© by the author(s); licensee oekom 2025. This Open Access article is published under a Creative Commons Attribution 4.0 International Licence (CC BY).
https://doi.org/10.14512/rur.3087
rur.oekom.de

Forschungsbeitrag / Research article

Regionen in Resonanz: Regionalentwicklung als performative Praxis

Sabine Hostniker Contact Info ORCID, Marc Michael Seebacher Contact Info , Ulrich Ermann Contact Info ORCID

(1) Institut für Geographie und Raumforschung, Universität Graz, Heinrichstraße 36, 8010 Graz, Österreich
(2) Abteilung 17 Landes- und Regionalentwicklung, Amt der Steiermärkischen Landesregierung, Trauttmansdorffgasse 2, 8010 Graz, Österreich
(3) Institut für Geographie und Raumforschung, Universität Graz, Heinrichstraße 36, 8010 Graz, Österreich

Contact InfoSabine Hostniker  (Corresponding author)
E-Mail: sabine.hostniker@uni-graz.at

Contact InfoDr. Marc Michael Seebacher 
E-Mail: marc.seebacher@stmk.gv.at

Contact InfoUniv.-Prof. Dr. Ulrich Ermann 
E-Mail: ulrich.ermann@uni-graz.at

Eingegangen: 12. Dezember 2024  Angenommen: 17. April 2025  Online veröffentlicht: 6. Juni 2025

Zusammenfassung  
Im vorliegenden Beitrag wird die performative Dimension von Regionsbildungsprozessen und ihre Implikationen für die Regionalentwicklung und Regionalplanung behandelt. Der Fokus liegt auf der Interaktion zwischen administrativ-normativen Programm- oder Planungsregionen und lebensweltlich geprägten Identitätsregionen. Der Begriff der Resonanz dient dabei als analytischer Rahmen, um diese Interaktion zwischen menschlicher Lebenswelt und technisch-administrativer Planungswelt konzeptionell zu fassen. Der Beitrag beleuchtet darauf aufbauend, wie Regionen durch ein alltägliches Tun als ‚Vollzugswirklichkeiten‘ performativ hervorgebracht werden und betrachtet gleichzeitig unterschiedliche Regionalisierungspraktiken. Argumentiert wird, dass die Frage nach der wechselseitigen Resonanz zwischen Programmregion einerseits und Identitätsregion andererseits für die Regionalentwicklung und Regionalplanung von hoher Relevanz ist. Dazu werden Beispiele aus der Steiermark angeführt, die zeigen, wie regionale Identifikationsprozesse und Maßnahmen der Regionalentwicklung zueinander in Beziehung stehen. Daraus werden Ansätze abgeleitet, die in der Praxis dazu beitragen können, Regionen in Resonanz zu bringen. Der Beitrag trägt somit konzeptionell zur Weiterentwicklung regionalwissenschaftlicher Ansätze bei und reflektiert deren praktische Anwendungen.

Schlüsselwörter  Region – Resonanz – Performativität – Regionalentwicklung – Steiermark – Regionalplanung – Regionale Identität


Regions in Resonance: Regional Development as a Performative Practice
Abstract  
This paper deals with the performative dimension of region-building processes and its implications for regional development and planning. It focuses on the interaction between administrative-normative programme regions or planning regions and identity regions shaped by lived experience. The concept of resonance serves as an analytical framework to conceptualise this interaction between the human lifeworld and the technical-administrative planning world. Building on this idea, the paper examines how regions are performatively produced as ,realities of implementation‘ through everyday doings, considering different practices of regionalisation. It argues that the question of mutual resonance between programme regions and identity regions is highly relevant for regional development and planning. Examples from Styria (Austria) illustrate how regional identification processes relate to regional development policies. Finally, approaches are derived that can be used in practice to bring regions into resonance. The paper thus makes a conceptual contribution to the further development of approaches of regional studies and reflects on its practical applications.

Keywords  Region – Resonance – Performativity – Regional development – Styria – Regional planning – Regional identity


1  Einleitung

„Regionen sind räumliche Einheiten, die jede für sich die erforderlichen räumlichen Voraussetzungen für möglichst alle Daseinsgrundfunktionen bieten, sodass sie gut ausgestattete und funktionsfähige Lebensräume für ihre Bevölkerung darstellen“ (§6 Abs. 1 StLREG).1

„Region [ist] eine bewusst gezogene Grenze von einem Teil eines Landes, den ich […] auf der Landkarte vielleicht sehen kann, aber […] keine Bedeutung [für mich] hat. […] Es ist eher das, was für Qualität habe ich dort, wo ich jetzt lebe“ (Interview 9, 2023).2

Diese beiden Zitate geben ganz unterschiedliche Antworten auf die Frage, was unter einer Region verstanden werden kann, und stehen sie für zwei konträre Perspektiven. Im ersten Fall handelt es sich um den Ausschnitt aus einem österreichischen Gesetzestext, in dem Regionen als funktionale Raumeinheiten beschrieben werden, die eine gesetzlich verankerte Ausstattung von Lebensräumen für die Bevölkerung versprechen (Steiermärkisches Landes- und Regionalentwicklungsgesetz (StLREG)). Im zweiten Fall handelt es sich um einen Ausschnitt aus einem narrativen Interview, bei dem die Interviewpartnerin ihr Verständnis von Region erläutert. Sie betont den Widerspruch zwischen einer Region als objektiv abgegrenztem Ausschnitt der Erdoberfläche und einer subjektiv wahrgenommenen Region. Die eine Perspektive fokussiert die Verantwortlichen, die sich in ihrer Funktion für die ‚Ausstattung‘ einer räumlichen Einheit zuständig fühlen, während die andere Perspektive den Schwerpunkt auf die individuelle Wahrnehmung und die subjektiv empfundene Lebenswelt der Menschen legt. Beide Perspektiven scheinen auf den ersten Blick wenig kompatibel miteinander zu sein, dennoch bedingen sich die Regionskonzepte der Politik und Verwaltung und die alltäglichen Vorstellungen der Bevölkerung von und die Verbundenheit mit einer Region gegenseitig. Wenn es beispielsweise in der Landesentwicklungsstrategie Steiermark 2030 (Amt der Steiermärkischen Landesregierung 2022: 76) heißt: „Die größer gewordenen funktionalen Lebensräume des Alltags erfordern eine regionale Handlungsebene zur Stärkung des räumlichen Zusammenhalts“, werden individuelle und subjektive Aspekte als Anlass wie auch als Ziel räumlicher Planung angesprochen. Es werden aber auch Ambivalenzen und Paradoxien der objektiven und subjektiven Produktion von Regionen deutlich, die Ipsen (1993: 9) folgendermaßen beschrieb: „Das Nachdenken über Regionale Identität setzt eine gewisse Beliebigkeit in Bezug auf den Raum voraus, obgleich es gerade das Gegenteil anzusprechen vorgibt.“

Der Begriff ‚Region‘ lässt sich durch die erstaunliche Eigenschaft charakterisieren, dass er sowohl den Anschein erweckt, er bezeichne etwas besonders Faktisches, das wenig subjektiven Interpretationsspielraum bietet, als auch in der Lage ist, völlig unterschiedliche Bedeutungen und Vorstellungen zu transportieren (vgl. Ermann/Priebs 2022: 13; Wardenga 2022: 323). Das liegt daran, dass Regionen generell „eine eigene Wirkkraft zugeschrieben wird“ (Wardenga/Miggelbrink 1998: 33) und deren Entstehungs- und Konstruktionsprozess durch politische, kulturelle oder nicht zuletzt auch wissenschaftliche Abgrenzungen im historischen Kontext gerne ausgeblendet wird, und hat sicherlich auch damit zu tun, dass der Begriff in seiner heutigen Verwendung aus der raumwissenschaftlichen und raumplanerischen Terminologie stammt, die aufgrund ihrer wissenschaftlichen wie auch bürokratisch-juristischen Ansprüche nicht nur stilistisch als spröde, sondern auch definitorisch als eindeutig gilt. So stellte Blotevogel (1996: 44–45) fest: „War Region bis in die sechziger Jahre noch primär ein Fachterminus von Geographen und Raumplanern […], diffundierte er spätestens in den siebziger Jahren durch die Verwaltungsreformen und die Regionalismusdebatte in den politischen Diskurs. In den achtziger und neunziger Jahren wurde Region geradezu zu einem Modewort in der Öffentlichkeit und Politik, aber auch (vor allem wohl als Reflex darauf) in vielen Wissenschaften.“ Der Anschein der Faktizität verschleiert dabei eine in der Alltagskommunikation übliche Unbestimmtheit und Offenheit des Begriffs und trägt möglicherweise gerade mit dieser Scheinobjektivität zu seiner anhaltenden Popularität bei.

