In Planungsprozessen muss eine Vielzahl von Akteuren berücksichtigt werden, die unterschiedliche Ziele und Wünsche hinsichtlich räumlicher Entwicklungen haben. Ziel von Planung ist es dabei, verschiedene Anforderungen hoher Komplexität und potenzieller Konflikthaftigkeit in Einklang zu bringen. Darüber hinaus bringen die zu beplanenden Flächen unterschiedliche Voraussetzungen für räumliche Entwicklungen mit (Innes/Booher 2018: 42–82). Unter dem Stichwort „Naturbasierte Lösungen“ (nature-based solutions) werden in den Umweltwissenschaften verschiedene Ansätze zusammengefasst, die flächenbezogene Ökosysteme zur Bearbeitung gesellschaftlicher Herausforderungen adressieren. Zu den Eigenschaften dieser Ansätze zählen eine systematische Perspektive, der normative Fokus auf die Entwicklung anwendungsbezogener Lösungen und eine transdisziplinäre Ausrichtung von Wissensproduktion und Umsetzung (Albert/Schröter/Haase et al. 2019). Hierbei stehen Aspekte der Komplexität, des Wandels und der Resilienz von Ökosystemen im Mittelpunkt, was einer Berücksichtigung verschiedener Interessen und potenzieller Konflikte bedarf (Nesshöver/Assmuth/Irvine et al. 2017). Entsprechende Ökosystemdienstleistungsanalysen fokussieren dabei diejenigen Funktionen eines Ökosystems, die einer aktiven oder passiven menschlichen Nutzung unterliegen. Diesen Analysen wird eine besondere Relevanz für planerische Entscheidungen zugesprochen, insbesondere vor dem Hintergrund konkurrierender Nutzungsansprüche und potenziell divergierender Prioritäten der beteiligten Akteure.
Nach einer längeren Phase der konzeptionellen Diskussionen um Ökosystemdienstleistungen werden seit etwa 15 Jahren im Rahmen von Initiativen am Schnittpunkt von Wissenschaft und Politik wie The Economics of Ecosystems and Biodiversity (TEEB 2010) oder Common International Classification of Ecosystem Services (Maes/Liquete/Teller et al. 2016) Versuche unternommen, Ökosystemdienstleistungen auf internationaler Ebene planungsbezogen stärker zu systematisieren. Hauptziel war es, generalisierte Leitlinien und Handlungsempfehlungen für die Arbeit von Planung, Politik und anderen Interessengruppen bereitzustellen (Ronchi 2018: 2–8). Ursprünglich für die globale Maßstabsebene entwickelt (MEA 2005: v–ix) liegen mittlerweile neben einer Vielzahl von angewandten Analysen auf der regionalen Ebene von Landschaftsplanung (Kroll/Müller/Haase et al. 2012; Albert/Schröter/Haase et al. 2019) auch Studien vor, die sich dem Konzept auf der Ebene der Stadtplanung widmen (Gómez-Baggethun/Barton 2013; Hansen/Frantzeskaki/McPhearson et al. 2015). Die wachsende Zahl von Fallstudien lässt sich als eine Art internationales mainstreaming des Konzeptes für angewandte Projekte im Schnittbereich von Wissenschaft, Planung und Politik interpretieren (Spyra/Kleemann/Cetin et al. 2019).
Trotz der weitverbreiteten Anwendung und des Bemühens um eine Vereinheitlichung von Ökosystemdienstleistungsanalysen stellen inhaltliche und methodische Aspekte weiterhin zentrale Herausforderungen der planerischen Anwendung dar, nicht zuletzt aufgrund der kontextspezifischen Verschiedenheit von Untersuchungsflächen (Schröter/van der Zanden/van Oudenhoven et al. 2014). Von besonderer Bedeutung ist dabei der notwendige inter- und transdisziplinäre Charakter der Analysen. So gelten die nachvollziehbare Erfassung der Ökosystemdienstleistungen und ihre angemessene Vermittlung an die jeweils betroffenen Akteure als Grundvoraussetzungen für eine Einbindung in partizipative Planungsprozesse. Dazu ist es notwendig, kontextspezifisch und kriteriengeleitet quantifizierende und qualitative Indikatoren zu identifizieren, umweltbezogene und sozioökonomische Konzepte zu integrieren sowie die Interessengruppen und Akteurkonstellationen sorgfältig und ausgewogen zu berücksichtigen (van Oudenhoven/Schröter/Drakou et al. 2018).
Bei der Integration naturwissenschaftlicher und sozialwissenschaftlicher Konzepte im Rahmen von Ökosystemdienstleistungsanalysen stehen sich in der Regel grundsätzlich gegensätzliche epistemologische Sichtweisen gegenüber. Während naturwissenschaftlich orientierte Ansätze eher eine empirische Quantifizierung und Modellierung messbarer Leistungen von Ökosystemen anstreben und Fragen nach den zeitlich und räumlich differenzierten stofflichen Flüssen zwischen Systemelementen stellen, geht es sozialwissenschaftlichen Konzepten um die Interpretation von Handlungen und Sinnordnungen, mit denen Akteure Ökosysteme und deren Leistungen bewerten. Vor einem grundsätzlich vergleichbaren Problem stehen bereits ältere Versuche, die Leistungen von Ökosystemen landschaftsbezogen zu erfassen, wobei vordergründig objektive naturwissenschaftliche und modellierende Abschätzungen multifunktionaler Leistungen nicht mit den kulturellen und notwendigerweise subjektiven wahrnehmungsbezogenen Konnotationen von Landschaften übereinstimmen (Kühne/Duttmann 2020). Eine Verbindung der Perspektiven wird in der Regel mithilfe von Gegenüberstellungen angestrebt, die das ökosystemische Angebot an Leistungen mit der menschlichen Nachfrage nach diesen Leistungen als Bilanzierungen vergleichbar machen. Eine besondere Herausforderung stellt die kontextspezifische Operationalisierung von Ökosystemdienstleistungen im Rahmen wissenschaftlicher Analysen dar, die sich nicht nur bei der Auswahl konkreter Indikatoren und Erfassungsmethoden zeigt, sondern auch beim Versuch deutlich wird, naturwissenschaftliche und sozialwissenschaftliche Methoden zu verbinden.
Auch bei der angemessenen Auswahl von Akteurgruppen und der Form ihrer Einbindung in Ökosystemdienstleistungsanalysen herrscht Uneinigkeit. Die Bandbreite von in Studien berücksichtigten Interessengruppen reicht von lokal Betroffenen über nichtlokale Nutznießer, Personen aus der Wissenschaft, verschiedenen Fachgebieten, Planung, politischen Entscheidungsebenen bis hin zu Organisationen, die wahlweise in so verschiedenen Funktionen wie Beratung, Information, Bewertung oder Evaluation auftreten können (Lautenbach/Mupepele/Dormann et al. 2019).
