<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<!DOCTYPE article
  PUBLIC "-//NLM//DTD JATS (Z39.96) Journal Publishing DTD with MathML3 v1.2 20190208//EN" "JATS-journalpublishing1-mathml3.rng">
<article xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink"
         article-type="book-review"
         dtd-version="1.2"
         xml:lang="de"><?letex RNG_JATS-journalpublishing1-mathml3 ok?>
   <front>
      <journal-meta>
         <journal-id/>
         <journal-title-group>
            <journal-title>Raumforschung und Raumordnung | Spatial Research and Planning</journal-title>
         </journal-title-group>
         <issn pub-type="ppub">0034-0111</issn>
         <issn pub-type="epub">1869-4179</issn>
         <publisher>
            <publisher-name>oekom</publisher-name>
         </publisher>
      </journal-meta>
      <article-meta>
         <article-id>3434</article-id>
         <article-id pub-id-type="doi">10.14512/rur.3434</article-id>
         <article-categories>
            <subj-group>
               <subject>Book Review</subject>
            </subj-group>
         </article-categories>
         <title-group>
            <article-title xml:lang="de">Angebauer, Niklas; Blumenfeld, Jacob; Wesche, Tilo (Hrsg.) (2025): Umkämpftes Eigentum. Eine gesellschaftstheoretische Debatte</article-title>
         </title-group>
         <contrib-group>
            <contrib contrib-type="author" corresp="yes" id="Au1" xlink:href="#Aff1">
               <name name-style="western">
                  <surname>Hesse</surname>
                  <given-names>Markus</given-names>
                  <prefix>Prof. Dr.</prefix>
               </name>
               <address>
                  <email>markus.hesse@uni.lu</email>
               </address>
               <aff id="Aff1">
                  <institution>Universität Luxemburg</institution>
                  <institution content-type="dept">Department für Geographie und Raumplanung</institution>
                  <addr-line> 11, Porte des Sciences <postal-code>4366</postal-code>
                     <city>Esch-sur-Alzette</city>
                     <country>Luxemburg</country>
                  </addr-line>
               </aff>
            </contrib>
         </contrib-group>
         <pub-date date-type="pub">
            <day>12</day>
            <month>09</month>
            <year>2025</year>
         </pub-date>
         <fpage>517</fpage>
         <lpage>518</lpage>
         <permissions>
            <copyright-year>2025</copyright-year>
            <copyright-holder>by the author(s); licensee oekom</copyright-holder>
            <license>
               <license-p>This Open Access article is published under a Creative Commons Attribution 4.0 International Licence (CC BY).</license-p>
            </license>
         </permissions>
      </article-meta>
   </front>
   <body>
      <p>​</p>
      <fig id="Figa">
         <label/>
         <caption>
            <title/>
         </caption>
         <graphic specific-use="Print" xlink:href="rur_3434_Figa_Print.eps"/>
         <graphic specific-use="HTML" xlink:href="rur_3434_Figa_HTML.gif"/>
      </fig>
      <p>„Was ist Eigentum?“ fragt dieser voluminöse Band in der Einleitung des Mitherausgebers Tilo Wesche. Selbst nach nur selektiver Lektüre der insgesamt 24 Kapitel über 700 Seiten erhalten die Leserinnen und Leser einen Einblick in die Dimensionen, gelegentlich auch Abgründe, der gesellschaftlichen Konflikte um Eigentumsrechte, politische und wirtschaftliche Macht sowie den Widerspruch aus privaten Interessen und kollektiven Herausforderungen. Die teils sehr grundsätzlichen, teils problembezogenen Perspektiven der Beiträge werfen ein vielschichtiges Licht auf ihren Gegenstand. Man würde dem Buch wünschen, dass es Inspiration nicht nur für den wissenschaftlichen Diskurs, sondern auch für aktuelle politische Debatten zum Umgang mit Eigentum liefern kann.</p>