Im Jargon der räumlichen Planung bezeichnet Region einen Ausschnitt der Erdoberfläche, der in der Regel auf einer sogenannten mittleren Maßstabsebene (zwischen Gebietsabgrenzungen von Kommunen und Staaten bzw. Ländern) administrativ oder durch Strategien der politisch legitimierten Regionalentwicklung und Regionalplanung eindeutig abgegrenzt ist (Sinz 2018: 1976). In der Alltagskommunikation hat sich das Sprechen von ‚Region‘ und vom ‚Regionalen‘ hingegen als eine Chiffre für Verortung und Verwurzelung (oft gleichbedeutend mit, aber neutraler und objektiver klingend als ‚Heimat‘) sowie für ‚Nähe‘ etabliert (Ermann/Priebs 2022: 13–14).

Die Bedeutungsebenen und Bedeutungsverschiebungen von Region als geographischem Fachbegriff spiegeln den Gegensatz zwischen objektivierten und subjektivierten Raumbezügen wider. Die raumwissenschaftliche Geographie grenzt Regionen ab, um Unterschiede in der Verbreitung bestimmter Merkmale räumlich zu differenzieren. Zudem gab es Ende der 1980er-Jahre Bemühungen in der Sozialgeographie, die Region als räumliche Ebene eines Zugehörigkeitsgefühls zu konzeptualisieren, im Sinne von „Regionalbewußtsein“ (Blotevogel/Heinritz/Popp 1986) oder „raumbezogener Identität“ (Weichhart 1990). Die damit verbundene Kontroverse (Bahrenberg 1987; Hard 1987; Blotevogel/Heinritz/Popp 1989; vgl. auch Werlen 1992; Pohl 1993) kreiste vor allem um die Frage, inwiefern akademische Vorstellungen von Regionalbewusstsein und regionaler Identität in die ‚Raumfalle‘ gehen und subjektive Dispositionen in reifizierender, essenzialisierender und territorialisierender Manier mit Räumen verbinden oder inwiefern sich entsprechende Bewusstseinsformen als Zuschreibungen und soziale Konstruktionen verstehen lassen. Die subjektzentrierte Geographie nahm dann konsequent eine konstruktivistische Perspektive auf alltägliche Regionalisierungen ein (Werlen 1997) und beobachtet, wie Regionen im Alltag durch Handlungen und Bedeutungszuschreibungen ‚gemacht‘ werden.

Mit dem Fokus auf die Beobachtung von Konstruktionsprozessen von Regionen und des Regionalen gibt dieser Blickwinkel indirekt auch das Verständnis von Regionen in der Alltagssprache jenseits der akademischen Sprachregelungen wieder (Schlottmann 2007a). Es lässt sich feststellen, dass Region in verschiedenen Diskursen als Abgrenzungsprinzip zur räumlichen Ordnung der Welt Verwendung findet (vgl. am Beispiel „Mitteldeutschland“ Schlottmann 2007b; Felgenhauer/Mihm/Schlottmann 2005). Vor allem scheint Region aber auch ein emotionales Vakuum zu füllen, als eine räumliche Projektionsfläche für den Wunsch nach Verortung, Übersichtlichkeit und Zugehörigkeit. Man könnte gemäß der Unterscheidung von place und space in der englischsprachigen Geographie auch sagen: Region ist nicht mehr nur abstrakter space, sondern auch gelebter und erlebter place (vgl. Relph 1976; Tuan 1977). Besonders in der letztgenannten Bedeutungsebene erfüllt der Regionsbegriff die Funktion eines floating signifiers (Ermann/Priebs 2022: 13). Das Regionale affirmativ anzusprechen, ist insofern in der Politik wie in der Werbung ähnlich beliebt, weil sie es den Adressatinnen und Adressaten – etwa den Wahlberechtigten oder der Kundschaft – überlässt, welche (positiven) Assoziationen sie damit verbinden.

Unser Ziel ist es, in diesem Beitrag das Spannungsfeld zwischen Region als terminus technicus der räumlichen Entwicklung, Planung und Politik auf der einen Seite (wir sprechen im Folgenden auch von „Programmregion“) und Region als alltäglichem Identifikationsraum bzw. Projektionsfläche für Identifizierungsprozesse auf der anderen Seite („Identitätsregion“) aufzuzeigen und einen Ansatz zur Überbrückung dieser Kluft – sowohl zwischen als auch innerhalb von Forschung und Praxis – vorzustellen. Wir argumentieren erstens, dass beide skizzierten Regionsverständnisse mit performativer Regionsbildung einhergehen, und zweitens, dass es durch diese performativen Prozesse fließende Übergänge zwischen objektivierten und subjektivierten Regionen gibt, die in der Praxis der Regionalentwicklung produktiv genutzt werden können. Dazu führen wir im zweiten Kapitel zunächst das Konzept der Performativität unter Einbeziehung der Idee der resonanten Beziehungen aus. Wir verwenden den Begriff der Resonanz, ausgehend von Rosa (2016), um das Gelingen performativer Regionsbildungen zu betrachten, und die Beziehung zwischen ‚Subjekt‘ und ‚Region‘ zu thematisieren. Im dritten Kapitel gehen wir dann näher auf Praktiken der Regionalisierung und die performative Regionsbildung in Politik und Verwaltung sowie im Rahmen alltäglicher Identifizierungsprozesse mit Regionen ein. Darauf aufbauend skizzieren wir im vierten Kapitel zwei Beispiele performativer Regionalisierungspraktiken aus der Steiermark und fokussieren dabei das Verhältnis zwischen einer objektivierten Region als ‚Programm‘ einerseits und einer subjektiv-lebensweltlichen Region als ‚Identitätsanker‘ andererseits. Abschließend diskutieren wir Herausforderungen und Handlungsansätze für die räumliche Planung und (Regional‑)Politik vor dem Hintergrund unserer theoretisch-konzeptionellen Überlegungen.

Dieser Beitrag ist ein Ergebnis aus dem Projekt „Forschungsvernetzung zur Regionalentwicklung in der Steiermark“ (FoReSt), bei dem der Austausch zwischen Wissenschaft und Praxis im Mittelpunkt stand. Im Rahmen des Projekts führte Sabine Hostniker in den Jahren 2022 und 2023 zudem qualitative Interviews zu regionalen Identifizierungsprozessen durch, deren Ergebnisse in den vorliegenden Beitrag eingeflossen sind und damit unseren konzeptionellen Ansatz mit empirischen Beobachtungen anreichert.


2  Performative Regionalisierungen

Das in der räumlichen Verwaltung und Planung vorherrschende Verständnis von ‚Region‘ als terminus technicus für ein objektiv abgrenzbares Territorium (Priebs 2018b: 182) scheint auf den ersten Blick wenig kompatibel zu sein mit dem alltagsweltlichen Verständnis, das – im Sinn eines floating signifiers – den Begriffsinhalt weitgehend der subjektiven Interpretation überlässt. Man kann von einer schwer überbrückbaren Kluft zwischen realistischen und konstruktivistischen Regionsbegriffen sprechen (vgl. Wardenga/Miggelbrink 1998). Dass Regionen nicht gewissermaßen natürlich vorhanden sind, sondern von Menschen – in Verwaltung, Politik, Unternehmen, Alltag und Medien – ‚gemacht‘ werden, ist keine neue Erkenntnis (vgl. z. B. Paasi 1986: 121; Werlen 1997: 271–276; Ermann 2005: 250–252). Dass Regionen performativ hergestellt werden und eine performative Wirkung entfalten können, wird jedoch unserer Beobachtung nach bislang nur wenig beachtet (vgl. aber z. B. Metzger 2013; Paasi/Metzger 2017; zur Performativität der räumlichen Planung und damit verbundener Raumbilder vgl. Van Giele Ruppe/Helbrecht/Dirksmeier 2012).