Mit dem sogenannten communicative turn in der Planungstheorie der 1990er-Jahre (Healey 1996), der dem Wunsch der Öffentlichkeit folgt, Akteuren auch außerhalb der planenden Verwaltung und der entscheidenden Politik Mitwirkung bei der Entscheidungsfindung zu ermöglichen, ist die Berücksichtigung der verschiedenen Interessengruppen ein notwendiger und zentraler Bestandteil von Planung geworden (Meier 2018: 17–19; Sinning 2018). Das Beteiligungsparadoxon, nämlich das disproportionale Interesse der Öffentlichkeit an Planungsprozessen und Raumentwicklung im Verhältnis zu den real existierenden Beteiligungsmöglichkeiten (Berr/Jenal/Kühne et al. 2019: 23–24), und nur partielles Vorwissen zu Rahmenbedingungen der Planungsprozesse beeinträchtigen jedoch oftmals die Qualität der Entscheidungsprozesse und die Akzeptanz der Lösungsmöglichkeiten.
In vielen Fällen werden deshalb informelle Planungsinstrumente eingebunden, die neben Entwicklungskonzepten auch neue, experimentelle Formate umfassen, die Substanz und Vertrauen in eine partizipative Planungskultur stärken sollen (Selle 2011: 15). Als ein solches neues Format kann die Ökosystemdienstleistungsanalyse angesprochen werden. In diesem Beitrag wird der Frage nachgegangen, inwieweit dieses Analyseformat methodisch dazu genutzt werden kann, Bürgerbeteiligung in Planungsprozessen zu unterstützen und zumindest einige der Herausforderungen zu bearbeiten, die im Zusammenhang mit Beteiligungsprozessen bestehen. Die diesem Beitrag zugrundeliegende Fallstudie verwendete einen bilanzierenden Ansatz, der für ausgewählte Grün- und Freiflächen im Randbereich großer Städte der Metropolregion Rhein-Neckar das Angebot an ausgewählten Ökosystemdienstleistungen der entsprechenden Nachfrage unterschiedlicher Interessengruppen gegenüberstellt und in Form einer Budget-Matrix vergleichbar und kommunizierbar macht. Im Mittelpunkt stehen die interdisziplinären Herausforderungen der Konzeption und Umsetzung des Instruments sowie die Potenziale der transdiziplinären Kommunikation der Ergebnisse in Planungsprozessen.
Zunächst legen wir kurz unterschiedliche Formen der bilanzierenden Ökosystemdienstleistungsanalyse dar und fassen die Vorteile und Nachteile monetär bewertender und relational budgetierender Angebots- und Nachfrageanalysen zusammen (Kapitel 2). In Kapitel 3 werden unterschiedliche Perspektiven auf Teilhabe in Planungsprozessen eröffnet und mögliche Schritte zur Stärkung von Vertrauen und Substanz in Beteiligungsvorhaben diskutiert. Kapitel 4 umreißt die Grundlagen unseres Fallbeispiels, die methodische Durchführung der relational bilanzierenden Ökosystemleistungsanalyse sowie die Vermittlungsprozesse zwischen Wissenschaft, Planung, Politik und Zivilgesellschaft. Kapitel 5 stellt die Ergebnisse unserer Studie vor. Erstens benennen wir methodische und inhaltliche Hürden und Herausforderungen, die bei der konkreten Ökosystemdienstleistungsanalyse aufgetreten sind. Zweitens berichten wir, wie diese Ergebnisse als Werkzeug transdisziplinärer Kommunikation mit Vertreterinnen und Vertretern der planenden Verwaltung Anwendung fanden. Drittens reflektieren wir diese Erfahrungen und identifizieren allgemeine Vor- und Nachteile dieser Methode als informelles Instrument für Beteiligungsprozesse. Wir argumentieren abschließend, dass der kontextspezifische Einsatz bilanzierender Ökosystemdienstleistungsanalysen eine fundierte und multidimensionale Basis für Kommunikationsprozesse in partizipativen Beteiligungsverfahren darstellen kann, die verschiedene Perspektiven der Nutzungs- und Zielgruppen auf flächenbezogene Planungsvorhaben realistischer berücksichtigen und ausgewogener kommunizieren hilft.
Im Hinblick auf eine sinnvolle und angemessene Berücksichtigung von Ökosystemdienstleistungsanalysen in partizipativen Planungsprozessen greift eine Beschränkung auf die Angebotsseite zu kurz. So konstatieren Lautenbach, Mupepele, Dormann et al. (2019: 2162): „Decision-making and environmental management that aims to overcome sectoral perspectives by integrating the manifold perspectives of feedbacks in coupled socio-environmental systems would seriously profit from the comprehensive integration of ES [ecosystem] supply, the demand for ES, and policy options affecting demand and/or supply for ES […] A complete ES study should therefore aim at assessing both demand and supply for ES.“ Zu entsprechenden Methoden der vergleichenden Erfassung von Ökosystemdienstleistungen zählen Kosten-Nutzen-Analysen, die sich auf Bewertungsgrundlagen wie Marktpreise für natürliche Güter oder die Erhebung der Zahlungsbereitschaft für Naturleistungen (willingness to pay) (Farber/Constanza/Wilson 2002) stützen. Diese umweltökonomischen Bewertungen beziehen sich sowohl auf den direkten Gebrauchswert wie etwa von einzuschlagendem Holz, landwirtschaftlichen Anbauprodukten oder Fischfang als auch auf Nicht-Gebrauchswerte von Natur, die außerhalb der unmittelbaren menschlichen Nutzung liegen, wie z. B. die Grundwasserneubildung, die Bestäubung von Pflanzen oder den Schutz vor Bodenerosion. Die Stärken einer monetären Bewertung liegen zum einen darin, das Bewusstsein gegenüber ökonomischen Risiken einer Degradation veranschaulichen zu können. Außerdem lassen sie eine wirtschaftliche Bewertung von Zielkonflikten zu (Wolff/Schulp/Verburg 2015: 167). Allerdings ist die rein geldwerte Erfassung auf Kritik gestoßen, die sich insbesondere an der ökonomischen und damit anthropozentrischen Ausrichtung der Methoden entzündet, was biologische Systemfunktionen unterschätzt. So ist es schwierig, realistische Preise insbesondere für regulierende und kulturelle Ökosystemdienstleistungen zu ermitteln, da sie als nicht handelbare Umweltgüter außerhalb marktlicher Preisbildung liegen. Die räumliche und zeitliche Variabilität von Angebot und Nachfrage verunmöglicht es zudem, die verorteten Leistungen preislich längerfristig stabil zu bewerten (Burkhard/Müller 2013: 80).
