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https://doi.org/10.14512/rur.169
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Rezension / Book review

Liefner, Ingo; Losacker, Sebastian (2023): Nachhaltige Wirtschaftsgeographie

Martina Fuchs Contact Info

(1) Wirtschafts- und Sozialgeographisches Institut, Universität zu Köln, Meister-Ekkehart-Straße 9, 50937 Köln, Deutschland

Contact InfoProf. Dr. Martina Fuchs 
E-Mail: fuchs@wiso.uni-koeln.de

Eingegangen: 8. Oktober 2023  Angenommen: 11. Oktober 2023  Online veröffentlicht: 30. Oktober 2023


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Klimaerwärmung reduzieren, Ressourcen schonen, Emissionen senken und Biodiversität fördern und dabei sozialer Ungleichheit im Weltmaßstab, regional sowie zwischen Stadt und Land entgegenwirken: Diese Nachhaltigkeitsziele sollen durch sozialökologische Transitionen erreicht werden. Entsprechend sind Kompetenzen, die ein nachhaltiges Wirtschaften fördern, in wissenschaftlicher Ausbildung und beruflicher Praxis zunehmend von Bedeutung. Lehrende der Wirtschaftsgeographie sowie ihre Studierenden, die das Fach als Studiengang oder begleitend in anderen Studiengängen kennenlernen, benötigen nachhaltigkeitsbezogenes Wissen. Dieses Wissen prägt später die in der Praxis tätigen Absolventinnen und Absolventen, die beispielsweise in Betrieben, Politik, Administration, Bildung und Medien arbeiten.

Ein Lehrbuch zum Thema „Nachhaltige Wirtschaftsgeographie“ stellt somit einen wichtigen Beitrag für das Lehren und Lernen an Hochschulen sowie den Transfer dieses Wissens in die Praxis dar. Das Werk von Ingo Liefner und Sebastian Losacker liefert einen aktuellen Beitrag. Es ergänzt das Portfolio weiterer wirtschaftsgeographischer Lehrbücher, die unterschiedliche paradigmatische Ansätze und Theoriegebäude repräsentieren, wie beispielsweise Bathelt und Glückler (2018), Kulke (2017), Haas und Neumaier (2015) und, schon früh mit besonderer Ausrichtung auf ökologische Nachhaltigkeit, Braun und Schulz (2012).

Die Neuerscheinung von Ingo Liefner und Sebastian Losacker steht in der Tradition einer raumwirtschaftlichen Denkrichtung, die Ludwig Schätzl maßgeblich geprägt hat (z. B. Schätzl 1978; vgl. auch Liefner/Schätzl 2017). Im Kontext der anderen Lehrbücher zur Wirtschaftsgeographie zeichnet sich das vorliegende Lehrbuch also dadurch aus, dass es von ökonomisch-raumwirtschaftlichen Grundannahmen, Theorien, Methoden und Praxisempfehlungen geprägt ist.

Ingo Liefner und Sebastian Losacker greifen zwar durchaus auch ältere ökonomische Ansätze auf, welche die Wirtschaftsgeographie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts stark geprägt haben (vgl. Schätzl 1978), belegen deren Relevanz bis heute aber durch aktuelle Literaturverweise und Anwendungsbeispiele. Vor allem behandeln die Autoren neuere Ansätze insbesondere aus der Innovations- und Transitionsforschung. Einige der Ansätze sind für eine ökologisch nachhaltige Raumwirtschaft konzipiert worden, bei anderen begründen die Autoren, warum sie als relevant für Nachhaltigkeitstransitionen erscheinen.

Das Buch beginnt mit einer Klärung und kritischen Reflexion der Begrifflichkeit (Kapitel 1), erörtert die Entstehung und Auswirkungen regionaler Disparitäten (Kapitel 2) und erklärt die Wirkung von Technologie und Innovation auf Disparitäten (Kapitel 3). Im Weiteren diskutiert es Theorien, Methoden und Politikansätze zum Thema Transition, wobei Beiträge aus der Umweltökonomie eine wichtige Rolle spielen (Kapitel 4). Schließlich benennt und erläutert das Lehrbuch zentrale Herausforderungen nachhaltiger regionalökonomischer Entwicklungen (Kapitel 5).

Die kritische Einordnung, die Ingo Liefner und Sebastian Losacker bei allen vorgestellten Konzepten vornehmen, hilft den Leserinnen und Lesern dabei, verbreitete ökonomische Grundannahmen kritisch einzuordnen. Diese Annahmen prägen ansonsten oft versteckt, unreflektiert und zugleich hochgradig normativ die Gedankenwelt und lenken somit gesellschaftlich und ökologisch relevante Entscheidungen und Maßnahmen. Kritisch behandelt wird dementsprechend auch die aktuell öffentlich stark diskutierte Einsicht, dass die gesellschaftlichen Ansprüche an ökologische Nachhaltigkeit dem Abbau sozioökonomischer Ungleichheit (just transitions) durchaus entgegenlaufen können (Braun/Oßenbrügge/Schulz 2018; Grenzdörffer 2021).

