© Leibenath; licensee oekom verlag 2022. This Open Access article is published under a Creative Commons Attribution 4.0 International License.
https://doi.org/10.14512/rur.162
Raumforschung und Raumordnung | Spatial Research and Planning (2022) 80/1: 131–133
rur.oekom.de

Rezension / Book review

Hofmeister, Sabine; Mölders, Tanja (Hrsg.) (2021): Für Natur sorgen? Dilemmata feministischer Positionierungen zwischen Sorge- und Herrschaftsverhältnissen

Markus Leibenath Contact Info

(1) Fachgebiet Landschaftsplanung und Kommunikation, Universität Kassel, Gottschalkstraße 26, 34127 Kassel, Deutschland

Contact InfoProf. Dr. Markus Leibenath 
E-Mail: m.leibenath@uni-kassel.de

Eingegangen: 14. Oktober 2021  Angenommen: 16. November 2021  Online veröffentlicht: 1. Dezember 2021


rur_162_Figa_HTML.gif

„Sorge“ oder „Care“ haben sich in den letzten Jahren zu Schlüsselbegriffen gesellschaftlicher und politischer Debatten entwickelt, zum Beispiel als während der ersten Welle der Corona-Pandemie die Systemrelevanz von Sorge- und Pflegearbeit ins Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit gerückt ist. Sie sind aber auch Chiffren für Ansätze, nach einem neuen, gleichberechtigteren und weniger ausbeuterischen Verhältnis zwischen Menschen und außermenschlicher Natur zu suchen. Daher spielen sie eine zentrale Rolle in vielen Diskussionen über sozial-ökologische Transformationen und eine Neuausrichtung räumlicher Planung (z. B. Peçanha Enqvist/West/Masterson et al. 2018; Jon 2020). In den letzten Jahren sind zahlreiche englischsprachige Publikationen von Autorinnen und Autoren aus Umweltphilosophie, Politischer Ökologie und verwandten Gebieten erschienen, die sich mit dem Thema „Care“ beschäftigen (z. B. Wichterich 2015; Puig de la Bellacasa 2017; Jax/Calestani/Chan et al. 2018). Auf Deutsch und mit Bezug zu den hiesigen räumlichen Kontexten hingegen ist dazu bislang wenig geforscht worden. Mit Sabine Hofmeister und Tanja Mölders haben es sich zwei prominente Vertreterinnen der feministischen Raum- und Nachhaltigkeitsforschung zur Aufgabe gemacht, zur Schließung dieser Lücke beizutragen. Gemeinsam mit drei weiteren Autor*innen haben sie in einem mehrjährigen Forschungsprojekt den Band „Für Natur sorgen?“ erarbeitet.

Zwei Denkrichtungen bilden den Rahmen des Vorhabens: zum einen die Perspektive der gesellschaftlichen Naturverhältnisse, die von der wechselseitigen Verschränktheit von Natur und Gesellschaft ausgeht, und zum anderen eine feministisch geprägte Fokussierung auf Ungleichheiten, Hierarchisierungen sowie Herrschafts- und Machtbeziehungen, wobei geschlechtliche Kategorien und Zuschreibungen besondere Beachtung erfahren. Das Scharnier, das die beiden Perspektiven zusammenhält, bildet eben der Begriff „Sorge“ oder „Care“. Ziel der Autor*innen ist es, deren vielfältige und zum Teil widersprüchliche Bedeutungen zu beleuchten und für die Analyse gesellschaftlicher Naturverhältnisse fruchtbar zu machen. Empirisch untersuchen sie dies an den Naturschutz-Ansätzen des Wildnis- und Prozessschutzes, die in Deutschland erst in jüngerer Zeit größere Beachtung erfahren haben.