Die Idee der Performativität, wie wir sie hier verwenden, hat ihre Ursprünge in der Sprechakttheorie John Austins (Austin 1962). Demnach werden mit einer sprachlichen Äußerung nicht nur Fakten behauptet und Sachverhalte beschrieben, sondern mit der Äußerung wird zugleich eine Handlung vollzogen und „konstituiert, was sie konstatiert“ (Krämer/Stahlhut 2001: 37; vgl. Boeckler/Dirksmeier/Ermann 2014: 129). Wie gut ein performativer Sprechakt gelingt, hängt unter anderem von der performativen Macht der sprechenden Person ab. Wenn eine Standesbeamtin oder ein Pfarrer sagt: „Ich erkläre euch zu Mann und Frau“, gelingt dieser Sprechakt aufgrund der anerkannten Funktion der/des Sprechenden sowie durch das spezifische Setting, etwa im Rathaus oder in der Kirche. Zum Gelingen gehören auch Akteurinnen und Akteure, die sich gewissermaßen nach den ihnen zugeschriebenen Regieanweisungen richten, und ein Publikum, das eine solche Zuschreibung als solche akzeptiert, reproduziert und perpetuiert. Bezogen auf die Regionsbildung bedeutet das: Um mehr oder weniger erfolgreich eine (neue) Region zu ‚erfinden‘ und zur Realität werden zu lassen, braucht es eine Gestaltungsmacht, wie sie beispielsweise politischen Entscheidungs- bzw. Würdenträgerinnen/-trägern oder Vertreterinnen und Vertretern der für die Implementierung von Planungsregionen, Tourismusregionen, LEADER-Regionen o. ä. zuständigen Verwaltungsebenen zugestanden wird. Und es braucht Personen und Organisationen, die bei Regionalisierungsprozessen ‚mitspielen‘, die sich also Identifikation zu eigen machen und durch ihre Praktiken daran mitwirken, eine Region zu realisieren.

Neben Handelnden aus Politik, Verwaltung und räumlicher Planung gibt es zahlreiche weitere, die über ganz unterschiedliche performative Ressourcen verfügen. So sind Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in der Lage, nach bestimmten Methoden Räume abzugrenzen und Regionalisierungen vorzunehmen (vgl. Höfner 2022: 157), die allerdings nur dann auch als Regionsbildung ‚gelingen‘, wenn sie entsprechend anerkannt, kommuniziert, reproduziert und in der Praxis aufgegriffen werden. Wenn im Regionalmarketing, aber auch im Marketing von Unternehmen, Vorstellungen von ‚Region‘ und ‚Regionalität‘ erfolgreich kommuniziert werden, werden nicht nur bestimmte Regionsbilder ‚transportiert‘ und popularisiert, sondern überhaupt erst generiert (vgl. Ermann 2022: 298–300). Nicht zuletzt verfügen  in jüngerer Zeit vor allem auch die ‚sozialen‘  Medien über die performative Kraft, Äußerungen, Bilder und Zuschreibungen durch Verbreitung und häufige Repetition so bekannt zu machen, dass sie als Selbstverständlichkeit anerkannt werden. Als performative Regionsbildung lässt sich demnach eine Neuerfindung einer Region verstehen  Weichhart (2000) nennt dies „Designerregion“ –, die durch Repetition als selbstverständliche und authentische ‚Realregion‘ und eben nicht als ‚konstruiert‘, im Sinne von künstlich, wahrgenommen, reproduziert und gelebt werden kann. Das kann durch die Institutionalisierung (vgl. Paasi 1986) erfolgen, durch Etablierung von regionsbezogenen Alltagspraktiken oder auch durch die Herstellung von naturalisierenden und/oder historisierenden Narrativen, die den Eindruck bestärken, eine Region sei ‚natürlich‘ abgegrenzt oder ‚historisch‘ gewachsen, im Sinne einer „invention of tradition“ (Hobsbawm/Ranger 1992).

Die Vorstellung, dass Regionen und das Regionale performativ durch ein doing region entstehen und sich in ihrem Selbstverständnis weiterentwickeln, betont weniger das ‚Machen‘ von Regionen, sondern mehr das ‚Tun‘. Wie bei der Herstellung vergeschlechtlichter Identitäten („doing gender“ bei West/Zimmerman 1987) werden aus einer praxistheoretischen Perspektive kulturelle und soziale Identitäten – und somit auch ‚Regionalität‘ – als etwas konzeptualisiert, was nicht passiv ‚besteht‘, sondern aktiv in sozialen Interaktionen praktiziert und verändert wird (Hörning/Reuter 2015). Anders als das eher zielgerichtete ‚Machen‘ lässt sich ein doing region als das Hervorbringen von Regionen und Regionalität durch soziale und körperliche Praktiken, iterative Nachahmungen, Routinen, unbewusste Perpetuierungen von Alltagsbezügen etc. verstehen. Diese Perspektive erweitert das Verständnis von Regionalität, indem sie die praktische Ebene – das aktive performative Gestalten von Regionen durch soziale Praktiken – stärker betont. Regionen werden also nicht nur konzeptuell entworfen, sondern durch Interaktionen und Handlungen der Menschen im Alltag ‚aufgeführt‘ und erfahren. Dabei zeigt sich, dass Regionen nicht nur gesprochen und gedacht, sondern durch alltägliche Interaktionen gelebt und wahrgenommen werden (Hostniker 2022: 137). Doing region im Sinne eines Ergebnisses performativer Zuschreibungen lenkt den Blick auf kontinuierliche Interaktionen, in und mit denen Regionen gelebt, dargestellt und wahrgenommen werden. Judith Butlers Konzept der Performativität (Butler 1990), ursprünglich auf die sprachliche Performanz von Geschlechtsidentität bezogen (performing gender), lässt sich in diesem Zusammenhang auf die Identifizierung mit Regionen übertragen. So wie die geschlechtliche Identität eines Menschen durch ‚Anrufung‘ und ständige Wiederholung von Diskursen gebildet wird, lässt sich auch die Zuschreibung einer regionalen Identität ganz ähnlich als performativer Prozess verstehen, der zugleich Zugehörigkeit zu einer Gruppe und einem Raum sowie die damit verbundenen Abgrenzungen reproduziert.

Die Bildung und Stabilisierung von Regionen und regionaler Identität lassen sich in dieser Sichtweise auch als eine ‚Performance‘ bzw. ‚Performanz‘ verstehen, etwa in Anlehnung der alltäglichen Selbstdarstellung als „Theaterspielen“ nach Erwing Goffman (Goffman 1996). Demnach werden Regionen aufgeführt und gespielt (Hostniker 2022), indem bestimmte Skripte des Regionalen auf die Bühne des Alltagslebens wie auch – mit entsprechend größerer Aufmerksamkeit und performativer Wirkung – die Bühne der Medien gebracht werden. Dabei werden Bilder und Narrationen einer bestimmten Region reproduziert und perpetuiert, etwa verbunden mit historischen, kulturellen oder politischen Bezügen. Beim Spiel der Region mag man zunächst an folkloristische Sujets (Dialekt, Tracht, Tanz) denken, doch auch andere Aspekte des sprachlichen Ausdrucks, der Kostümierung, Bewegung und Bühnenpräsenz lassen sich in vielen Bereichen der öffentlichen Arena beobachten, in der Regionen und das Regionale ‚eine Rolle spielen‘.

Eine weitere wichtige Dimension des Konzepts der Performativität bezieht sich auf die Effekte der Anwendung theoretischer Modelle auf die Praxis – oder genauer – auf die von Praktiken vollzogene Realität. So wie Michel Callon zeigt, wie wirtschaftswissenschaftliche Modelle zu Blaupausen für die Konstruktion ökonomischer Wirklichkeit werden (Callon 2007) und somit ein „model of the world“ zum „world of the model“ wird (Thrift 2000: 694), so lassen sich auch Regionsbildungen als performative Effekte von räumlichen Modellen – Plänen und Programmen – deuten. Anssi Paasi und Jonathan Metzger führen aus, wie Regionen scheinbar als aktive Akteurinnen wirken (‚die Region macht dies oder das‘ oder etwas ist ‚im Interesse der Region‘), während die Konstituierung von Regionen durch Praktiken der Governance, Planung und Regionalentwicklung unter Verwendung wissenschaftlicher Praktiken und Methoden der Regionalforschung mitsamt der darunter liegenden Machtverhältnisse und politischen und wirtschaftlichen Ideologien verschleiert werden (Paasi/Metzger 2017: 24; vgl. auch Metzger 2013). Als Beispiel für einen solchen „Essenzialismus und Fetischismus“ der Regionalforschung führen Anssi Paasi und Jonathan Metzger die Klassifizierung von NUTS-Regionen der EU an: Die Erzeugung einer Abgrenzung von Raumeinheiten als Grundlage der politikrelevanten statistischen Informationen hat Regionen hervorgebracht, die vielfach als objektiv gegebene Räume angesehen werden und nicht etwa als – bewusst oder unbewusst interessengeleitet – manifestierte und objektivierte Räume. Regionskonzepte, Pläne und Modelle der räumlichen Entwicklung können durch ihre Implementierung– etwa durch Instrumente der räumlichen Planung oder auch durch Imagebildung im Rahmen eines Regionalmarketings (vgl. Ermann 2022: 299) – zu ‚realen‘ Regionen werden. Sie werden als etwas Faktisches wahrgenommen, dessen Konstruktionsprozess wenig relevant zu sein scheint und im Alltag nicht reflektiert wird. Eine Region als Ergebnis performativer Praktiken soll nicht nur in ihrem Entstehen (Regionsbildung) ‚gelingen‘, sondern kontinuierlich bestätigt, stabilisiert und reproduziert werden. Sie ist weder räumlich noch zeitlich abgeschlossen und fixiert, sondern es ist laufend Reproduktionsarbeit erforderlich, um eine Region aufrechtzuerhalten und gegebenenfalls auch zu verändern. An diesen Reproduktionsprozessen wirken zahlreiche Elemente mit: politische Mandatsträgerinnen und Mandatsträger, die in einem Regionsgremium Beschlüsse fassen, Visualisierungen, Kommunikationstexte und Pläne oder Verwaltungsakte, Förderrichtlinien und Gesetzestexte. All das macht die Region erst ‚wirklich‘ und wirksam. Regionen sind diesem Verständnis nach weder natürlich gegebene Räume noch rein imaginierte Konstrukte, sondern in einem praxistheoretischen Verständnis „Vollzugswirklichkeiten“ (Hillebrandt 2014: 11), die sich materiell und symbolisch-kommunikativ manifestieren und objektivieren.

