Die vom Institut für Wohnungswesen, Immobilienwirtschaft, Stadt- und Regionalentwicklung (InWIS) an der Ruhr-Universität Bochum und der EBZ Business School Bochum im Auftrag verschiedener bauaffiner Verbände durchgeführte Studie „Wohnungsbau braucht (mehr) Fläche: Flächenneuinanspruchnahme und Innenentwicklung auf dem Prüfstand“ ist ein wichtiger und fundierter Beitrag zur aktuellen wohnungspolitischen Debatte in Deutschland (Bölting/Dylewski/Höbel 2025). Die Autorinnen und Autoren der Studie arbeiten den realen Zielkonflikt zwischen der dringend notwendigen Schaffung von Wohnraum und den ebenso wichtigen Zielen des Flächenschutzes überzeugend heraus. Als Stadtforscherinnen und Stadtforscher, die seit Jahren zur Flächenverfügbarkeit und zur Flächeninanspruchnahme forschen, möchten wir die Argumente der Studie aufgreifen und erweitern. In unseren Augen fehlt eine entscheidende Dimension: die Notwendigkeit, Flächen für den Wohnungsbau genau dort zu suchen, wo sie auch tatsächlich gebraucht werden. Denn für die Schaffung von bedarfsgerechtem Wohnraum braucht es eine regional differenzierte und kleinräumige Perspektive, um Flächenangebot und Nachfrage passgenau zusammenzuführen.
Zunächst sei festgehalten: Die Studie benennt unbestreitbare, praxisrelevante Probleme. Ihre Schlussfolgerung, dass die Innenentwicklung oft „zu wenig, zu langsam, zu teuer“ ist (Bölting/Dylewski/Höbel 2025: 43–44), wird durch eigene Analysen auf kommunaler Ebene bestätigt. Insbesondere die Hürden durch komplizierte Eigentumsverhältnisse, bei denen bis zu 80 % der Potenzialflächen in privater Hand sind, hohe Rückbau- und Entwicklungskosten sowie der immense personelle und zeitliche Aufwand für die Kommunalverwaltungen sind entscheidende Hemmnisse (Blum/Atci/Roscher et al. 2022; Eichhorn/Ehrhardt/Münter et al. 2024; Ehrhardt/Sommer/Ndim et al. 2025). Ebenso ist die in der Studie konstatierte hohe Wohnungsnachfrage in den deutschen Wachstumsregionen eine valide Ausgangsbasis für die weitere Diskussion (Bauer/Gies/Hoch et al. 2021; Ehrhardt/Eichhorn/Behnisch et al. 2022).
Das zentrale Argument der InWIS-Studie für einen allgemeinen Mehrbedarf an Flächen leitet sich aus den genannten Hürden ab. Es krankt jedoch an einer analytischen Unschärfe, die aus den oben genannten angewendeten räumlichen Analyseebenen resultiert.
Ein Landkreis im Umland von Berlin beispielsweise mag in der Statistik als Ganzes wachsen. Unsere kleinräumige Empirie zeigt jedoch, dass dieses Wachstum nicht flächig stattfindet. Es konzentriert sich auf einzelne Gemeinden und Korridore mit guter Verkehrsanbindung, etwa entlang von S‑Bahn-Linien, während andere Gemeinden im selben Landkreis stagnieren oder sogar schrumpfen. Die Kreisebene – insbesondere bei den Großkreisen in den neuen Bundesländern – nivelliert diese entscheidenden Unterschiede, indem sie nicht zwischen der boomenden Speckgürtel-Gemeinde und dem strukturschwachen Dorf unterscheiden kann. Die Folgen sind eine Fehldiagnose eines flächendeckenden Bedarfs, ein Anreiz für Fehlinvestitionen in die Erschließung neuer Flächen und hohe Kosten durch die weitere Landschaftszersiedelung.
