgefunden haben und dass bestimmte Rahmenbedingungen dieser Prozesse durchgängig Bestand hatten. Mir geht es indes weniger um die Darstellung von graduellen Wandlungsprozessen in suburbanen Siedlungsräumen, wie sie in Lebenszyklus-Betrachtungen bereits eingehend betrachtet wurden (vgl. z. B. BMVBS 2013; Hesse/Polívka/Reicher 2018). In Abgrenzung zu einem linearen Entwicklungsverständnis werden vielmehr die Bedingungen und Ausformungen von jeweils neuen, in einem spezifischen zeitlichen Kontext zu sehenden, morphologisch-funktional, sozialräumlich und institutionell zu differenzierenden Phasen der Dekonzentration herausgearbeitet. Die Charakterisierung der fünften Suburbanisierung muss angesichts des noch begrenzten empirischen Wissensstands allerdings vorläufig bleiben. Sie kann nur mit den Erkenntnissen erster vorliegender Studien argumentieren und muss sich vornehmlich mit einer hypothesengenerierenden Perspektive begnügen, die vor allem darauf abzielt, Forschungsbedarfe zu identifizieren.

Der Beitrag gliedert sich wie folgt: Das nachfolgende Kapitel 2 erläutert einige methodische Vorbemerkungen zum Verständnis von Suburbanisierung, zur Reichweite der vorgenommenen Literaturanalyse und zu inhaltlichen Limitationen des eingeschlagenen Vorgehens. In Kapitel 3 werden die von mir konzeptualisierten Suburbanisierungsphasen eingehend diskutiert. Kapitel 4 fokussiert anschließend auf das aktuelle Suburbanisierungsgeschehen und leitet diesbezügliche Forschungsdesiderate ab. Kapitel 5 schließt mit einem knappen Fazit.


2  Methodische Vorbemerkungen
2.1  Verständnis von Suburbanisierung

In Anlehnung an Friedrichs (1975) verstehe ich Suburbanisierung in diesem Beitrag als intraregionalen Dekonzentrationsprozess, angetrieben durch die „Verlagerung von Nutzungen und Bevölkerung aus der Kernstadt, dem ländlichen Raum oder anderen metropolitanen Gebieten in das städtische Umland bei gleichzeitiger Reorganisation der Verteilung von Nutzungen und Bevölkerung in der gesamten Fläche des metropolitanen Gebiets“ (Friedrichs 1975: 40). Mit dem Verweis auf „Dekonzentration“ und „Reorganisation“ als konstitutive Merkmale lässt sich die Suburbanisierung von der Stadterweiterung abgrenzen, die zwar eine räumliche Expansion des baulichen Weichbildes der Großstadt nach sich zieht, aber keine regionalmaßstäbliche Entwicklung darstellt (ähnlich Häußermann/Läpple/Siebel 2007: 80). Auch Boustedt (1975: 8) argumentiert, dass für die „moderne“ Suburbanisierung nicht in erster Linie die Stadterweiterung von Relevanz ist, sondern die „Dezentralisierung des städtischen Siedlungsgefüges“, ermöglicht durch moderne Verkehrsmittel und insbesondere die private Motorisierung. Infolgedessen sind die im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert entstandenen Villenkolonien und Gartenstädte zwar als Vorläufer der später einsetzenden Suburbanisierung, nicht aber als Suburbanisierung im Sinne eines strukturbestimmenden Prozesses regionalmaßstäblicher Urbanisierung zu verstehen (Jessen 2001). Daher beschränken sich die Ausführungen in Kapitel 3 auf das Suburbanisierungsgeschehen der Moderne als Massenphänomen in stadtregionalen Raumkulissen.

2.2  Inhaltliche Reichweite der historischen Betrachtungen

Der vorliegende Beitrag basiert auf einer breit angelegten interpretativen Literaturanalyse. Diese erfolgte zwar umfassend, aber nicht in dem Sinne, dass in verschiedenen Literaturdatenbanken systematisch mit verschiedenen Stichworten Quellen identifiziert und nach bestimmten Kriterien gefiltert wurden. Mein Fokus liegt auf der deutschen Fachdebatte, wobei zur Einordnung und Reflexion punktuell auch internationale Beiträge berücksichtigt wurden.

Das Anliegen einer umfassenden historischen Kontextualisierung von aktuellen Suburbanisierungstrends ist mit verschiedenen – teils bewusst vorgenommenen, teils erzwungenen – Einschränkungen verbunden. Eine erste Einschränkung betrifft die in diesem Beitrag eingenommene räumlich-zeitliche Perspektive, welche das Suburbanisierungsgeschehen in der Bundesrepublik seit ihrer Gründung und im wiedervereinten Deutschland seit 1990 umfasst. Die Raumentwicklung in der DDR bleibt dagegen unberücksichtigt. Dort setzte die staatliche Planwirtschaft und Wohnungspolitik auf eine Konzentration der Wohnbautätigkeit auf vergleichsweise wenige Bezirks- und Industriestädte, sodass eine Suburbanisierung im Sinne des in Kapitel 2.1 dargelegten Begriffsverständnisses bis Ende der 1980er-Jahre fast vollständig ausblieb. Die in vielen Städten entstandenen Großwohnsiedlungen lassen sich im Gegensatz zu der in Kapitel 3.2 als „zweite Suburbanisierung“ beschriebenen westdeutschen Entwicklung primär als Stadterweiterungen ansehen, da sie größtenteils auf dem Territorium von Groß- und Mittelstädten errichtet wurden. Eine regionale Dimension hat der Großsiedlungsbau der DDR aus meiner Sicht nicht angenommen.

Eine zweite Einschränkung betrifft das Spektrum der Funktionen, welche die Suburbanisierung materiell ausmachen. Dieser Beitrag fokussiert auf das Wohnen, während die Veränderungen der stadtregionalen Standortstrukturen in Industrie, Gewerbe, Dienstleistungen und Einzelhandel nur punktuell angesprochen werden können. Eine umfassende Würdigung dieser für die Entwicklung Suburbias so bedeutsamen Prozesse würde den Rahmen dieses Beitrags schlichtweg sprengen.

Ein dritter Punkt betrifft die Auseinandersetzung mit Entwicklungen innerhalb des suburbanen Raumes. Für das Verständnis von Suburbanisierung als intraregionaler Dekonzentrationsprozess ist das von Boustedt (1970) entwickelte Modell der „Stadtregion“ maßgeblich, mit welchem sich ein dichotomes Verständnis von „Kern“ und „Rand“ etablierte, welches siedlungsstrukturelle, ökonomische und soziale Strukturunterschiede innerhalb des suburbanen Raumes weitgehend ausblendet. Dadurch verfestigte sich allerdings ein statischer Blick auf die bauliche, soziale und politische Realität in Suburbia. Versuche, das Stadtregionsmodell an neue siedlungsstrukturelle Realitäten anzupassen, blieben weitgehend ohne fachliche Resonanz (Siedentop 2018b). Gleiches gilt für die Überwindung des einseitig ökonomischen Blicks auf stadtregionale Austauschbeziehungen (Davoudi 2020). So wird die Stadtregion bis heute als ökonomischer Funktionalraum verstanden, während umwelt- oder stoffstrombezogene Konzeptualisierungen von „Region“ nur wenig Beachtung fanden. Wenn im Folgenden häufig von Entwicklungen in Kernstadt und Umland die Rede ist, bin ich mir der Beschränktheit dieses Vorgehens bewusst. Standortbezogene Ausdifferenzierungen innerhalb von Suburbia werden indes insbesondere in der Darstellung der Suburbanisierungsphasen seit den 1970er-Jahre angesprochen.

