Landschaften sind nicht per se ‚gerecht‘ oder ‚ungerecht‘. Sie werden es durch die Art, wie Ressourcen verteilt, Nutzungen ermöglicht, Belastungen verlagert, Erinnerungen anerkannt und Entscheidungen getroffen werden. Genau an diesem Punkt setzt der von Ludger Gailing, Luisa Geldbach, Markus Leibenath, Henk Wiechers und Julia Zscherneck herausgegebene Sammelband an. Sein Verdienst liegt zunächst darin, Gerechtigkeit nicht als zusätzliches Bewertungskriterium einer ansonsten autonomen Landschaftsentwicklung zu behandeln. Vielmehr erscheint Landschaft selbst als Medium, Ergebnis und Voraussetzung gesellschaftlicher Verhältnisse. Damit trifft der Band einen Kern gegenwärtiger Transformationsaufgaben: Klimaanpassung, Energiewende, Rohstoffgewinnung, Daseinsvorsorge oder Strukturwandel verändern Landschaften tiefgreifend, doch ihre Lasten, Gewinne und Handlungsmöglichkeiten sind räumlich wie sozial höchst ungleich verteilt.
Die programmatische Einleitung entfaltet Landschaftsgerechtigkeit bewusst als offenen und umkämpften Begriff. Ausgangspunkt ist der gerechtigkeitstheoretische Pluralismus: Je nachdem, ob utilitaristische, egalitäre, libertäre oder befähigungsorientierte Maßstäbe angelegt werden, kann dieselbe landschaftliche Veränderung unterschiedlich beurteilt werden. Für die Analyse übernehmen die Herausgebenden den aus der Umweltgerechtigkeitsforschung bekannten Dreiklang aus Verteilungs‑, Verfahrens- und Anerkennungsgerechtigkeit (S. 14–15). Das ist anschlussfähig und produktiv. Landschaft erweitert diese Kategorien jedoch um eine besondere Qualität: Sie verbindet materielle Bedingungen (Boden, Wohnraum, Infrastruktur, Ressourcen und Umweltbelastungen) mit Wahrnehmungen, Symbolen, Identitäten und Macht. Der Band vermittelt Landschaft daher überzeugend als Brückenkonzept zwischen ökologischen und sozialen Krisen sowie zwischen lokalen Orten und globalen Stoffströmen (S. 16–17).
Die zwölf Beiträge sind in vier Teile gegliedert. Im ersten zeigen Christine Katz und Daniela Gottschlich an alternativen Praktiken der Land- und Waldwirtschaft, dass Beziehungsgerechtigkeit in Sorge, Kooperation und gemeinsamer Verantwortung eingeübt wird. Wertvoll ist ihr Blick auf die Ambivalenz solcher Transformationsnischen: Selbstwirksamkeit steht prekärer Arbeit und der Gefahr der Selbstausbeutung gegenüber. Markus Leibenath schlägt vor, Beteiligungsgerechtigkeit praxeologisch und ethnographisch zu untersuchen. Das ist für die Planung relevant, weil Beteiligung nicht schon durch ihre formale Durchführung gerecht wird. Erst der Blick auf Routinen, Ausschlüsse und professionelle Selbstverständlichkeiten macht sichtbar, wie Teilhabe tatsächlich hergestellt wird. Karsten Berr und Olaf Kühne ergänzen mit der Lebenschancengerechtigkeit ein Leitbild, das individuelle Freiheit und soziale Bindungen zusammendenkt. Der theoretisch anspruchsvolle Beitrag bleibt allerdings weiter von konkreten Landschaftskonflikten entfernt als die übrigen Texte.
Besonders eindrücklich werden Gerechtigkeitsfragen im zweiten Teil zu Stoffströmen und Ressourcenkonflikten thematisiert. Tom Mels verdeutlicht am Beispiel Sápmis, dass eine „grüne“ Transformation koloniale und kapitalistische Ungerechtigkeiten fortschreiben kann. Alejandro de Castro Mazarro, Miriam Prys-Hansen, Bruno Milanez und Hendrik Herold verfolgen mittels Telecoupling den Weg des Eisenerzes von brasilianischen Abbaugebieten bis in die deutsche Bauwirtschaft. Hans Hortigs anschaulicher Beitrag zu Singapurs Landgewinnung zeigt, wie Sand über intransparente Lieferketten aus Abbaugebieten herausgelöst und in hochprofitables Territorium verwandelt wird. Die städtische Erfolgsgeschichte erhält so ein Hinterland aus ökologischer Zerstörung und externalisierten Kosten. Lokal hochwertige Räume können folglich auf weit entfernten „shadow places“ beruhen. Das ist für Landschaftsarchitektur und Stadtentwicklung eine notwendige Perspektive: Auch qualitätsvolle Freiräume besitzen materielle Herkünfte, deren Gerechtigkeitsfolgen im Entwurf meist unsichtbar bleiben.
