Untersucht wurde die Beteiligung der Bevölkerung in Planungsverfahren aus einer sozialwissenschaftlichen Perspektive der Lebenswelt – mit einer gewissen Skepsis gegenüber zeitgenössischen Konzepten der partizipativen Stadtplanung. Ausgangspunkt war die Beobachtung, dass trotz eines normativen Anspruchs auf breite Beteiligung der Bevölkerung oftmals nur ein vergleichsweise übersichtlicher Teil der Gesellschaft an Entscheidungsprozessen städtischer Planung und Umsetzung teilnimmt. Wissenschaftliche Erklärungsansätze fokussieren nach wie vor insbesondere auf strukturelle, sozioökonomische Faktoren oder plädieren für eine ‚innovative‘ Ausgestaltung von Beteiligungsformaten, um dem mangelnden Interesse an Teilnahme zu begegnen.
In diesem Sinne wird dominierenden Erklärungsansätzen ein qualitativ-rekonstruktiver Zugang entgegengesetzt, der an die Theorie der Lebenswelt nach Alfred Schütz anknüpft. Auf der Grundlage narrativer Interviews mit Bewohnerinnen und Bewohnern in den beiden Leipziger Stadtvierteln Zentrum-Süd und Südvorstadt wird gezeigt, dass Beteiligung oder Nicht-Beteiligung wesentlich durch subjektive Wahrnehmungen, biographische Prägungen, lebensweltliche Sinnzuschreibungen und Relevanzstrukturen bestimmt wird. Unter Verwendung einer auf der dokumentarischen Methode basierenden Typenbildung werden Beteiligung und Nicht-Beteiligung als Praktiken rekonstruiert, die sehr unterschiedlich in die Lebenswelt eingebettet sind. Der Fokus der Forschung lag zunächst auf dem ‚Beteiligt-Werden‘ im Sinne der von Kommunen ausgehenden Einbindung von Bürgerinnen und Bürgern in Stadtplanungs- und Stadtentwicklungsprozesse (vgl. Ziekow 2011; Decker/Selle 2023). Gleichzeitig wurden im Verlauf der Forschung auch Erkenntnisse zu Formen des ‚Sich-Beteiligens‘ als eigenes Engagement von Bürgerinnen und Bürgern in der Ausgestaltung urbaner Räume gewonnen (vgl. Ziekow 2011; Decker/Selle 2023).
Der Artikel leistet damit einen sozialwissenschaftlichen und methodologischen Beitrag für die Diskussion einer revidierten Planungsperspektive, indem er Beteiligung nicht a priori als generalisierbar und wünschenswert setzt, sondern als räumlich situierten Lebenszusammenhang mit je eigener Logik neu positioniert. Diese folgt gewissen Eigeninteressen, die von den Bewohnerinnen und Bewohnern in den betroffenen Quartieren nicht zwangsläufig positiv aufgefasst werden. Damit ist gemeint, dass Beteiligung nicht per se als gut oder richtig betrachtet, sondern auch kritisch reflektiert werden sollte, wem sie nützt und welchen Legitimierungsdiskursen sie dient. Dies wird auch bereits in der Fachliteratur diskutiert (Diller 2018; Selle 2019; Berding/Frieling/Maikämper 2024; ElGamal/Altrock 2024; Weber 2024). Darüber hinaus begreifen wir solche Überlegungen als unzeitgemäß, weil solche Kritik offensichtlich einen Zeitgeist hinterfragt, nach welchem Beteiligung als ‚gute‘ Planungspraxis und ethisch ‚richtige‘ Umsetzung gilt.1
Im Folgenden soll deshalb zunächst auf den optimistischen Beteiligungsdiskurs als gegenwärtig vorherrschende Form dieser Verfahren eingegangen werden, um diesem die Perspektive auf die Lebenswelt als eine davon differente gesellschaftliche Sphäre gegenüberzustellen. Es folgen dann methodologische Ausführungen, wie man an diesen Zugang im Sinne der rekonstruktiven Sozialforschung herankommen kann. Dieser Zugang dient letztlich dazu, Planung und Bürgerbeteiligung aus dem Blickwinkel der Alltagswirklichkeit nicht nur städtischer Lebenswelten neu zu betrachten.
Planung lässt sich allgemein als bewusster, strukturierter und regelgeleiteter Prozess definieren und „als Gestaltung künftiger Ereignisse, d.h. als gedankliche Vorwegnahme künftigen Handelns begreifen“ (Schneeweiß 1991: 1–2). Planung ist damit stets zukunftsorientiert und erfolgt auf der Grundlage von Zielvorstellungen, Regeln und Werten (vgl. Wild 1974: 13; Schneeweiß 1991: 2; Wöhe 2013: 140). Angelehnt an die Verwendung des Begriffes in den Planungswissenschaften bezieht sich der Planungsbegriff in diesem Beitrag explizit auf die öffentliche Planung vor dem Hintergrund von Stadtentwicklungsprozessen (vgl. Fürst 2018: 1712). Da diese Form der räumlichen Planung sowohl direkte (z. B. Flächeninanspruchnahme durch bauliche Maßnahmen) als auch indirekte (z. B. Umweltqualitäten) Raumwirkung besitzt, kommt ihr eine unmittelbare gesellschaftspolitische Wirkung zu (vgl. Fürst 2018: 1715).
Die Auseinandersetzung mit stärkerer Beteiligung der Öffentlichkeit in Planungsfragen und einer „Demokratisierung der Stadtentwicklung“ (Harth 2012: 352) hängt mit gesellschaftlichen, politischen und institutionellen Veränderungen seit der Mitte des 20. Jahrhunderts zusammen. Unter anderem stellten die gesellschaftlichen Umbrüche und Protestbewegungen der 1960er- und 1970er-Jahre, beispielsweise als Reaktion auf die sogenannten Kahlschlagsanierungen, bisherige Planungslogiken infrage (Harth 2012: 352; Haumann 2018: 189). Dieser Entwicklung folgend, wurden zunehmend partizipative Elemente in der Planungspraxis berücksichtigt (Fürst 2018: 1716; Knieling 2018: 1230) und spätestens seit Ende der 1970er-Jahre hat sich eine rudimentäre Form von Beteiligungsprozessen aufgrund der Novellierung des Städtebauförderungsgesetzes von 1971 etabliert.2 Im Verlauf der letzten Jahrzehnte nahm auch die Bedeutung informeller Instrumente zur Aktivierung und Beteiligung in der Planungspraxis zu (Diller 2018: 1030; Wiechmann 2019: 5–7). Im normativen Verständnis demokratischer Teilhabe sollen durch Planungsbeteiligung und -zusammenarbeit von Akteuren (z. B. durch Planungswerkstätten mit Bürgerinnen und Bürgern, Initiativen) „durch Hinweise und Vorschläge aus der Bevölkerung Vorhaben modifiziert und damit Konflikte minimiert oder beseitigt werden“ (Heidrich 2019: 161). Vor diesem Hintergrund zeichnet sich Planung nach Hesse und Kühn (2023: 423) unter anderem durch die „‚immanente‘ Aufgabe“ aus „konkurrierende Nutzungsansprüche an den Raum auf rationale Weise zu bearbeiten und die zugrunde liegenden Interessenkonflikte konstruktiv zu regeln“, sowie durch den „Anspruch, die Zivilgesellschaft im Prozess der Problembearbeitung substanziell zu beteiligen“.