Diese Schwächen haben dazu geführt, alternativ zu monetären Quantifizierungen Ökosystemdienstleistungen in relationalen Bewertungseinheiten von Angebot und Nachfrage zu erfassen (Kroll/Müller/Haase et al. 2012). Bei einer entsprechenden Bewertung von versorgenden, regulierenden und kulturellen Ökosystemdienstleistungen wird die flächenbezogene Leistungsbereitstellung und ihre menschliche Nutzung unter den gegebenen Bedingungen erfasst (Burkhard/Kroll/Müller et al. 2009). Dies ist auf der Angebotsseite beispielsweise durch die Erhebung von Landnutzungstypen möglich, die in Bezug auf verschiedene Ökosystemdienstleistungen bewertet werden. Die Erhebung erfolgt in der Regel mithilfe von naturwissenschaftlichen Feldmethoden, der Auswertung von Fernerkundungsdaten oder modellierender Verfahren. Eine entsprechende Matrix (Landnutzung/Ökosystemdienstleistungen) erfasst auf der Grundlage von Expertenwissen für jede Kombination die relevante Ausprägung als normalisierte Werte mit einer Spannweite von „keiner relevanten Bereitstellung der Leistung“ bis „sehr hoher relevanter Bereitstellung der Leistung“ (Burkhard/Kroll/Nedkov et al. 2012: 21). Eine weitere Matrix beschreibt für jeden Landnutzungstyp die Nachfrage nach den relevanten Kapazitäten der Leistungen auf der betreffenden Fläche, wiederum in einer normalisierten Form. Diese Informationen können durch unterschiedliche Methoden erhoben werden, darunter solche der empirischen Sozialforschung, partizipative Methoden oder expertenbasierte Ansätze (Wolff/Schulp/Verburg 2015: 165–168). Methoden der empirischen Sozialforschung wie Umfragen werden bislang vor allem zur Erhebung der Nachfrage nach kulturellen Dienstleistungen eingesetzt, expertenbasierte Ansätze verwenden publizierte Literatur oder lokal spezialisierte Wissensbestände (Kopperoinen/Itkonen/Niemelä 2014) und partizipative Ansätze berücksichtigen Bewertungen verschiedener Dienstleistungen durch unterschiedliche Interessengruppen (Plieninger/Dijks/Oteros-Rozas et al. 2013; Yeh 2016). Anhand der Informationen in den Angebots- und Nachfragematrizen lassen sich für die einzelnen Leistungen bilanzierende Aussagen ableiten. Da beide Komponenten auf dieselben relativen Einheiten normalisiert werden, lassen sich durch einen Vergleich der Nachfragewerte mit den Angebotswerten Ökosystemdienstleistungs-Bilanzen bestimmen und in einer budgetierenden Matrix abtragen. So wird es möglich, für verschiedene Landnutzungen auf einer Fläche einen Überschuss (Angebot übersteigt Nachfrage) beziehungsweise einen Mangel (Nachfrage übersteigt Angebot) an Ökosystemdienstleistungen zu ermitteln und zu kartieren (Burkhard/Müller 2013: 85).
Vorteile | Nachteile | |||||||||||||||||||
Analyse mithilfe monetärer Bewertung |
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Analyse mithilfe relational bilanzierender Bewertung |
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Die Vorteile der bilanzierenden Ökosystemdienstleistungsanalyse liegen zum einen in der flexiblen Anwendbarkeit der Methode, die für verschiedene Ökosysteme und auf unterschiedlichen räumlichen Maßstabsebenen von global bis lokal zur Identifizierung von Quellen und Senken genutzt werden kann (Burkhard/Müller 2013). Je nach Aufgabenstellung steht eine große Breite unterschiedlicher multidisziplinärer Ansätze zur Erhebung und Ermittlung von Ökosystemdienstleistungen bereit, welche in die Erfassung und Budgetierung einfließen können (Burkhard/Kroll/Müller et al. 2009). Zudem handelt es sich um eine im Rahmen der Beteiligung in Planungsprozessen vergleichsweise einfach zu kommunizierende Methode, die das Potenzial besitzt, von einem hohen Anteil der Akteure nachvollzogen und als eine Grundlage für Kommunikationsprozesse der partizipativen Planung akzeptiert zu werden (Albert/Galler/Hermes et al. 2016).
Unter Beteiligung in Planungsprozessen wird überwiegend Bürgerbeteiligung oder auch Öffentlichkeitsbeteiligung verstanden. Die Beteiligung von Akteuren außerhalb der planenden Verwaltung und der entscheidenden Politik folgt dem Wunsch der Öffentlichkeit, in Entscheidungen einbezogen zu werden und bei Entscheidungen mitwirken zu können (Meier 2018: 163–165; Sinning 2018: 208). Bekanntheit erlangen Beteiligungsprozesse häufig im Zusammenhang mit der Planung von Großprojekten, wie beispielsweise Stuttgart 21 (Novy/Peters 2012; Nagel/Satoh 2019), oder im Zusammenhang mit dem Ausbau von großen Infrastrukturvorhaben, wie bei Netzausbauplanungen im Zuge der Energiewende, oder bei Trassenvergrößerungen oder -erweiterungen im Zusammenhang mit (europäischen) Transportinfrastrukturprojekten (Sinning 2018).
Beteiligung erfolgt jedoch nicht nur im Zusammenhang mit Großprojekten und Maßnahmen des Infrastrukturausbaus. Im Baugesetzbuch (§ 3 BauGB)1 ist die Beteiligung der Öffentlichkeit im Rahmen der kommunalen Bauleitplanung rechtlich verankert. Im Raumordnungsgesetz (§ 9 ROG)2 ist die Beteiligung der Öffentlichkeit bei der Aufstellung von überörtlichen Raumordnungsplänen festgelegt. Durch europäische Richtlinien wie die Richtlinien zur Umweltverträglichkeitsprüfung und zur strategischen Umweltprüfung wurde die Beteiligung der Öffentlichkeit im Zusammenhang mit Planaufstellungen und Projektplanungen weiter bestätigt (§ 18 und § 42 UVPG).3
Was genau unter Beteiligung verstanden wird, unterscheidet sich jedoch nach fachlichem Hintergrund und Blickwinkel (Nanz/Fritsche 2012: 9–13; Sinning 2018). Sprechen die Gesetze von der Notwendigkeit, die Öffentlichkeit über Planungsziele zu unterrichten und ihr Gelegenheit zu Äußerungen und Erörterungen zu geben, so steht damit die Information und Konsultation (Möglichkeiten der Einflussnahme auf Vorhaben) der Öffentlichkeit im Fokus. Eine Kollaboration, bei der die Öffentlichkeit eigenständig raumwirksame Vorhaben initiiert, gemeinsam mit Politik und Verwaltung Entscheidungen fällt oder gar Planungsziele umsetzt, ist in den Gesetzen nicht verankert.