Für die ländlichen Räume mit entspannten Wohnungsmärkten geht die Studie implizit von einem „Weiter wie bisher“ und damit einer Siedlungsentwicklung aus, die durch immer weitere Einfamilienhausgebiete geprägt ist. Das Kernproblem der Flächeninanspruchnahme ist nicht die unbestritten notwendige Außenentwicklung in Großstädten. Auch angemessen verdichteter Wohnungsbau an gut angebundenen Standorten im Umland ist nicht das Hauptproblem. Die eigentliche Ursache ist vielmehr der fortgesetzte Bau von Einfamilienhäusern in Regionen, in denen der Neubaubedarf gering ist. Somit besteht die Gefahr, dass sich die bereits in einer Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft Köln (IW) festgestellten Fehlentwicklungen im gering verdichteten Wohnungsbau in vielen ländlichen Räumen fortsetzen werden (Henger/Voigtländer 2019). Diese Art des Bauens dient nicht den Bedürfnissen der Haushalte, sondern schreibt überholte Siedlungsmuster fort, die vor allem den Interessen der Bauwirtschaft zugutekommen. Eine echte Lösung, die die Flächeninanspruchnahme reduziert und den Menschen dient, liegt daher in höheren Anteilen der Innen- und Bestandsentwicklung. Dafür braucht es aber einen funktionierenden Markt für die Revitalisierung von Flächen und einen bedarfs- sowie demographiegerechten Umbau des Wohnungsbestands.
Die in der InWIS-Studie dargestellte Lösung, durch „mehr Fläche“ Wohnraum zu schaffen, ist somit eine Folge einer analytischen Unschärfe. Potenziell legitimiert diese eine ungeordnete Außenentwicklung und ein Wohnraumangebot, das für viele nicht bezahlbar sein wird und neue Pendlerströme mit dem Auto erzeugt. In den stagnierenden Räumen (vgl. Abbildung 1) führt es für die öffentlichen Kassen primär zu einem Wettbewerb zwischen den Gemeinden um neue Einwohnerinnen und Einwohner und geht, wie weithin bekannt, mit erheblichen ökologischen, ökonomischen und sozialen Folgewirkungen einher (Bovet/Reese/Köck 2018).
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Eine klare Steuerung der Siedlungsentwicklung, die Wohnraumbedarfe regional abstimmt und raumordnerisch begründete Entwicklungsschwerpunkte festlegt. Unter der Prämisse limitierter Flächen muss diese Steuerung gezielt Innen- und Bestandsentwicklung fördern sowie städtebauliche Mindestdichten vorgeben und einfordern. Nur so können infrastrukturelle Fehlinvestitionen verhindert werden.
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Eine aktive kommunale Bodenpolitik, die sicherstellt, dass die Vielfalt an Bodeneigentümern gerade in der Innen- und Bestandsentwicklung adressiert und unterstützt wird, aber auch planungsbedingte Wertsteigerungen für die Schaffung qualitativ hochwertigen Wohnraums genutzt werden können. Kommunen müssen zudem in die Lage versetzt werden, strategisch zu intervenieren, statt nur auf die Initiativen privater Investoren zu reagieren.
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Ein fairer Lasten- und Finanzausgleich, der die Folgekosten der Wohnraumschaffung regional gerecht verteilt und sicherstellt, dass Umlandgemeinden dauerhaft von der Wirtschaftskraft der Kernstädte profitieren können.
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Die gezielte Stärkung der regionalen (wohnungsnahen) Infrastruktur, insbesondere des öffentlichen Nahverkehrs als Rückgrat nachhaltiger Siedlungsentwicklung. Gezielte Investitionen schaffen hier attraktive Lagen und heben die Potenziale für die Innen- und Bestandsentwicklung.
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Die aktive Förderung einer hohen Baukultur, die beweist, dass Wohnungsbau auch im Bestand bei höheren Dichten Lebensqualität steigern und gleichzeitig wertvolle Flächen schonen kann (vgl. Abbildung 2).
