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https://doi.org/10.14512/rur.4039
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Rezension / Book review

Bätzing, Werner (2026): Die Alpen. Geschichte und Zukunft einer europäischen Kulturlandschaft

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(1) Institut für Geographie und Geologie, Am Hubland, Julius-Maximilians-Universität Würzburg, 97074 Würzburg, Deutschland

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Eingegangen: 10. Juli 2026  Angenommen: 20. Juli 2026  Online veröffentlicht: 7. September 2026


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Werner Bätzing, Professor im Ruhestand an der Universität Erlangen-Nürnberg, hat sein Alpen-Buch, das erstmals im Jahr 1984 erschien, teilweise neu verfasst – in nunmehr fünfter Auflage. Die letzte Auflage des Standardwerks erschien vor elf Jahren. Dem Autor war es in einer Welt multipler Krisen, die auch vor den europäischen Alpen nicht Halt machen bzw. dort sogar schneller oder stärker wirken (z. B. Klimawandel, Naturgefahren, Biodiversitätsverlust, Peripherisierung), offenbar ein großes Anliegen, die Hochgebirgsregion neu zu bewerten (vgl. Mayer 2022a). Er tut dies in gewohnt grundsolider Manier, in einem stets ansprechenden, gut lesbaren, hier und dort fast journalistischen Schreibstil und – wie immer – mit insgeheim oder auch ganz offensichtlich normativer Perspektive. Letztere verweist auf die finale Aussage des Autors: „Daher kommt den Alpen in Europa die Funktion eines Frühwarnsystems zu, das frühzeitiger als andere Regionen in Europa deutlich macht, dass die moderne europäische Entwicklung in die Sackgasse der Selbstzerstörung läuft. Und da in den Alpen gleichzeitig auch sichtbar ist, wie Alternativen konkret aussehen könnten, sind die Alpen auch ein Vorreiter für eine Entwicklung, die zum Aufbau eines neuen Umweltbezuges in Europa führt“ (S. 410).

Auch wenn manchem Leser oder mancher Leserin der das Werk wie ein roter Faden durchziehende Fokus auf eine nachhaltige Entwicklung der Alpen als Vorreiter Europas zu weit gehen sollte, regt der Verfasser damit zweifellos zur Diskussion an. Ganz unabhängig davon sollte Werner Bätzings profundes Standardwerk in den Bücherregalen derer stehen, die als raumwissenschaftlich Interessierte im oder zum Alpenbogen forschen, lehren, leben, arbeiten oder ihn des Öfteren bereisen. Auch für Postdocs im Fach Geographie sollte das Buch als Basislektüre verpflichtend sein, um nachzuvollziehen, wie klassische integrative Geographie funktioniert. Denn Werner Bätzing betrachtet die Alpen als Ganzes und will sie als Ganzes verstanden wissen. Er analysiert die Hochgebirge nicht als „Natur“ einerseits und andererseits „Nutzungslandschaft“. Vielmehr präsentiert er sie als Resultat eines sich über Jahrhunderte herausgebildeten Mensch-Umwelt-Verhältnisses, als komplexe historisch gewachsene Kulturlandschaft, deren ökologische Stabilität häufig erst durch angepasste, in der Regel extensive Nutzungsweisen entstanden ist. Darin liegt die Wirkmächtigkeit dieses Buches.

Mit knapp über 500 Seiten (inklusive Nachwort, 50 Seiten Literaturverzeichnis und Sachregister) ist die Monographie umfänglicher geworden als die frühere Ausgabe. Viele Bilder sind ausgetauscht, Tabellen berichtigt (z. B. die größten und höchstgelegenen Skigebiete der Alpen; S. 184) und Grafiken durch Farbgebung teilweise verbessert (z. B. „Traditionelles Staffelungssystem der Landwirtschaft im Wallis/Altsiedlungsraum“; S. 67) worden. Einige thematische Karten wurden aktualisiert: z. B. die großartigen Choroplethen-Karten 27 und 28 zur Bevölkerungsveränderung in den Gemeinden des Alpenraumes (S. 332–333, 336–337). Dadurch gewinnt die Neuauflage an Wert. Das Fundament, die logisch nachvollziehbare, gut strukturierte, große Gliederung in fünf große Kapitel ist erhalten geblieben.