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„Mehr Informations- und Mitbestimmungsrechte schaffen,
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Sachstand durch Wissen, Einstellungen und Einschätzungen der Akteure erhöhen,
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Eigenengagement der Betroffenen mobilisieren und diese zu eigenem Handeln und zur Übernahme von Verantwortung anregen,
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die Qualität von Entscheidungsprozessen und Zufriedenheit mit Lösungen steigern,
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frühzeitig Konfliktpotenziale und Handlungsbedarfe erkennen,
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Akzeptanz von Entscheidungen erhöhen,
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zwischen widerstreitenden Interessen vermitteln und Konflikte bewältigen bzw. vermeiden,
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Blockaden und Verzögerungen in Verfahren vermeiden,
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Identifikation mit der Stadt, dem Stadtteil bzw. dem jeweiligen Projekt und der Gemeinschaft stiften.“
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Einige dieser Ziele gehen weit über die vom Gesetzgeber erwartete Bürgerbeteiligung hinaus und bedürfen daher Freiwilligkeit und eines politischen Konsenses, wenn sie in Planungsprozessen verfolgt werden sollen. Darüber hinaus wird Beteiligung nicht nur in den vorgeschriebenen Planungsprozessen durchgeführt, sondern häufig auch darüber hinaus im Rahmen von informellen Instrumenten wie Stadtentwicklungskonzepten oder regionalen Entwicklungskonzepten (Danielzyk/Sondermann 2018).
Selle (2011: 1) hebt hervor, dass nach Stuttgart 21 Bürgerbeteiligung einen großen Aufschwung erfahren hat. Auch wenn mehr und frühere Beteiligungsangebote geschaffen werden, bestehen viele bekannte Probleme im Zusammenhang mit Beteiligungsverfahren weiter. Insbesondere das Beteiligungsparadoxon (Berr/Jenal/Kühne et al. 2019: 23–24) und der vergleichsweise unterschiedliche Abstraktionsgrad von überörtlicher Planung im Vergleich zur Objekt- und Freiraumplanung machen die Gestaltung von Beteiligungsprozessen zu einer sehr anspruchsvollen Aufgabe (Priebs 2018: 2059). Als Folge des Beteiligungsparadoxons können Frustration und Resignation auf Seiten der beteiligten Bürgerinnen und Bürger (Selle 2007: 65, Meier 2018: 82) entstehen.
Um trotz möglicher negativer Erfahrungen die Öffentlichkeit weiterhin zur Beteiligung zu ermutigen, identifiziert Selle (2011) zwei Strategien: Particitainment als Festivalisierung von Beteiligungsprozessen sowie – als andere Strategie – die Stärkung von Substanz und Vertrauen durch eine veränderte Kultur. Während Particitainment neue Probleme mit sich bringt, so formuliert Selle die Hoffnung, dass durch Änderungen der Kommunikationskultur nicht nur Beteiligungsprozesse verbessert werden können, sondern ein Wandel in der lokalen und regionalen Governance als „Fundament der Demokratie“ (Selle 2011: 17) unterstützt wird. Beteiligungsprozesse sind in diesem Sinne nicht nur ein Prozess der Informationsgewinnung für die planende Verwaltung, sondern werden als gelebte lokale Demokratie verstanden. Die Organisation und Gestaltung dieser Beteiligungsprozesse sind jedoch mit hohen Anforderungen und einem Bewusstsein für die damit zusammenhängenden Konsequenzen verbunden. So müssen die Beteiligungsprozesse wirkungsvoll sein, denn eine Zunahme wirkungsloser Prozesse kann die Politik- und Planungsverdrossenheit in der Bevölkerung erhöhen. Beteiligungsprozesse tragen somit auch zur Legitimation von Politik und Planung bei (Growe/Baker/Ziafati Bafarasat 2020).
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die Perspektive der Zielgruppe verstehen,
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immer im Gespräch sein, nicht nur in formellen Verfahren,
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Beteiligung nicht nur durch Planer und Planerinnen durchführen, sondern aus der Politik heraus beteiligen,
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die Grenzen des eigenen Handelns sichtbar machen,
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bestehende Strukturen mobilisieren,
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den Blick auf Alltagswirklichkeiten und Restriktionen richten,
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Beteiligung im größeren Zusammenhang sehen,
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Standards gewährleisten sowie
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ein langer Atem.
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Selbstverständlich kann die Anwendung neuer Methoden nicht alle Herausforderungen, die im Zusammenhang mit Beteiligungsprozessen bestehen, lösen. Einige der geforderten Schritte können jedoch durch die Anwendung neuer Methoden unterstützt werden. In den folgenden Kapiteln wird anhand einer explorativ durchgeführten relational bilanzierenden Ökosystemdienstleistungsanalyse vorgeführt, inwieweit diese Methode genutzt werden kann, um Substanz und Vertrauen in Beteiligungsprozessen zu stärken.
Die diesem Beitrag zugrunde liegende Fallstudie verwendet einen relational bilanzierenden Ansatz, der für ausgewählte Flächen im Randbereich von Städten der Metropolregion Rhein-Neckar Angebote von ausgewählten Ökosystemdienstleistungen der entsprechenden Nachfrage unterschiedlicher Interessengruppen gegenüberstellt und in Form einer Budget-Matrix vergleichbar und kommunizierbar macht. Die Analyse wurde im Rahmen eines transdisziplinär angelegten Forschungsprojektes zum Thema „Bewertung und Wahrnehmung von Grün- und Freiflächen in urbanen Regionen im Kontext von Klimaschutz und Klimaanpassung (GREIF)“ unter Beteiligung von Forscherinnen und Forschern der Universität Heidelberg (Fachbereiche Humangeographie, Raumplanung und Politikwissenschaft) und dem Karlsruher Institut für Technologie (KIT) (Fachbereiche Humangeographie, Geoökologie und Angewandte Geowissenschaften) durchgeführt (Wagner/Mager/Schmidt et al. 2019). Außeruniversitärer Kooperationspartner war der Verband Region Rhein-Neckar als Planungsorgan für die Metropolregion.