2.3  Quantitative Daten zur Suburbanisierung in Deutschland

Die in diesem Beitrag vorgenommene Darstellung von vier historischen Suburbanisierungsphasen in Deutschland ist qualitativ angelegt. Eine durchaus wünschenswerte empirisch-quantitative Einordnung dieser Phasen ist im Hinblick auf das in Deutschland begrenzte Angebot an langen Zeitreihen der amtlichen Statistik nur sehr eingeschränkt möglich. Gebietsstandbereinigte Daten zur Bevölkerungsentwicklung liegen auf Gemeindeebene nur teilweise vor. Dennoch soll hier der Versuch einer Annäherung an die komplexen Dynamiken suburbaner Raumentwicklung im zeitlichen Längsschnitt unternommen werden, um das ‚materielle Gewicht‘ unterschiedlicher Suburbanisierungsepochen zumindest grob einschätzen zu können. Dazu greife ich auf eine simple Gegenüberstellung von Kernstadt und Umland nach dem Modell der „Großstadtregionen“ des Bundesinstituts für Bau‑, Stadt und Raumforschung (BBSR) zurück, deren begrenzte Aussagekraft im vorangegangenen Kapitel angesprochen wurde.

Die dabei zum Einsatz kommende Verwendung eines einheitlichen Gebietsstandes hat den Vorteil, dass es nicht zu statistischen Verzerrungen durch Eingemeindungen oder Zusammenlegungen von Gemeinden kommt. Ein Nachteil ist jedoch, dass damit der Einsatz einer fixen Abgrenzung von Stadtregionen – hier wurde der Gebietsstand 2022 zugrunde gelegt – erzwungen wird. Dadurch wird ein Raum als „suburban“ bezeichnet, der in den 1960er- oder 1970er-Jahren möglicherweise noch ländlich geprägt war. Somit wird die frühe Suburbanisierung („erste Suburbanisierung“) in ihrer Intensität vermutlich leicht unterschätzt, da der unterstellte stadtregionale Verflechtungsraum weitaus größer ausfällt, als er faktisch in dieser Zeit ausgebildet war. Hinzu kommt, dass umfangreiche Eingemeindungen der westdeutschen Kernstädte in den 1970er-Jahren und der ostdeutschen Kernstädte nach 1990 dazu geführt haben, dass die Bevölkerungsentwicklung am Rande der Großstädte in Teilen nicht mehr als Suburbanisierung im statistischen Sinne gelten konnte.

Die Abbildung 1 und 2 zugrundeliegenden Daten basieren auf frei zugänglichen Daten der Laufenden Raumbeobachtung des BBSR und der Europäischen Statistikbehörde Eurostat. Die Angaben beruhen – wie zuvor ausgeführt – auf einer gebietsstandbereinigen Datenbasis zum Stand des Jahres 2022. Für die Kernstädte und das Umland der BBSR-Großstadtregionen wurden die jährlichen mittleren prozentualen Veränderungen der Bevölkerungszahl für die Zeiträume 1961-1971, 1971-1981, 1981-1991, 1991-2000, 2000-2011 und 2011-2021 (jeweils auf den 1. Januar bezogen mit Ausnahme des Jahres 2021, in dem der 31. Dezember das Referenzdatum ist), differenziert nach West- und Ostdeutschland, berechnet. Die dynamische Trendkurve ist Ergebnis einer selbst vorgenommenen schätzenden Interpolation, basierend auf den gemessenen Werten für die Zeiträume.
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Abbildung 1 Trendkurve der stadtregionalen Bevölkerungsentwicklung in Westdeutschland seit 1961
Quelle: eigene Berechnungen auf der Grundlage von Daten der Laufenden Raumbeobachtung des BBSR sowie von Eurostat

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Abbildung 2 Trendkurve der stadtregionalen Bevölkerungsentwicklung in der DDR/Ostdeutschland seit 1961
Quelle: eigene Berechnungen auf der Grundlage von Daten der Laufenden Raumbeobachtung des BBSR sowie von Eurostat

In Abbildung 1 zeigt sich, dass die jährlichen Wachstumsraten der suburbanen Bevölkerung in Westdeutschland in den 1960er-Jahren am höchsten waren („erste Suburbanisierung“), gefolgt von einem weiteren Peak in den 1990er-Jahren („vierte Suburbanisierung“). Dies drückt sich auch in absoluten Zahlen aus: So wuchs der suburbane Raum in den 1960er-Jahren um schätzungsweise 3,4 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner (EW) und im Zeitraum 1991 bis 2000 um circa 2,4 Millionen EW. Deutlich schwächer stellt sich das westdeutsche Suburbanisierungsgeschehen der 1970er- und 1980er-Jahre („dritte Suburbanisierung“) mit einem Bevölkerungszuwachs des Umlandes von insgesamt lediglich 2,7 Millionen Menschen über den gesamten Zeitraum dar. Dieser Zeitabschnitt ist dennoch markant, da die Kernstädte hier eine tiefgreifende sozioökonomische Krise erlebten, die sich in einer stark polarisierten Bevölkerungsentwicklung von Kernstadt und Umland artikulierte.

Zwischen 2011 und 2021 – einem Zeitraum, in dem die neue („fünfte“) Suburbanisierung eingesetzt hat – wuchs der suburbane Raum um knapp 1,2 Millionen Menschen, was deutlich höher liegt als der im gleichen Zeitraum ausgewiesene Bevölkerungszuwachs der westdeutschen Kernstädte mit etwa 950.000 Personen. In Ostdeutschland blieb die Suburbanisierung mit Ausnahme der frühen Nachwendezeit aus. Über den gesamten Zeitraum zwischen den frühen 1960er-Jahren und heute verloren die Umlandräume der ostdeutschen Großstädte in der Abgrenzung der aktuellen BBSR-Großstadtregionen über 1,7 Millionen Menschen. Dagegen wuchsen die Kernstädte um etwa 370.000 Menschen. In Anbetracht der letzten Jahre lässt sich die anziehende Bevölkerungsentwicklung in Suburbia im Osten Deutschlands allerdings ebenso deutlich als Trend ausmachen, wie dies für den Westen der Fall ist (Abbildung 2).


3  Vier historische Phasen der Suburbanisierung in Deutschland

In diesem Kapitel werden nun die diskursiven, materiell-physischen, sozialräumlichen und regulativ-institutionellen Eigenschaften von vier historischen Phasen der Suburbanisierung diskutiert, um als Referenz für die Bewertung aktueller Entwicklungen in Suburbia (Kapitel 4) dienen zu können.

3.1  „Erste Suburbanisierung“: massenhafter Wohnungsbau in Wirtschaftswunderzeiten

Was heute als „klassische“ Suburbanisierung (Burdack 2001: 188) verstanden wird, setzte in Westdeutschland Ende der 1950er-Jahre ein und endete mit der ersten schweren Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit zu Beginn der 1970er-Jahre. Das robuste Wirtschaftswachstum in den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg ging mit starken Wohlstandsgewinnen der Bevölkerung und einer expansiven Güternachfrage auch in mittleren und unteren Einkommensgruppen einher, welche eine auf standardisierte Massenproduktion ausgelegte Industrie zunehmend bedienen konnte. Diese erste Phase der Suburbanisierung war durch das Vorherrschen eines allgemeinen Fortschrittsglaubens geprägt, eingebettet in weitgehende Vollbeschäftigung und einen umfassenden Wohlfahrtsstaat.