Kapitel I: Was sind die Alpen? Kulturelle und naturräumliche Voraussetzungen  
Bereits im ersten Kapitel erfolgt eine inhaltliche Erweiterung, indem – nicht unerwartet – das Thema anthropogener Klimawandel unter der Überschrift „Die Auswirkungen der aktuellen Klimaerwärmung auf die Alpen“ (S. 46) behandelt wird. Das geschieht an dieser Stelle sehr kurz. Allerdings ist der Klimawandel im weiteren Verlauf der Lektüre immer wieder als direkt oder indirekt wirkender Verstärker existierender Problemzusammenhänge im Blickfeld des Autors.
Kapitel II: Die Alpen im Agrarzeitalter  
Wer als Geograph, Kultur‑, Geo- oder Raumwissenschaftler begreifen will, warum der Alpenbogen so aussieht, muss diesen Abschnitt unbedingt gelesen haben. Werner Bätzing versteht es perfekt, die Historie der Europäischen Alpen so zu erzählen, dass sie eher wie eine Abfolge chronologischer Ereignisse wirkt. Denn sie erklären die bis dato existenten Raumstrukturen. Neu ist im Unterkapitel II.6 nicht nur die Überschrift (4. Auflage: „Naturraum und Wirtschaftsform“; 5. Auflage: „Naturveränderung und Umweltzerstörung“), sondern die einleitende Debatte um den Kontext ökologische Stabilität, biologische Vielfalt und die grundlegende Umwandlung der Naturlandschaften der Alpen in Kulturlandschaften, die „keine Degradierung, Verschlechterung oder Zerstörung der Alpennatur, sofern die ökologische Reproduktion gewährleistet ist,“ (S. 115–116) nach sich zieht. Im Großen und Ganzen ist dem zuzustimmen. Was die spezifische Prägung der bäuerlichen Kulturlandschaften angeht, sieht die heutige Realität von drei- oder vierschürigen Fettwiesen in Tälern oder auf Unterhängen sowie Gülle gedüngten Viehweiden (eigentlich Magerrasen) auf verkehrlich gut angebundenen Almen (Unterleger) leider anders aus: Dort lässt sich die Artenvielfalt von Wildkräutern an den Fingern einer Hand abzählen – mit den entsprechenden negativen Konsequenzen für die Insektenwelt und Avifauna. Im Absatz „Naturgemäßes Wirtschaften“ (S. 116) wird dies zu Recht hervorgehoben: „Welche Naturnutzung der Mensch betreibt und welche Wirtschaftsformen er entwickelt, wird also nicht von der Natur vorgegeben, sondern von kulturellen Faktoren bestimmt“ (S. 117). Weitergedacht führt dies zu folgender Zuspitzung: „In der ökologischen Diskussion der Gegenwart geht man meist davon aus, dass jeder menschliche Eingriff in die natürlichen Ökosysteme eine Umweltzerstörung bedeute und dass es für den Zustand der Natur am besten wäre, wenn sie der Mensch gar nicht nutzen würde“ (S. 115) (vgl. Ströbel/Job/Brenner 2025).
Kapitel III: Der Zusammenbruch der traditionellen Alpenwelt und die neuen Nutzungsformen der Moderne  
Hier „erzählt“ Werner Bätzing, wie sich sukzessive (post)moderne Nutzungsformen etabliert haben in dieser Hochgebirgsregion, die dadurch global gesehen die am dichtesten besiedelte, am stärksten mit technischer Infrastruktur durchwobene und, was Freizeit- und Tourismusnutzungen angeht, die mit Abstand meistgenutzte Hochgebirgsregion ist. Erzählt ist wörtlich gemeint, denn der Flächennutzungs- und Strukturwandel, der dadurch gekonnt dokumentiert und erklärt wird, liest sich streckenweise wie ein Roman. Auch dieses Kapitel wurde überarbeitet und sprachlich geschärft, ohne an Dichte zu verlieren. Hinzu kamen neue Textsequenzen wie zum Beispiel unter III.5 „Vom Massentourismus zum Overtourismus“: Hier wird der von Instagram und anderen IT-basierten sozialen Medien angefachte crowding-Effekt des Reisens sachkundig dargelegt; ein Trend, der durch die Entwicklungen während und nach der Covid-19-Pandemie Anfang dieses Jahrzehnts verstärkt wurde. Das Unterkapitel III.7 heißt jetzt „Die Alpen als Wasserschloss und Batterie Europas“– mit realistischem Ausblick: „Gerade die Auswirkungen der Energiewende im Verein mit dem Klimawandel eröffnet völlig neue Speichermöglichkeiten in den Alpen: Durch das Zurückschmelzen der Gletscher werden in den Gletschervorfeldern übertiefte Stellen eisfrei, in denen sich neue Seen bilden, die leicht zusätzlich aufgestaut und hydroelektrisch genutzt werden können“ (S. 239–240). Unter der Überschrift von III.8 „Naturschutz als neue Form des Umgangs mit den Alpen“ wird mithilfe der Daten von ALPARC (Netzwerk alpiner Schutzgebiete, Chambery) der Kontext zum Stellenwert der Schutzgebiete diskutiert. Ein wichtiges, lange überfälliges Desiderat schließt der Autor somit endlich ein in seine profunde Publikation (vgl. Mayer 2022b).
Kapitel IV: Bilanzierung und Bewertung des großen Wandels  
In diesem Kapitel werden die Veränderungen des letzten Jahrzehnts eindrucksvoll dargelegt und neu bewertet (Unterkapitel IV.5 bis IV.8). Am besten gefällt dem Rezensenten IV.6 „Typisierung des alpenweiten Strukturwandels“: Werner Bätzing überzeugt mit einer bevölkerungsgeographischen Analyse, die auf fundierter Datenbasis beruht und die raumzeitlichen Entwicklungen von 1871 bis 2021 anschaulich vermittelt. Und er schreibt gleichzeitig die Werte ab 2011 fort, mit denen die Vorgängerauflage des Buches endete. Sehr gelungen sind auf den Seiten 330 bis 339 die Tabelle 14 sowie besonders die bereits erwähnte thematische Karte 27 mitsamt ihrer Interpretation durch den Autor: gekonnt regionalisiert und messerscharf analysiert. Neu ist die Erkenntnis: „Wie zahlreiche Beobachtungen und Einzelanalysen zeigen, verändert sich in den letzten vier Jahrzehnten der Maßstab für räumliche Disparitäten in den Alpen: Es gibt immer mehr Fälle, in denen der gut erreichbare Hauptort einer Gemeinde ein Wachstum zeigt, während die kleinen Siedlungen der Gemeinde mit schlechterer Erreichbarkeit Einwohner verlieren“ (S. 334). Die alle vier Jahre stattfindende Alpenkonferenz von ISCAR (International Scientific Committee on Research in the Alps) hat diese Tatsache Ende Mai 2026 in Aosta bestätigt. Gängige Immobilien-Apps geben für letztgenannte Siedlungen Kaufpreise für noch bewohnbare Einfamilienhäuser von teilweise nur 25.000 Euro an.
Kapitel V: Welche Zukunft für die Alpen?  
In seinem finalen Abschnitt entwirft der Autor zuerst neun Szenarien. Beispielsweise schreibt Werner Bätzing im dystopischen Szenario „Krise der Inneren Sicherheit“: „Für die Alpen bedeutet dies, dass die Tourismuszentren, die in Krisenzeiten sowieso wenig Gäste haben, als riesige Sammelunterkünfte für Flüchtlinge genutzt werden: Sie sind ja ideal geeignet, um sehr große Menschenmengen auf kleinstem Raum unterzubringen, und das alpine Relief und die eingeschränkte Erreichbarkeit ermöglichen es, sie mit vergleichsweise geringen Sicherheitskräften zu bewachen und zu kontrollieren“ (S. 384).