In ihrem Einführungsbeitrag erläutern die Herausgeberinnen ihr Verständnis von Nachhaltigkeit als macht- und herrschaftskritischem Konzept und ihren feministischen Zugang, demzufolge gesellschaftliche Natur- und Geschlechterverhältnisse untrennbar miteinander verbunden sind. Insbesondere der zweite Aspekt zieht sich als roter Faden durch das Buch, indem immer wieder nach Dichotomisierungen und Hierarchisierungen sowohl in ökologischen Theorien und Naturschutzpraktiken als auch in gesellschaftlichen Geschlechterverhältnissen gefragt wird und indem Parallelen zwischen beiden Sphären aufgezeigt werden. Außerdem setzen sie sich mit der Vielschichtigkeit und Widersprüchlichkeit des „Care“-Begriffs auseinander sowie mit den Irritationen, die er auslösen kann. Etwa dann, wenn er von zwischenmenschlichen Beziehungen auf Beziehungen zwischen Menschen und außermenschlicher Natur übertragen wird. Außerdem begründen sie, warum es vielversprechend ist, ausgerechnet den Wildnis- und Prozessschutz aus der Warte von Care oder Sorge zu betrachten. Denn vermeintlich wird der außermenschlichen Natur hier ja gerade eine andere Position zugewiesen: nicht mehr die des verletzlichen, zu umsorgenden Schutzobjekts, sondern gleichsam die des autonomen, einer Eigenlogik folgenden Subjekts. Dahinter steht die Arbeitshypothese, dass „Care“ oder „Sorge“ für die Natur in Wildnis- und Prozessschutzgebieten keine Rolle spielen dürften und dass hier folglich andere, gleichberechtigtere Beziehungen zwischen Menschen und außermenschlicher Natur zu finden sein müssten.

In den folgenden vier theoretisch-konzeptionellen Beiträgen werden die vielfältigen Bezüge zwischen Natur, Sorge, Geschlecht und Nachhaltigkeit vertiefend diskutiert. Sehr erhellend ist der Text von Christine Katz. Anhand einer Literaturanalyse zu ökologischen Leitmetaphern wie Stabilität, Gleichgewicht, Störung und Dynamik legt die Autorin plausibel dar, dass ökologische Theorien von gesellschaftlichen Ordnungsvorstellungen beeinflusst sind und auf Macht- und Geschlechterverhältnisse verweisen.

Die drei Beiträge, in denen empirisch-exemplarische Zugänge und Reflexionen vorgestellt werden, beziehen sich einerseits auf die Nationalparke Bayerischer Wald und Nordschwarzwald als Beispiele ‚alter Wildnis‘ und andererseits auf das Schöneberger Südgelände in Berlin und die ehemalige Braunkohletagebau-Landschaft der Goitzsche-Wildnis bei Bitterfeld als Beispiele ‚neuer Wildnis‘. Hier möchte ich den Aufsatz von Michaela * Deininger zu den beiden Nationalparken hervorheben. Michaela * Deininger zieht aus einer queer-theoretischen Perspektive Parallelen zwischen der Produktion wilder Natur in diesen Schutzgebieten („doing nature“) und der sozialen Konstituierung von Geschlechtlichkeit („doing gender“). Auf originelle Weise wird herausgearbeitet, dass auch in Wildnisentwicklungsgebieten letztlich nur eine bestimmte, nämlich weder „kulturverseuchte“ noch bedrohliche Natur zugelassen wird und dass Natur auch hier „das Andere“ bleibt, das gegebenenfalls „gewaltvoll angeeignet, zugerichtet und ‚gezähmt‘“ (S. 149) wird. Darin erkennt Michaela * Deininger eine Logik, in der sich „vergeschlechtlichte, rassifizierte, kolonialistische, sexualisierte, auf Klassenzugehörigkeit verweisende [...] Macht- und Herrschaftsbeziehungen [reproduzieren]“ (S. 149).