      <p>Der Band geht auf zwei Veranstaltungen des DFG-Sonderforschungsbereichs 294 „Strukturwandel des Eigentums“ der Universitäten Jena und Erfurt sowie auf Diskussionen im Forschungskolloquium für praktische Philosophie der Universität Oldenburg zurück. Die Autorinnen und Autoren kommen aus einem breiten Spektrum wissenschaftlicher Disziplinen, darunter die Philosophie und Staats- und Rechtswissenschaften, Sozialwissenschaften, Politik- und Geschichtswissenschaften sowie Humanökologie und Stadtplanung. Die Beiträge erscheinen im Buch nach fünf großen Themenfeldern sortiert: I. Konzepte und Kritik des Eigentums, II. Grenzen des Eigentums, III. Wohneigentum, IV. Ökologie und Eigentum, schließlich V. Immaterielles Eigentum. Naturgemäß sind die Abschnitte IV. und V. von besonderem Interesse für die Leserschaft dieser Zeitschrift, da die Wohnungsfrage sowie die Tatsache der planetaren Grenzen elementare Bestandteile aktueller planerischer Diskurse sind. Zudem darf angenommen werden, dass robuste Strategien der Problemlösung an einer Klärung der Eigentumsfrage nicht vorbeikommen.</p>
      <p>Das Buch verhandelt die Eigentumsfrage im Kontext gesellschaftstheoretischer Debatten. Insofern bilden ideengeschichtliche Wurzeln einerseits und Rezeptionsfragen andererseits einen großen Teil der ersten beiden Abschnitte. Der Komplexitätsgrad der Ausführungen ist hoch, und bereits im Einleitungskapitel konstatiert Tilo Wesche, dass allein die Definitionsfrage dem Schälen einer Zwiebel gleiche: Jede erzielte Antwort werfe neue Fragen auf, schier unerschöpflich seien die Vorstellungen davon, was Eigentum ist bzw. sein soll (S. 9). In den Sozialwissenschaften zumindest, so der Autor, sei spätestens seit dem 19. Jahrhundert von einer Eigentumsvergessenheit auszugehen; diese Phase habe im Grunde bis zur Finanzkrise 2008/2009 gedauert. Engführung, Unsichtbarmachung und Entpolitisierung der Eigentumsfrage definieren den Ausgangspunkt des Buchs. Konflikthaftigkeit des Eigentums äußert sich nicht nur in privaten Verfügungsrechten, sondern auch als Teilhabekonflikte um soziale Macht: „Soziale Ungleichheiten sind immer auch Ausdruck von Eigentumskonzentrationen, wo die eigentumsgebundene Entscheidungsmacht in den Händen weniger liegt“ (S. 11). Dies zeige die in den vergangenen zehn bis fünfzehn Jahren außerordentlich populär gewordene Forderung nach einem „Recht auf Stadt“ bzw. die Frage danach, wem die Stadt „gehört“.</p>
      <p>Eigentumsvergessenheit wird paradoxerweise begleitet von Eigentumsversessenheit im ökonomischen System, was sich im Vordringen eines Besitzindividualismus und von privatwirtschaftlicher Eigentumsexpansion äußert. Ein produktiver Umgang mit Eigentum, der zur Lösung gesellschaftspolitischer Konflikte gefordert wird, ist indes mit strukturellen Hürden konfrontiert. Dazu gehören die extreme Ausdifferenzierung seiner wissenschaftlichen Bearbeitung in spezialisierten Disziplinen, vor allem den Rechts- und Wirtschaftswissenschaften, die Fragmentierung von Eigentum in zahllose Ansprüche und Titel, die Diversifikation der Objekte, an denen Eigentumsrechte etwa durch Unternehmen ausgeübt werden, schließlich die Reduktion von Eigentum auf Privateigentum (S. 12–13). Diese Phänomene zeigen sich idealtypisch im Wohnungswesen, das in fünf Beiträgen des Abschnitts III thematisiert wird. Gemeinsame Stoßrichtung dieser sozialwissenschaftlich und stadtplanerisch informierten Kapitel sind ein Fokus auf die Deutung der Wohnungsfrage als Infrastrukturproblem, das einen wohnungspolitischen Pluralismus von privatem, genossenschaftlichem und öffentlichem Wohneigentum erfordert. Auch die Dekommodifizierung und Vergesellschaftung von Wohneigentum sind Eckpunkte solcher Strategien. Sie verweisen unter anderem darauf, dass den Versuchen, Unter- und Mittelschichten zu Eigentümern zu machen, als Lösung der Wohnungsfrage enge Grenzen gesetzt sind.</p>