Nachfolgend werden die einzelnen Methoden erläutert, die sowohl für die Angebots- als auch die Nachfrageseite der Analyse durchgeführt wurden. So wurden auf der Nachfrageseite Methoden der empirischen Sozialforschung über alle Dienstleistungskategorien hinweg angewendet und mit dem partizipativen Ansatz durch Einbezug verschiedener Interessengruppen (Spyra/Kleemann/Cetin et al. 2019; Yeh 2016) verbunden. Des Weiteren wird dargestellt, wie darüber hinaus lokales Expertenwissen erhoben wurde, welches ergänzend bei der Interpretation und Analyse der Bewertung von Ökosystemdienstleistungen eingeflossen ist und den Forschenden einen holistischen Blick über die lokalen Spezifika der ausgewählten Flächen verschafft hat.
Mittels Kurzfragebögen, die Akteuren der planenden Verwaltung im Rahmen der Experteninterviews vorgelegt wurden, konnten auch für diese Gruppe Angaben zur Bedeutung der Nachfrage nach identifizierten Ökosystemdienstleistungen auf den Untersuchungsflächen erhoben werden. Die Beantwortung der Kurzfragebögen nahm jeweils circa sieben Minuten in Anspruch. Alle erhobenen Daten wurden mithilfe der Statistiksoftware SPSS elektronisch erfasst und ausgewertet. Die Angaben zur Nachfrage nach Ökosystemdienstleistungen, die mittels Likert-Skalen abgefragt wurden, wurden in die Kategorisierung ‚keine Nachfrage‘, ‚geringe Nachfrage‘, ‚mittlere Nachfrage‘ und ‚hohe Nachfrage‘ normalisiert (Weijters/Cabooter/Schillewaert 2010).
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Überblick über das Aufgabenfeld der interviewten Person
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Wahrnehmung des Untersuchungsgebiets und Informationen darüber
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Relevanz des Aspekts Klimaschutz/Klimawandel in Hinblick auf Flächennutzungsprozesse
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Planungsprozesse im Allgemeinen und Konfliktmanagement
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Institutionelle Struktur der Akteure
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Kommunikations- und Wahrnehmungsprozesse
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Bis auf ein Interview wurden alle weiteren mittels eines Diktiergeräts aufgenommen und transkribiert. Um die Intercoder-Reliabilität zu gewährleisten, wurde ein Interview von zwei Forscherinnen unabhängig voneinander mit Kodierungen versehen, die anschließend verglichen wurden. Auf Basis dieses Vergleichs wurde ein gemeinsamer Code-Baum erstellt, der für die Analyse der weiteren Interviews mithilfe des Programms MAXQDA zum Einsatz kam.
In diesem Kapitel werden erstens konkrete Ergebnisse aus dem Projekt „Bewertung und Wahrnehmung von Grün- und Freiflächen in urbanen Regionen im Kontext von Klimaschutz und Klimaanpassung (GREIF)“ präsentiert sowie Hürden und Herausforderungen bei der Durchführung und Messbarmachung von Ökosystemdienstleistungen kritisch reflektiert. Zweitens wird dargestellt, wie diese Ergebnisse als Werkzeug transdisziplinärer Kommunikation mit Vertreterinnen und Vertretern der planenden Verwaltung Anwendung fanden. Drittens werden die Erfahrungen der bilanzierenden Ökosystemdienstleistungsanalyse als Werkzeug zur Stärkung von Vertrauen und Kommunikation in informellen Beteiligungsprozessen reflektiert.
Ökosystemdienstleistung | Heidelberg | Mannheim | Weinheim | ||||||
Angebot | Nachfrage | Angebot | Nachfrage | Angebot | Nachfrage | ||||
Bürgerschaft | Verwaltung | Bürgerschaft | Verwaltung | Bürgerschaft | Verwaltung | ||||
Bereitstellung von Nahrungs- und Futterpflanzen | mittel | mittel | keine Daten | gering | gering | gering | gering | mittel | gering |
Bereitstellung von nachwachsenden Energieträgern | mittel | gering | keine Daten | gering | gering | gering | gering | gering | gering |
Klimaregulation | hoch | mittel | keine Daten | hoch | mittel | hoch | hoch | mittel | gering |
Erhaltung biologischer Vielfalt | nicht vorhanden | hoch | keine Daten | nicht vorhanden | hoch | mittel | nicht vorhanden | hoch | mittel |
Ästhetik | mittel | mittel | keine Daten | mittel | mittel | hoch | mittel | mittel | gering |
Gelegenheit zur Freizeitgestaltung und Erholung | gering | mittel | keine Daten | gering | mittel | hoch | gering | mittel | gering |
Heidelberg | Mannheim | Weinheim | ||||
Bürgerschaft | Verwaltung | Bürgerschaft | Verwaltung | Bürgerschaft | Verwaltung | |
Bereitstellung von Nahrungs- und Futterpflanzen | = | keine Daten | = | = | < | = |
Bereitstellung von nachwachsenden Energieträgern | > | keine Daten | = | = | = | = |
Klimaregulation | > | keine Daten | > | = | > | > |
Erhaltung biologischer Vielfalt | < | keine Daten | < | < | < | < |
Ästhetik | = | keine Daten | = | < | = | > |
Gelegenheit zur Freizeitgestaltung und Erholung | < | keine Daten | < | < | < | = |
Im Forschungsprozess ergaben sich konzeptionelle, methodische und forschungsökonomische Herausforderungen. Diese lagen zum einen begründet in der interdisziplinären Zusammensetzung des Forschungsteams aus den Natur- und den Sozialwissenschaften. Begriffe wie „Bewertung“ und „Wahrnehmung“ beispielsweise mussten in einem längerfristigen Prozess, der durch die unterschiedliche Kontextualisierung in den beteiligten Wissenschaftsdisziplinen begründet lag, diskutiert und vereinheitlicht werden. Zum anderen stellte die Operationalisierung von Angebot an und Nachfrage nach Ökosystemdienstleistungen im Hinblick auf die Verständlichkeit für unterschiedliche Akteurgruppen eine bedeutende Hürde dar (vgl. auch Carmen/Watt/Carvelho et al. 2018). So musste ein Ziel der Operationalisierung die ‚Übersetzung‘ wissenschaftlicher Konzepte in allgemein verständliche und eine der breiten Bevölkerung zugängliche Sprache sein, ohne die Kernbedeutung des Konzeptes zu verunklaren (Dick/Turkelboom/Woods et al. 2018; Taddicken/Reif/Hoppe 2018). Bei Fragestellungen, die sich mit Themen beschäftigen, welche eher zum alltäglichen Lebensbereich der Menschen zählen wie zum Beispiel die Bewertung von Erholungs- und Freizeitmöglichkeiten auf bestimmten Flächen, gelingt dies einfacher als bei Themen, die den zu Befragenden in ihrem Alltag weniger vertraut sind. Die Nachfrage nach der Ökosystemdienstleistung Biodiversität beispielsweise, welche auf der Angebotsseite über den Indikator „Anzahl vorkommender Gefäßpflanzenarten“ bestimmt wurde, wurde im Rahmen der Haushaltsbefragung unter anderem mit der Formulierung „Wie wichtig ist es Ihnen, dass die Fläche einen Lebensraum für verschiedene Pflanzen- und Tierarten darstellt?