In einem Schlusskapitel ziehen die beiden Herausgeberinnen ein Fazit und arbeiten die zentralen Dilemmata heraus, die aus feministischer Sicht mit dem Begriff „Care“ an der Schnittstelle zwischen gesellschaftlichen Geschlechter- und Naturverhältnissen verbunden sind. Außerdem formulieren sie offene Fragen wie die nach dem Zusammenhang zwischen der Sorge für Natur und der Sorge für Menschen.

Insgesamt nehmen die Autor*innen eine skeptische bis ablehnende Haltung zum Care-Begriff ein: Sie konzedieren zwar, dass sich „Care“ zum Symbol für einen vorgeblich guten und richtigen Umgang mit Natur entwickelt habe. Zugleich überwiegen für sie jedoch die Einwände, dass der Begriff moralisch überfrachtet sei, dass er mit problematischen geschlechtlichen Konnotationen einhergehe und dass er ein dualistisches Mensch-Natur-Verhältnis reproduziere. Ihre empirischen Untersuchungen führen sie zu dem Ergebnis, dass auch in Wildnis- und Prozessschutzgebieten unter der Überschrift „Natur Natur sein lassen“ nicht unbedingt gleichberechtigtere, weniger hierarchische Beziehungen zwischen Menschen und außermenschlicher Natur praktiziert werden.

Dies ist ein Buch zu einem zeitgemäßen, wichtigen Thema, dessen Einzelbeiträge durchweg auf einem anspruchsvollen Reflexionsniveau geschrieben sind. Auch wenn es die Autor*innen ihren Leserinnen und Lesern nicht immer leicht machen, ihren Gedankengängen zu folgen, kann dieses Buch mit großem Erkenntnisgewinn gelesen werden. Es stellt eine wichtige Ergänzung anderer Arbeiten zu Umweltgerechtigkeit und nachhaltiger Entwicklung dar. Und es lädt dazu ein, die eigene Einbettung in ungerechte, wenig nachhaltige Macht- und Herrschaftsverhältnisse zu hinterfragen. In jedem Falle bereichert dieses Buch die raumwissenschaftliche Forschungslandschaft, weswegen ich es allen empfehle, die sich für eine nachhaltigere und gerechtere Landschafts- und Raumentwicklung interessieren.

Vollständige bibliographische Angaben des rezensierten Werkes:  
Hofmeister, Sabine; Mölders, Tanja (Hrsg.) (2021): Für Natur sorgen? Dilemmata feministischer Positionierungen zwischen Sorge- und Herrschaftsverhältnissen. Opladen, Berlin, Toronto: Verlag Barbara Budrich. = L’AGENda 7. 6 Tabellen, 8 Abbildungen, 236 Seiten


Literatur

Jax, K.; Calestani, M.; Chan, K. M. A.; Eser, U.; Keune, H.; Muraca, B.; O’Brian, L.; Potthast, T.; Voget-Kleschien, L.; Wittmer, H. (2018): Caring for nature matters: a relational approach for understanding nature’s contributions to human well-being. In: Current Opinion in Environmental Sustainability 35, 22–29. https://doi.org/10.1016/j.cosust.2018.10.009.
 
Jon, I. (2020): A manifesto for planning after the coronavirus: Towards planning of care. In: Planning Theory 19, 3, 329–345 https://doi.org/10.1177/1473095220931272
 
Peçanha Enqvist, J.; West, S.; Masterson, V. A.; Haider, L. J.; Svedin, U.; Tengö, M. (2018): Stewardship as a boundary object for sustainability research: Linking care, knowledge and agency. In: Landscape and Urban Planning 179, 17–37 https://doi.org/10.1016/j.landurbplan.2018.07.005
 
Puig de la Bellacasa, M. (2017): Matters of Care. Minneapolis.
 
Wichterich, C. (2015): Contesting green growth, connecting care, commons and enough. In: Harcourt, W.; Nelson, I. L. (Hrsg.): Practising Feminist Political Ecologies: Moving Beyond the ‘Green Economy’. London, 67–100.