Bereits der Titel des Sammelbandes erscheint für mit regionalen Bevölkerungsfragen vertrauten Leserinnen und Lesern durchaus provokant. Eine demographisch markant wachsende Bundesrepublik Deutschland wird postuliert und die damit verbundenen Herausforderungen werden erörtert. Genau dieser Ansatz trägt dem Umstand Rechnung, dass regionaldemographische Diskurse in der Regel auf Schrumpfung und Alterung der Gesellschaft im demographischen Wandel fokussieren, da Modellrechnungen stets eine solche Entwicklung – und dies fundiert sowie plausibel – vorhersagen, wobei eine retrospektive Betrachtung der Bevölkerungszahlen andere Befunde liefert.
Während Alterung zweifelsfrei voranschreitet, sind die Annahmen zur Schrumpfung bislang nur bedingt eingetreten. Migration, als grundsätzlich schwer vorhersagbare Komponente von Prognosen, und ein weiterer Anstieg der Lebenserwartung führten dazu, dass die Stagnations- oder Schrumpfungsvorhersagen, etwa der 8., 9. und 10. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes, sich bislang nicht bewahrheitet haben. Dort wurde davon ausgegangen, dass spätestens um 2010 bis 2013 ein Kipppunkt erreicht sei, ab dem Zuwanderung und eine steigende Lebenserwartung die Geburtendefizite nicht mehr ausgleichen würden.
Hier setzen die Herausgeber des Sammelbandes „Deutschland mit 89 Millionen Menschen?“ an: Auch wenn nach ganz aktuellen Erkenntnissen langfristig von einem Rückgang der Einwohnerzahlen ausgegangen werden kann, so zeigen die letzten Jahrzehnte, dass es dennoch lohnenswert oder sogar erforderlich ist, auch Wachstumsszenarien zumindest mittelfristig nicht zu verwerfen. Ob es nun gleich 89 Millionen Menschen als Grundannahme für 2045 sein müssen, sei dahingestellt.
Peter Jakubowski und Robert Kaltenbrunner (der das Erscheinen des Werks leider nicht mehr erleben durfte), stellen klar, dass es sich bei den Beiträgen des Sammelbandes bewusst um ein Gedankenexperiment handelt, welches allerdings bereits deshalb Relevanz besitzt, weil räumliche Planung und Regionalpolitik sowie analytische Raumbeobachtung Szenarien braucht, um auf mehr als nur eine mögliche Entwicklungslinie vorbereitet zu sein. Dementsprechend ist das Anliegen des Buchs aufzuzeigen, mit welchen regionalen Entwicklungstendenzen und Herausforderungen für die zentralen Aufgabenbereiche in Raumordnung, Landesplanung und Regionalpolitik zu rechnen wäre, wenn die Bevölkerungszahl in Deutschland nicht abnehmen, sondern sogar nennenswert zunehmen würde.
Neben den Herausgebern sind die Autorinnen und Autoren der jeweiligen Kapitel Expertinnen und Experten des Bundesinstituts für Bau‑, Stadt- und Raumforschung (BBSR). Das bedeutet, sie sind mit regionalen Fragestellungen und Raumentwicklung bestens vertraut. Folglich wurde der im Institut vorhandene umfassende Datenbestand herangezogen, um auf rund 170 Seiten in 13 Kapiteln Erkenntnisse vergangener Entwicklungen zu analysieren und regional differenziert mögliche Herausforderungen darzulegen. Dem Umstand geschuldet, dass die Publikation die Handschrift des BBSR trägt, handelt es sich hier vorrangig um einen Blick aus der Perspektive von Raumordnung, Landesplanung sowie Regionalpolitik auf demographische Prozesse sowie deren Auswirkungen.
Einleitend referieren Peter Jakubowski und Robert Kaltenbrunner die vermeintliche Aussagekraft und Wirkmacht der Demographie. Das initiale Kapitel ist bemerkenswert präzise, (selbst)kritisch und facettenreich. Insbesondere die Warnung davor, normative Vorstellungen und demographische Phänomene oder Probleme unüberlegt zu vermengen, ist überzeugend und vor allem wichtig.
Die beiden ersten spezifischen Kapitel widmen sich dem Aspekt regionaler Bevölkerungsentwicklung in Deutschland und Europa. Während Jana Hoymann und Peter Jakubowski fundiert und auch didaktisch die Mechanismen von Bevölkerungsveränderungen am Beispiel von Deutschland erläutern und das Szenario „Deutschland mit 89 Millionen“ erläutern, erörtern Nina Kuenzer und Jens Kurnol kurz die europäische Perspektive, welche dann mit Beispielen in Bezug zur Frage gleichwertiger Lebensverhältnisse gesetzt wird. Vor dem Hintergrund der in den Fokus gerückten Aspekte Europa, Bevölkerung, Gleichwertigkeit sowie der Vorstellung dreier Beispiele und deren Planung erscheint das Kapitel etwas kurz geraten. Die Erläuterungen sind sehr informativ, jedoch eher statisch und deskriptiv.
Inwiefern Bevölkerungswachstum auch eine Zunahme an Verkehr bedingt und damit potenziell die Bestrebungen der Mobilitätswende behindern, diskutieren Thomas Pütz und Manuel Weiß im dritten Kapitel. Ein diesbezüglicher Problemdruck ist zu konstatieren, jedoch sind auch den Verkehr substituierende Trends, wie Homeoffice, zu berücksichtigen, weshalb die Autoren in ihrem Beitrag mögliche Lösungsansätze vorstellen.