Gleichzeitig ist in der kommunalen Planungs- und Beteiligungspraxis eine Diskrepanz zwischen diesem normativen Anspruch an eine inklusive, breite Beteiligung und der empirisch beobachtbaren Beteiligungsrealität zu erkennen. Vielfach sieht sich die Praxis einem im Vergleich zur Einwohnerzahl geringen Anteil tatsächlich Beteiligter als auch einer verengten Repräsentation der städtischen Bevölkerung in Beteiligungsprozessen gegenüber (Selle 2019: 35; Gebhardt/König 2021: 338; Scheppe/Lang-Lehmann/Ehrmann et al. 2023: 185). So zeigt beispielsweise eine Umfrage der Stadt Leipzig aus dem Jahr 2023, dass 87 % der 1198 befragten Bürgerinnen und Bürger des Stadtgebiets Leipzigs zum Zeitpunkt der Befragung keines der Beteiligungsangebote der Stadt Leipzig genutzt haben (Stadt Leipzig 2024: 73). Dies wird auch beim Response-Verhalten in Beteiligungsaufrufen deutlich oder prägt überhaupt den Rücklauf in Umfragen zum Thema (vgl. jüngst Schmidt/Barth 2025).
Die Analyse von Beteiligungsverhalten und dessen Hintergründen ist in den Raumwissenschaften gängige Praxis. Dabei zeigt sich auch im wissenschaftlichen Diskurs Kritik, die auf fehlende Reflexion und Evaluierung der Planungspraxis und ihrer Instrumente abzielt, insbesondere im Hinblick auf die Beteiligungseuphorie der letzten Jahrzehnte (Diller 2018: 1031; Selle 2019: 8; Remme/Haarstad 2022: 4; Weber 2024: 2–3). So verweist Selle (2019: 8) in einer wissenschaftlich-praktischen Reflexion der Öffentlichkeitsbeteiligung in Stadtentwicklungsprozessen darauf, dass „inzwischen deutlich geworden [ist], dass der ‚objektive Zustand‘ der Bürgerbeteiligung den früheren Ansprüchen und Erwartungen vielfach nicht gerecht wird“ und „zudem ‚Risiken und Nebenwirkungen‘ auf[treten], die bislang weder erwartet noch bedacht wurden“.
An vielen Stellen wird in der Literatur auf die Herausforderungen fehlender Repräsentanz der Gesellschaft, das Einbringen von Partikularinteressen oder die Problematik der Beteiligung „schwer erreichbarer Gruppen“ verwiesen, wobei oftmals auf strukturelle Rahmenbedingungen und sozioökonomische Ressourcen Bezug genommen wird (Schmiz/Caminero 2022; Hesse/Kühn 2023: 429; ElGamal/Altrock 2024: 117). Im Mittelpunkt stehen demnach Faktoren wie Einkommen, Bildungsstand und Zeit als Beteiligungsdeterminanten und Erklärungsansätze, woraus insbesondere die Auseinandersetzung mit der Niedrigschwelligkeit von Beteiligungsformaten resultiert (Schäfer/Schoen 2013: 99; Gebhardt/König 2021: 338; Schwerthelm 2022: 476–477; Bimesdörfer/Gobert/Keil et al. 2023: 13).
Zwar lässt sich eine zunehmende Verlagerung auf nichtstrukturelle Einflussfaktoren von Beteiligungsprozessen und die Rolle von Bürgerinnen und Bürgern feststellen, weshalb auch subjektive Zugangsvoraussetzungen wie persönliche Interessen, räumliche Identität, Erfahrungen, Rollenverständnisse und Lebensstile als relevante Faktoren aufgegriffen werden. So stellte bereits Lüttringhaus (2000: 61) heraus: „Wer Partizipation fördern möchte, muss die Situation der AdressatInnen [sic!] anhand der vielfältigen objektiv-strukturellen und subjektiven Zugangsvoraussetzungen politischer Partizipation analysieren.“ Gleichzeitig widmet sich jedoch nur ein marginaler Anteil entsprechender Forschung den Zusammenhängen lebensweltlicher Wahrnehmung, Rollenverständnissen und Themen von Akteuren eines Quartiers und dem daraus folgenden Beteiligungsverhalten. Häufig setzen Forschungen methodisch bereits an bestehenden Beteiligungsprozessen an, richten Leitfäden und Fragebögen ausschließlich nach dem Erkenntnisinteresse am Thema Beteiligung aus oder berücksichtigen in ihren Erhebungen vor allem Schlüsselakteure im Quartier (Scheppe/Lang-Lehmann/Ehrmann et al. 2023; ElGamal/Altrock 2024; Weber 2024). Dementsprechend werden die Befragten oftmals bereits in einem bestimmten thematischen Kontext angesprochen, woraus zwangsläufig eine Eingrenzung des Problemhorizonts und möglicher Adressaten resultiert. Eine solche Einschränkung hat zur Folge, dass ein Einblick in die realiter vorhandenen unterschiedlichen städtischen Lebensrealitäten und dem darauf basierenden Handeln schwierig bis unmöglich wird. Eine solche Perspektive bietet die Chance, die bisher primär sozioökonomisch erklärten Hintergründe von Beteiligung und Nicht-Beteiligung um einen lebensweltlichen Erklärungsansatz zu erweitern.
Die Einführung der Lebenswelt als sozialwissenschaftliche Perspektive war keine Selbstverständlichkeit, sondern ein schwieriger Weg, der sich nach der frühen Prägung des Begriffs durch Edmund Husserl (Husserl 2009) erst über mehrere Jahrzehnte hinweg etabliert hat (Krisis-Schrift; Husserl 2012). Unerwartet war diese Perspektive deshalb, weil sie die Fokussierung auf das ‚hohe‘ und ‚gelehrte‘ Wissen der akademischen Denklogiken umlenkte auf das, was Pierre Bourdieu später in seinem eigenen Zugang „praktischer Sinn“ nannte, den Sinn des Handelns in konkreten gesellschaftlichen Situationen und Lagen (Bourdieu 1979: 277). Damit ist bereits begrifflich eine Perspektivverschiebung angesprochen, die vom ‚reinen‘ Sinn der (wissenschaftlichen, administrativen) Logik hin zum ‚schmutzigen‘ Sinn der Alltagspraktiken und Handlungsrationalitäten lebensweltlicher Akteure umschwenkte.
Standen bis weit in die 1960er-Jahre das (natur)wissenschaftliche Experimentalwissen, die Logik und die damit verbundene objektivistische Perspektive im Zentrum sozialwissenschaftlicher Forschung, so gelang erst – allerdings mit fast fünfzigjähriger Verspätung – durch Alfred Schütz’ soziologische Ausformulierung der sinnhaften Bezüge jedweden gesellschaftlichen Handelns eine Art subjektivistische Wende (Schütz 2016b; Luckmann 2016: 7–9). Alfred Schütz wandte sich weg von abstrakten, quasi nomothetischen Erklärungen menschlichen Handelns hin zu den typisierten, gesellschaftlich abgelagerten Sinnstrukturen und Wissensvorräten (Schütz/Luckmann 2017). Dieses Wissen wird nach (gesellschaftlichen, aber auch subjektiven) Kriterien der Relevanz erworben und geordnet und steht den Akteuren als Deutungswissen im Rahmen ihrer Handlungsvollzüge zur Verfügung (Schütz 2016a). Diese richten sich deshalb kaum nach abstrakt-objektivistischen, ‚logischen‘ Regeln, sondern finden ihren Sinn in pragmatischen, „sinnhaften“ (Schütz 2016b) Weltbezügen jeweiliger Lebenswelten, die für den Betrachter durchaus ‚unlogisch‘ erscheinen können. Diese Sinnbezüge bilden den „Horizont“ jedweden Handlungshintergrundes von Alltagsakteuren, der sich zudem aus ihren Wahrnehmungen, Erinnerungen, sozialen Beziehungen und anderen Wissensvorräten speist (Schütz 2016a: 28–30).