Der dritte Teil überträgt das ‚Recht auf Stadt‘ auf ländliche Räume. Jannis Pfendtner-Heise deutet Zentralität als Möglichkeit der Begegnung, Selbstorganisation und Teilhabe; Daseinsvorsorge wird damit zur demokratischen Infrastruktur. Maike Melles zeigt am Transhumanz-Fest im spanischen Siruela, wie das gemeinsame Begehen einer Allmende Wege- und Nutzungsrechte bestätigt. Folkloristische Inszenierung wird zur politischen Praxis. Richard Pantziers Untersuchung ländlicher DDR-Geschosswohnungsbauten erweitert das Bild dörflichen Wohnens: Die Gebäude ermöglichen flexible Biographien, Zuzug und soziale Heterogenität, werden aber durch fiskalische Zwänge und kulturelle Vorbehalte gefährdet. Der Beitrag zeigt, wie ertragreich Landschaftsgerechtigkeit wird, wenn sie an alltägliche Lebensbedingungen und konkrete räumliche Typologien gebunden ist.
Im abschließenden Lausitz-Teil treten die zeitlichen Schichten von Gerechtigkeit hervor. Ana María Bergholz untersucht, wie Tagebau, Wiedervereinigung und Energiewende Landschaft und kulturelles Erbe überformen. Henk Wiechers verknüpft die entstehende Wasserstoffregion mit globalen Erzeugungs- und Verbrauchsräumen. Luisa Geldbach zeigt, dass Strukturwandel und Sanierung der Tagebaufolgelandschaft institutionell weitgehend getrennt verlaufen. Werden Förderpolitik, Wasserhaushalt, Beteiligung und Landschaftsgestaltung nicht zusammengeführt, können neue Investitionen alte Ungleichheiten fortschreiben. Struktur- und Landschaftswandel stärker zu koppeln, ist deshalb für Transformationsräume insgesamt relevant.
Die Stärke des Bandes ist zugleich der Grund für seine größte offene Frage. „Landschaftsgerechtigkeit“ fungiert als produktiver Suchbegriff, wird aber in den Beiträgen unterschiedlich eng geführt: teils als analytische Perspektive, teils als normatives Ziel, teils als Erweiterung von Umwelt‑, Raum- oder Ressourcengerechtigkeit. Diese Offenheit ermöglicht – ähnlich wie der Landschaftsbegriff – vielfältige Anschlussmöglichkeiten. Die Einleitung fängt die Heterogenität mit den drei Aufgaben „Diagnose, Debatte sowie Planen und Entscheiden“ überzeugend auf (S. 21–24).
Ein besonders aussichtsreiches zukünftiges Forschungsfeld eröffnet sich aus der Sicht der Landschaftsarchitektur in der stärkeren Verbindung von Landschaftsgerechtigkeit und entwerferischem Arbeiten. Aufbauend auf den im Band wiederholt angesprochenen Fragen von Planung und Gestaltung könnte untersucht werden, wie Gerechtigkeitsentscheidungen im Entwerfen räumlich konkret werden: durch Zugänge und Barrieren, die Verteilung von Nutzungen, Erreichbarkeit, Materialwahl, Pflegekosten und die Aneignungsoffenheit eines Raums. Hier bietet sich an, mit entwurfsbasierter Forschung an die Essenz des Sammelbandes anzuschließen, um Gerechtigkeit in räumliche Szenarien, Variantenvergleiche und evaluierbare Gestaltungsentscheidungen zu übersetzen.
„Landschaftsgerechtigkeit“ ist ein wichtiger und zur richtigen Zeit erschienener Band. Er eröffnet einen breit anschlussfähigen Denk- und Forschungsraum für eine gerechtere Planung und Gestaltung von Transformationslandschaften. Seine besondere Qualität besteht darin, den „landschaftlichen Blick“ für Gerechtigkeitsaspekte zu schulen: Er erkennt hinter räumlicher Qualität die Bedingungen ihrer Herstellung, hinter Transformation die Verteilung von Chancen und Verlusten und hinter Beteiligung die tatsächlichen Möglichkeiten, wirksam zu werden. Besonders zu empfehlen ist das Buch Forschenden und Studierenden der Landschafts‑, Raum- und Planungswissenschaften sowie Praktikerinnen und Praktikern, die Transformationsprozesse nicht auf technische Zielerreichung reduzieren wollen. Für die Landschaftsarchitektur formuliert es einen anspruchsvollen Auftrag: Landschaft nicht nur nachhaltig, resilient oder ästhetisch überzeugend zu entwerfen, sondern die Frage nach ihrer Gerechtigkeit als ebenso grundlegende Entwurfs- und Planungsaufgabe zu begreifen.