Die zu Beginn der 1950er-Jahre noch prekäre Wohnungsversorgung konnte durch den von staatlicher Seite massiv geförderten Wohnungsbau zügig verbessert werden. Dominierte zunächst noch der (soziale) Mietwohnungsbau in den Großstädten, verlagerte sich das Wohnungsbaugeschehen im Verlauf der 1950er- und frühen 1960er-Jahren – forciert durch die Liberalisierung der Wohnungspolitik während der zweiten Hälfte der 1950er-Jahre und die Förderung von „Familienheimen“ – mehr und mehr hin zum Bau von Ein- und Zweifamilienhäusern und zur Ausweitung des selbst nutzenden Wohneigentums (Harlander 2018; Zimmermann 2001). Mit der einsetzenden Massenmotorisierung wurden die Voraussetzungen für die Randwanderung der Bevölkerung geschaffen (Jessen 2001). Der Ausbau der Straßennetze machte dabei auch preisgünstigere Standorte abseits der schienenverkehrserschlossenen Achsenräume für die Siedlungsentwicklung attraktiv. Doch ungeachtet der Verbesserung der flächenhaften Erreichbarkeit durch die Motorisierung vollzog sich die erste Suburbanisierung vornehmlich im engeren Umland der Kernstädte. Neben dem Ausbau der Verkehrsinfrastrukturen hat auch die massive Subventionierung des Wohnungsneubaus (u. a. in Form von Steuernachlässen) zum suburbanen Wachstum beigetragen (Häußermann/Läpple/Siebel 2007: 85).

In baulich-morphologischer Hinsicht dominierten gering verdichtete Siedlungsformen in monofunktionalen Gebietsentwicklungen diese erste Suburbanisierung, auch wenn es bereits in den 1960er-Jahren vereinzelt verdichtete Bauformen mit differenzierteren Typologien des Eigenheimbaus gab (Jessen/Simon 2001). Die Größe der neu entstandenen Eigenheimsiedlungen war meistens eher gering, eher selten kam es zu großflächigen Entwicklungen. Typisch war eine weitgehend „unkoordinierte Erweiterung in kleinen Schritten“ (Jessen/Simon 2001: 352) bei weitgehender Abwesenheit einer strategischen Entwicklungsplanung. Der Einsatz regulativer Instrumente beschränkte sich auf wenige baulich-infrastrukturelle Vorgaben. Ansonsten folgten die Gemeinden den Marktbewegungen. Diese Phase der „Auffangplanung“ (Albers 1969: 12) und eines „additiven Städtebaus“ (Jessen/Simon 2001: 352) war von einfachen Angebotsplanungen geprägt, die häufig der Hand von freien Architektinnen und Architekten und spekulativ handelnden lokalen Entwicklungsträgern entstammten (Neuffer 1964 [1995]). Gebietsentwicklungen waren zumeist nicht oder nur mit minimalen Standards an den öffentlichen Personenverkehr angebunden. Auch fehlt es dieser ersten Generation suburbaner Siedlungen häufig an elementaren infrastrukturellen Ausstattungen.

Die frühe wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Suburbanisierung war primär deskriptiver Natur. Dominant war ein sozialökologisches, eher apolitisches Verständnis von Suburbanisierung als Ergebnis eines quasi-natürlichen, von individuellen Präferenzen geleiteten Reagierens privater Haushalte auf die Nachteile der Großstadt. Einem beinahe mechanistisch anmutenden Verständnis folgend wurde die Entstehung des suburbanen Raumes als eine mehr oder weniger zwingende Folge der Urbanisierung, als „natürliche Ausgleichstendenz gegen eine offensichtlich übermäßige Konzentration“ (Gatzweiler/Schliebe 1982: 911), als „Gegendruck“ gegen die „Überfüllung“ der Großstädte verstanden (Boustedt 1975: 2–3).

Suburbanisierung galt im Sinne der „Entballung“ demgemäß als eine raumordnungspolitisch gewollte Konsequenz des Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstums bei begrenzter Absorptionskapazität in den Großstädten (SARO 1961: 56; Mäding 2017). Das 1965 verabschiedete Raumordnungsgesetz richtete sich demgemäß explizit gegen eine Verdichtung mit „ungesunden räumlichen Lebens- und Arbeitsbedingungen“ (§ 2 Abs. 1 Nr. 6 ROG). Die 1962 erlassene Baunutzungsverordnung sah mit Obergrenzen für die Geschossflächenzahl eine Begrenzung der Bebauungsdichte vor. Eine aktive Wachstumsbegrenzung in den urbanen Kernen, wie sie beispielsweise in England in den 1950er- und 1960er-Jahre mit regionalen Grüngürteln und industriellen Ansiedlungsverboten verfolgt wurde, gab es in Westdeutschland aber nicht.

3.2  „Zweite Suburbanisierung“: suburbaner Großsiedlungsbau

Die eher kurze Phase einer „zweiten Suburbanisierung“ setzte als Reaktion auf die dominante Praxis des gering verdichteten und nutzungstrennenden – häufig als „anti-urban“ bewerteten – Städtebaus der Nachkriegszeit ein. Zeitlich kann sie von Anfang der 1960er- bis Mitte der 1970er-Jahre verortet werden. Begleitet von Debatten über eine „Urbanität durch Dichte“ und „Gesellschaft durch Dichte“ wurden in den 1960er-Jahren Neubausiedlungen, häufig als Komplexbebauung („Großwohnkomplexe“) in suburbaner Lage errichtet, die eine „Rückkehr zur Urbanität“ ermöglichen sollten (Krämer 2007: 110). Diese Phase markiert eine Abkehr von dominanten Leitvorstellungen der städtebaulichen Moderne wie Nutzungstrennung, Auflockerung und Durchgrünung von Städten. Stattdessen wurden Forderungen nach einer dichteren Stadt (Beckmann 2015) mit einer „neuen, echten“ Urbanität (Salin 1960: 34) laut. Eine neue Generation junger Architektinnen und Architekten verwies auch unter dem Eindruck nordamerikanischer Debatten auf die Bedeutung von sozialer Dichte und kleinräumiger Nutzungsmischung (vgl. Boeddinghaus 1995). Zugleich war der Städtebau dieser Zeit in besonderer Weise von Fortschrittsglauben und Technikeuphorie gekennzeichnet.

Bemerkenswert erscheint indes, dass sich der eingeforderte städtebauliche „Umdenkprozess“ (Krämer 2007: 106) auf Argumente stützte, die auch heutige Diskussionen um eine nachhaltige Raumentwicklung prägen. So verwies Kühn (1963 [1995]: 22) auf das Erfordernis eines „Zusammenrückens“ zum Schutz von „Land und Boden“ sowie die Bedeutung „kurzer Wege“ in verdichteten Siedlungsstrukturen. Allerdings formierte sich der Slogan der „Urbanität durch Dichte“ nie als ein in sich geschlossenes programmatisches Konzept (vgl. Boeddinghaus 1995).

Entgegen den frühen Vorstellungen von „Urbanität durch Dichte“ entstanden in den 1960er- und 1970er-Jahren monofunktionale Großsiedlungen in großstädtischer Randlage und in Gemeinden des ersten Umlandrings der Großstädte. Der verbreitete Begriff der „Trabanten“ zeigt jedoch, dass der funktionale Bezug zur Kernstadt stets eng blieb. Bautypologisch finden sich in den entsprechenden Siedlungen eine Vielzahl von unterschiedlichen Wohnungstypen. Neben Geschosswohnungen fanden auch Reihenhäuser und Einfamilienhäuser Berücksichtigung. Es wurde mit neuen „kollektiven“ Wohnformen experimentiert (Beckmann 2015: 18). Auch die Siedlungen der zweiten Suburbanisierung waren oft suboptimal an den öffentlichen Personenverkehr angebunden und die sozialen Versorgungseinrichtungen beschränkten sich nicht selten auf das Minimale.

Durch seine sehr spezifischen ökonomischen und institutionellen Herstellungsbedingungen, aber auch durch die solitäre Standortwahl der Vorhaben am Großstadtrand sowie in benachbarten Umlandgemeinden, lässt sich der Großsiedlungsbau dieser Jahre als eigenständige, als „geplante Suburbanisierung“ (Häußermann/Siebel 1997: 40) begreifen. Dafür spricht auch, dass das Gebaute nicht auf den bestehenden städtebaulichen Kontext Rücksicht nehmen musste und bewusst autonom geplant wurde (Krämer 2007). Aber bereits in den 1960er-Jahren setzte zum Teil heftige Kritik an den entstandenen Großsiedlungen als vermeintlich inhumane Bauform ein. Kritisiert wurde eine „auf räumlich-technische Kategorien verkürzte Auffassung“ von Urbanität (Siebel 2018: 2756) und eine Praxis einer ökonomisch motivierten „maßlosen Vergrößerung der Baumassen“ und Erhöhung der Geschosszahlen (Krämer 2007: 110). So blieb der Großsiedlungsbau ein Phänomen weniger Jahre (Beckmann 2015).

