In den letzten 15 Jahren haben wir einen Aufschwung von kollaborativen Arbeitsräumen vor allem in den westlichen Industrieländern beobachten können. Zum einen steigen die Zahl derartiger Orte und deren Nutzerinnen und Nutzer deutlich seit den frühen 2000er-Jahren, zum anderen steigt auch die Vielzahl an unterschiedlichen Ausprägungen dieser Orte. Hierzu zählen vor allem Coworking Spaces, Hacker- oder Makerspaces, Start-Up-Acceleratoren, Fab Labs, Open Creative Labs oder offene Werkstätten. Begründet wird dieser Aufschwung mit neuen Arbeits‑, Produktions- und Interaktionsmöglichkeiten aufgrund der Digitalisierung wie auch mit dem gesellschaftlichen Wandel zur Wissens- und Innovationsökonomie. Beides drückt sich in einer zunehmenden Flexibilisierung von Arbeitsformen, Arbeitszeiten und Orten, von denen aus Arbeit organisiert wird, aus. Dabei werden kollaborative Arbeitsorte verknüpft mit sozialen und räumlichen Umgebungen für die Umsetzung von individueller und kollektiver Kreativität, mit der (Ko‑)Kreation von handwerklichen Produkten, mit der Umsetzung und Organisation von urbanen Produktionsformen und mit Umgebungen, die zum Experimentieren mit neuen Ideen, Geschäftsmodellen und Technologien einladen. Während diese neuartigen räumlichen Arbeitskontexte zunächst vor allem in urbanen Räumen zu beobachten waren, lässt sich zunehmend auch eine Ausbreitung in ländliche Regionen beobachten. Diese Entwicklungen haben eine interdisziplinäre Aufmerksamkeit auf sich gezogen.
Der vorliegende Sammelband, herausgegeben von Ilaria Mariotti, Stefano Di Vita und Mina Akhavan (Politecnico di Milano) greift die beschriebenen Entwicklungsprozesse auf und leistet einen Beitrag zu einem besseren Verständnis über Standortmuster, für direkte und indirekte urbane Effekte von kollaborativen Arbeitsorten sowie sich abzeichnende Entwicklungslinien. Hierfür rückt der Sammelband die Ergebnisse mehrerer multidisziplinärer Forschungsprojekte zu Coworking Spaces und Makerspaces als neue Räumlichkeiten des Arbeitens und „Machens“ ins Zentrum der Betrachtungen. Die Beiträge sind in vier thematische Schwerpunkte geordnet: (i) Phänomene, (ii) Akteure, (iii) Orte, und (iv) Agenda. Den Herausgeberinnen und Herausgebern zufolge adressiert der Sammelband eine internationale Leserschaft sowohl in wissenschaftlichen (z. B. Stadtplanung, Stadt- und Regionalökonomie, Geographie, Soziologie, Anthropologie, Architektur) wie auch angewandten Bereichen (z. B. politische Entscheidungsträger/-innen, Bürger- und Unternehmerverbände und Geschäftsleute).
Im ersten Schwerpunkt „Phänomene“ sind zwei Beiträge zusammengefasst, die die theoretische und methodische Fundierung für die Beiträge in dem Buch legen sollen. Das Kapitel „Third Places for Work“ von Mina Akhavan stellt die Bandbreite an Formen kollaborativer Arbeitsorte basierend auf einem Literaturreview vor und lenkt besonderes Augenmerk auf Coworking- und Makerspaces, welche schwerpunktmäßig in dem vorliegenden Werk untersucht werden. Das Kapitel „Exploring New Workplaces with Social Network Analysis“ von Fabio Manfredini und Stefano Saloriani präsentiert empirische Daten zu räumlichen Dimensionen von sozialen und digitalen Netzwerken italienischer Coworking- und Makerspaces und verdeutlicht damit die eng verzahnten physisch-räumlichen und digital-räumlichen Dimensionen von kollaborativen Arbeitsorten.
Der zweite Schwerpunkt „Akteure“ umfasst ebenfalls zwei Beiträge und lenkt den Blick auf Akteure in Coworking- und Makerspaces. Der Beitrag „Coworkers and Coworking Spaces as Urban Transformation Actors“ von Ilaria Mariotti und Carolina Pacchi diskutiert die Rolle von Coworking Spaces in volatilen Erwerbskontexten am Beispiel von Italien. Der zweite Beitrag „(Social) Innovation“ von Marianna d’Ovidio hinterfragt kritisch auf einer konzeptionellen Ebene die Zuschreibung von Innovationen in und durch Makerspaces.