Diese Szenarien werden in ihrem Detailierungsgrad sehr unterschiedlich aufgespannt und mit Fakten belegt. Nicht nur militärstrategisch – von daher rührt diese Technik ursprünglich – ergeben Zukunftsbeschreibungen sicherlich Sinn; nicht aber neun Stück. Wer qualifizierte Politik- oder Wirtschaftsberatung betreiben will, und das strebt der Verfasser zurecht an, kann und sollte mit diesem Instrument arbeiten, jedoch auf ein glaubwürdigeres, auf genügend empirischer Substanz ruhendes scenario writing achten (mit oder ohne zusätzliche (Delphi‑)Expertenmeinungen) und es bei maximal vier alternativen, quasiprognostischen Entwürfen belassen, um nicht spekulativ zu werden (vgl. Lang/Iny/Pidun et al. 2026).

Am Ende des Kapitels präsentiert der Autor schließlich seinen Lösungsweg: V.2 „Eine wünschenswerte Zukunft für die Alpen“ (S. 387). Mit Bravour wird herausgearbeitet, dass es nicht nur die landläufig in Betracht gezogenen Ressourcen (wie Finanzen) sind, die darüber entscheiden, wohin der Weg führt. Lokale oder regionale Identität gepaart mit kultureller Einbettung und Verantwortungsbereitschaft der Alpenbewohnerschaft sind mindestens ebenso entscheidend. Bätzing folgert: „Aus diesem Engagement erwächst die Fähigkeit zu Innovationen, bei denen regionale Potenziale und traditionelle Erfahrungen so mit der heutigen Welt verbunden werden, dass etwas Neues entstehen kann“ (S. 390).