Schütz (2016b) versteht unter Lebenswelt in der Nachfolge Edmund Husserls deshalb die selbstverständliche, unhinterfragte und vorwissenschaftliche Alltagswelt, in der Menschen leben, handeln und miteinander interagieren, bevor sie diese Welt theoretisch oder wissenschaftlich ordnen und reflektieren. Die Lebenswelt ist damit die Welt des Alltags, der genuinen Welterfahrung, wie sie uns im normalen Leben „schlicht gegeben“ ist (die sogenannte „natürliche Einstellung“ nach Husserl 2012: 161) (Schütz/Luckmann 2017: 29). Sie ist intersubjektiv, wir teilen sie mit anderen und nehmen implizit an, dass sie für alter ego grundsätzlich auch gilt und ähnlich strukturiert ist. Dies bezeichnet Schütz als „common sense“ und dies bildet die Grundlage unserer alltäglichen Handlungsvollzüge, der Sinndeutungen und der daraus abgeleiteten Relevanzen (Schütz 1971: 50–52; Schütz 2016a).
Die Lebenswelt ist nach Schütz und Luckmann (2017: 110–115) durch „typisierte Wissensbestände“ geprägt, da Menschen auf ihr Alltagswissen, Routinen, Rollenbilder und Handlungsrezepte zurückgreifen, um Situationen zu verstehen und damit auch bewältigen zu können. Sie ist insofern handlungsorientiert, da uns Dinge vor allem in Bezug darauf erscheinen (müssen), was wir mit ihnen tun können oder wollen. Sie ist zudem immer auch zeitlich strukturiert in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und steht unter dem Primat der „vorzüglichen Realität“ („paramount reality“; Schütz 1962: 226–227), also desjenigen Realitätssinns, der im Alltag durch sein Pragma alles überragt. Wir zweifeln deshalb im Alltag nicht grundsätzlich an der Existenz der Welt und an den uns umgebenden Sinnstrukturen, auch wenn wir sie bisweilen kritisieren. Sie sind für uns die „Wirk-lichkeit“, das Wirken der Welt und ihrer Subjekte (Schütz/Luckmann 2017: 98–115).
Zu dieser Welt gehören auch die Aspirationen der Stadtplanung und der Bürgerbeteiligung. Bezogen auf den Kontext partizipativer Planungsparadigmen stellt die maßgeblich von Alfred Schütz und Thomas Luckmann geprägte Theorie der Lebenswelt (Schütz/Luckmann 2017) also eine bislang deutlich unterrepräsentierte Sichtweise dar, die auf Interessen, Relevanzen und das alltagsweltliche Handeln von den dabei adressierten Akteuren abzielt. Das Subjekt und dessen (raumbezogene) Lebenswelt – der soziale Raum als vergessene mathesis universalis – rücken somit in das Zentrum der wissenschaftlichen Betrachtung (Dörfler/Rothfuß 2021; Dörfler/Rothfuß 2023).
Es wurde bereits deutlich, dass Schütz und Luckmann (2017: 29) selbst auf die Bedeutung des Zugangs zur Wirklichkeit des Menschen im Sinne der Lebenswelt für wissenschaftliche Auseinandersetzungen mit dem „menschliche[n] Handeln und Denken“ verweisen. Hitzler und Honer (1988: 498) betonen den notwendigen Perspektivenwechsel weg von Relevanzsystemen der Wissenschaft hin zu den Relevanzsystemen des Subjektes, dessen „Lebenswelt beschrieben, rekonstruiert und, wenn möglich, verstanden werden soll“. Der Zugang zu Lebenswelten kann dementsprechend nicht quantitativ oder rein theoriegeleitet erfolgen. Stattdessen bedarf es eines qualitativ-empirischen Vorgehens, das sich an den lebensweltlichen Erfahrungen der Bevölkerung orientiert und „einen sinnverstehenden Zugang zu psychischen, sozialen und kulturellen Wirklichkeiten“ bietet (Mey/Mruck 2014: 9).
Die Lebenswelt kann bei Alfred Schütz damit nicht unmittelbar analysiert werden, da diese als präreflexiver Horizont alltäglichen Handelns nur im Vollzug gegeben ist. Ihre Sinnstrukturen sind methodologisch nur rekonstruktiv über die Analyse sozialer Handlungen bzw. Aussagen und Begründungen dazu erschließbar. Daraus folgt, dass die Sozialwissenschaft keine Lebenswelt ‚abbilden‘ kann, sondern nur ‚Sinnmodelle‘ als Rekonstruktion anbieten kann. Schütz (1971: 39) spricht deshalb von „Konstruktionen zweiten Grades“ – als wissenschaftliche Rekonstruktionen von Alltagskonstruktionen. Hingegen besteht die Lebenswelt selbst aus „Konstruktionen ersten Grades“ (Schütz 1971: 39) – den Alltagsdeutungen der Handelnden. Nur wenn man diese Konstruktionen ersten Grades sinnadäquat rekonstruiert, kann man in legitimer Weise ein wirklichkeitsnahes Alltagsverstehen davon ableiten, was wiederum als eines der wichtigsten methodologischen „Postulate“ von Schütz gilt (Schütz 1971: 49).
Zusammenfassend lässt sich anmerken, dass die hier vorgeschlagene analytische Perspektive der Lebenswelt das Potenzial besitzt, dem sozialwissenschaftlichen Manko in vielen Planungsdiskursen zum Verstehen von Beteiligungsdefiziten adäquat zu begegnen. Im Folgenden wird nun eine konkrete Methodologie zur Lebensweltanalyse vorgestellt, um dem bereits festgestellten Defizit zu begegnen.
Zur Erschließung unterschiedlicher Relevanzstrukturen und Motive des Handelns bzw. Nicht-Handelns, also beispielsweise des Beteiligens oder Nicht-Beteiligens an Partizipationsangeboten, wurde in einer diesem Text zugrundeliegenden Studie in den beiden Leipziger Vierteln Zentrum-Süd und Südvorstadt eine qualitative Forschung durchgeführt (Hülle 2025). Beide Viertel stellen einen durch die Karl-Liebknecht-Straße verbundenen, urban geprägten und stark frequentierten Raum dar. Die Auswahl begründet sich in den hier stattfindenden Prozessen von Neubau und Nachverdichtung im Altbestand, die zu einer ausgeprägten Dynamik führen und Aushandlungen, Wahrnehmungen und alltägliche Erfahrungen städtischen Lebens besonders sichtbar machen.
Ausgangspunkt ist die These, dass die partizipative Praxis von Bürgerinnen und Bürgern maßgeblich durch ihre lebensweltlichen Relevanzstrukturen beeinflusst wird. Vor diesem Hintergrund wurden zwischen März und Juni 2025 zwölf qualitative Interviews mit Einwohnerinnen und Einwohnern der Stadt Leipzig geführt, die teils im öffentlichen Raum angesprochen, teils über einen Aufruf auf der Nachbarschaftsplattform www.nebenan.de für ein Interview gewonnen wurden. Die Altersspanne der Interviewten liegt bei 25 bis 72 Jahren. Es wurden für die Auswahl keine Einschränkungen hinsichtlich Wohndauer oder sozioökonomischen Faktoren vorgenommen, da es sich um eine sinngenetische Typenbildung und bewusst um keine Rekonstruktion der Zusammenhänge rein sozioökonomischer Faktoren und dem Beteiligungsverhalten handelt. Stattdessen avisiert der methodologische Ansatz, wie untenstehend erläutert wird, eine typisierende Rekonstruktion von Relevanzstrukturen.