Mit Abbildung 1 stellen wir ein Modell vor, welches als Übersicht und Grundlage unserer Argumentation dient. Zusammengefasst verstehen wir ‚Region‘ als im praktischen Tun laufend konstituierte und realisierte ‚Wirklichkeit‘, als performativen Effekt gesellschaftlicher Praktiken. Diese lassen sich als Praktiken der Regionalisierung auffassen (vgl. Kapitel 3), wobei im Zentrum der Argumentation zwei Bereiche performativer Regionalisierungen stehen: Auf der einen Seite jene lebensweltlichen Praktiken, über welche sich regionale Identität artikuliert und welche sich in „Identitätsregionen“ manifestieren. Auf der anderen Seite rational-technische sowie normative strukturierte Regionalisierungspraktiken im Bereich der Regionalentwicklung und Regionalplanung, über welche sich „Programmregionen“ performativ verwirklichen (vgl. Abbildung 1).
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Abbildung 1  Performative Regionalisierungen

Es ist davon auszugehen, dass in der Praxis vielfach keine harmonisch gelingende ‚Passung‘ zwischen Identitäts- und Programmregion beobachtet werden kann, sondern dass vielmehr Formen von ‚Reibungen‘ zwischen den jeweiligen performativen Regionalisierungspraktiken auftreten. In einem konkreten räumlichen Kontext kann das Auseinanderfallen dieser beiden Regionstypen zu gesellschaftlichen Spannungen, politischen Konflikten und einer allgemeinen Blockadehaltung führen, wie etwa durch den Verlust vertrauter Symbole oder unpassende regionale Zuschreibungen (vgl. Beispiele in Kapitel 4). Ein produktives Zusammenwirken hingegen – also eine wechselseitige Bezugnahme beider Ebenen – kann sich positiv auf regionale Entwicklungspfade auswirken. Dabei sind Reibungen nicht im Sinne eines Resonanzverlusts zu verstehen. Vielmehr markieren sie Bruchstellen, an denen die Beziehung zwischen Identitätsregion und Programmregion konflikthaft oder spannungsgeladen ist.

Resonanz verstehen wir als die Kapazität von Regionalisierungen, Gefühle einer regionalen Zugehörigkeit zu erzeugen. Nach Rosa (2016) wird Resonanz als eine wechselseitige Beziehung zwischen Mensch (Subjekt und zugleich Trägerin/Träger von Ich-Identität) und Welt (in unserem Verständnis: „Region“) verstanden, wobei „beide Seiten – Subjekt und Welt – in der und durch die wechselseitige Bezogenheit erst geformt, geprägt, mehr noch: konstituiert werden“ (Rosa 2016: 62). Wir übertragen das Verständnis von ‚Welt‘ auf die Ebene ‚Region‘ als konkretem Bezugsraum, in welchem sich laufend programmatische und lebensweltliche Regionalisierungspraktiken vereinen. Resonanz beschreibt die emotionale Verbundenheit der Menschen mit ‚ihrem‘ Bild einer Region, die oftmals als Heimat wahrgenommen wird, und dabei sowohl die Rahmung durch administrative Einheiten (z. B. Gemeinde, Bezirke, Kreise) als auch identitätsstiftende räumliche Verankerungen (z. B. ‚Zuhause‘, Gemeinschaften) miteinander zusammenführt. Resonanz bezieht sich in diesem Zusammenhang auf eine gelungene Weltbeziehung (Rosa 2016: 67), in der sich Individuen eingebunden und selbstwirksam fühlen sowie aktiv zur regionalen Gestaltung ihrer Lebenswelt beitragen. Die Vorstellung von ‚Region‘ als „anverwandelter Weltausschnitt“, wie es Rosa (2019: 167–170) für den (allerdings eher nicht territorial verstandenen) Begriff ‚Heimat‘ vorschlägt, lässt sich dabei mit unserem Verständnis von Performativität in Einklang bringen.

Für unser Verständnis von performativer Regionalisierung bedeutet das: Nur wenn die Implementierung einer objektivierten Programmregion (z. B. in Gesetzen oder Verordnungen) in der Lage ist, eine ‚Resonanz‘ bei den betroffenen bzw. adressierten Menschen hervorzurufen, kann sie auch zu einer Identitätsregion werden. Und umgekehrt: Nur wenn die räumlichen Identifizierungsprozesse im Alltag auch die institutionell-programmatische Ebene ‚in Resonanz setzen‘, kann eine subjektiv-lebensweltliche (emotionale, kommunikative und symbolische) Regionalisierung auch Konsequenzen für die politische und materielle Konstituierung von Regionen haben, beispielsweise in Form von Partizipation oder Engagement (vgl. Kapitel 5). Das performative Gelingen einer Regionsbildung setzt voraus, dass entsprechende Regionalisierungen bei der Bevölkerung auf Resonanz stoßen. Das bedeutet, dass eine Region auch im Alltag weitestgehend selbstverständlich ‚gelebt‘ wird, etwa durch ein Gemeinschaftsgefühl, die Identifikation mit raumbezogenen Strukturen und Politiken sowie durch Praktiken, die eine Region als wahrgenommenen Lebensraum und räumlich definierten Handlungsraum konstituieren.


3  Praktiken der Regionalisierung

Im diesem Kapitel fokussieren wir näher die performativen Praktiken der Regionalisierung und diskutieren dabei die bereits angesprochenen zwei Ebenen von performativen Regionalisierungspraktiken bzw. deren performative Effekte: die technisch-administrative Programmregion und die lebensweltlich orientierte Identitätsregion.

Das Konzept der Performativität (vgl. Dirksmeier 2009; Boeckler/Strüver 2011; Strüver/Wucherpfennig 2021) geht in seiner Anwendung auf Regionalisierungen über das ‚Machen‘ von Regionen dahingehend hinaus, als dass das Konzept der performativen Herstellung von Region sich nicht (nur) das intendierte Handeln einzelner Akteurinnen und Akteure vornimmt, sondern explizit die Vielzahl von materiellen wie nicht-materiellen Elemente anerkennt, welche über soziale Praktiken, über ein bestimmtes ‚Tun‘, routinisiert miteinander verwoben werden. Dazu zählen beispielsweise Beiträge in Lokalzeitungen und regionalisierte Werbebotschaften, genauso wie von der lokalen Bevölkerung veranstaltete Feste und gelebtes Brauchtum sowie generell ökonomische und soziale Interaktionen, die den Alltag prägen (Gregson/Rose 2000). Vom physisch-materiellen über das symbolisch-kommunikative und politisch-administrative bis hin zum leiblich-körperlichen Tun – all das macht eine Region im performativen Vollzug erst zur Region. Der praktische Vollzug der Region stellt sich jedoch nicht als eine ungeordnete Assoziierung derartig heterogener Elemente dar. Vielmehr folgt die beständige Hervorbringung der Region einem ‚Regelwerk‘, welches sich aus der gängigen Regionalisierungspraxis ableitet.