“ operationalisiert. Des Weiteren erforderte die Entwicklung des Instruments der Haushaltsbefragung eine Berücksichtigung möglicher Erwartungen der Befragten bezüglich der Relevanz und Reichweite ihrer Antworten als partizipative Elemente im Planungsprozess. So sollte der Fragebogen nicht nur auf eine reine Informationsgewinnung angelegt sein, sondern Hinweise auf eine mögliche Auswirkung und Mehrwerte der Beantwortung beinhalten (Deci/Ryan 1993: 224). Meier (2018: 17) fasst dahingehend zusammen: „Ist die Beteiligungsaufgabe zu schwer, weil etwa Planungsfragen zu abstrakt oder rechtliche und planerische Fragestellungen zu komplex sind, wirkt sich dies negativ auf nachfolgende Aktivitäten aus. Im umgekehrten Falle, wenn Beteiligungsfragen zu banal oder anspruchslos – und damit womöglich nicht lohnenswert – erscheinen, senkt auch dieser Umstand die Motivation für folgende Betätigungen ab.“ Die angemessene Operationalisierung von Fachwissen stellt damit eine wichtige Dimension der Berücksichtigung der Kompetenzen unterschiedlicher Interessengruppen dar. Sie entscheidet mit darüber, inwiefern der wissenschaftlich vordefinierte Untersuchungsgegenstand von den unterschiedlichen Akteurgruppen verstanden und erfasst wird und wie die Entscheidung zur Teilnahme an Beteiligungs- und Kommunikationsprozessen ausfällt (Detjen/Massing/Richter et al. 2012: 90–92; Massing 2012: 23–26).
Als eine weitere methodische Schwierigkeit im Forschungsprozess erwies sich die Vereinheitlichung und Normalisierung der Ausprägungen von Leistungsangebot und -nachfrage. Relational bilanzierende Ökosystemdienstleistungsanalysen benötigen eine identische Skalierung für Angebots- und Nachfragewerte, um durch Vergleiche der Werte zu einer Bilanzierung gelangen zu können. Die Datenklassifikation und Festlegung der relativen Relevanzstufen ‚kein‘, ‚geringes‘, ‚mittleres‘ und ‚hohes‘ Angebot beziehungsweise ‚keine‘, ‚geringe‘, ‚mittlere‘ und ‚hohe‘ Nachfrage war trotz Anlehnung an vorhandenes Expertenwissen aus der Literatur und Konsensfindung innerhalb des Teams der Forschenden subjektiv gefärbt. Hinzu kam, dass es sich bei den in der Mehrzahl mithilfe von naturwissenschaftlichen Methoden erhobenen Angebotsdaten um metrisch skalierte, bei den durch sozialwissenschaftliche Methoden erhobenen Bedarfseinschätzungen der Nachfrageseite um ordinalskalierte Daten handelte, die unterschiedlichen erkenntnistheoretischen Traditionen entstammen (Kanwischer 2006; Kühne/Duttmann 2020). Auch dieser Punkt deutet auf die grundsätzlichen Herausforderungen hin, die sich in der interdisziplinären Kooperation zwischen mehr oder weniger weit voneinander entfernt liegenden Disziplinen (zum Beispiel Angewandte Geowissenschaften und Politikwissenschaft) gezeigt hat.
Forschungsökonomisch erwies sich die Durchführung der interdisziplinären Ökosystemdienstleistungsanalyse für drei Flächen als aufwendig und zeitintensiv. Insbesondere die ausdifferenzierte Erhebung der Nachfrageseite, die sich mit der Bewertung der angebotenen Ausstattung der Fläche mit Ökosystemdienstleistungen durch unterschiedliche Akteure befasste, bedurfte unterschiedlicher quantitativer und qualitativer sozialwissenschaftlicher Methoden. Insbesondere der personelle und zeitliche Aufwand der Befragung in Ko-Präsenz mit einem standardisierten Fragebogens lässt sich vor dem Hintergrund einer Erfassungsquote von etwa 7 % aller Haushalte im Untersuchungsgebiet als nur wenig effizient bezeichnen. Auch die Erhebung des qualitativen Interviewmaterials bedurfte nicht zuletzt aufgrund einer verhaltenen Teilnahmebereitschaft der Probanden eines hohen und zum Teil zehrenden Kommunikationsaufwands. Diese Faktoren können in Planungsprozessen eventuell größere Hürden für die Anwendung der Methoden darstellen.
Ein Teilziel des Forschungsprojektes GREIF war, die im Projekt erzielten Ergebnisse der Bewertung ökosystemischer Leistungen der Untersuchungsflächen transdisziplinär zu vermitteln, das erzielte Wissen also an der Schnittstelle von Wissenschaft und Gesellschaft anwendungsbezogen und unter Berücksichtigung einer Vielzahl von Akteurperspektiven zu kommunizieren. Zu diesem Zweck wurde in Kooperation mit dem Verband Region Rhein-Neckar ein Projekttisch zum Thema „Klimawandel und Klimaanpassung“ initiiert, an dem neben Vertreterinnen und Vertretern der planenden Verwaltung verschiedener Städte und Gemeinden der Region auch leitende Personen aus dem Klimaschutzmanagement, Bürgermeisterinnen und Bürgermeister sowie Abgeordnete des benachbarten Regionalverbandes Mittlerer Oberrhein Platz nahmen. Ziele des Projekttisches waren erstens, die eingesetzten Methoden und erzielten Ergebnisse zu präsentieren und durch die anwesenden Expertinnen und Experten mit lokalem Wissen evaluieren zu lassen. Zweitens sollten die Verfahrensschritte, Ergebnisse und Herausforderungen der durchgeführten Ökosystemdienstleistungsanalyse auf ihre Tauglichkeit im Hinblick auf die Integration in Planungs- und Beteiligungsprozesse auf unterschiedlichen Maßstabsebenen diskutiert werden. Die Diskussionen wurden protokolliert, durch teilnehmende Beobachtung dokumentiert und über Moderationstechniken wie Ein-Punkt-Abfragen und Wissensspeicher strukturiert.