Die Interviews folgten dem Ansatz des narrativ-autobiographischen Interviews mit einem standardisierten, raumbezogenen Erzählstimulus.3 Dieser wurde eingesetzt, um die Interviewten zu einer freien Darstellung ihrer alltäglichen Lebenswelt anzuregen. Somit wurde bewusst Raum für eine selbststrukturierte Erzählung geschaffen, und Rückfragen wurden erst nach Abschluss der Erzählphase gestellt. Diese orientierten sich zunächst an dem Gesagten und anschließend am konkreten Forschungsinteresse (Beteiligung, Gestaltung, Planung und Nachbarschaft) (vgl. Küsters 2022).
Die Auswertung erfolgte mittels der dokumentarischen Methode nach Bohnsack, Nentwig-Gesemann und Nohl (2013) bzw. der durch Nohl (2017) konkretisierten Anwendung der dokumentarischen Methode für Interviews. Intention der Anwendung dieser Auswertungsmethode ist es, durch die Textsortentrennung zum einen das „‚atheoretische‘ und ‚konjunktive Wissen‘ (Mannheim 1980: 213-225)“ sowie das „in die Handlungspraxis zugleich eingelassene und diese orientierende Wissen der Interviewten“ zu erschließen, das sich vor allem aus Erzählungen und Beschreibungen rekonstruieren lässt (Nohl 2017: 33). Zudem zeigen sich insbesondere in Argumentationen und Bewertungen „Motive des Handelns (um-zu-Motive im Sinne von Alfred Schütz)“, die mit der dokumentarischen Methode rekonstruiert werden können (Nohl 2017: 34). Die dokumentarische Methode beabsichtigt mit ihrer Anwendung auf Interviews somit die Rekonstruktion impliziten Wissens und der handlungsleitenden Strukturen der Interviewten (vgl. Nohl 2017: 35–36). Mit der Typenbildung im Rahmen der dokumentarischen Methode sollen schließlich fallübergreifende „homologe[.] Muster“ identifiziert werden (Bohnsack/Hoffmann/Nentwig-Gesemann 2019: 30).
Der dokumentarischen Methode folgend wurde für jedes Interview ein thematischer Verlauf und somit eine Übersicht über (fallübergreifende) Themen erstellt (vgl. Nohl 2017: 30). Anschließend erfolgte eine detaillierte Analyse von drei Fällen mittels formulierender und reflektierender Interpretation, auf deren Basis Vergleichsdimensionen für die weitere Auswertung der Interviews entwickelt wurden. Diese Vergleichsdimensionen wurden im Rahmen der Analyse der übrigen Interviews erweitert und bestehen insgesamt aus dem Umgang mit der angeregten Stegreiferzählung, fallübergreifend bearbeiteten Themen sowie aufgrund des Erkenntnisinteresses der Forschung exmanent eingebrachten Themen (Beteiligung, Gestaltung, Nachbarschaft, Gemeinschaft). Die auf dieser Basis als relevant eingeordneten und ausgewerteten Sequenzen der Interviews stellten die Grundlage für die Typenbildung dar.
Die Typenbildung ist eine Methodik, die nicht – wie in diesem Fall – eine gesamte Stadtbewohnerschaft abbilden oder ‚ordnen‘ möchte, sondern in einem empirischen Feld Akteure mit typischen Verhaltens- und Wertemodellen methodologisch isoliert, um ihr Handeln (oder Nicht-Handeln) verstehen zu können. Grundlage der Zuordnung bzw. induktiven Bildung von bestimmten Typen sind die erwähnten Motivlagen, die sich aus biographischen, ökonomischen sowie soziokulturellen Quellen speisen. Diese werden lebensweltlich beispielsweise in Interviews erhoben und rekonstruiert, indem man typische Relevanzstrukturen – auch und vor allem über mehrere Interviews hinweg – identifiziert und diese zu einem (Handlungs- oder hier Beteiligungs‑)Typus formt.
Dafür relevant ist die sinngenetische Typenbildung und die von Nohl (2013) begründete relationale Typenbildung. Die Typenbildung ist ein iterativer Prozess, in dem im Rahmen einer komparativen Sequenzanalyse der Umgang mit einem Thema mit minimal und maximal kontrastierenden Vergleichsfällen abgeglichen wird (Nohl 2017: 41–43, 74). Eine Typik kann letztlich dann rekonstruiert werden, wenn in mehreren Fällen ein „homologer Orientierungsrahmen“ vorliegt, der sich von anderen Orientierungsrahmen abgrenzt (Nohl 2007: 270). Ergänzend wurden Elemente der relationalen Typenbildung herangezogen, um Zusammenhänge zwischen aufkommenden Themen, Auslegungen, Motivationen und handlungsleitenden Strukturen sichtbar zu machen. Eine zusammenfassende, aufeinander aufbauende Darstellung des methodischen Vorgehens findet sich in Tabelle 1.
Tabelle 1 Methodisches Vorgehen der Typenbildung
Auswertungsschritt | Beschreibung | Ziel |
Transkription | Transkription der Interviews | Verschriftlichung der Datenbasis |
Thematische Verläufe | Erstellen und Analysieren von Themenverläufen der Interviews | Orientierung, Identifikation relevanter Sequenzen und thematischer Relevanzen |
Detaillierte Fallanalyse (drei Fälle) | Erstellung formulierender und reflektierender Interpretation | Rekonstruktion impliziten Wissens und handlungsleitender Orientierungen; erste Anhaltspunkte für Vergleichsdimensionen |
Bildung Dimensionen und Gewichtung | Identifikation erster Vergleichsdimensionen aus drei Fällen; Anpassung auf Basis des gesamten Materials und Gewichtung nach Erkenntnisinteresse | Vorbereitung der Typenbildung |
Fallauswertung | Fokus auf zentrale Sequenzen; formulierende und reflektierende Interpretationen für übrige neun Fälle | Erweiterung der Datenbasis für Typenbildung |
Komparative Sequenzanalyse | Kontrastierung des Umgangs mit Themen in minimal und maximal abweichenden Fällen | Rekonstruktion von Orientierungsrahmen, Abgrenzung von Typiken |
Sinngenetische Typenbildung | Abstrahieren homologer Orientierungsrahmen zu Typiken; Identifikation von Sonderfällen | Rekonstruktion sinngenetischer Typen urbaner Beteiligung |
Einbezug relationaler Typenbildung | Analyse der Zusammenhänge von Orientierungen und Relevanzstrukturen | Kontextualisierung der Typen, Erweiterung um lebensweltliche Dimensionen |
Iterative Reflexion und Integration Theorie | Überprüfung der Typen; Rückbindung an Theorien und Forschungsinteresse | Verdichtung fallübergreifender Muster |
Aufgrund dieser methodischen Schritte konnten vier Typen4 und ihre lebensweltlichen Relevanzstrukturen in Form idealisierter Sinnmodelle rekonstruiert werden. Dabei wurde die zuvor beschriebene sinngenetische Typenbildung angewandt, indem die jeweiligen Interviewsequenzen auf fallübergreifende Muster analysiert und in Typiken verdichtet wurden.