Diese Praxis unterscheidet zwischen der lebensweltlich orientierten Identitätsregion und der technisch-administrativen Programmregion. Beide Regionalisierungen folgen jeweils unterschiedlichen Logiken, welche sich performativitätstheoretisch als Modell oder Skript (Dirksmeier 2009: 250) verstehen lassen (vgl. Abbildung 1). Bei objektivierten Programmregionen bildet ein normativ-technisches Grundprinzip der Regionalisierung dieses Skript. Die Region konstituiert sich räumlich als ein Gültigkeitsbereich von Normen bzw. leitet sich ihre Abgrenzung aus einem normativ-politischen Kontext ab, was allgemein für eine Vielzahl von administrativen Einheiten und Gebietskörperschaften zutrifft (Sinz 2018: 1979). Die Regionalisierungspraxis gemäß einem normativ-programmatischen Ansatz führt nach Blotevogel (2005: 364) zum Regionstyp der sogenannten „Tätigkeits- oder Programmregionen“. Diese Regionen erfordern ein laufendes ‚praktisches Tun‘ im Sinne der Realisierung eines Skriptes von Handelnden und Organisationen aus Politik und Verwaltung.

Auch für ‚subjektivierte‘ Identitäts- und Wahrnehmungsregionen (vgl. z. B. Blotevogel 2005: 364) ist ein ‚praktisches Tun‘ für die Herstellung von einer Region als ‚Vollzugswirklichkeit‘ erforderlich. Jedoch stehen, im Gegensatz zur Programmregion, Identitäts- und Identifikationsprozesse als dominierende Regionalisierungspraxis im Vordergrund. Zentraler Bezugsrahmen – bzw. das Regelwerk für den performativen Prozess der Regionalisierung – ist dabei die individuelle oder kollektive Lebenswelt (vgl. z. B. Blotevogel 2005: 364), die einen stabilen Rahmen für alltägliche Praktiken der Identifikation aufspannt.

Wenn wir den Prozess der Regionalisierung aus einer Perspektive betrachten, die lebensweltliche und räumliche Identifikationsprozesse in den Vordergrund stellt, erscheinen Regionen als dynamische, prozessuale Entitäten, die durch alltägliche performative Praktiken kontinuierlich reproduziert werden. Anssi Paasis konzeptueller Rahmen der Regionalisierung (Paasi 1986) veranschaulicht, dass Regionen Manifestationen gesellschaftlicher Entwicklung sind, die sich durch kollektive Rituale, lokale Traditionen und Interaktionen im Alltagsleben ausdrücken. Sie sind tief in der kulturellen und sozialen Praxis verankert (Tuan 1975) und manifestieren sich im Alltagserleben – sei es bei Routinen wie Spaziergängen, dem Wocheneinkauf oder im Gespräch mit Nachbarinnen und Nachbarn. Historisch gewachsene Verflechtungen, verinnerlichte Erfahrungen und langfristig tradierte Zuschreibungen schaffen eine gemeinsame Identität, welche mit dem räumlichen Konstrukt „Region“ in Zusammenhang steht: Identitäten können sich sowohl auf einzelne Individuen („lch-Identität“) und soziale Gruppen („Wir-Identität“) beziehen (vgl. Abbildung 1), aber auch auf räumliche Konfigurationen („räumliche Identität“) (Weichhart 2018).

Die performative Herstellung von Programmregionen hebt sich davon ab: Nicht eine alltägliche performative Regionalisierungslogik – ausgerichtet an eher emotionalisierten und langfristig tradierten Zuschreibungen – dominiert hier, vielmehr erfolgt die Regionalisierung primär zweckbezogen und problemorientiert. Planungsregionen werden politisch-administrativ im Hinblick auf die Erreichung konkreter Zielsetzungen performativ hergestellt. Sie sollen Entwicklung, Gestaltung und Transformation ermöglichen, indem sie den Bezugsrahmen für planerische Steuerung und regionalpolitische Interventionen aufspannen. Ihre performative Herstellung folgt einer politischen Rationalität und einer technisch-administrativen Logik. Nach Nassehi (2023: 257) stellt eine lebensweltliche Perspektive damit den „Stachel im Fleische all der optimistischen Selbstbeschreibungen, an die wir gewöhnt sind, wenn es um gute Gründe, um Veränderung, um Korrekturen, um Versprechen und Strategien geht“ dar. Die performative Herstellung von Programmregionen fokussiert auf die problemorientierte Transformation sowie die zukunftsorientierte Gestaltung von Raumstrukturen auf der Grundlage politischer Entscheidungen, welche in Strategien, Programmen, Verordnungen und Gesetzen materialisiert sind. Lebensweltliche Aspekte einer alltäglichen Regionalisierungspraxis stehen also scheinbar im Widerspruch zu einer rationalen Planungsperspektive und -praxis. „Lebenswelt ist das Trägheitsmoment neben der schöpferischen Vernunft, es ist die konservative Schwester des progressiven Fortschritts. In der Lebenswelt stecken alle Vorurteile, die uns intransparent bleiben, alle Latenzen, die die Welt übersichtlich machen. Eigentlich will man damit nichts zu tun haben – aber man muss“ (Nassehi 2023: 257). Wir argumentieren, daran anschließend, dass die performative Herstellung von Identitätsregionen im alltäglichen Tun einerseits und von Programmregionen nach politisch-administrativer Logik andererseits, zu einer Region führt, die als die ‚Welt‘ oder gegebene Realität wirksam wird. Unter der Oberfläche bestehen laufende Reibungen zwischen diesen Regionalisierungslogiken, auf welche wir vor allem in Kapitel 4 noch weiter eingehen werden.

So nehmen performative Identifikationsprozesse von Individuen oder sozialen Gruppen beispielsweise Bezug auf institutionalisierte Raumkonfigurationen wie Verwaltungseinheiten oder Gebietsstrukturen. Eine vom alltäglichen Tun ausgehende Regionsbildung erfolgt nicht isoliert. Sie entwickelt sich stets im produktiven Wechselspiel mit bestehenden räumlichen Strukturen, die sich aus einer normativ-administrativen oder technisch-planerischen Regionalisierungslogik konstituiert haben. Umgekehrt können regionale Governance-Strukturen zur politisch-planerischen Steuerung räumlicher Entwicklung nicht ohne Verbindung zu den regionalisierten Lebenswelten auskommen, da ihr Gelingen voraussetzt, dass sie auch Eingang in alltägliche Praktiken und Diskurse finden. In den unterschiedlichsten Planungskontexten ergeben sich Fragen bezüglich der Passung – und der Bearbeitung von ‚Reibung‘ – des räumlichen Zuschnitts des Planungsraumes mit dem Identifikationsraum, resultierend aus der subjektiven Perspektive der Bewohnerinnen und Bewohner. Vor allem im Hinblick auf Fragen der zivilgesellschaftlichen Beteiligung und Partizipation sowie der politischen Repräsentation sind die Beziehungen zwischen einer objektiven Planungslogik einerseits und einer subjektiven, lebensweltlichen Perspektive andererseits von erheblicher Relevanz.

Die Verschränkung der rational-technischen und der subjektiv-lebensweltlichen Regionen ist allerdings auch mit Gefahren verbunden. Um eine gelungene Resonanzbeziehung zu erzielen, sind eine emotionale Aufladung und eine Herstellung subjektiver Betroffenheit erstrebenswert. Dies kann dazu führen, dass den geführten Diskursen sowie den in einem demokratischen System erforderlichen Kompromissen eine ‚rationale‘ Argumentations- und Aushandlungsbasis abhandenkommt. Ausdruck davon sind politische Blockadehaltungen oder Bürgerproteste, wie sie gegenwärtig bei einer Vielzahl von Planungsmaßnahmen zu beobachten sind. Eine verstärkte Betonung regionaler Identität birgt das Risiko, dass sich eine Innenperspektive etabliert, die zu regionalistischer Abschottung, Regionalchauvinismus oder Stärkung (rechts-)populistischer Bewegungen führt (vgl. Kunzmann 2020: 374).


4  Regionale Resonanzen: Beispiele performativer Praxis

Anhand von zwei Beispielen aus dem österreichischen Bundesland Steiermark möchten wir die regionale Handlungsebene in den Blickpunkt stellen, um zu veranschaulichen, wie performative Praktiken der Regionalisierung sowohl zu Reibungen führen als auch resonante Bezüge zwischen Subjekt und Region ermöglichen.