Dieses Lehrbuch von Ingo Liefner und Sebastian Losacker liefert einen umfassenden, systematischen Überblick über wirtschaftsgeographische Ansätze ökonomischer Denkrichtung. Mit dieser wirtschaftswissenschaftlichen Ausrichtung unterscheidet es sich von Strömungen in der Wirtschaftsgeographie, die sozial- oder kulturwissenschaftlichen Richtungen folgen. Zugleich erfolgt diese Fokussierung nicht als unproduktive Abgrenzung einer Denkschule, sondern in offener, konstruktiver Weise. Die Autoren zeigen diverse Stellen zum Andocken an disziplinäre und interdisziplinäre Kontexte auf.

Das Buch ist in gut lesbarem Stil geschrieben und für Anfängerinnen, Anfänger, Fortgeschrittene und alle, die an Raumforschung und Raumordnung interessiert sind, gut geeignet. Zahlreiche Tabellen und Grafiken veranschaulichen den Text.

Abschließend sollen noch drei Perspektiven aufgezeigt werden, die aus meiner eigenen Sicht auf das Lehrbuch geprägt sind. Erstens: Das Lehrbuch stellt eine dichte, anspruchsvolle Lektüre dar, gerade für Studierende. Insofern hatten es frühere Generationen, die Wirtschaftsgeographie studierten, mit den schmalen Bänden von Schätzl (z. B. Schätzl 1978) leichter (so wie ich). Bei der Lektüre habe ich mich gefragt, ob nicht (auch) eine kürzere Darstellung, basierend auf einer Auswahl besonders für die Nachhaltigkeit relevanter wirtschaftsgeographischer Theoriekonzepte, nützlich wäre, welche den Studierenden ausgewählte „lessons learnt“ (verbunden mit entsprechender Kritikfähigkeit) auf ihren Berufsweg mitgeben würde.

Zweitens: Die Lehre von meinem Team und mir richtet sich an viele internationale Studierende und erfolgt mittlerweile in Bachelor- und Masterstudiengängen fast ausschließlich in Englisch. Insofern wäre zukünftig vielleicht auch eine englischsprachige „Nachhaltige Wirtschaftsgeographie“ sinnvoll, auch weil die vorliegenden englischsprachigen Lehrbücher einen anderen Zuschnitt haben.

Drittens: Bei aller Offenheit gegenüber anderen wirtschaftsgeographischen Denkrichtungen – an einer zentralen Stelle provozieren Ingo Liefner und Sebastian Losacker, und zwar offenbar nicht ganz zufällig an dem Punkt, wo es um die Prämisse des Wachstums geht. Sie stellen Postwachstumstheorien mit der Aussage, dass „viele dieser Diskussionen primär ideologischer und nicht wissenschaftlicher Natur“ seien (S. 226), fundamental infrage. Allerdings existieren im Bereich der wachstumskritischen Ansätze bedeutende Theorien und Praxisbeispiele. Sie sind Teil der Geschichte des Industriekapitalismus und zeugen von der Suche nach Gegenentwürfen bis in die Gegenwart (vgl. Zademach/Hillebrand 2013; Klagge/Meister 2018; Schulz/Braun 2021). Aber auch das wäre ein anderes Lehrbuch.

Dieses vorliegende Lehrbuch von Ingo Liefner und Sebastian Losacker empfehle ich nachdrücklich zur Lektüre.

Vollständige bibliographische Angaben des rezensierten Werkes:  
Liefner, Ingo; Losacker, Sebastian (2023): Nachhaltige Wirtschaftsgeographie. Paderborn: Brill Schöningh. 259 Seiten, 66 Abbildungen, 10 Tabellen. https://doi.org/10.36198/9783838558868


Literatur

Bathelt, H.; Glückler, J. (2018): Wirtschaftsgeographie. Stuttgart. https://doi.org/10.36198/9783838587288
 
Braun, B.; Oßenbrügge, J.; Schulz, C. (2018): Environmental economic geography and environmental inequality: challenges and new research prospects. In: Zeitschrift für Wirtschaftsgeographie 62, 2, 120–134. https://doi.org/10.1515/zfw-2018-0001
 
Braun, B.; Schulz, C. (2012): Wirtschaftsgeographie. Stuttgart. https://doi.org/10.36198/9783838536415
 
Grenzdörffer, S.M. (2021): Transformative perspectives on labour geographies – The role of labour agency in processes of socioecological transformations. In: Geography Compass 15, 6, e12565. https://doi.org/10.1111/gec3.12565
 
Haas, H.-D.; Neumaier, S.-M. (2015): Wirtschaftsgeographie. Darmstadt.
 
Klagge, B.; Meister, T. (2018): Energy cooperatives in Germany – an example of successful alternative economies? In: Local Environment 23, 7, 697–716. https://doi.org/10.1080/13549839.2018.1436045
 
Kulke, E. (2017): Wirtschaftsgeographie. Paderborn.
 
Liefner, I.; Schätzl, L. (2017): Theorien der Wirtschaftsgeographie. Paderborn. https://doi.org/10.36198/9783838547879
 
Schätzl, L. (1978): Wirtschaftsgeographie 1: Theorie. Paderborn.
 
Schulz, C.; Braun, B. (2021): Post-growth perspectives in Economic Geography. In: Die Erde 152, 4, 213–217. https://doi.org/10.12854/erde-2021-597
 
Zademach, H.-M.; Hillebrand, S. (Hrsg.) (2013): Alternative Economies and Spaces: New Perspectives for a Sustainable Economy. Bielefeld. https://doi.org/10.1515/transcript.9783839424988