Der funktional-verankerte Nutzungstyp ist gekennzeichnet durch eine stark alltagspragmatische, funktionale Perspektive auf das eigene Wohnumfeld und dessen Wahrnehmung als Raum, der bewohnbar, nutzbar, aber kaum veränderbar durch eigenes Zutun ist (vgl. Abbildung 1). Thematische Relevanz besitzen insbesondere jene Aspekte, die die eigene Lebensführung betreffen und alltagspraktisch präsent sind – wie Ausstattung und Infrastruktur des Viertels, aber auch das eigene soziale Umfeld. Dabei ist eine räumliche Verankerung und Identifikation mit dem Viertel erkennbar, die in der Artikulation des Viertels zur Selbstverwirklichung gründet und über persönliche Zugänglichkeit und eigene Wohlfühlfaktoren erschlossen wird („man hat so ein schönes warmes Gefühl auf jeden Fall.“ (B11); „fühl mich irgendwie zu Hause“ (B12)).5
Das Thema Beteiligung an Gestaltung und Entwicklung des Raums scheint bei diesem Typus jedoch entkoppelt von der eigenen Lebenswelt und kein Teil des Selbstbildes oder der eigenen Alltagspraxis zu sein, sondern wird als ‚auferlegtes‘ Thema behandelt. Statt zukunftsgerichteter Handlungsmotivationen in Form von Um-zu-Motiven dominieren Weil-Motive, die eine ausbleibende partizipative Praxis begründen. Diese betreffen zum einen den eigenen Wissensvorrat, aber auch die eigene Zufriedenheit begründet als Weil-Motiv das Nicht-Handeln hinsichtlich aktiver Mitgestaltung und Beteiligung. In Rückkopplung an die Auslegung des Viertels als funktionaler Möglichkeitsraum und die Orientierung an einem funktional passenden und atmosphärisch stimmigen Lebensumfeld scheint Beteiligung nicht als relevanter Handlungsschritt gedeutet zu werden, solange das Viertel diese Funktionen erfüllt. Treten Veränderungen auf, durch die das Viertel diese Funktionen nicht mehr erfüllt, liegt als relevanter Handlungsschritt das Wählen von Alternativen (z. B. durch Umzug) nahe. Versuche, die Veränderungen, z. B. durch Beteiligung an Planungsprozessen oder eigene Initiative, zu gestalten, bleiben hingegen aus. „Also so lange das so funktioniert, werde ich auch nicht umziehen. Und wie gesagt, die Rahmenbedingungen, die ich genannt habe, sind ja immer noch da“ (B1).
Nicht-Beteiligung ist hier kein Ausdruck von Protest oder Ablehnung, sondern Resultat einer lebensweltlichen Relevanzsetzung – sich nicht zu involvieren – und dem Blick auf Beteiligung als unvertrautem Handlungsschritt, der aus dem subjektiv verfügbaren Wissensvorrat heraus weder notwendig noch anschlussfähig erscheint („Ja, aber bin halt nicht der, der das Bürokratische dahinter erledigt. Von daher keine Ahnung, was es für Möglichkeiten gibt“ (B2)). Aber auch die eigene Zufriedenheit begründet als Weil-Motiv das Nicht-Handeln hinsichtlich aktiver Mitgestaltung und Beteiligung: „Also ich könnt jetzt sagen, ich hab keine Zeit, aber es stimmt ja nicht. Es liegt an meinen Prioritäten und liegt ja auch daran, ich glaub das wird deutlich, dass ich mich sehr wohl fühle in Leipzig. Wenn ich jetzt total unzufrieden wäre, dann würde ich vielleicht sagen, ich will da irgendwie Sachen ändern oder so, aber es gibt viel mehr Sachen, die mir gefallen, als die mir jetzt nicht gefallen“ (B9).
Die Gestaltung und Entwicklung des Lebensumfeldes werden stattdessen eher politischen oder institutionellen Akteuren zugeschrieben. Im Sinne der Theorie der Interpassivität nach Žižek (1998) lässt sich das Verhalten dieses Typus als externalisierte Partizipation deuten. Beteiligung oder aktive Gestaltung des Viertels wird nicht verweigert, sondern an andere Akteure und deren Handlungspraxis ausgelagert: „Ich übertrage dem Anderen die Verantwortung für den reibungslosen Ablauf der Dinge und gewinne so den wertvollen Freiraum, in dem ich meine Freiheit ausüben kann“ (Žižek 1998: 5, Übersetzung der Autoren; vgl. Pfaller 2017). Die subjektive Zufriedenheit entsteht somit nicht durch eigene Mitgestaltung, sondern durch die Beruhigung, dass das Viertel durch das Handeln Anderer funktioniert und dadurch die Freiheit zur Ausführung des eigenen Lebensentwurfs ermöglicht wird.
Der gemeinschaftsorientiert-situative Beteiligungstyp ist durch eine starke emotionale und soziale Bindung an das direkte Wohnumfeld gekennzeichnet. Das Viertel wird als identitätsstiftender Raum und konstante Bezugsgröße in der eigenen Lebensführung artikuliert. Neben alltagspraktischen Aspekten der Nutzung rückt insbesondere die gemeinschaftliche Ausgestaltung des Raums in den Fokus. Die Gemeinschaft stellt eine relevante Bezugsgröße des Typus dar, die alltagspraktisch im Rahmen von direkter Nachbarschaft, Schule und öffentlichen Räumen gedacht wird und sich in einer stark artikulierten Wir-Orientierung widerspiegelt (vgl. Abbildung 2).
„Ja aber junge Stadt, wir brauchen Schulen, wir brauchen Sporthallen, das ist alles nicht da, also man muss dann irgendwie gucken, also manchmal ist halt so, dass man ein Stück weit Nachteile in Kauf nehmen muss“ (B6).
Thematische Relevanz besitzen dabei Fragen eines funktionierenden Zusammenlebens, Diversität, Inklusion und soziale Infrastruktur. Zudem erhalten Veränderungen im Viertel, wie Bauprojekte oder Lärmquellen, dann thematische Relevanz, wenn sie als Störung des Vertrauten oder als Verlust sozialer und funktionaler Qualitäten wahrgenommen werden. Die Deutung wird dabei weniger subjektzentriert, sondern aus einer (imaginierten) gemeinschaftsorientierten Haltung heraus artikuliert. Die der Handlung zugrundeliegende Motivationsrelevanz des Typus basiert sowohl auf zukunftsbezogenen, intentionalen Um-zu-Motiven im Sinne der Verbesserung oder des Erhalts von Elementen der Lebenswelt als auch auf dem Wunsch nach Gemeinschaft: „Was aktiv mitzugestalten und n bisschen diese Stadt zu retten“ (B7). „Also du hast halt irgendwie das Gefühl einerseits so was, ja was, ja, was für die Gemeinschaft zu tun, aber ich bekomme dafür natürlich auch soziales Leben irgendwie zurück“ (B8).
Zum Teil zeigen sich Weil-Motive durch einen biographisch geprägten Blick auf Wandel (z. B. durch Nachwendeerfahrungen). Während Um-zu-Motive konkrete Handlungsziele initiieren, rahmen die Weil-Motive die grundsätzliche Bereitschaft, sich in bestimmten Situationen zu beteiligen. „Also gerade zum Beispiel Verkehrskonzept fällt mir ein, weil ich hatte dann damals eben nachgefragt, ob man denn für die Südvorstadt nicht vielleicht zumindestens ansatzweise so n Verkehrskonzept machen kann, wie man das sich in Schleußig ausgedacht hat […] weil man auch jetzt natürlich sieht, ne, früher waren wie schon gesagt mehr Studenten, jetzt sind es Familien, da haben jetzt mehr Leute ein Auto als es vorher war wo man sieht Parkraum wird knapp. […] Ich hab n Stellplatz, mich stört das nicht, aber das, aber ne so im Umfeld sieht man das ja trotzdem halt“ (B6).