4.1  Lebensweltliche Identitäten vs. Verwaltungsstrukturen

Anfang der 2010er-Jahre begann in der Steiermark ein Prozess hin zu einer tiefgreifenden Reform der administrativen Gebietsstrukturen. Vorrangiges Ziel war die Schaffung einer leistungsfähigen und professionalisierten Verwaltungsstruktur, um insbesondere auf kommunaler Ebene ein qualitätsvolles Angebot an Infrastrukturen der Daseinsvorsorge und öffentlichen Diensten sowie die effiziente Erfüllung behördlicher Verwaltungsaufgaben langfristig sicherstellen zu können.

Mit der Gemeindestrukturreform 2015 wurde die Zahl der Gemeinden in der Steiermark schließlich von 542 auf 287 reduziert. Parallel erfolgte ab 2011 die Fusion von politischen Bezirken3, deren Zahl sich von ursprünglich 17 auf 13 (inklusive der Statutarstadt Graz) reduzierte. Eine Konsequenz dieser politischen Reform waren Änderungen bei den Kfz-Kennzeichen. So verschwanden in einigen Landesteilen die in der Bevölkerung vertrauten Buchstabenkürzel und wurden durch neu geschaffene Bezirksabkürzungen ersetzt. Im Bezirk Liezen führte die vorgenommene Auflösung der politischen Expositur Bad Aussee beispielsweise dazu, dass für vier Gemeinden das Kfz-Kennzeichen mit der Abkürzung „BA“ entfiel. Dieser Verlust eines sichtbaren Herkunftssymbols, welches auch im Musiktitel „Hoamweh nach BA“ der Gruppe „Ausseer Hardbradler“ überregionale Berühmtheit erlangt hatte, führte zu intensiven Diskussionen in der Region. Mehr als ein Jahrzehnt nach der Reform wurde 2024 schließlich, mit Unterstützung aus den regionalpolitischen Gremien der Region Liezen, eine Rückkehr der alten Abkürzung ermöglicht: „Wir haben uns seit mehr als einem Jahr bemüht, für das Ausseerland dieses „BA“-Kennzeichen zurückzubekommen. Und nach einem Jahr ist es nun gelungen, dieses identitätsstiftende Kennzeichen für die Gemeinden im Ausseerland wieder zurückzubekommen“, wie es der damalige Landeshauptmann der Steiermark zusammenfasst.4

Dieses Beispiel steht stellvertretend für viele Gebietsreformen: Während sich mit den veränderten administrativen Strukturen eine neue Regionalität etablierte, ging mit dem Verlust des Kfz-Kennzeichens als sichtbares Symbol der räumlichen Herkunft und Verbundenheit anscheinend ein Teil dieser Identität wieder verloren. Reibungen, die mit solchen Veränderungen einhergehen, lassen sich als fehlende Passung regionalräumlicher Konfigurationen auffassen, deren performative Herstellung nach unterschiedlichen Skripten organisiert ist. Dies erfordert eine gesellschaftliche Adressierung und konkret auch regionalpolitische Bearbeitung, mittels welcher gegensätzliche Vorstellungen miteinander in Einklang gebracht werden sollen: Einerseits das Gefühl der ‚Heimat‘, eng verbunden mit vertrauten Symbolen und Identitätsmarkern wie dem „BA“-Kennzeichen, andererseits die Etablierung einer neuen räumlichen Verwaltungsstruktur, die auf Effizienz und Funktionalität abzielt. Die Bearbeitung dieser Spannungen berührt die Frage nach der Legitimität und Akzeptanz regionaler Strukturen.

Die ‚Aufführung‘ von Region als Identitätsregion (vgl. Kapitel 2) zeigt sich dabei als diskursive Performanz, die sowohl formell als auch informell stattfindet. Auf der formellen Ebene inszenieren politische Akteurinnen und Akteure die Region bewusst, etwa durch symbolische Handlungen und öffentliche Auftritte, um das regionale Bewusstsein zu stärken und institutionelle Ziele zu legitimieren und politische Maßnahmen zu schaffen. Gleichzeitig manifestiert sich eine alltägliche Performanz in informellen Gesprächen, die ebenfalls zur fortlaufenden Aushandlung und Produktion regionaler Identität beiträgt. Diese Gespräche fungieren als wiederkehrende Bühne, auf der regionale Identität diskursiv produziert und neu verhandelt wird. Durch die Iterativität dieser Performanzen – sei es durch offizielle Auftritte oder durch alltägliche Interaktionen – entsteht ein kulturelles Gedächtnis, das die kollektive Vorstellung der Region prägt und regionale Identität sichtbar und erfahrbar macht. So wird die Region nicht nur als administratives Gebilde, sondern auch als soziale Konstruktion wahrgenommen, die durch Sprache, Symbolik und wiederholte Inszenierung lebendig bleibt und es zeigt sich, dass regionale Identität sowohl institutionell als auch alltäglich kontinuierlich geformt wird.

Die Abschaffung des Kfz-Kennzeichens, das im Ausseerland als symbolisches Identitätsmerkmal eine besondere Bedeutung zu haben scheint, führte zu wahrnehmbaren Spannungen zwischen administrativen Entscheidungen und der emotionalen Verbundenheit der Bevölkerung. Der Verlust eines vertrauten Symbols wie des „BA“-Kennzeichens kann als eine Form von ‚Reibung‘ oder als ein möglicher Bruch von ‚Resonanz‘ verstanden werden. Die Wiedereinführung des „BA“-Kennzeichens im Jahr 2024 – auch als öffentliche Inszenierung – demonstriert die Relevanz regionaler Symbole für die raumbezogene Identifikation und steht für die Persistenz (Lieb/Čede 2022) einer Identitätsregion.

4.2  Identität als Programm vs. gelebte Identität

In der Steiermark besteht mit dem Steiermärkischen Landes- und Regionalentwicklungsgesetz (StLREG) seit 2018 eine rechtliche Grundlage für Maßnahmen der Landes- und Regionalentwicklung. Das Gesetz definiert entsprechende Ziele und Grundsätze und etabliert sieben Planungsregionen als räumliche Handlungsebene mit regionalen Organisationsstrukturen (vgl. Amt der Steiermärkischen Landesregierung 2021): So fungiert ein Regionalverband unter Einbeziehung aller Gemeinden einer Region als Träger der Regionalentwicklung. Strategische Entscheidungen trifft die Regionalversammlung, die aus Bürgermeisterinnen, Bürgermeistern und regionalen Abgeordneten (Landtag, Nationalrat, Bundesrat) besteht, während der Regionalvorstand das Leitungsorgan bildet. Die operativen Tätigkeiten der Regionalentwicklung werden von professionalisierten Regionalmanagements wahrgenommen. Neben diesen strukturellen Rahmenbedingungen definiert das Steiermärkische Landes- und Regionalentwicklungsgesetz auch die Aufgaben der Regionen: Jede Region hat in einer Entwicklungsstrategie die Schwerpunkte und Leitthemen der Regionalentwicklung zu definieren, hierauf aufbauend werden anschließend jährliche Arbeitsprogramme mit konkreten Umsetzungsprojekten erarbeitet. Die Finanzierung der regional und interkommunal ausgerichteten Projekte erfolgt über Jahresbudgets, die sich aus Landes- und Gemeindebeiträgen zusammensetzen. Diese Mittel können nach entsprechendem Beschluss in den Regionsgremien eigenverantwortlich eingesetzt werden. Die inhaltliche Ausrichtung der Regionalentwicklungsprojekte ist vielfältig und adressiert raumspezifische Herausforderungen. In ländlichen Gebieten werden beispielsweise nachfrageorientierte Mobilitätslösungen oder innovative Nahversorgungsangebote unterstützt, während in städtischen Räumen unter anderem Maßnahmen zur Attraktivierung der Innenstädte und Ortskerne oder zur Klimawandelanpassung im Fokus stehen. Ein zentrales querschnittsorientiertes Themenfeld ist die regionale Identität und Imagebildung, welches in den regionalen Strategiedokumenten verankert und in der Landesentwicklungsstrategie Steiermark 2030 (Amt der Steiermärkischen Landesregierung 2022) als Leitthema und -ziel festgelegt ist. Dort wird insbesondere die Verbindung von Regionalität und regionaler Identität mit der Stärkung des sozialen und kulturellen Zusammenhalts in Verbindung gesetzt.