Auch diese zweite Suburbanisierung vollzog sich weitgehend ohne eine raumordnungspolitische Rahmung. Zwar kamen im akademischen Raum durchaus Forderungen nach einer regionalen Raumordnung auf. Verwiesen sei auf erste Überlegungen zur Entwicklung einer „Flächenstadt im regionalen Maßstab“ (Neuffer 1964 [1995]: 153) mit „städtischen Subzentren“, die keine „Schlafsiedlungen“ sein sollten (Neuffer 1964 [1995]: 148) und entsprechenden Reformen der staatlich-kommunalen Verwaltungsgliederungen (Neuffer 1964 [1995]: 148). Auf die geübte Praxis des Städtebaus hatte dies jedoch keine nennenswerte Auswirkung. So ging die Planung von Großsiedlungen allein durch projekthafte Masterpläne vonstatten, die mehr oder weniger in städtische Strukturkonzepte eingebunden waren.

Es ist ein tragisches Erbe dieser zweiten Suburbanisierung, dass ‚Dichte‘ ein bis heute umstrittenes Anliegen des suburbanen Städtebaus geblieben ist, denn Siedlungen der 1960er- und 1970er-Jahre wurden in Debatten über flächensparsamere Siedlungsformen immer wieder – und häufig zu Unrecht – als negative Referenz für die Qualität und Akzeptanz verdichteter Bauformen herangezogen.

3.3  „Dritte Suburbanisierung“: Randwanderung in der urbanen Krise

Eine dritte Phase der Suburbanisierung begann in den eher wachstumsschwachen 1970er-Jahren und endete in der Wendezeit 1989/1990. Diese Phase der raumstrukturellen Entwicklung wird häufig auch als „verlangsamte Stadtentwicklung“ (Jessen 2001: 321) bezeichnet, da sich das Bevölkerungswachstum in den 1970er- und 1980er-Jahren stark abschwächte und auch das wirtschaftliche Wachstum an Dynamik verloren hatte (Gatzweiler/Schliebe 1982). Mit der vergleichsweise geringen demographischen Dynamik dieser Zeit ging die Suburbanisierung „auf Schleichfahrt“ (Aring 2004: 109), wobei die Dekonzentration von Bevölkerung und Wirtschaft allerdings entwicklungsbestimmend blieb. Prägend für diese Phase ist vor allem die krisenhafte Entwicklung der städtischen Ökonomien in Form einer massiven Deindustrialisierung, was düstere Projektionen einer Auflösung des Städtischen und „Entleerung“ der Großstädte (Heuer 1977: 210) nach sich zog.

In diskursiver Hinsicht sind die 1970er-Jahre durch eine zunehmende Politisierung der Raumentwicklung geprägt, da erste schwere Rezessionen und die aufkommende Massenarbeitslosigkeit verstärkte Verteilungskonflikte, insbesondere zwischen Kernstädten und ihrem Umland, hervorriefen (Gatzweiler/Schliebe 1982). Die Gemeindefinanzreform Ende der 1960er-Jahre hatte dazu geführt, dass kernstädtische Wanderungsverluste unmittelbare steuerliche Einkommensverluste nach sich zogen, wodurch die fiskalische Konkurrenz zwischen Kernstädten und Umlandgemeinden spürbar wuchs (Jessen/Meinecke/Siebel et al. 1978; Kreibich 1981). Erste Beobachtungen einer Gentrifizierung in den Innenstädten großer Städte (Häußermann/Siebel 1987) lösten Diskussionen über eine Verdrängung einkommensschwächerer Haushalte in die Peripherie – insbesondere die Großsiedlungen – aus. War die erste Suburbanisierung noch als wohlstandsgetriebene Entwicklung verstanden worden, getragen durch eine expandierende Mittelschicht, richtete sich nun der Blick auf einen veränderten sozialen Mix der ins Umland wandernden Haushalte.

In räumlicher Hinsicht ist die dritte Suburbanisierung durch ein starkes Ausgreifen der Randwanderung in ländliche Räume geprägt (Gatzweiler/Schliebe 1982), was in Teilen der Literatur auch als De- oder Counterurbanisierung bezeichnet wurde (vgl. z. B. Vogelsang/Kontuly 1986). Stagnationsprozesse erfuhren nun nicht mehr nur die Kernstädte, sondern auch das verdichtete Umland, welches noch in den 1960er-Jahre ein stürmisches Wachstum verzeichnet hatte. Prägend für diese Zeit war eine räumlich diffuse Siedlungsentwicklung, die sich als intraregionale und interregionale Dekonzentration äußerte und durch eine immer mobilere Bevölkerung mit immer entfernungstoleranteren Lebensstilen getragen war. Das Eigenheim in unterschiedlichen Graden der Verdichtung war die dominante Form des Wohnungsbaus der dritten Suburbanisierung.

Als ein wichtiger Faktor dieser räumlich erweiterten Suburbanisierung wurde die Verlagerung von Unternehmen und Arbeitsplätzen aus den Großstädten in das nähere und fernere Umland bewertet (Kiehl/Panebianco 2002). Neben dem produzierenden Gewerbe siedelten sich auch höherwertige Dienstleistungen und Einzelhandelsnutzungen zunehmend im näheren und weiteren Umland an (Brake 2001), wenngleich sich die Suburbanisierung des tertiären Sektors erst in den 1990er-Jahren voll entfaltete. Nichtsdestotrotz lässt sich die dritte Suburbanisierung als Beginn einer sukzessiven Verdichtung und Nutzungsanreicherung lesen, die zur Entstehung ‚städtischer‘ Formen im funktionalen Sinne führte, ohne ‚Stadt‘ nach herkömmlicher Vorstellung zu sein.

In die dritte Suburbanisierung fällt auch die Formierung eines aktiven Steuerungsanspruchs der Siedlungsentwicklung durch die staatliche Raumordnung (vgl. hierzu auch Kapitel 2). Die sich in den 1980er-Jahren verstärkt um ökologische Belange bemühende überörtliche Planung (Schmidt 1991) orientierte sich nun verstärkt an der Leitvorstellung einer Konzentration der Siedlungsentwicklung auf Zentren und Siedlungsachsen sowie auf den Schutz von Freiräumen (ARL 1980). In dieser Zeit entstand ein differenziertes regulatives Instrumentarium, welches die Praxis der Landes- und Regionalplanung in Teilen bis heute prägt. Institutionelle Reformen der stadtregionalen Administration – z. B. im Sinne der Etablierung einer „Regionalstadt“ (Leibholz/Lincke 1974) – blieben bis auf wenige Ausnahmen hingegen weitgehend aus und die Konsequenz raumordnerischer Steuerung blieb insgesamt eher halbherzig. So erscheint die politische Praxis der suburbanen Raumproduktion in der dritten Suburbanisierung widersprüchlich. Sie war einerseits getragen vom Anspruch einer raumordnungspolitischen Gestaltung, andererseits aber auch von einem faktischen Laissez-faire gegenüber kommunalen Entwicklungsbestrebungen und einer direkten oder indirekten Förderung suburbaner Siedlungsentwicklung durch Wohneigentumsförderung und Infrastrukturausbau.