Beteiligung zeigt sich bei diesem Typus insgesamt als affektive Handlung, die stark von der Relevanz der Gemeinschaft, von konkreten Anlässen und einem verinnerlichten Verantwortungsgefühl für das eigene Umfeld geprägt wird, jedoch weniger formalisiert, dauerhaft oder institutionell organisiert ist. Stattdessen erfolgt die partizipative Praxis situativ und alltagspraktisch aus dem Impuls heraus, das Vertraute zu schützen oder zu verbessern. Die Wahrnehmung der Gestaltung des Viertels wird zudem neben der Rolle der Stadtverwaltung und -politik auch durch den wahrgenommenen Einfluss privatwirtschaftlicher Akteure sowie die Interessen und Alltagspraxis der Menschen des Viertels geprägt. Das Handeln dieser Akteure und deren wahrgenommener Einfluss rahmen letztlich die eigene partizipative Praxis. Diese erfolgt somit, angelehnt an de Certeau (1988: 89), als Taktik und Reaktion auf die Strategien anderer in einem vorgegebenen Raum. Sie ist somit weniger strategische Einflussnahme, sondern eine situative und alltagsnahe Taktik im Lebensumfeld, die im Rahmen gelebter Verantwortung entsteht und gleichzeitig durch die wahrgenommene Einflussnahme mächtiger Akteure geprägt wird.
Der reflexiv-ideelle Gestaltungstyp zeigt ein reflektiertes und normgeleitetes Verhältnis zum Stadtraum. Das eigene Viertel wird nicht als funktionaler Nutzraum, sondern als sozial-normativer Möglichkeitsraum und als gestaltbare Umgebung wahrgenommen, die mit Werten, Verantwortung und eigenem Anspruch an das Lebensumfeld verbunden wird (vgl. Abbildung 3). Thematische Relevanz ergibt sich insbesondere aus Veränderungen im Viertel, etwa durch bauliche Entwicklungen oder infrastrukturelle Ausstattung, aber auch aus auferlegten Relevanzen wie der Reflexion städtischer Strukturen, Konzepte und Beteiligungsformate. Dabei zeichnet sich ein Spannungsfeld zwischen gelebter Realität und idealtypischen Vorstellungen eines Viertels und dem Zusammenleben in diesem ab, das von einer stark empathischen Haltung gegenüber anderen Gesellschaftsgruppen begleitet wird („Wenn ich da als normale Fußgängerin nicht durchkomme, wie sollen da Leute mit Krücken oder mit einem Kinderwagen oder einem Rollator, die ja mein Wohngebiet da doll prägen, vorbeikommen“ (B4)).
Der Nachbarschaft kommt bei diesem Typus eine besondere Bedeutung zu. Die Grundannahme stellt das gewollte Zusammenleben der Menschen des Viertels als soziales Gefüge dar. Erkennbar wird gleichzeitig die Idealvorstellung einer funktionierenden Gemeinschaft, für die gegenseitige Unterstützung, sowohl unter den Bürgerinnen und Bürgern als auch zwischen ihnen und der Stadtverwaltung, maßgeblich ist. Beteiligung ist für diesen Typus daher auch ein integraler Bestandteil der Lebenswelt und praktischer Ausdruck des Selbstverständnisses als verantwortungsbewusstes Mitglied der Gesellschaft: „Also eigentlich halte ich es für meine Pflicht als Bürgerin, mich nicht nur aufzuregen, wenn irgendwas doof ist, sondern das einer entsprechenden Stelle auch mitzuteilen, sonst kann sich ja nichts ändern“ (B4).
Die für die partizipative Praxis prägende Motivstruktur des Typus ist verankert in Um-zu-Motiven durch den Wunsch, etwas zu verändern, ein Idealbild umzusetzen, aber auch, um Wissen zu erlangen. Dieser Wissensbedarf gründet zum einen in der persönlichen Selbstverwirklichung durch Konsum- und Alltagsverhalten, für das lokales Wissen als „Gewohnheitswissen“ handlungsleitend wird und ein „fraglose[s] Mittel zum Zweck“ ist (Schütz/Luckmann 2017: 119–120). Zum anderen basiert er auf wesentlichen thematischen Relevanzen und der Erweiterung des Wissensvorrates zur Auslegung dieser. Die tieferliegende Motivation und Offenheit gegenüber partizipativer Praxis liegt hingegen in durch Erfahrungen geprägten Weil-Motiven, etwa durch erfahrene soziale Isolation durch die Covid-19-Pandemie, aber auch dem eigenen Bildungsweg und der geplanten beruflichen Auseinandersetzung mit Themen der Stadtentwicklung. Beteiligung wird hier als Aushandlungsprozess und ständigen Widerstreit von Interessen begriffen, in dem die eigene Wirkmacht realistisch reflektiert wird. Dennoch führt die Wahrnehmung von Ungerechtigkeit und Ohnmacht nicht zum Abbruch der partizipativen Handlung, sondern zu weiterer Reflexion und Wissensaneignung. „Ich finde das an sich sehr spannend und das macht mir auch Spaß und ich nutze es ja auch, um mich selber weiterzubilden, wie Systeme funktionieren, an welcher Stelle man irgendwas weitergeben kann und soll“ (B4).
Insgesamt steht der Typus für ein engagiertes, normativ reflektiertes Verhältnis zur Stadt und dem eigenen Viertel, in dem Beteiligung nicht als punktuelle Reaktion, sondern als Bestandteil gesellschaftlicher Verantwortung und Selbstverwirklichung verstanden wird. Konstitutiv ist dabei das Anerkennen der Intersubjektivität der Lebenswelt und das eigene Verständnis der Rolle innerhalb dieser.
Die vorgestellten typisierten Ergebnisse bestätigen die Ausgangsthese. Es konnte durch die dokumentarische Methode rekonstruiert werden, dass die partizipative Praxis von Bürgerinnen und Bürgern maßgeblich durch ihre lebensweltlichen Relevanzstrukturen geprägt wird, da diese Wahrnehmung, Auslegung und letztlich deren Handeln bestimmen. Mit einem subjektzentrierten, rekonstruktiven Ansatz konnten die obigen Typen identifiziert werden, deren Beteiligungsverhalten von funktionalen Alltagsbezügen, gemeinschaftlichen Orientierungen, normativen Selbstverständnissen oder politisch-biographischen Erfahrungen bestimmt wird. Damit zeigt sich, dass Beteiligung nicht allein von strukturellen Faktoren oder sozioökonomischen Ressourcen abhängt, sondern Ausdruck der subjektiven Erfahrung und Deutung der eigenen Lebenswelt ist, mit anderen Worten: ob und wenn ja wie sie diese als relevant für das eigene Wohn- bzw. Lebensumfeld ansehen.
Zudem lässt sich durch die Typenbildung urbaner Beteiligung eine Präzisierung der Ausgangsthese vornehmen. So prägen die Relevanzstrukturen nicht nur, ob die Beteiligungshandlung ausgeführt wird, sondern sie bestimmen auch die Form, die Bedeutungszuschreibung und die Dauer der Beteiligung. Während etwa der funktional-verankerte Nutzungstyp vor allem in einem Nutzungsverhältnis zum Raum steht und Beteiligung kein Teil des Selbstbildes und der Alltagspraxis zu sein scheint, agiert der gemeinschaftsorientierte Beteiligungstyp situativ im Nahraum, um den Zustand des Lebensumfeldes zu wahren oder zu verbessern. Dem gegenüber steht eine habitualisierte partizipative Praxis des reflexiv-ideellen Gestaltungstyps, die maßgeblich durch das Selbstverständnis als aktiver Teil der Gesellschaft geprägt wird und zu einem Verständnis von kontinuierlicher Beteiligung als Ausübung gesellschaftlicher Verantwortung führt: Partizipative Praxis reicht in diesem Fall von der Teilnahme an institutionellen Beteiligungsverfahren über die Unterstützung oder Initiierung nachbarschaftlicher Initiativen bis hin zu proaktiver Kontaktaufnahme zur kommunalen Verwaltung zum Aufzeigen von wahrgenommenen Problemen im Viertel. Erkennbar wird durch die lebensweltliche Perspektive auch die „Logik der Praxis“ (Bourdieu 1979: 277): der Einfluss der Wahrnehmung und der Auslegung des eigenen Lebensumfeldes auf die partizipative Praxis – beispielsweise als eher funktionaler Raum, gemeinschaftlich gedachter Raum, Möglichkeitsraum oder politisch aufgeladener Raum.