      <p>Strategien zur Neudefinition von Wohneigentum sind schließlich konsequenterweise nicht nur auf Wohneinheiten, sondern auch auf Grund und Boden zu richten. Unter anderem im Beitrag des Mitherausgebers Niklas Angebauer über „Urbanes Eigentum und die große Umverteilung“ findet das Werk Anschluss an aktuelle bodenpolitische Diskurse. Sie haben zuletzt Gehör in der Öffentlichkeit gefunden, wenn auch konkrete politische Resonanz bisher ausgeblieben ist. Im Mittelpunkt möglicher Strategien steht hier die Bodenwertsteuer. Ausgehend von den wohlbekannten Spezifika des Bodens als Objekt von Kommodifizierung (als im Prinzip nicht vermehrbares, lokales, immobiles Phänomen, unentbehrlich für Entwicklung und Nutzung von Flächen) und einer immanenten Kritik des privaten Grundeigentums wird das Modell der Bodenwertsteuer diskutiert. Es wird hier als Instrument einer Rückverteilung von Erträgen gesehen, die nicht auf Vorleistungen der Eigentümer zurückgehen, sondern auf Wertsteigerungen aus Aktivitäten von Dritten bzw. der öffentlichen Hand beruhen. Das Instrument wird nicht als Allheilmittel gesehen, da die zugrunde liegenden urbanen Eigentumskonflikte zu komplex seien (S. 464). Es würde der Öffentlichkeit mehr ökonomische Teilhabe eröffnen, aber nicht zwangsläufig Kontrolle über die Nutzung des Bodens. Insofern wird für eine städtebauliche und wohnungsrechtliche Flankierung der Bodenwertsteuer geworben.</p>
      <p>Insgesamt lässt sich das theoretisch und praktisch ebenso ambitionierte wie inspirierende Werk mit großem Gewinn lesen. Es ist so umfangreich, dass eine einzelne Rezension den vielen Facetten der gut lesbaren, sorgfältig verfassten Beiträge kaum gerecht werden kann. Dies gilt auch für Abschnitt IV, der das Verhältnis von Ökologie und Eigentum im globalen Kontext thematisiert: Können Ökosysteme Eigentumsrechte geltend machen? Welche fundamentalen Belange sind durch den Schutz von Eigentumsinteressen berührt? Bräuchte es neben einer Sozial- auch eine Ökologiepflichtigkeit des Eigentums? Juristische Auseinandersetzungen um diese Fragen werden bereits geführt, ihre Vertiefung ist absolut lohnenswert. Entsprechendes gilt für Debatten über das Eigentum an immateriellen Gütern, die Abschnitt V speziell im Hinblick auf hochaktuelle Fragen zu Digitalisierung, Plattformökonomie und geistiges Eigentum rezipiert. Ein genereller <italic>Claim</italic> des Werks ist, dass Eigentumsrechte nicht nur gesellschaftliche Konflikte hervorbringen, sondern dass diese Konflikte durch Eigentum angetrieben, verschärft und verstetigt werden. Bleibt zum Schluss die Frage, ob und wie die strukturellen Veränderungen, die das Buch diskutiert, im aktuellen politischen Klima überhaupt einen Möglichkeitsraum erhalten können.</p>
      <boxed-text id="FPar1" specific-use="Style1" content-type="source">
         <caption>
            <title>Vollständige bibliographische Angaben des rezensierten Werks:</title>
         </caption>
         <p>Angebauer, N.; Blumenfeld, J.; Wesche, T. (Hrsg.) (2025): Umkämpftes Eigentum. Eine gesellschaftstheoretische Debatte. Berlin: Suhrkamp. 703 Seiten.</p>
      </boxed-text>
   </body>
</article>