Die wichtigsten Ergebnisse der Diskussion lassen sich in folgenden Punkten zusammenfassen: Ökosystemdienstleistungsanalysen waren den anwesenden Vertreterinnen und Vertretern der Regionen, Städte und Gemeinden bis dato unbekannt. Wertgeschätzt wurde insbesondere die vergleichsweise umfassende Darstellung verschiedener flächenbezogener Leistungen und Problematiken unter Einbeziehung wissenschaftlicher Methoden. Die Analysemöglichkeiten wurden als ein gutes Werkzeug wahrgenommen, um Flächenpotenziale zu bewerten und Planungsanforderungen besser umzusetzen. Damit sei unter anderem ein intelligenter und ressourcenschonender Umgang mit Flächen möglich. Folgende beispielhafte Aussage wurde im Zusammenhang mit der Diskussion um Flächenknappheit in Kommunen für eine beteiligte Bürgermeisterin protokolliert: „Von der Methode habe ich das erste Mal gehört. Aber geniales Werkzeug, um Flächen nicht zu vergewaltigen.“
Die Ergebnisse des Projekttischs zeigen außerdem, dass die relational bilanzierende Ökosystemdienstleistungsanalyse aus Sicht der planenden Verwaltung als sinnvolles Instrument zur Stärkung von Vertrauen und Beteiligung in Planungsprozessen angesehen wurde. Allerdings wurde deutlich, dass Umfang und Aufwand der vorgestellten Fallstudie, die über gesetzlich vorgeschriebene Untersuchungen und Maßnahmen hinausging, die finanziellen und personellen Möglichkeiten einzelner Planungsbehörden bei Weitem übersteigen würden. Weitgehend Konsens bestand in der Auffassung, dass diese bilanzierende Form der Ist- und Soll-Bewertung von zu beplanenden Flächen in Kommunikationsprozessen von Beteiligungsformaten verständlich und leicht erfassbar zu vermitteln sei. Ein zentraler Diskussionspunkt war zudem, in welcher Phase eines Planungsprozesses die Methode sinnvollerweise zum Einsatz kommen und wie die konkrete Umsetzung in formellen und informellen Beteiligungsinstrumenten aussehen könnte.
Um Anforderungen an eine Beteiligung verschiedener auch nichtstaatlicher und außerinstitutioneller Akteure an Planungsprozessen zielführend umsetzen zu können, bedarf es unterschiedlicher (informeller) Werkzeuge, die angemessen informieren, verschiedene Bewertungen ernstnehmen und zur Mitwirkung motivieren (Danielzyk/Sondermann 2018; Sinning 2018). Zugleich sollten Akteure in der planerischen Bearbeitung und im politischen Entscheidungsprozess ihre Rollen als Moderatorinnen/Moderatoren und Entscheidungsträgerinnen/Entscheidungsträger um die (lokaler) Expertinnen/Experten und Meinungsträgerinnen/Meinungsträger erweitern können. Werkzeuge wie „Bürgerforen, Planungswerkstätten, Spaziergänge, Runde Tische und ähnliche kommunikationsbasierte Modelle“ (Meier 2018: 34) kommen dabei ebenso in Frage wie Teilhabeinstrumente zur Informationsvermittlung und zur Datengewinnung wie die bilanzierende Ökosystemdienstleistungsanalyse. Die Ergebnisse können im Nachgang zur Erhebung in unterschiedlichen weiteren Formaten wie Informationsveranstaltungen, Printmedien und anderen Bekanntgaben der planenden Verwaltung als Grundlage für weitere Diskussionen genutzt werden. Vorteilhaft an der Präsentation der Ergebnisse der Ökosystemdienstleistungsanalyse ist, dass die Methode sowohl die konkrete Angebotsseite der zu beplanenden Flächen ausweist, als auch die Nachfrageseite und somit die Erwartungen der unterschiedlichen, nutzenden Akteure gegenüberstellt und vergleicht.
Neun Schritte zur Stärkung von Vertrauen und Substanz in Beteiligungsprozessen nach Selle (2011) | Vorteile der bilanzierenden Ökosystemdienstleistungsanalyse |
Die Perspektive der Zielgruppe verstehen | Die Erhebung der Nachfrageseite bildet Interessen und Erwartungen einzelner Akteurgruppen ab, die sich erheblich voneinander unterscheiden können. Es ergeben sich Möglichkeiten der Kommunikation differenzierter Perspektiven, die zu einem gegenseitigen Verständnis beitragen können. |
Immer im Gespräch sein, nicht nur in formellen Verfahren | Unterschiedliche Erhebungsverfahren wie zum Beispiel Interviews führen zu Gesprächen auch abseits der formalen Verfahren wie der Planerstellung. Die Methode und Diskussion von Ergebnissen in formellen und informellen Beteiligungsprozessen können als Anlass für Kommunikationsprozesse dienen. |
Beteiligung nicht nur durch Planer und Planerinnen durchführen, sondern aus der Politik heraus beteiligen | Erwartungen der Politik können als Nachfrageperspektive integriert werden. Nutzung von lokalem Expertenwissen der Politik auf der Nachfrageseite. Kommunizier- und Nachvollziehbarkeit substanzieller Analyseergebnisse kann Vertrauen der Politik gegenüber weiteren Akteuren stärken. Analyse kann auch von Seiten der Politik als Akteur mit Entscheidungsbefugnis in Auftrag gegeben werden. |
Die Grenzen des eigenen Handelns sichtbar machen | Nachvollziehbare Analyse des Angebots an Ökosystemdienstleistungen. Identifizierung und angemessene Kommunikationsmöglichkeiten von Handlungsgrenzen unterschiedlicher Akteurgruppen. Darüber hinaus ist die Einbeziehung weiterer Restriktionen (z. B. finanzieller Art) im Bewertungsprozess grundsätzlich möglich. |
Bestehende Strukturen mobilisieren | Für die Erfassung von Angebot an und Nachfrage nach Ökosystemdienstleistungen können bestehende Strukturen genutzt und ausgebaut werden. Zur Durchführung können bestehende Prozesse wie jährlich durchgeführte Bürgerbefragungen oder Bewertungen von Freiflächen im Rahmen von Umweltplanungen genutzt werden. |
Den Blick auf Alltagswirklichkeiten und Restriktionen richten | Die Alltagswirklichkeit und somit die Erwartungen der unterschiedlichen Akteurgruppen werden für die Nachfrageseite erfragt. Der Vergleich von Angebots- und Nachfrageseite zeigt realistische Möglichkeiten und Restriktionen auf, die aufgrund natürlicher Eigenschaften der Fläche gegeben sind. |
Beteiligung im größeren Zusammenhang sehen | Ökosystemdienstleistungsanalysen beziehen sich auf konkrete, abgegrenzte Flächen, erfragen aber die Meinung unterschiedlichster Akteure. So wird es möglich, in Beteiligungsprozessen mehrere Perspektiven (z. B. Akteurgruppen, Maßstabsebenen, Ökologie vs. Ökonomie) auf Flächen zu kommunizieren. Ergebnisse können somit in größere Zusammenhänge und Governance-Strukturen eingeordnet werden und als Diskussionsgrundlage darüber hinaus dienen. |
Standards gewährleisten | (Qualitäts‑)Standards der Datenerhebung, Darstellung und Interpretation werden durch wissenschaftlich-methodisches Vorgehen gewährleistet. |
Ein langer Atem | Methoden wie die Ökosystemdienstleistungsanalyse müssen in mittelfristigen Planungsprozessen immer sofort mitgedacht werden, um die Methoden zu verstetigen, aber auch Befragungen zum Beispiel gebündelt mit anderen Erhebungen durchführen zu können. |
Insbesondere die angewandte Methodenvielfalt sowohl auf der Angebots- als auch der Nachfrageseite hat im Projekt sichergestellt, dass nicht nur die naturwissenschaftlichen Ergebnisse auf unterschiedlichen Ebenen erhoben werden konnten. Die Vielfalt an sozialwissenschaftlichen Erhebungen ermöglichte es, die einzelnen Akteure gezielt anzusprechen und unterschiedliche Perspektiven herauszuarbeiten. Diese große Bandbreite an möglichem methodischem Vorgehen kann vor allem als ein Vorteil der bilanzierenden Ökosystemdienstleistungsanalyse angesehen werden, der sich wiederum in Teilhabeprozessen und damit einhergehend in der Kommunikation von Planungsvorhaben widerspiegelt.