Es gilt anzuerkennen, dass sich der Wissensvorrat von Subjekt zu Subjekt unterscheidet und nie identisch sein kann. Die Typenbildung kann jedoch als analytische Verdichtung verstanden werden, die zu einem Verständnis der Rolle und des Spektrums von Relevanzstrukturen sowie insgesamt lebensweltlicher Auslegung beitragen kann. In diesem Kontext ist die erarbeitete Typisierung zwar lebensweltlich real, jedoch nicht abschließend zu verstehen, sondern kann vielmehr durch weitere Forschung auf der Basis qualitativer, lebensweltlicher Analysen weiterer Fälle überprüft, konkretisiert und erweitert werden. Auch eine Kombination lebensweltlicher Analysen unter Berücksichtigung sozioökonomischer Faktoren und Erfahrungsräume, beispielsweise durch soziogenetische Typenbildung, kann weitere Erkenntnisse liefern und bisher nicht explizit betrachtete Einflussfaktoren wie sozioökonomische Lage oder Bildungsgrad stärker herausarbeiten (Bohnsack/Hoffmann/Nentwig-Gesemann 2019: 34).
Neueren wissenschaftlichen Reflexionen zum Thema (z. B. Fischer 2025: 261) folgend lassen sich in Leipzig zwar bereits neue, oftmals an Ziel und Zielgruppen der Beteiligung angepasste Formate erkennen (Hülle 2025). So bieten etwa Formen der Vor-Ort-Präsenz wie temporäre Stände an Alltagsorten die Möglichkeit, thematische Relevanz für die Planungsvorhaben zu erzeugen und unterschiedliche Milieus zu erreichen. Dies gelingt aber nur, das hat die sozialwissenschaftliche Typenbildung zeigen können, wenn Beteiligungsangebote an vorhandene lebensweltliche Erfahrungen und Handlungsroutinen anknüpfen und an deren Relevanzstrukturen anschlussfähig sind. Dies ist aus Sicht kommunaler Beteiligungsstrategien zu begrüßen, wenngleich seltener eingelöst, da eine solche lebensweltliche Perspektive auf gesellschaftliche Ausdifferenzierungen nicht ohne Weiteres einholbar für die Beteiligungspraxis ist. Dafür fehlt zumeist, wie oben bereits argumentiert, die sozialwissenschaftliche Kenntnis über die methodologisch kontrollierte Rekonstruktion realweltlicher gesellschaftlicher Konstellationen.
Nach Prestes Dürrnagel, Rothfuß und Dörfler (2025) ist jedoch die Rekonstruktion von Lebenswelten ein erster Schritt in Richtung realistischer Ansätze. Deren Empfehlungen für eine lebensweltlich orientierte Planung, in der sich diese aktiv auf die Perspektiven der Menschen vor Ort einlässt und versucht, deren „Geographien des Alltags“ deutend nachzuvollziehen, können auch auf die Beteiligung angewendet werden (Dörfler/Rothfuß 2018). So kann die Auseinandersetzung mit der Lebenswelt, den Themen und alltagspraktischen Auslegungen der Menschen vor Ort dazu beitragen, möglichst anschlussfähige Formate zu identifizieren und umzusetzen. Je nach Planungskontext und Ziel der Beteiligung sollte hierfür eine auf den alltagspraktischen Gegebenheiten vor Ort basierende Diversifizierung von Beteiligungsformaten berücksichtigt werden, da auch in sozioökonomisch eher homogenen Räumen aufgrund der subjektiven Individualität von Wissensvorräten unterschiedliche Relevanzstrukturen auftreten. Zudem zeigte die Empirie, dass sich sozialräumliche Verantwortung auch in bürgerschaftlichem Engagement und zivilgesellschaftlichen Initiativen vor Ort ausdrückt und nicht immer in institutionell gerahmter Beteiligung münden muss. Dementsprechend kann ein Blick auf bereits stattfindende, informelle Prozesse und Praktiken ebenfalls Rückschlüsse auf die Themen und Perspektiven vor Ort zulassen.
Die empirischen Ergebnisse legen jedoch auch nahe, dass ein Verständnis von Beteiligung als generalisierbare Praxis zu kurz greift. Ebenso tun dies bereits existierende Kritiken, die – oftmals in empirisch nicht substanzieller Hinsicht – imaginierte Randgruppen mit dem Etikett „benachteiligt“ aufgrund abstrakter Strukturkategorien versehen (Sprachkompetenz, sozioökonomischer Status; vgl. z. B. Bečević/Dahlstedt 2022; Schmiz/Caminero 2022). Sie liefern selbst keine empirisch fundierten Einsichten, wie Planungsvorhaben tatsächlich in besagten (Rand‑)Gruppen verhandelt werden.
An dieser Stelle wird noch eine darüberhinausgehende Kritik artikuliert: Beteiligung kann zur naiv-rituellen Selbstlegitimation herrschender Diskurse über Ausgrenzung, Integration oder auch Minderheiten gerinnen, weil sie sich blind gegenüber den nichtintegrativen Effekten angeblich gerechter Beteiligungsprozesse stellt.
Wir gelangen deshalb zu anderen Einsichten in die Thematik: Die Beteiligung bzw. Nichtbeteiligung an kommunalen Planungspraktiken sollte stärker als biographisch geprägt und abhängig von subjektiven Relevanzen verstanden werden, statt sie lediglich auf gängige strukturale oder ‚intersektionale‘ Komponenten zu reduzieren. Denn solche Verweise ersetzen keine „Logik der Praxis“, also keine Untersuchung der Motive und Handlungsweisen, die ein „Feld“ tatsächlich strukturieren (Bourdieu 1985: 10).
Damit soll nicht negiert werden, dass sozioökonomische Faktoren und die Ausgestaltung von Beteiligungsprozessen ebenfalls auf die Beteiligungsbereitschaft wirken. Vielmehr trägt die Auseinandersetzung mit lebensweltlichen Relevanzstrukturen aber zu einem besseren Verständnis darüber bei, warum Beteiligung und Nicht-Beteiligung nicht allein durch die Konzentration auf Strukturen und Ressourcen erklärbar sind, sondern insbesondere in subjektiven Sinnzuschreibungen gründen. Es gibt also, um es in anderen Worten auszudrücken, auch immer gute Gründe, nicht an solchen Verfahren teilzunehmen, weshalb formale Möglichkeiten nicht automatisch auch zu mehr Beteiligungspraxis führen.
Vielmehr müsste eine an Partizipation interessierte Planungs- und Beteiligungspraxis Strategien entwickeln, um an diese ausdifferenzierten Relevanzen ‚andocken‘ zu können. Da sich nicht jeder vom Angebot des Mitredens oder Mitentscheidens angesprochen fühlt bzw. angesprochen wird, stellt sich die Frage, wie man in jenes Dunkelfeld vorstoßen kann, um beispielsweise die – möglicherweise sogar dominierende – Zufriedenheit mit den Wohnumständen aufzudecken, für die anvisierte Planungsvorhaben dann alles andere als eine Verbesserung darstellen können.