In der Suburbanisierungsforschung vollzog sich in den 1970er- und 1980er-Jahren ein erster Paradigmenwechsel mit einer Abwendung von sozialökologisch-evolutionistisch geprägten Erklärungen und einem Bedeutungsgewinn von Theorien der politischen Ökonomie des Urbanen. Diese lehnten ein Verständnis von Raum- und Stadtentwicklung als natürlichen, organischen Prozess der Standortkonkurrenz ab und forderten die Betrachtung von urbanen Entwicklungen in ihren gesamtgesellschaftlichen und insbesondere politisch-ökonomischen Zusammenhängen. Dies artikulierte sich mit Verweisen auf einen spezifisch ‚fordistischen‘ Modus der Raumproduktion (vgl. ausführlich Ipsen 1987; Läpple 2005). Als prägend wurden insbesondere ein hohes Maß an „funktionaler Zonierung des Raumes“, die Rationalität raumbezogener Arbeitsteilung und die funktionale Integration des Umlands großer Städte angesehen (Ipsen 1987: 119). In dieser Zeit entwickelte sich aber auch die ökologische Kritik an suburbanen Siedlungsweisen, gepaart mit der Forderung nach der Bewahrung von Kompaktheit und Nutzungsmischung der „Europäischen Stadt“. Diese Kritik konnte sich zwar auf stichhaltige Argumente wie die hohe Flächeninanspruchnahme, die Autoabhängigkeit der suburbanen Bevölkerung oder kostenintensive Infrastruktursysteme berufen, blieb in ihren Lösungsvorschlägen aber allzu oft eindimensional und wirklichkeitsfremd. Die normative Ablehnung des suburbanen Städtebaus blieb bis in die 1990er-Jahre intellektueller Mainstream und hat eine vorbehaltlose wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den in Suburbia stattfindenden Prozessen zweifelsohne behindert (Hesse/Kaltenbrunner 2005).

3.4  „Vierte Suburbanisierung“: Abkehr von der „Europäischen Stadt“

Nach einem kurzen, aber kräftigen Großstadtwachstum Ende der 1980er-Jahre entfachte das starke Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum der ersten Nachwendejahre eine markante – erstmals gesamtdeutsche – Suburbanisierungswelle. Prägend für diese vierte Dekonzentrationsphase war eine neoliberale Grundstimmung in Politik und Gesellschaft mit Narrativen der Vorzüge ‚freier Marktkräfte‘ und Forderungen nach Marktliberalisierung und Privatisierung, Eigentumsorientierung und grundsätzlicher regulativer Zurückhaltung seitens des Staates (vgl. die Debatte um den „Gewährleistungsstaat“ in Franzius 2003). So wurde der angespannten Situation der Wohnungsmärkte vor allem mit steuerlichen Anreizen begegnet (Bernt/Volkmann 2024), was in einen stark ansteigenden Wohnungsneubau vor allem im Umland der Städte mündete.

Wenn hier von einer ersten gesamtdeutschen Suburbanisierung die Rede ist, dürfen gravierende Unterschiede zwischen Ost und West nicht übersehen werden. So war die frühe Suburbanisierung in den neuen Bundesländern zunächst durch das Gewerbe und den Einzelhandel bestimmt, während die Randwanderung der Bevölkerung erst zeitversetzt an Gewicht gewann (Bernt/Volkmann 2024). Aufgrund spezifischer steuerrechtlicher Rahmenbedingungen kam es zu einem deutlichen Überangebot an verdichteten Wohnformen („Wohnparks“), was zu Bewertungen einer induzierten, von der Nachfrage entkoppelten Suburbanisierung führte (Aring/Herfert 2001; Nuissl/Rink 2005; Bernt/Volkmann 2024). Die sich in den neuen Ländern erst formierende Raumordnungspolitik, deren Institutionalisierung im Vergleich zum früheren Bundesgebiet zudem deutlich liberaler erfolgte, konnte diesem Prozess nicht entscheidend Einhalt gebieten. Die ostdeutsche Suburbanisierung der 1990er-Jahre unterlag daher nur bedingt einer planungspolitischen Gestaltung (Herfert 2002).

In räumlicher Hinsicht steht die vierte Suburbanisierung für eine weitere Maßstabserweiterung der Dekonzentration (Gans 2005). Noch weitaus stärker als in den 1970er- und 1980er-Jahren erfolgte das suburbane Bevölkerungs- und Beschäftigungswachstum räumlich diffus, auch peripherere Räume einbeziehend. Neben einer weiter zunehmenden Motorisierung hat auch der Ausbau der stadtregionalen Schieneninfrastruktur dazu beigetragen. In Bezug auf die Bautypologie war die suburbane Entwicklung in dieser Phase eher heterogen. Insbesondere in der ersten Hälfte der 1990er-Jahre wurde in Suburbia auch verdichtet gebaut (insbesondere in Ostdeutschland), was dann aber mehr und mehr vom Einfamilienhausbau abgelöst wurde. Letzteres ist auch Ausdruck einer in dieser Phase zunehmenden Fiskalisierung suburbaner Baulandpolitiken, mit denen Kommunen den Zuzug junger Familien mit Eigentumsbildungswunsch aktiv anreizen. Das Wohnungsangebot in Suburbia ist über die 1990er-Jahre hinweg dennoch deutlich vielfältiger geworden (Aring 2001; Aring 2003). Die vierte Suburbanisierung wurde zudem auch von der Umlandwanderung des tertiären Sektors geprägt. Profitieren konnten davon insbesondere kernstadtnahe Umlandgemeinden, unabhängig von ihrer zentralörtlichen Einstufung (Karsten/Usbeck 2001).

Die 1990er- und frühen 2000er-Jahre markieren im Rückblick eine markante Perspektivenverschiebung in der wissenschaftlichen und politischen Auseinandersetzung mit der Suburbanisierung. Wie im vorangegangenen Kapitel ausgeführt, wurde die (anhaltende) Kritik an der Landschaftszersiedelung zunehmend von Stimmen überlagert, die eine konstruktive Befassung mit den Eigenschaften und Potenzialen suburbaner Räume anmahnten (Sieverts 1997). Nun wurde die Bereitschaft eingefordert, „alte Wahrnehmungs- und Bewertungsmuster“ infrage zu stellen und das Paradigma der „europäischen Stadt“ aufzugeben (Sieverts 2004: 14). Anstelle einer pauschal ablehnenden Haltung und restriktiver Planung solle ein Anspruch auf behutsame Weiterentwicklung verfolgt werden (Bölling/Sieverts 2004). Dies verbindet sich mit analytischen Auseinandersetzungen mit dem ‚Neuen‘ der suburbanen Siedlungsstruktur und Hinweisen auf das ‚Andersartige‘ im Vergleich zu traditionellen Vorstellungen von Suburbia als gering verdichtet, sozial homogen und funktional abhängig. Inspiriert durch nordamerikanische Debatten wurden auch in Deutschland Möglichkeiten einer „nachholenden“ Urbanisierung und einer spezifisch „suburbanen Urbanität“ diskutiert, welche auch Perspektiven des Um- und Rückbaus bestehender Strukturen einschloss (Sieverts 2004: 19; Jessen/Roost 2015).

In der Grundlagenforschung setzten sich zunehmend Theorien postmoderner Urbanisierung durch, welche neue Modelle einer polyzentrischen, netzartig organisierten Siedlungsstruktur („Post-Suburbia“) propagierten (Hesse/Schmitz 1998). Mit diesen konnte die suburbane Raumentwicklung deutlich realitätsnäher beschrieben werden (Hall/Pain 2006; Danielzyk/Münter/Wiechmann 2016; Hesse 2018). Schon Ende der 1980er-Jahre spekulierte Ipsen (1987: 127) über die Entstehung eines „polyzentrischen Netzes“, einer „Auflösung“ des Zentrum-Peripherie-Verhältnisses und eines Systems „zahlreicher miteinander konkurrierender Raumpunkte“. Heute kann es als Konsens gelten, dass mit dem Übergang zu flexibleren Produktions- und Organisationsformen („Post-Fordismus“), einer forcierten Globalisierung und ausdifferenzierten Lebensstilen die Herausbildung zu einer neuen „post-suburbanen“ Form verbunden war, die durch flache Dichtegradienten, funktionale und soziale Anreicherungsprozesse in Suburbia sowie eine polyzentrisch-disperse Struktur gekennzeichnet ist (Danielzyk/Münter/Wiechmann 2016). Der Postsuburbia-Diskus (Burdack 2001) markierte die endgültige Loslösung von der Dichotomie einer ‚Stadt‘ und eines von dieser abhängigen ‚Umlandes‘ zugunsten der Vorstellung eines symbiotischen, arbeitsteiligen Verhältnisses verschiedener stadtregionaler Standorttypen im Sinne einer „regionalen Urbanisierung“ (Frank 2011; Volgmann/Growe/Münter et al. 2022).