In der Region Obersteiermark-West, die sich aus den beiden politischen Bezirken Murau und Murtal zusammensetzt und durch eine periphere, inneralpine Lage sowie durch Bevölkerungsrückgang geprägt ist, bilden die Stärkung der regionalen Identität und der Aufbau eines zukunftsfitten Regionsimages wichtige Schwerpunkte der Regionalentwicklungsarbeit. Die Region vermarktet sich unter dem Slogan „Österreichs starke Region Murau-Murtal“ als attraktiver Lebens- und Wirtschaftsraum und fokussiert mit imagebildenden Maßnahmen, wie Marketingkampagnen, Social-Media-Auftritten oder über ein speziell für Schülerinnen und Schüler konzipiertes Regionsspiel, sowohl auf eine Veränderung der Fremdwahrnehmung der Region von außen als auch auf eine Stärkung der regionalen Selbstwahrnehmung in der Bevölkerung. Die Imagestärkung ‚nach innen‘ soll dazu beitragen, „die Einheimischen verstärkt an die Region zu binden und qualifizierte Fachkräfte bzw. MitarbeiterInnen für die Unternehmen gewinnen und halten zu können“.5

Mit den Projektmaßnahmen zur Stärkung des Regionsimages wird demnach explizit darauf abgezielt, den Bewohnerinnen und Bewohnern die in der Region vorhandenen Potenziale und Chancen, beispielsweise im Bildungs- oder Arbeitsbereich, sichtbar zu machen. Damit implizit verbunden ist das Ziel der Herstellung einer Resonanz zwischen den individuellen oder kollektiven Identitätsbezügen der Bewohnerinnen und Bewohner und einer als Region „Murau-Murtal“ artikulierten räumlichen Bezugsform. Denn die Identifikation und die soziale Verwurzelung mit der Region hängen maßgeblich davon ab, ob eine bedeutende Anzahl von Menschen sich als integralen Bestandteil dieser regionalen Gemeinschaft sieht. Die Resonanztheorie von Rosa (2016) legt nahe, dass eine Verbindung zwischen einer objektivierten Programmregion und der subjektiv empfundenen Lebenswelt nur dann gelingt, wenn Menschen die Region als bedeutungsvollen und identitätsstiftenden Lebensraum wahrnehmen, der über symbolisch-kommunikative Praktiken erlebbar gemacht wird. So betonen imagebildende Maßnahmen die Relevanz der Identifikation ‚von innen‘ (vgl. Hostniker 2022), indem sie die kollektive Wahrnehmung und die gemeinsame Solidarisierung mit der Region fördern. Fehlt diese Wahrnehmung und wird die technische Programmregion nicht in Beziehung zu regionalen Identitäten gesetzt, können sich Reibungen ergeben, die die nachhaltige Entwicklung und Gestaltung einer Region behindern – beispielsweise dahingehend, dass sich die fehlende Identifikation in Form von geringer zivilgesellschaftlicher und politischer Beteiligungsbereitschaft zeigt.

Eine starke Identifizierung mit der eigenen Region geht mit einer weniger starken Identifizierung mit anderen Regionen einher. Hierbei besteht die Gefahr, dass das Bewusstsein für und der Stolz auf die eigene Region in einen Regionalchauvinismus mit einer abwertenden Haltung gegenüber allem ‚Anderen‘ und ‚Fremden‘ umzukippen droht (vgl. Ermann 2022: 297–298). Gleichzeitig zeigt sich, dass Programmregionen erst dann als authentische Handlungsebene wirksam werden können, wenn sie die Erfahrungen der Menschen integrieren und damit die soziale Verwurzelung stärken.


5  Resonanz und Performativität: Perspektiven für die Regionalentwicklung und Regionalplanung

Im vorliegenden Beitrag diskutierten wir ‚die Region‘ aus einer bestimmten theoretisch-konzeptionellen Perspektive, um auf zwei wesentliche Aspekte hinzuweisen:

Erstens sind Regionen konsequent als ‚gemachte Entitäten‘ zu verstehen, wie es seit der konstruktivistischen Wende in der Humangeographie heute weitestgehend als „Normalparadigma“ bezeichnet werden kann (vgl. Seebacher 2012: 110–112; vgl. Kapitel 1 und 2). Entgegen dem wissenschaftlichen Diskurs ist die Sichtweise von Praxisakteurinnen und -akteuren in Regionalentwicklung und Regionalplanung eher von einem ‚realistischen‘ Blick auf Regionen geprägt, der den Konstruktcharakter von Regionen zwar nicht negiert, aber nicht als besonders relevant erachtet. Implizit herrscht der Eindruck vor, dass ‚Region‘ als ein gegebener räumlicher Hintergrund ‚immer schon da war‘. Dieser scheinbar stabile Charakter ist das Ergebnis von vielfältigen und oft konfliktbehafteten Institutionalisierungsprozessen sowie performativer Regionalisierungspraktiken. Wir argumentieren, dass Regionen als performativ hergestellt zu begreifen sind; sie werden im Sinne eines doing region laufend als ‚Vollzugswirklichkeit‘ praktisch wirksam. Die Regionalisierungspraktiken seitens Politik und Planung, die zur Konstruktion von Programmregionen führen, reichen von der Abgrenzung der Gebietskulisse einer regionalpolitischen Fördermaßnahme über die Erarbeitung fachlicher Planungsgrundlagen bis hin zu den Diskussionen in einem Planungsverband oder einer Regionalversammlung. Deutlich wird der Konstruktcharakter von ‚Region‘ insbesondere bei einem Blick auf die gegenwärtige Vielfalt regionaler Raumkonfigurationen und institutionalisierter Regionstypen. So ist beispielsweise im österreichischen Kontext zu beobachten, dass die ‚regionale Unübersichtlichkeit‘ in den letzten Jahren zugenommen hat (vgl. für eine Bestandsanalyse ÖROK 2020: 18–19). Neue Regionen mit unterschiedlichen räumlichen Konfigurationen, thematischen Arbeitsschwerpunkten sowie Governance- und Managementstrukturen haben sich konstituiert. Damit wird die grundsätzliche Kontingenz regionaler Raumkonfigurationen sichtbar – Regionen können neu entstehen, sich verändern oder auch wieder verschwinden.

Zweitens zeigen wir, dass die performative Herstellung von Region anhand unterschiedlicher Logiken oder ‚Skripten‘ organisiert ist. Wir unterscheiden eine nach administrativ-normativen Kriterien funktionierende und auf eine bestimmte (politische) Zielsetzung hin ausgerichtete technische Programmregion einerseits und eine subjektiv-lebensweltlich orientierte Identitätsregion andererseits. In den ausgeführten praktischen Beispielen konnten wir im Kontext der Regionalentwicklung wechselseitige Reibungen zwischen ‚harter‘ Institutionalisierung von Region als administrative Struktur einerseits und ‚weicher‘ Lebenswelt der Bewohnerinnen und Bewohner andererseits illustrieren. Während erstere durch klar definierte Grenzen und Governance-Beziehungen gekennzeichnet ist, basiert letztere auf subjektiven Wahrnehmungen und emotionalen Bindungen (vgl. Kapitel 3).

Was kann man aus unserer Perspektive auf die performative Herstellung von Region und auf die (fehlende) ‚Resonanz‘ von technischer Planungswelt und subjektiv empfundener Lebenswelt nun zusammenfassend ableiten? Dass die Planung und die Entwicklung von Regionen entsprechend einer Top-down-Logik und einem ausschließlich technisch-rationalen Ansatz folgend wenig zielführend sind – und auch Legitimations- und Repräsentationsdefizite aufweist –, wurde in den Planungswissenschaften (vgl. für die planungstheoretische Entwicklung z. B. Wiechmann 2019: 8) und in der Planungspraxis umfassend diskutiert und nachgewiesen (vgl. z. B. Priebs 2018a: 2060). So kann der Bedeutungsgewinn informeller Planungsinstrumente und speziell von Maßnahmen des Regional- und Standortmarketings als Ausdruck der Beschränktheit klassischer Planungskonzepte interpretiert werden (vgl. Weichhart 2018: 912–913). Maßnahmen zur Steuerung der Raumentwicklung benötigen immer eine Form von Resonanz mit den konkreten Handlungsräumen und den Lebenswelten der involvierten Akteurinnen und Akteure, seien es politische Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger oder die Zivilgesellschaft.

Es gilt emotionale Bezüge zu schaffen, über welche Identifikationsprozesse mit der Region forciert und die Bereitschaft zur aktiven (Mit‑)Gestaltung der Lebenswelt erhöht werden kann. Während auf lokaler Ebene häufig eine starke Identifikation und das Engagement der Bevölkerung vorhanden sind, bleibt es eine Herausforderung, dieses Engagement auch auf die regionale Ebene zu übertragen. Damit die Region als sinnstiftende Handlungsebene wahrgenommen wird, muss sie nicht nur als administrativer Raum, sondern als gemeinsamer, gestaltbarer Lebensraum verstanden werden. Ein zentraler Ansatz zur Überwindung dieser Diskrepanz ist die Integration lebensweltlicher Perspektiven in die formalen Planungsprozesse. Eine Integration von partizipativen Planungsansätzen und qualitativen Forschungs- und Planungsmethoden kann nicht nur die Akzeptanz der Planung in der Bevölkerung erhöhen, sondern auch die Effektivität von Regionalentwicklungsprozessen im Sinne „einer Stimulation endogener Entwicklungs- und Kreativitätspotenziale“ (Weichhart 2018: 913) steigern.