Danach stellen Fabian Dosch und Nadine Blätgen eine Flächenprojektion für die siedlungsstrukturellen Kreistypen vor, da davon auszugehen sei, dass steigende Einwohnerzahlen mit steigendem Flächenverbrauch und damit Versiegelung einhergehen. Wenig überraschend werden beispielsweise höhere bauliche Dichten vorgeschlagen, wobei auch die Limitationen der Projektion benannt werden.
Markus Eltges befasst sich mit der Frage öffentlicher Finanzen, also einem ganz zentralen Aspekt räumlicher Gestaltungsmöglichkeiten. Zu Recht weist der Autor auf die Unsicherheiten seines Gedankenspiels hin: eines sehr instruktiven und interessanten Gedankenspiels.
Ein wiederum eher knappes Kapitel zu den möglichen ökonomischen Implikationen unter Berücksichtigung der Aspekte Arbeitsmarkt, Qualifikation, immaterielles Kapital, Konsum, Wohnungsbau und ausländische Direktinvestitionen wurde von Roman Bertenrath und Manuel Fritsch verfasst. Angesichts der gewählten Indikatoren (welche nicht wirklich begründet werden) sind die Erläuterungen zwar interessant und informativ, geraten jedoch für jeden Punkt letztlich etwas zu kurz (Kapitel 6).
Gustav Lebhart greift das Phänomen des demographischen Wandels auf, welcher am Beispiel der Braunkohlereviere erläutert wird. Dass exemplarisch die Braunkohlereviere als Regionen im Strukturwandel und mit Strukturschwächen betrachtet werden, ist durchaus nachvollziehbar. Jedoch sind die Ausführungen nicht ganz stringent im Hinblick auf den Titel des Kapitels. Tatsächlich gibt der Autor eher Denkanstöße zu Demographie und Strukturwandel mit deutlicher Betonung des Strukturwandels.
Städte- und Stadtentwicklung sowie Bauen und Wohnen sind die Schwerpunkte der letzten vier Kapitel (8 bis 11). Katharina Hackenberg, Marion Klemme und Stephan Willinger formulieren Denkanstöße für die Stadt von Übermorgen. Sie referieren keine Prognosedaten, sondern charakterisieren Stadträume der Zukunft – und dies in sehr interessanter sowie erhellender Weise.
Eine Fortschreibung und Erläuterung der Bevölkerungszahlen für Großstädte unter der Annahme von Wachstum bis 2045 stellen Karin Veith, Teresa Grundmann und Dorothee Winkler vor (Kapitel 9).
Christian Schmidt und Arnd Rose beschäftigen sich mit den Aufgabenstellungen für neues Bauen und berücksichtigen nicht nur Bedarfe, sondern auch die relevanten Facetten der Leistungsfähigkeit der Bauwirtschaft oder Fachkräftemangel. Das sehr ‚runde‘ Kapitel 11 schließt mit möglichen Lösungsansätzen.
Neue Wohnwelten werden von Matthias Waltersbacher und Walter Ammon erörtert, wobei die Regionalität des Wohnflächenkonsums berücksichtigt und der Ansatz der Wohnflächensuffizienz vorgestellt werden.
Im abschließenden Kapitel 13 setzen sich Robert Kaltenbrunner und Peter Jakubowski pointiert und scharfsinnig mit Prognosen, deren Auswirkungen auf Politik und Planung sowie den daraus entstehenden Diskursen auseinander sowie den Erwartungen bzw. möglichen Anforderungen an Planung bzw. Politik. Wie schon die Einleitung ist dieser kritische Blick auf das Ganze ausgesprochen erhellend.
Es bleibt festzuhalten, dass die Kapitel des Sammelbandes eher kompakt sind, wenngleich die jeweils behandelnden Themenfelder bisweilen durchaus Anlass eines eigenen Buches sein könnten. Die Reduktion auf das Wesentliche oder neue Aspekte ist in vielen Beiträgen durchaus gelungen, während einzelne Beiträge wiederum eher den Charakter eines Datenberichts haben. Nicht ganz nachvollziehbar ist, warum es keine dezidierte Auseinandersetzung mit ländlichen Räumen gibt – als eigenem Kapitel.
Ist das Gedankenspiel einer demographisch wachsenden Bundesrepublik im vorliegenden Sammelband relevant und die Auseinandersetzung damit gelungen? Grundsätzlich ja, selbst, wenn Leserinnen und Leser der Überzeugung wären, dass eher Stagnationsszenarien mittelfristig eintreten würden. Immerhin zeigt die Vergangenheit, dass es durchaus sinnvoll ist, sich in Planung und Politik auf mehrere Szenarien vorzubereiten. Das intellektuelle Spiel an sich erweist sich zudem aus akademischer Perspektive als anregend. Auch an der Materie interessierte Leserinnen und Leser ohne engeren, z. B. beruflichen, Bezug zu den Themen könnten das Buch aufschlussreich finden. So werden am Anfang vieler Kapitel die Grundzüge der nachfolgend behandelten Mechanismen meist gut erläutert. Allerdings ist hinsichtlich der letztgenannten Adressatinnen und Adressaten auch zu konstatieren, dass das Facettenreichtum der räumlichen Perspektive von Bevölkerung in Kombination mit einem speziellen Entwicklungsszenario verwirrend sein könnte.