Ungeachtet dieser akademischen Debatten erlebten klassische Vorstellungen der Raumordnungspolitik wie die „dezentrale Konzentration“ und „punkt-axiale Konzentration“ in der Nachwendezeit zunächst eine ungeahnte Renaissance (Gatzweiler 1994; Stiens 1997). In Städtebau und Wohnungswesen stießen neue Konzepte „nachhaltiger Stadtentwicklung“ und „Innenentwicklung“ auf hohe Zustimmung in Politik und Öffentlichkeit (BfLR 1996). Zugleich wurde die grundsätzliche Steuerungsfähigkeit der Raumentwicklung mehr und mehr infrage gestellt, verknüpft mit Forderungen nach neuen politischen Formen des Regionalen (Sieverts 2004). Die Raumordnung musste anerkennen, dass ihre Prinzipien der Ausrichtung auf Zentrale Orte und Entwicklungsachsen immer weniger mit der Realität in Einklang zu bringen waren (Siedentop/Kausch/Einig et al. 2003). Die 1990er-Jahre stehen auch für das Aufkommen eines Governance-Diskurses, der jenseits regulativer staatlicher Interventionen neuartige, nichthierarchische Koordinationsformen des Handels von Akteuren der Raumentwicklung in den Mittelpunkt rückte (Zimmermann/Feiertag 2022). In diesem Kontext kamen neue institutionelle Ansätze wie etwa „Regionalkonferenzen“ oder „Städtenetze“ sowie „Metropolregionen“ auf (Bundesministerium für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau 1995), mit denen kommunale und regionale Akteure Prozesse der Raumentwicklung kooperativ zu gestalten suchten. Indes blieb das staatliche Handeln weiter bedeutsam, insbesondere in Bezug auf raumwirksame Förderpolitiken. So wurde die Wohneigentumsbildung und das Berufspendeln weiterhin massiv gefördert (vgl. z. B. Arbeitsgruppe Wirkungsanalyse Eigenheimzulage 2002), wovon suburbane Räume überdurchschnittlich partizipiert haben dürften.

Die vierte Suburbanisierung endet in den frühen 2000er-Jahren mit einer weitgehenden Entspannung der stadtregionalen Wohnungsmärkte und einer zunehmenden Wanderungsneigung insbesondere von jüngeren Menschen zugunsten der Großstädte (Hallenberg 2002; Siedentop 2008), im Osten deutlich früher als im Westen (Herfert 2002). Es folgte eine massive Reurbanisierung, welche durch die hohe Flächenverfügbarkeit in den Kernstädten ebenso begünstigt wurde wie durch stark besetzte Kohorten der Bildungs- und Berufseinstiegswandernden (Siedentop 2018a). Das zentrale Erbe der vierten Suburbanisierung ist eine Ent-Ideologisierung der Fachdebatte über Suburbia und die fachliche Anerkennung eines spezifisch auf suburbane Siedlungen gerichteten Gestaltungs- und Erneuerungsbedarfes.


4  Konturen und Forschungsdesiderate einer „fünften Suburbanisierung“

Wie ich einleitend ausgeführt habe, liegen zu den sozioökonomischen Eigenschaften des aktuellen Suburbanisierungsgeschehens und seiner diskursiven und institutionellen Einbettung sowie baulich-materiellen Ausformung noch wenig Erkenntnisse vor. Bislang dominieren datenbasierte Prozessbeschreibungen, die das Ausmaß von Wanderungsverlusten bzw. -gewinnen in Kernstädten und suburban-ländlichen Kommunen sowie damit einhergehende Veränderungen der Bevölkerungsbestände untersuchen (vgl. hierzu die Nachweise in Kapitel 1). Unstrittig erscheint derzeit allein die quantitative Relevanz der dabei aufgezeigten Bevölkerungsentwicklung zu sein (vgl. Kapitel 2.3). Dagegen lassen sich noch keine dominanten entwicklungs- und planungsbezogenen Narrative im Sinne eines diskursprägenden Rahmens ausmachen, wie dies mit Schlagworten der „Stadtflucht“ (oder auch „Entballung“), der „Urbanität durch Dichte“ oder der „suburbanen Urbanität“ in früheren Phasen zumindest teilweise der Fall war.

Die fünfte Suburbanisierung wirft somit vielfältige Fragestellungen auf, von denen aus meiner Sicht drei Themenkomplexe von hervorgehobener Bedeutung sind: erstens die Praktiken der Standortwahl und dabei handlungsleitende Einstellungen und Routinen, insbesondere hinsichtlich dem Bedeutungsgewinn digitaler Informations- und Kommunikationstechnologien, zweitens die soziale Komposition der Zuwanderung nach Suburbia und die damit zusammenhängenden Dynamiken sozialer Segregation und drittens die strategische Ausrichtung suburban-gemeindlicher Entwicklungspolitiken. Mir ist bewusst, dass dies nur ein Ausschnitt aus einem deutlich weiteren Spektrum von relevanten Forschungsfragen darstellt.

Die fünfte Suburbanisierung vollzieht sich in einer – weitaus stärker als zuvor – von digitalen Informations- und Kommunikationstechnologien geprägten sozialen und ökonomischen Welt. Ein größerer Teil der in den 2020er-Jahren agierenden Nachfragerinnen und Nachfrager auf den Wohnungsmärkten gehört einer Kohorte an, die mit verschiedenartigen Technologien und Produkten digital-virtueller Arbeits‑, Lebens- und Konsumwelten sozialisiert wurde. Welche Auswirkungen Prozesse der De- und Multilokalisierung auf die wohnbezogenen Standortwahlprozesse und das aktionsräumliche Verhalten haben werden, wird in den kommenden Jahren eine relevante Frage sein – hier sehe ich ein erstes Forschungsdesiderat. Zuletzt wurde im Zuge der Corona-Pandemie intensiv diskutiert, wie sich die Hybridisierung der Arbeit und die Virtualisierung des Konsums und sozialen Lebens auf Standortpräferenzen und – mittelfristig – Raumstrukturen auswirken könnten (Schnitzer/Garnadt/Viete 2020; Moser/Wenner/Thierstein 2022; Peiser/Hugel 2022; Dolls/Lay 2023; Wolff/Mykhnenko 2023). Unstrittig erscheint allein, dass die Digitalisierung von Arbeits- und Lebenswelten die Voraussetzungen für räumliche Dekonzentration verändert. In empirischen Studien wurde bereits aufgezeigt, dass die aktuelle Suburbanisierung räumlich noch weiter als zuvor ausgreift, indem auch ländlich geprägte Räume in großer Entfernung von den Kernstädten verstärkte Zuwanderung realisieren (Osterhage/Albrecht 2021; Osterhage 2023). Unklar ist aber, ob eher kleine Gemeinden mit günstigen Wohnkosten oder Mittelstädte mit guter Infrastruktur von der Suburbanisierung profitieren können, wie dies für Nordamerika bereits breiter diskutiert wird (Florida/Rodríguez-Pose/Storper 2020; Brooks/Hoxie/Veuger 2023). Raumstrukturelle Ausdifferenzierungsprozesse innerhalb von Suburbia infolge standortselektiver Zuwanderung wurden aber noch kaum thematisiert (Volgmann/Growe/Münter et al. 2022). In diesem Zusammenhang dürfte auch die Entwicklung der Raumüberwindungskosten Relevanz entfalten, welche in wiederkehrenden Krisenereignissen hohe Volatilität zeigten (Münter/Garde/in der Beck et al. 2024).