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die Perspektive der Zielgruppe zu verstehen,
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die Grenzen des eigenen Handelns sichtbar zu machen und
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den Blick auf Alltagswirklichkeiten und Restriktionen zu richten,
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Allerdings erwiesen sich die in der vorgestellten Fallstudie verwendeten multimethodischen Erhebungs‑, Analyse- und Kommunikationsschritte als abstimmungs-, zeit- und personalintensiv – ein Aufwand, der sich in dieser Form in der alltäglichen Planungspraxis kaum rechtfertigen lässt. Ökosystemdienstleistungsanalysen können daher nicht als standardisierte Instrumente im Rahmen jedes planerischen Beteiligungsverfahrens zum Einsatz kommen. Es bedarf vielmehr einer kontextspezifischen Abwägung ihrer Anwendung, die insbesondere in umfangreicheren Verfahren als eine gute Ergänzung denkbar ist. Die interdisziplinäre Zusammensetzung des Projektteams aus natur- und sozialwissenschaftlichen Fächern machte zudem deutlich, dass eine Abstimmung zwischen unterschiedlichen Fachkulturen mit je eigenen wissenschaftlichen Sozialisationsprozessen, theoretischen Konzepten und Sprechweisen besondere Herausforderungen darstellen, die sich auch in Planungsprozessen wiederfinden lassen.
Die Nutzung einer bilanzierenden Ökosystemdienstleistungsanalyse in Beteiligungsprozessen erfordert deshalb Vorbereitung. Die Durchführung der naturwissenschaftlichen Analysen sowie die Ermittlung unterschiedlicher Nachfrageperspektiven sollte – wenn möglich – in ohnehin durchgeführte Analysen eingebettet werden. So können die naturwissenschaftlichen Analysen beispielsweise auf Ergebnissen der Umweltprüfungen aufbauen, die in jedem formalen Planverfahren durchgeführt werden. Die Erfassung von unterschiedlichen Nachfragen kann im Zusammenhang mit anderen Beteiligungsmethoden erfolgen, beispielsweise in Form von Workshops, oder im Zusammenhang mit Bürgerbefragungen. Darüber hinaus ist die zielgerichtete Durchführung von Interviews mit ausgewählten Schlüsselakteuren eine zusätzliche Möglichkeit, unterschiedliche Nachfrageperspektiven zu identifizieren.
Welche Erhebungsmethoden vor diesem Hintergrund besonders geeignet sind, die notwendigen Informationen für eine bilanzierende Ökosytsemdienstleistungsanalyse im Rahmen ohnehin durchgeführter Analysen zu ermitteln, kann Gegenstand weiterer Forschungen sein. Die Ergebnisse dieses Beitrags lassen auf eine gute Nutzbarkeit der bilanzierenden Ökosystemdienstleistungsanalyse innerhalb von Beteiligungsprozessen schließen. Das Forschungsprojekt GREIF, auf dem die Einschätzung für diesen Beitrag entwickelt wurde, hat die Nutzbarkeit der bilanzierenden Ökosystemdienstleistungsanalyse in Beteiligungsprozessen nicht systematisch erfasst (Wagner/Mager/Schmidt et al. 2019). An diesem Punkt können somit weitere Forschungen zur Nutzbarkeit von Ökosystemdienstleistungsanalysen in Planungsprozessen ansetzen. Interessante Fragen wären hier insbesondere die zeitliche (wann im Planungsprozess?) und organisationale (von wem durchgeführt?) Einbettung der Analyse zur Verbesserung von Beteiligungsprozessen. Eine weitere Ausrichtung künftiger Forschungen könnte sich damit befassen, bei welchen Vorhaben und Prozessen die Ökosystemdienstleistungsanalyse besonders geeignet ist. Dies wird insbesondere vor dem Hintergrund deutlich, dass Planungen zu Einzelvorhaben oder strategische Planungen wie z. B. die Neuaufstellung eines Flächennutzungsplanes sehr unterschiedliche Ausrichtungen umfassen, beispielsweise die Realisierung eines konkreten Projektes oder die Planung eines langfristigen Entwicklungsrahmens. Hier könnten künftige Forschungen systematisch Vor- und Nachteile der Anwendung einer Ökosystemdienstleistungsanalyse vergleichen und so einen Beitrag zur Verbesserung von Beteiligung und Kommunikation in Planungsprozessen leisten.
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Fußnoten
| 1 | Baugesetzbuch in der Fassung der Bekanntmachung vom 3. November 2017, das zuletzt durch Artikel 1 des Gesetzes vom 16. Juli 2021 geändert worden ist. |
| 2 | Raumordnungsgesetz vom 22. Dezember 2008, das zuletzt durch Artikel 5 des Gesetzes vom 3. Dezember 2020 geändert worden ist. |
| 3 | Gesetz über die Umweltverträglichkeitsprüfung in der Fassung der Bekanntmachung vom 18. März 2021. |
| 4 | Vgl. https://land.copernicus.eu/local/urban-atlas (27.07.2021). |

