Der Themenkreis Stadtplanung bzw. Architektur und politische Macht gehört zu den klassischen Bereichen der multidisziplinären Erforschung der gebauten Umwelt, besonders im Hinblick auf Europa und Nordamerika. Eine hier nicht vollständig wiederzugebende Liste schließt in der Regel Beiträge aus den folgenden Fachrichtungen mit ein: Geographie, Stadt‑, Architektur‑, Planungs- und Kunstgeschichte, Stadtsoziologie, Genderstudien sowie den technisch-ingenieurwissenschaftlichen Disziplinen. Ausgangspunkt solcher Betrachtungen – von Donald J. Olsen über Henri Lefebvre bis zu Friedrich Lenger – war stets die Beobachtung, dass die gebaute (städtische) Umwelt das Resultat gesellschaftlicher Machtstrukturen ist. Ändern sich diese, so wandelt sich auch die Stadt. Es ist daher im Umkehrschluss sehr aufschlussreich, danach zu fragen, welchen Einfluss verschiedene Formen politischer Herrschaft auf die Stadt haben können und wie weit diese durch die jeweiligen politischen Systeme einem Wandel unterzogen wird.
Im von Victoria Grau und Max Welch Guerra hervorragend edierten Sammelband wurden daher für das europäische Beispiel 13 Fallstudien ausgewählt. In diesen geht es jeweils um die Frage, wie und welche Form der Stadtplanung in bestimmten politischen Kontexten die Gestalt der Stadt beeinflusst hat oder dies bis heute tut. Dabei nutzen die Herausgebenden bzw. die Autorinnen und Autoren des Bandes sehr gelungen jene Vielfalt an politischen Systemen, welche die Geschichte Kontinentaleuropas sowie eines südamerikanischen Landes, Chile, in den letzten 100 Jahren maßgeblich bestimmt haben.
Der Sammelband ist in zwei Teilabschnitte gegliedert. Im ersten Teil geht es um die Stadtplanung in rechten Diktaturen und deren Erbe, durch Beiträge von Harald Bodenschatz und Florian Dierl (NS-Deutschland), Daniela Spiegel (Italien), Max Welch Guerra und Piero Sassi (Spanien), Christian von Oppen (Portugal) sowie Macarena Ibarra und Paulo Alvarez (Chile). Während die Befassung mit dem NS-Erbe in Deutschland auch im Bereich von Architektur und Stadtplanung schon eine lange Tradition hat, kann man in den Artikeln über die anderen rechtsgerichteten Diktaturen in Südeuropa und Chile noch viel Neues lesen.
Im zweiten Teil nimmt der Band eine eher diverse Perspektive ein und fragt nach der Beziehung von Stadtplanung und Machtstrukturen zum einen unter staatssozialistischen Vorzeichen mit Blick auf die Tschechoslowakei (Petr Roubal), die DDR (Jannik Noeske und Max Welch Guerra) und Bukarest (Gruia Badescu). Zum anderen werden Fragen einer eher transformativen Planung in liberalen Demokratien dargestellt – so am Beispiel Frankfurts (1945 bis 1986) durch Victoria Grau und Budapests nach 2010 (Marcell Hajdu).
Die spannenden Details der einzelnen Aufsätze werden durch die beiden Herausgebenden in den abschließenden „Concluding Thoughts“ zusammengefasst und hier vor allem gibt es wirklich Neues zu lesen: Stadtplanung wird durch Expertinnen und Experten konzipiert und durchgeführt. Diese haben sich in allen untersuchten politischen Systemen eine relative Autonomie sichern können. Ihr Handeln war in den urbanen Fallbeispielen vor allem darauf ausgerichtet, die jeweiligen (neuen) städtischen Mittelschichten zu fördern. Die Herausgebenden heben außerdem die relative Kontinuität der lokalen Planung hervor: Stadtplanung erfolgte offenbar viel seltener als zu vermuten auch nach politischen Systembrüchen mit der Abrissbirne. Wichtig sind außerdem der internationale Austausch unter den Planerinnen und Planern und überhaupt die enorme Bedeutung globaler Entwicklungen. Sie wirken über planerische ‚Moden‘, globale Kapitalströme oder weltweite Problematiken wie die COVID-19-Pandemie oder den Klimawandel bis in die Details der konkreten Stadtgestaltung vor Ort hinein. Besonders die gelungene Zusammenfassung durch die Herausgebenden, Victoria Grau und Max Welch Guerra, macht „Histories of Urban Planning and Political Power“ zu einem empfehlenswerten Werk, dessen Bedeutung weit über die üblicher Sammelbände hinausgeht.