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Eine zukunftsfähige Wohnungsbaupolitik muss auf einer kleinräumigen, empirisch validen Datenbasis aufbauen. Sie muss erkennen, dass Herausforderungen insbesondere auf lokaler Ebene wirken, die Lösungen aber regional organisiert und gesteuert werden müssen. Wir brauchen daher keine pauschale Freigabe von Flächen für den Wohnungsbau, sondern eine neue, datengestützte und kooperative Planungskultur, die die Nachfrage nach (bezahlbarem) Wohnraum an die erste Stelle stellt, bevor wir über Neubaugebiete auf der „grünen Wiese“ sprechen. Nur so können wir den tatsächlichen, kleinräumigen demographischen Dynamiken und differenzierten Wohnraumbedarfen vor Ort gerecht werden. Wohnungen, die – ob mit oder ohne „Bauturbo“ – am falschen Ort und am tatsächlichen Bedarf vorbei gebaut werden, tragen nicht zur Lösung des Wohnungsproblems bei. Auf den Prüfstand gehört daher die aktuelle Debatte um den Wohnungsbau, samt ihrer erratischen Instrumentensicht und nicht der Vorrang der Innenentwicklung oder das 30-Hektar-Ziel.
Literatur
| Bauer, U.; Gies, J.; Hoch, A.; Hollbach-Grömig, B.; Kühl, C.; Pätzold, R.; Scheller, H.; Schneider, S. (2021): Das Umland der Städte. Chancen zur Entlastung überforderter Wohnungsmärkte. Plausibilitäten – Determinanten – Restriktionen. Berlin. |
| Blum, A.; Atci, M. M.; Roscher, J.; Henger, R.; Schuster, F. (2022): Bauland- und Innenentwicklungspotenziale in deutschen Städten und Gemeinden. Bonn. = BBSR-Online-Publikation 11/2022. |
| Bölting, T.; Dylewski, C.; Höbel, R. (2025): Wohnungsbau braucht (mehr) Fläche. Flächenneuinanspruchnahme und Innenentwicklung auf dem Prüfstand. Bochum. = InWIS-Berichte 37. |
| Bovet, J.; Reese, M.; Köck, W. (2018): Taming expansive land use dynamics – Sustainable land use regulation and urban sprawl in a comparative perspective. In: Land Use Policy 77, 837–845. https://doi.org/10.1016/j.landusepol.2017.03.024 |
| Eichhorn, S.; Ehrhardt, D.; Münter, A.; Behnisch, M.; Jehling, M. (2024): Understanding land take by low-density residential areas: An institutionalist perspective on local planning authorities, developers and households. In: Land Use Policy 143, 107198. https://doi.org/10.1016/j.landusepol.2024.107198 |
| Ehrhardt, D.; Eichhorn, S.; Behnisch, M.; Jehling, M.; Münter, A.; Schünemann, C.; Siedentop, S. (2022): Stadtregionen im Spannungsfeld zwischen Wohnungsfrage und Flächensparen. Trends, Strategien und Lösungsansätze in Kernstädten und ihrem Umland. In: Raumforschung und Raumordnung | Spatial Research and Planning 80, 5, 522–541. https://doi.org/10.14512/rur.216 |
| Ehrhardt, D.; Sommer, F.; Ndim, M.; Raimbault, J.; Hartmann, T.; Jehling, M. (2025): Who drives urban densification? Linking landownership and spatial dynamics. In: Raumforschung und Raumordnung | Spatial Research and Planning 83, 4, 285–301. https://doi.org/10.14512/rur.2977 |
| Henger, R.; Voigtländer, M. (2019): Ist der Wohnungsbau auf dem richtigen Weg? Aktuelle Ergebnisse des IW-Wohnungsbaubedarfsmodells. Köln. = IW-Report 26/19. |
| Jehling, M.; Schorcht, M.; Hartmann, T. (2020): Densification in suburban Germany. Approaching policy and space through concepts of justice. In: Town Planning Review 91, 3, 217–237. https://doi.org/10.3828/tpr.2020.13 |
Fußnoten
| 1 | Baugesetzbuch in der Fassung der Bekanntmachung vom 3. November 2017 (BGBl. I S. 3634), das zuletzt durch Artikel 5 des Gesetzes vom 12. August 2025 (BGBl. 2025 I Nr. 189) geändert worden ist. |