Standortwahlentscheidungen privater Haushalte werden aber auch durch die Entwicklung der Arbeitsmärkte beeinflusst. Die vergangene Dekade war von einem stürmischen Beschäftigungswachstum geprägt, von dem vor allem die Kernstädte profitiert haben. Insbesondere die Dienstleistungsbeschäftigung erlebte dort einen Boom, während das produzierende Gewerbe insbesondere in den Kernstädten Arbeitsplätze verlor (Heider/Siedentop 2020; Brixy/Gärtner/Guth et al. 2023). Dies war und ist Ausdruck eines allgemeinen Strukturwandels in der deutschen Wirtschaft wie auch der gewerblich-industriellen Suburbanisierung. Für die kommenden Jahre ist ein Anhalten dieses Prozesses wahrscheinlich, bedingt vor allem durch die steigenden Verdrängungsrisiken von Gewerbe- und Handwerksbetrieben aus den Großstädten infolge steigender Bodenpreise, mangelnder Erweiterungsmöglichkeiten und Immissionskonflikten. Die Folge könnte eine zunehmende funktionale Entmischung von Gewerbe, Dienstleistungen und Wohnen im stadtregionalen Maßstab sein (Heider/Siedentop 2024).

Ein zweites Forschungsdesiderat sehe ich in der sozialen Zusammensetzung der Stadt-Umland-Wanderung. Es erscheint plausibel anzunehmen, dass eine fünfte Suburbanisierung diesbezüglich neuartige sozioökonomische Muster zeigen wird. Die Besetzungsstärke jüngerer Kohorten, die den Reurbanisierungsschub der beiden ersten Dekaden dieses Jahrhunderts maßgeblich getragen haben, nimmt tendenziell ab. Gleichzeitig kann älteren Menschen ein anderes – deutlich weniger urban orientiertes – Wanderungsverhalten unterstellt werden (Kholodilin 2017). Als zunehmend relevanter wird zudem das Wanderungsverhalten der migrantischen Bevölkerung eingeschätzt, welchem angesichts der Zugänglichkeit der Arbeits- und Wohnungsmärkte sowie der Anwesenheit von großen ethnischen Minderheiten (Diaspora-Effekte) bis dato eine hohe Kernstadtaffinität zugesprochen wird (Heider/Stroms/Koch et al. 2020). Entwicklungen wie die weiter fortschreitende Internationalisierung der Bevölkerung, die steigende Erwerbsquote von Frauen und der abnehmende Anteil von Eltern-Kind-Gemeinschaften lassen relevante Strukturveränderungen der (suburbanen) Wohnungsnachfrage erwarten (Läpple 2005; Häußermann 2009). Die Nachfrage nach Ein- und Zweifamilienhäusern durch Familien dürfte zurückgehen, auch wenn andere Nachfragegruppen dies teilweise kompensieren können. Auch hier ist zu fragen, welche raumstrukturellen und städtebaulichen Auswirkungen dies in Suburbia auslösen kann.

Sehr wahrscheinlich ist zudem, dass Haushalte mit geringen Einkommen zukünftig verstärkt als Nachfrager auf den suburbanen Wohnungsmärkten in Erscheinung treten werden. Im Zuge der Reurbanisierung der 2000er- und 2010er-Jahre – die mit der Finanzialisierung der kernstädtischen Wohnungsmärkte (Heeg 2013) eng verknüpft ist – und der damit einhergehenden Krise des „bezahlbaren Wohnens“ wird auch in Deutschland eine mögliche „Suburbanisierung von Armut“ diskutiert (Pfaffenbach/Dobusch/Weck et al. 2023; Weck/Dobusch/Pfaffenbach et al. 2023), angestoßen auch durch internationale Debatten (vgl. z. B. Hochstenbach/Musterd 2018; Booi 2024). In diesem Zusammenhang erscheint eine auf „Präferenzen“ der Wandernden verengte Perspektive problematisch. Kreibich (1981: 5; vgl. auch Jessen/Meinecke/Siebel et al. 1978) wies schon zu Beginn der 1980er-Jahre auf einen möglichen „Zwangscharakter“ der Stadt-Umland-Wanderung infolge unzureichender Wohnungsangebote für soziale Gruppen mit geringen Einkommen in der Kernstadt hin. Vierzig Jahre später kann Ähnliches konstatiert werden, wenn mit Bildern der ‚Stadtflucht‘ erneut suggeriert wird, dass die relative Attraktivität Suburbias gegenüber den Nachteilen der Großstadt eine primäre Erklärung für die Suburbanisierung darstellt. Mit Ausnahme weniger explorativer Studien haben die soziale Zusammensetzung der Stadt-Umland-Wanderung und die damit einhergehenden Veränderungen intraregionaler Segregation aber noch wenig wissenschaftliche Aufmerksamkeit erfahren.

In diesem Kontext erscheint es plausibel, dass sich ‚urbane‘ und ‚suburbane‘ Lebensweisen mehr und mehr von den siedlungsstrukturellen Kategorien (wie „Stadt“ und „Umland“) entkoppeln, denen sie traditionell zugeschrieben wurden (Walks 2013). Frank (2013) hat dieses Phänomen am Beispiel von innerstädtischen „Familienenklaven“ beschrieben, die sie als Ausdruck „innerer Suburbanisierung“ versteht. Suburbane Lebensweisen können nach Walks und Frank nicht mehr als statische Charakteristik von Orten und Räumen verstanden werden, sondern sind Ausdruck von multidimensionalen Entwicklungsprozessen, die stets neue und sich überlagernde Eigenschaften hervorrufen (ILS 2018: 21–22). Es entstünden vermehrt ‚hybride‘ Strukturen, die Wesensmerkmale sowohl des Urbanen als auch Suburbanen entfalten. Suburbane Lebensweisen können insofern auch an Orten angetroffen werden, die gemeinhin als ‚städtisch‘ gelten. Im Zuge von Nutzungsanreicherung, Verdichtung und sozialer Pluralisierung gilt aber möglicherweise auch das Umgekehrte.

Ein drittes Forschungsthema liegt aus meiner Sicht in den entwicklungspolitischen Agenden suburbaner Kommunen, über die aktuell noch zu wenig bekannt ist. Lange Zeit dominierten hier – in loser Anlehnung an amerikanische Konzepte wie „Growth Machine“ und „Wachstumskoalitionen“ (Molotch 1976) – Vorstellungen einer robusten Wachstumsorientierung und fiskalisierten Baulandpolitik, wonach kommunale Akteure aus steuerpolitischen und infrastrukturellen Gründen einseitig an einer Expansion ihrer Bevölkerungszahl und Wirtschaftsleistung orientiert sind. Aktuell mehren sich jedoch Stimmen, wonach die Praxis suburbaner Raumentwicklung zunehmend von wachstumskritischen Strömungen überlagert wird. In vielen Kommunen wird die Ausweisung weiterer Baugebiete nach Jahrzehnten des Wachstums kritisch gesehen, selbst dann wenn diese Gemeinden eigentlich über die infrastrukturellen Voraussetzungen für eine weitere Siedlungsentwicklung verfügen (Kiwitt 2022; Bertram 2024; Menzl 2024). Die Motive für „Anti-Wachstum“-Initiativen können breit sein und reichen von Befürchtungen einer Überlastung der Infrastruktur, der Überbauung von Natur- und Landwirtschaftsflächen, des Verlustes lokaler Identität bis hin zu Sorgen vor Wertverlusten von Immobilien durch den Zuzug statusniedrigerer Bevölkerung. Während der Diskurs über wachstumskritische Umlandgemeinden bzw. die dort lebenden Bevölkerungen in den USA schon seit Jahrzehnten geführt wird (vgl. z. B. Downs 1988), setzt die deutsche Debatte dazu gerade erst ein. In diesem Kontext ist es somit noch vollkommen offen, wie die suburbane Bauland- und Wohnungspolitik mit sogenannten Überschwappeffekten der Wohnungsnachfrage aus den Kernstädten umgehen wird (Volgmann/Growe/Münter et al. 2022).