Die Hinweise und Erkenntnisse in diesem Beitrag sollen deshalb auch aufzeigen, welche Perspektiven jenseits deren Logiken im jeweiligen „Feld“ vorherrschen können und „auf dem Spiel stehen“ (Bourdieu 1985: 10). Im Rahmen der Forschung konnte in den Aussagen interviewter Planungsexperten der von Savini, Majoor und Salet (2015: 301–302) als „Interventionsdilemma“ der Planung beschriebene Konflikt zwischen Kontrolle und Spontanität nachgezeichnet werden. Das Dilemma gründet hierbei in der Anforderung der Konkretisierung von Raumplänen bei gleichzeitigem Ziel, „Entscheidungen offen, flexibel und Gegenstand einer einvernehmlichen Debatte zu halten“ (Savini/Majoor/Salet 2015: 302; Übersetzung der Autoren). Hinsichtlich Beteiligungsprozessen werden institutionelle Logiken des Öffnens zeitlich begrenzter Beteiligungsräume bei gleichzeitig lebensweltlicher Spontanität und sozialer Dynamik somit als Konflikt artikuliert, der sich beispielsweise in Beobachtungen wie dem Beteiligungsparadoxon widerspiegelt. An dieser Stelle sei auf jüngere Erkenntnisse der Beteiligungsforschung verwiesen, die dieses differenzieren. Nach Ginski (2018: 202) variiert die Beteiligung in Prozessen der Stadtentwicklung nicht allein deshalb, weil dieselben Akteure je nach Konkretisierungsgrad eines Vorhabens unterschiedlich starkes Interesse entwickeln. Vielmehr deutet sich an, dass sich unterschiedliche Gruppen zu unterschiedlichen Themen in den Prozess einschalten. Somit kann auch das Beteiligungsparadoxon als Hinweis auf die Heterogenität lebensweltlicher Interessenlagen und die Wirkung thematischer Relevanzen auf das Beteiligungsverhalten verstanden werden.
Darüber hinaus ist es nicht unbedingt Sinn jener Beteiligungsverfahren, solche Perspektiven per se zu inkludieren (obwohl dies natürlich ihr Anspruch sein muss, unter anderem aufgrund der rechtlichen Vorgaben) und als gleichberechtigtes Interesse zur verantwortlichen Planung zu behandeln. Denn diese könnte beispielsweise durchaus deren Selbstlegitimation innerhalb der administrativen Verfahren zuwiderlaufen, etwa wenn sich herausstellen würde, dass ein bestimmtes Vorhaben überhaupt nicht von der Bürgergesellschaft gewollt ist. Denn Planung kann in letzter Konsequenz keine Umsetzung wollen, die ihren eigenen Ansprüchen zuwiderläuft oder in welcher sie keine Rolle mehr spielen würde, indem es etwa zu ‚selbstorganisierter Planung‘ durch ‚aktivistische Bürger‘ kommt.
Da Planung zudem – und dies ist nicht per se zu kritisieren – Legitimation für ihre kommunal beschlossenen Vorhaben suchen muss, die in aller Regel für Veränderungen im baulichen Gefüge aufgesetzt wurden, kann sie kaum Argumente für die Beibehaltung eines Status quo oder Kritik an ihren Plänen sammeln. Sie muss deshalb für ihr eigenes Funktionieren eine Rechtfertigung in den ‚richtigen‘, ‚gerechten‘ Verfahren suchen, nach welchen Änderungen initiiert werden, etwa im Sinne partizipativer Beteiligung, wie dies hier untersucht wird. Diese kann sie aber nicht gänzlich aus der Hand geben, da das Verfahren der Beteiligung selbstverständlich immer bei den kommunalen Verantwortlichen liegen muss. Andernfalls würde sie sich selbst delegitimieren und im schlimmsten Fall sogar überflüssig machen, so hat es Luhmann (2021) für die moderne (bürokratische) Gesellschaft beschrieben: Wie andere Instanzen der Sphäre des Staates muss sie „Legitimation durch Verfahren“ anstreben, also eine Bestätigung des richtigen eigenen Vorgehens aufgrund einer korrekten Umsetzung oder mithilfe der Zustimmung zu dieser, z. B. via Partizipation.
Deshalb muss man auf die hier thematisierte Legitimierungslücke hinweisen, die darin besteht, dass gegenwärtige Beteiligungsrationalitäten strukturell gar kein Interesse daran haben können, sich Kritik statt Zustimmung ins Boot zu holen. Das stellt ihre spezifische Verfahrenslegitimation dar, also ihre Selbst-Affirmation im begrenzten Radius legitimer (ordnungs)politischer Regularien, die systemisch von den verantwortlichen Akteuren kaum verlassen werden können, ohne ihre eigene Position zu gefährden. Für die hier skizzierte Planungspraxis – und womöglich weit darüber hinaus – heißt das, dass man die praktizierte Beteiligung mit ihren (notwendig) aufgezwungenen Problematisierungslogiken und -strategien durchaus als Anmaßung verstehen kann, die (oftmals) an den Relevanzen der betroffenen Menschen vorbeigeht.
Die in diesem Beitrag beschriebenen empirischen Ergebnisse und Reflexionen kommen somit zur Unzeit, weil sie nicht nur Defizite und blinde Flecken aktueller Beteiligungspraxis und ihrer sozialwissenschaftlichen Reflexion aufzeigen, sondern dominierende Erklärungsansätze hinterfragen und fundamentale Widersprüche in einem normativen, durch Selbstlegitimation geprägten Diskurs aufzeigen. Diese Kritik impliziert jedoch keine pauschale Abkehr von Beteiligung und zielt damit weder auf eine reine Stärkung einer top-down-orientierten Planung noch auf Entwertung demokratischer Bottom-up-Verfahren. Im Gegenteil: Sie nimmt bestehende demokratische Strukturen und deren Handlungsweisen ernst. Sie legt jedoch nahe, Beteiligung nicht als per se herstellbares und sinnvolles Planungsinstrument zu behandeln, sondern als lebensweltlich situiertes, kontextabhängiges und institutionell gerahmtes Element zu identifizieren – mit all seinen Machteffekten, die man kritisch reflektieren und bearbeiten kann.
Eine lebensweltliche Perspektive bietet für die Auseinandersetzung in den Planungswissenschaften einen neuen konzeptionellen Zugang und Erklärungsansatz sowie für die praktische Umsetzung die Chance, eigene (eingespielte und oft unreflektierte) Logiken anhand empirischer Erkenntnisse kritisch zu hinterfragen und Beteiligungsprozesse stärker an den Lebenswirklichkeiten der Menschen vor Ort auszurichten. Im Sinne einer gerechteren Ausgestaltung von Beteiligung gehört dazu jedoch ebenso das Prüfen, an welchen Stellen Beteiligung überhaupt Wirkung entfalten kann (und soll) und wo sie gegenüber bestehenden Instrumenten der repräsentativen Demokratie Redundanzen und Machtdifferenziale erzeugt.6
Die Darstellung des methodischen Vorgehens und der empirischen Ergebnisse in Form der Typisierung soll einen Beitrag zum wissenschaftlichen Verständnis und dem Diskurs über Beteiligungshandlungen und deren Hintergründe leisten. Die Entwicklung konkreter Lösungsvorschläge im Sinne einer Operationalisierung der Lebensweltanalyse war nicht das Ziel des Forschungsprozesses. Eine solche Operationalisierung erfordert ein eigenständiges Forschungsdesign, sodass in diesem Beitrag kein Instrumentarium für die Planungspraxis zur Verfügung gestellt werden kann. Die Erkenntnisse der Lebensweltanalyse bieten jedoch eine empirisch fundierte und alltagspraktische Grundlage, um in weiterer Forschung entsprechende Implikationen für die Planungspraxis zu erarbeiten.
Die hier formulierte Kritik ist insgesamt als selbstreflexiver Beitrag zu verstehen: zur Weiterentwicklung von Erklärungsansätzen und methodischen Zugängen in den Planungswissenschaften als auch einer Planungs- und Beteiligungskultur, die ihre normativen Ansprüche genauso wie ihre eigenen Widersprüche wahrnimmt und damit hinterfragt, wie formelle und informelle Beteiligung im Rahmen repräsentativer Demokratie gelingen kann.
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