Abschließend schlagen wir fünf Ansätze vor, die in der Praxis einen Beitrag leisten können, um subjektive ‚Resonanz‘ mit Region zu erzeugen und Reibung zwischen Programmatik, Planung und Politik einerseits und Identifikation und Lebenswelt andererseits zu reduzieren:

Sinn-Stiften: Damit Strategien und Instrumente zur Entwicklung von Regionen sich auch performativ realisieren und gelingen lassen, bedarf es zweierlei ‚Sinn‘: Zum einen müssen Ziele und Pläne zu deren Erreichung insofern Sinn ergeben, als sie klar benannt und rational nachvollziehbar begründet werden. Zum anderen muss auch die sinnliche – emotionale – Ebene der Regionalität angesprochen werden, um Menschen dazu zu bewegen, sich mit ihrer Region zu solidarisieren und eine regionale Ebene kommunizieren, die Identifikation ermöglicht und ein Wir-Gefühl erzeugt. Dazu muss die Region mit den Sinnen erfahrbar gemacht und die Menschen müssen in ihrer emotionalen und körperlichen Präsenz angesprochen werden. Ein solches Sinn-Stiften setzt eine Verknüpfung von beiden Sinn-Ebenen voraus und muss Identifikationsangebote schaffen, die auf sozialen Zusammenhalt ausgerichtet sind, ohne auf Abgrenzung oder gar Abschottung abzuzielen.

Teil-Haben: Strategien der Regionalentwicklung sollten die Bevölkerung bei der Herstellung und Reproduktion von Regionen beteiligen. Ein Ansatz der Teilhabe, der die subjektiven und alltäglichen Wahrnehmungen ernst nimmt, ist hierbei essenziell. Der Fokus sollte dabei auf die Förderung von Initiativen und kulturellen Praktiken gerichtet sein, die zur Stärkung des Gemeinschaftsgefühls, der Loyalität und Solidarität sowie der Identifizierung mit der Region als Lebenswelt beitragen (Healey 1997; Davoudi/Brooks 2021). Solche Ansätze ermöglichen es, die Region als gelebten Raum zu verstehen, der die Menschen emotional anspricht und zum Mitgestalten motiviert.

Mit-Teilen: Ein zentraler Faktor für eine produktive Verbindung von Lebenswelt und Planungswelt ist die in Planungsprozessen verwendete Sprache. Ergänzend zu der abstrakten, technokratischen Sprache der Planung bedarf es einer alltagsnahen, zugänglichen und einfachen Sprache. Ziele, Pläne und Maßnahmen sollten so kommuniziert werden, dass sie mit den Betroffenen geteilt und im Idealfall von ihnen zu eigen gemacht werden. Die Wahl der Begriffe und Bilder – das sogenannte Framing – spielt eine Schlüsselrolle. Framing hebt bestimmte Aspekte eines Themas hervor und beeinflusst so dessen Wahrnehmung und Interpretation (vgl. Fischer/Heintel 2022; Heintel 2022). (Fach‑)Begriffe wie „Zentraler Ort“ haben einen technisch-technokratischen Fokus, während „unser Stadt- oder Ortskern“ emotionale und identitätsstiftende Assoziationen weckt. Durch die gezielte Verwendung alltagssprachlicher Begriffe können positive Bilder geschaffen werden, die Gemeinschaft betonen und ein neues Verständnis von Lebens- und Handlungsräumen etablieren. Während beispielsweise in der Planung abstrakt von „Räumen“ gesprochen wird, schafft die Übersetzung in eine vertraute alltagsnahe Sprache, etwa die Umdeutung von „Raum“ zu „Heimat“, ein emotionales Bild, das Zugehörigkeit und Identität vermittelt (vgl. Kunzmann 2020: 377–378).

Bild-Machen: Um Visionen und Pläne regionaler Entwicklung zu vermitteln, sind Raumbilder unerlässlich, sei es in Form von Karten, Visualisierungen von baulichen und landschaftlichen Zukunftsvorstellungen, Regionsmarken/Logos oder mentale und emotionale Vorstellungen über räumliche Strukturen und Entwicklungen (vgl. Redepenning 2023). Bei der Herstellung und Vermittlung entsprechender Vorstellungen geht es darum, ein Bild von der eigenen Umwelt und deren Zukunft zu ermöglichen. Um resonante Beziehungen zu schaffen, ist es notwendig, die abstrakten Raumbilder der Planung in einen lebensweltlichen Kontext zu übersetzen und lebensweltliche Raumbilder in die Planung zu integrieren.

Vor-Gehen: Um Resonanz zu erzeugen und eine performative Planungspraxis zu gewährleisten, ist die Partizipation der Bevölkerung erforderlich. Dazu braucht es ein Vorgehen, das von Vor-Gehen (der Beteiligten) statt von Vor-Geben geprägt ist. Der Einsatz qualitativer, interpretativ-verstehender Forschungs- und Planungsmethoden und die Auseinandersetzung mit Identität, Wahrnehmung und Lebenswelt sind damit entscheidend. Zudem können Methoden wie performative Beteiligung (Mackrodt/Helbrecht 2013), Mental Maps (Gieseking 2013) oder Go-Alongs (Kusenbach 2021) eingesetzt werden, um subjektive Raumwahrnehmungen zu visualisieren und unterschiedliche Perspektiven auf den Raum zu erfassen. Ebenso bietet Improvisationstheater (Hostniker/Meyer 2024) die Möglichkeit, räumliche und soziale Dynamiken in einer interaktiven und kreativen Weise zu erkunden. Beide Ansätze unterstützen eine tiefere Reflexion über Raum, Identität und Wahrnehmung, indem sie abstrakte Konzepte konkret und erlebbar machen.

Die Herausforderungen auf der regionalen Handlungsebene, besonders die Bewältigung komplexer Transformationsprozesse, wie beispielsweise die Energiewende oder der regionalökonomische Strukturwandel, erfordern eine noch stärkere Berücksichtigung der emotionalen Bindungen und der raumbezogenen Identifikationsprozesse in der Bevölkerung. Dies kann dazu beitragen, dass sich die Bereitschaft zur Mitwirkung an der Gestaltung der eigenen Lebensumwelt erhöht. Regionale Entwicklungsprozesse werden so nachhaltiger legitimiert und effektiver umgesetzt.

Unter Rückgriff auf den Begriff der Resonanz plädieren wir dafür, die beiden Welten von objektiver, technisch-rationaler Programmregion einerseits und lebensweltlich orientierter Identitätsregion andererseits in ein produktives wechselseitiges Verhältnis zu bringen, ohne die eine Perspektive über die andere zu stellen. Das Konzept der performativen Herstellung von Regionen bietet einen Ansatz, über die regionale Handlungsebene (wissenschaftlich) zu reflektieren. Die Entwicklung regionaler Resonanz, verstanden im Sinne der Reduktion von Reibungen, kann daran anschließend als zentrale Aufgabe von Regionalentwicklungs- und Regionalplanungspraxis verstanden werden.

Competing Interests  
The authors declare no competing interests.
Acknowledgement  
We would like to thank Elena Flucher and Georg Relinger for proofreading and editing assistance. We would like to thank two anonymous reviewers for their helpful comments.
Funding  
This work received external funding from Amt der Steiermärkischen Landesregierung, Abteilung 17 Landes- und Regionalentwicklung, Steiermark, Austria, within the project FoReSt (Forschungsvernetzung zur Regionalentwicklung in der Steiermark).


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Fußnoten

1Steiermärkisches Landes- und Regionalentwicklungsgesetz – StLREG 2018 in der Fassung vom 20. Januar 2025.
2Dieses Interviewzitat stammt aus einem unveröffentlichten Transkript von Sabine Hostniker aus 2023.
3Politische Bezirke in Österreich sind reine Verwaltungseinheiten zwischen der Landesebene und den Gemeinden. Sie verfügen über keine Raumplanungskompetenz.
4https://www.diepresse.com/18898076/bad-aussee-bekommt-sein-ba-taferl-zurueck (14.04.2025).
5https://starkes-murau-murtal.at/projekte/image-region-murau-murtal/ (14.04.2025).