Insgesamt ist anzunehmen, dass sich suburbane Entwicklungspolitiken in den vergangenen Jahren zunehmend ausdifferenziert haben (Phelps/Wood 2011), was sehr wahrscheinlich mit einer Diversifizierung von Bautypologien, Infrastrukturangeboten und Freiraumpolitiken einhergeht. Darüber hinaus werden auch suburbane Gemeinden in den kommenden Jahren mit vielfältigen Transformationserfordernissen konfrontiert sein (z. B. in Bezug auf die Energieversorgung, den Freiraumschutz und die Mobilität), in deren Kontext sich vermutlich auch ein Verdichtungsdruck auf den bestehenden Siedlungsraum einstellen wird (Menzl 2024). Bisherige Suburbanisierungsphasen waren immer mit Diskussion über staatlich-kommunale Gestaltungsmöglichkeiten verbunden; in der aktuellen Debatte ist derartiges noch nicht anzutreffen. So bleibt vorerst offen, welche Relevanz die Kommunalpolitik in der Gestaltung neuer suburbaner Raumentwicklungen entfalten kann.

In diesem Zusammenhang erscheint auch relevant, wie die überörtliche Raumordnung in den kommenden Jahren versuchen wird, suburbane Entwicklungen mitzugestalten. Bis dato dominieren in Deutschland immer noch negative Konzepte der Regionalplanung, welche Freiraumressourcen vor baulichen Nutzungen zu schützen suchen, ohne dies mit positiven Aussagen zu verbinden, wie der suburbane Raum im Hinblick auf die vielfältigen Herausforderungen siedlungsräumlich und infrastrukturell weiterentwickelt werden kann. Hier sollte auch neuen Governance-Formen des strategischen Flächenmanagements und der interkommunalen Zusammenarbeit mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden (vgl. die Beiträge in Henn/Zimmermann/Braunschweig 2022).


5  Fazit und Ausblick

In diesem Beitrag habe ich den Versuch unternommen, die Entwicklung der Suburbanisierung seit Gründung der Bundesrepublik nachzuzeichnen, indem vier historische Phasen unterschieden und in ihren jeweiligen diskursiven, materiell-physischen, sozialräumlichen und regulativ-institutionellen Eigenschaften diskutiert werden. Dieses – in vielerlei Hinsicht ohne Zweifel unvollständige – Bild wird dem aktuellen Suburbanisierungsgeschehen, welches als „fünfte Suburbanisierung“ Mitte der 2010er-Jahre eingesetzt hat, als Referenz gegenübergestellt. Mein Beitrag versteht sich explizit als Einladung, die Spezifika aktueller Raumentwicklungstrends im Kontext früherer Phasen intraregionaler Dekonzentration zu diskutieren.

Vor 20 Jahren beklagte Läpple (2005: 410), dass die „überlebte Zentralperspektive auf die Kernstadt“ von einer „einäugigen Perspektive auf den suburbanen Raum“ ersetzt worden sei. Die Zukunft des Städtischen – so Läpple (2005: 410) – werde „ausschließlich in der Peripherie beziehungsweise in der von der Kernstadt befreiten, polyzentrischen Megalopolis verortet“. Heute scheint es genau umgekehrt zu sein: Der aktuelle Raum- und Stadtentwicklungsdiskurs ist in Deutschland durch eine befremdliche Kernstadt-Zentriertheit geprägt. Urbane Zukünfte werden erneut einseitig vom Zentrum aus entworfen. Diskussionen über die „15-Minuten-Stadt“, die „Smart City“, die „neoliberale Stadt“, die „gerechte Stadt“ oder die „Schwammstadt“ – um nur einige Beispiele zu nennen – richten ihren Blick häufig einseitig auf das, was als traditionelle Stadt (groß, verdichtet, gemischt) bezeichnet werden kann, während der weitere Kontext der Urbanisierung und andere Siedlungstypen unterbelichtet bleiben. Wie schon in den 1970er-Jahren von Jessen, Meinecke, Siebel et al. (1978) am Beispiel der damaligen Wanderungsmotivforschung beklagt, wirkt der akademische Blick auf den suburbanen Raum auch heute oft auffallend undifferenziert – Suburbia als unstrukturiertes „Auffangbecken von Abwanderung“ aus den großen Städten (Jessen/Meinecke/Siebel et al. 1978: 526) oder als simpler Entlastungsraum für die überhitzten kernstädtischen Wohnungsmärkte (Bauer/Gies/Hoch et al. 2021). Standörtliche Ausdifferenzierungsprozesse im Zuge (post)suburbaner Raumentwicklung sind aktuell noch selten Gegenstand anspruchsvoller theoretisch-empirischer Forschung (Keil 2022). Ungeachtet der Kritik von Sieverts (1997) blieb der Tenor deutscher Suburbanisierungsforschung auch in den wachstumsstarken 2010er-Jahren meist die Unterbindung oder mindestens Abschwächung der Stadt-Umland-Wanderung (vgl. auch Menzl 2007).

In diesem Beitrag wurde dafür geworben, diesen sachlich-räumlich verengten Blick zu weiten und mehr Offenheit für neue Entwicklungen außerhalb der Kernstädte zu zeigen. Argumente dafür lassen sich allein aus der Relevanz Suburbias in ökonomischer wie soziodemographischer Hinsicht finden (Keil 2017; Hesse/Siedentop 2018). Auch in Deutschland lebt heute bereits fast die Hälfte der Bevölkerung in suburban geprägten Räumen. Die Regional- und Stadtforschung wäre schlecht beraten, diesen spezifischen Raumtyp dauerhaft zu vernachlässigen. Es gilt, an eine zentrale Erkenntnis der Suburbanisierungsforschung der 1990er- und 2000er-Jahre anzuknüpfen: dass das Städtische im 21. Jahrhundert nur mehr in der komplexen, arbeitsteiligen Interaktion von stadtregionalen Standorten mit verschiedenen Graden von Zentralität und Verdichtung gedacht werden kann. Eine reinterpretierende Rückbesinnung auf progressives Denken im Kontext früherer Suburbanisierungsphasen – verwiesen sei auf Debatten zu „koordinierter Planung“ (Hillebrecht 1960), zur „Regionalstadt“ (Leibholz/Lincke 1974) und zu neuen Formen von „Regional Governance“ und „nachholender Urbanisierung“ des suburbanen Raumes – kann diesbezüglich wertvolle Impulse vermitteln.

Vor diesem Hintergrund sollte sich zukünftige Forschung – erstens – den Motivstrukturen der Wohnstandortwahl neuer suburbaner Bevölkerungen wie auch den Motiven des Verbleibens am bisherigen (kernstädtischen) Wohnstandort widmen. Zweitens bedarf die soziale Komposition des Zuzugs nach Suburbia vertiefender empirischer Forschung und – drittens – gilt es, das Wissen über die Ausdifferenzierung entwicklungspolitischer Agenden suburbaner Kommunen und die spezifischen baulichen Entwicklungs- und Erneuerungsstrategien zu mehren.

Competing Interests  
I declare no competing interests.
Acknowledgements  
I would like to thank Johann Jessen and Markus Hesse for many valuable comments on drafts of this paper. I would also like to thank Manuel Wolff for his support in compiling the data for the presentation of long-term suburbanization trends.
Funding  
This work received no external funding.


Literatur

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