Der dritte Schwerpunkt „Places“ ist mit Abstand der umfangreichste mit insgesamt acht Beiträgen und greift Fragen nach der räumlichen Verteilung von Coworking- und Makerspaces auf. Yonn Dierwechter („Situating the Sharing Economy“) beschreibt die räumliche Verteilung von Coworking Spaces in der Metropolregion Seattle und verdeutlicht, dass sich diese nicht nur in der zentralen Metropole ballen, sondern auch in nichturbanen Räumen ansiedeln. Mark Wilson und Eva Kassens-Noor („After the Rustbelt“) heben die soziale und politische Bedeutung von Makerspaces in Detroit für die Gestaltung von Transformationsprozessen hervor. Divya Leducq und Christophe Demazière („The Urban Integration of Coworking Spaces in France“) hingegen beschreiben eher begrenzte Effekte von Coworking Spaces auf die Regeneration von Mittelstädten des Loiretals (Frankreich). Ilaria Mariotti, Mina Akhavan und Dante Di Matteo wiederum belegen mithilfe eines Online-Surveys indirekte urbane Effekte von Coworking Spaces in Italien, wie beispielsweise die Stärkung eines unternehmerischen Milieus, die Unterstützung von Wissensgenerierung und der sozialen Interaktionen zwischen den Nutzerinnen und Nutzern sowie die Unterstützung von urbanen Neuerungsprozessen (insbesondere außerhalb von urbanen Zentren). Im Vergleich dazu interessiert sich Cecilia Manzo („The Emergence and Spread of Collaborative Makerspaces in Italy“) für die räumliche Verteilung von Makerspaces und deren Beziehungen zu ihren lokalen Umgebungen in Italien und zeigt, dass diese einen Beitrag zur Bereitstellung von öffentlichen Gütern leisten. Cristiana Mattioli schließlich ergänzt die Einblicke in die Entwicklungen in Italien um eine Studie in der Emilia Romagna („New Workplaces in ‚In-Between‘ Territories“). Die Autorin diskutiert, wie Makerspaces zu ‚hybriden Orten‘ werden, weil sie marktbezogene Funktionen und Funktionen zur Teilhabe an sozialen Innovationen sowie Bildungsfunktionen bereithalten. Stefania Fiorentino und Nicola Livingstone („Contemporary Coworking in Capital Cities“) interessieren sich für das Zusammenspiel zwischen Coworking Spaces und Immobilienmärkten in London und Rom. Dabei unterscheiden sie drei Typen von Coworking Spaces: regenerative und sozial vernetzte Coworking Spaces, Inkubatoren und kommerzielle Coworking Spaces. Der Beitrag von Filipa Pajević und Richard Shearmur („Where are the Knowledge Workers?“) öffnet die Perspektive, indem nicht die kollaborativen Arbeitsorte selbst in den Mittelpunkt gestellt werden, sondern die Organisation der Arbeit durch Wissensarbeiterinnen und -arbeiter. Dadurch entsteht ein ausdifferenziertes, komplexes Gefüge von offiziellen und nichtoffiziellen, analogen und virtuellen (kollaborativen) Arbeitsorten.
Der abschließende vierte Schwerpunkt „Agenda“ lenkt den Blick nach vorn und stellt zukünftige Fragestellungen im Forschungsfeld vor. So betten Simonetta Armondi und Stefano Di Vita Coworking Spaces und Masterspaces in deren bebautes Umfeld ein und stellen planerische Konsequenzen vor. Auch wenn der Hauptteil der empirischen Arbeiten vor der Covid-19-Pandemie erfolgt ist, lassen sich bereits erste Auswirkungen der pandemiebedingten Einschränkungen beobachten, die Irene Manzini Ceinar und Ilaria Mariotti anhand einer Umfrage vorstellen. Abschließend bieten die Herausgeberinnen und Herausgeber vor dem Hintergrund der vorgestellten Beiträge einen Blick in zukünftige Forschungsagenden. So unterstreichen sie, dass die vorliegenden Arbeiten bereits andeuten, dass sich kollaborative Arbeitskontexte zunehmend in ländliche Regionen ausbreiten, für ein Verständnis der damit verbundenen sozialen, ökonomischen und räumlichen Dynamiken aber noch wenige Forschungsarbeiten vorliegen. Auch zeichnet sich ab, dass die Resilienz von kollaborativen Arbeitsorten gegenüber unvorhergesehenen Ereignissen, wie zum Beispiel eine Pandemie, bisher unzureichend verstanden ist.
Insgesamt liegt ein facettenreicher Sammelband mit interessanten und tiefgreifenden Arbeiten vor. Zwar wird das Versprechen „einer weltweiten Untersuchung“ nicht eingelöst (es liegen vor allem Studien aus Italien vor, ergänzt um je eine Studie aus den USA, Kanada, Frankreich und Großbritannien), dennoch werden internationale Bezüge aufgebaut und es lassen sich aufschlussreiche Gemeinsamkeiten und Unterschiede beispielsweise zur regionalen Wirkung von kollaborativen Arbeitsorten feststellen. Die Beiträge, die weniger an empirische Studien gebunden sind, wie etwa zu „Dritten Orten“ oder zur konzeptionellen Einordnung von Makerspaces in Diskursen zu Innovationsprozessen, ermöglichen den Leserinnen und Lesern einen guten Einstieg in die Thematik.
Auffallend ist, dass die Beiträge in ihrer Ausrichtung (einige sind eher wie Zeitschriftenartikel aufgebaut, andere ähneln Fallbeschreibungen) und ihrem Umfang sehr stark differieren. Aus meiner Sicht wäre es hilfreich gewesen, wenn Definitionen geteilt und die Beiträge einer vergleichbaren inneren Struktur folgen würden. International gesehen ist eine Schwäche des vorgestellten empirischen Feldes, dass nach wie vor Einzelfallstudien und nur sehr begrenzt international vergleichende Studien vorliegen. Eine geteilte innere Struktur, gegebenenfalls sogar geteilte Fragestellungen über die Beiträge hinweg, hätte es den Herausgeberinnen und Herausgebern ermöglicht, auf der Basis der vorliegenden Beiträge einen solchen internationalen Vergleich anzubieten.
Dennoch handelt es sich bei dem vorliegenden Band um eine wertvolle Bereicherung in einem inter-, fast sogar transdisziplinären Forschungsfeld. Die einzelnen Beiträge sind gut zugänglich und erleichtern den Einstieg in die Thematik. Die empirischen Studien zeigen zudem die Bandbreite methodischer Zugänge in das vorgestellte Forschungsfeld auf und könnten zu weiteren Forschungsarbeiten inspirieren.