Petitessen an Kritikpunkten betreffen veraltete Daten bei einzelnen thematischen Karten oder wenigen Tabellen: Karte 4 (S. 36): „Mittlere jährliche Niederschlagshöhen in den Alpen 1971-1990“; Karte 5 (S. 39): „Die Waldobergrenze in den Alpen“ (Stand: 1920er-Jahre); Karte 14 (S. 168): „Die Industriegebiete der Alpen“ (Stand: 1990er-Jahre); Karte 21 (S. 232): „Wasserkraftwerke mit mehr als 10 Megawatt installierter Leistung“ (Stand: Anfang 2000er-Jahre); Karte 15 (S. 192): „Die Touristenzentren im Alpenraum“ (Stand: Ende der 1980er-Jahre); Karte 18 (S. 219): „Zentren und ihre Pendlereinzugsgebiete im und am Alpenraum“ inklusive der Tabelle 6 (S. 218): „Die größten Agglomerationen im Alpenraum im Jahr 2010“. Es ist zudem schade und eine vertane Chance, dass der Text die Fachtermini (Alpine) Raumordnung, Raumplanung, räumliche Planung oder Regional- bzw. Raumentwicklung nicht aufweist (vgl. Pütz/Schindelegger/Meyer et al. 2025), obschon es sich an vielen Stellen aufgedrängt hätte, hier tiefer einzusteigen (etwa im Abschnitt IV.5 „Zwischenbilanz: Unbeabsichtigte Problemvernetzungen“ oder bei Kapitel V.2 auf den Seiten 402/403 beim Thema „Die Alpenkonvention als politisches Dach“). Leider wird auch die Geschichte des Alpenplans nur gestreift und die neuesten Debatten dazu werden nicht kritisch reflektiert (vgl. Mayer/Job 2024).

Ungeachtet dessen sind Werner Bätzings „Alpen“ nicht nur sein Lebenswerk, auf das er mit Fug und Recht stolz sein kann, sondern ein absolut fruchtbares Buch mit sehr hohem Informationsgehalt. Sowohl die wissenschaftliche Qualität der Ausführungen des Geographen mitsamt den zahlreichen Bildern und Karten als auch das gelungene Layout des beeindruckenden Opus werden in der breiten Leserschaft der alpinen Community mit Sicherheit auf großes Interesse stoßen – auch bei der fünften Auflage.

Vollständige bibliographische Angaben des rezensierten Werkes:  
Bätzing, W. (2026): Die Alpen. Geschichte und Zukunft einer europäischen Kulturlandschaft. München: C.H. Beck. 17 Tabellen, 30 Karten, 155 Abbildungen.


Literatur

Lang, N.; Iny, A.; Pidun, U.; Christensen, M.; Sprong, J.; Job, A. (2026): Beyond Tomorrow: Four Scenarios for the World of 2025. Boston.
 
Mayer, M. (2022a): Bleibt alles anders? Veränderungsprozesse im Alpenraum aus geographischer Perspektive. In: Praxis Geographie 52, 10, 4–12.
 
Mayer, M. (2022b): Schutzgebiete in den Alpen: Zwischen Bewahrung und Dynamik. In: Geographische Rundschau 74, 3, 28–33.
 
Meyer, C.; Job, H. (2024): Developing a Data-Driven Approach to Climate-Proof a Regional Spatial Planning Instrument: The Bavarian Alpenplan. In: Eco.mont – Journal on Protected Mountain Areas Research and Management 16, 2, 16–29. https://doi.org/10.1553/eco.mont-16-2s16
 
Pütz, M.; Schindelegger, A.; Meyer, C.; Job, H. (2025): Alpine Spatial Planning, Energy Transition, and Open Spaces: An Agenda for Future Development and Governance. In: Mountain Research and Development 45, 3, A1-A8. https://doi.org/10.1659/mrd.2024.00028
 
Ströbel, K.; Job, H.; Brenner, L. (2025): What do we know about Open Spaces and their Ecosystem Services in the European Alps? Results of a Scoping Literature Review. In: Geographica Helvetica 80, 3, 207–220. https://doi.org/10.5194/gh-80-207-2025