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https://doi.org/10.14512/rur.2532
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Rezension/Book Review

Haney, David (2023): Architecture and the Nazi Cultural Landscape. Blood, Soil, Building

Victoria Grau Contact Info ORCID

(1) Professur Raumplanung und Raumforschung, Bauhaus-Universität Weimar, Belvederer Allee 5, 99425 Weimar, Deutschland

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E-Mail: victoria.elisabeth.grau@uni-weimar.de

Eingegangen: 24. Januar 2024  Angenommen: 2. Februar 2024  Online veröffentlicht: 22. Februar 2024


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David Haney legt mit „Architecture and the Nazi Cultural Landscape. Blood, Soil, Building“ ein ambitioniertes Werk zu der politischen Funktion von „Kulturlandschaft“ in der NS-Diktatur zwischen 1933 und 1940 vor. Anhand von 12 sehr unterschiedlichen Fallstudien stellt David Haney dar, wie die Landschaft im Nationalsozialismus zielgerichtet konserviert, umgebaut, massenwirksam inszeniert und in politische Narrative eingeflochten wurde. Politische und wirtschaftliche Interessen arbeitet er ebenso heraus wie maßgebliche Akteure.

Während Architektur und Planung der NS-Diktatur bereits reichhaltig untersucht wurden – 2023 legte etwa die Unabhängige Historikerkommission „Planen und Bauen im Nationalsozialismus“ ihre Forschungsbände vor (Unabhängige Historikerkommission Planen und Bauen im Nationalsozialismus 2023) – ist die Rolle der Landschaft meist nur in Bezug auf den Umgang mit der natürlichen Umwelt erforscht worden (vgl. Lekan 2004; Brüggemeier 2005). David Haney macht uns auf eine weitgehende Blindstelle im Forschungsdiskurs aufmerksam: der Beziehung von Architektur und Landschaft. „Cultural landscape represented the physical environment, not just the ‚natural‘ landscape“ (S. 1). Dieses erweiterte Verständnis von Kulturlandschaft im Nationalsozialismus wurde in den letzten Jahren vermehrt punktuell untersucht (vgl. Hagen 2022; Schmitz/Söhnigen 2023), in diesem Detailgrad gibt es aber keine vergleichbare Publikation. Es ist ein ambitioniertes Unterfangen. David Haney widmet sich Themen, die sonst in getrennten Publikationen behandelt werden. Auf den Schultern vorheriger Generationen von Forscherinnen und Forschern stehend liefert er nicht nur erkenntnisreiche Ergänzungen der bestehenden Fachliteratur, sondern auch zielführende Anregungen für den weiteren Forschungsgang.

Die Relevanz seiner Untersuchung zieht David Haney aus Hannah Arendts Totalitarismus-Theorie, er nimmt sich vor, eine „totalitarian cultural landscape“ (S.1) aufzudecken und in ihrer Vielschichtigkeit auszubreiten. Nur vereinzelt greift er nach der Einleitung jedoch auf den theoretischen Kontext zurück.

Den eigentlichen theoretischen Unterbau bildet das erste Kapitel in Form einer umfangreichen Diskursanalyse. Anhand der Publikationstätigkeit von Theodor Ratzel breitet David Haney aus, wie sich der Begriff der Kulturlandschaft entfaltete und weiterentwickelte und von Fachleuten verschiedener Disziplinen aus dem 19. Jahrhundert wie Rudolf Kjellén oder Karl Haushofer verstärkt auf Interessen der Geopolitik und Rassenkunde ausgerichtet wurde. Das Verständnis von Kulturlandschaft habe sich nicht erst 1933 herausgebildet. Besonders hervorzuheben ist, wie er die Rolle des nahezu unbekannten Karl Tramplers herausarbeitet, der als Ghostwriter von Gerdy Troosts „Das Bauen im Neuen Reich“ wirkte (Stratigakos 2015) und, wie David Haney belegt, in zahlreichen weiteren meist anonym veröffentlichten Publikationen zentral die Architekturauffassung der NS-Diktatur beeinflusste und den territorialen Expansionismus mit der Landschaftskunde rechtfertigte.

Schon auf den ersten Seiten wird dabei die enorme Übersetzungsleistung des Autors deutlich. Begriffe wie Heimat (homeland), Kulturlandschaft (cultural landscape) und Lebensraum (living space), die in deutschsprachigen Publikationen meist nur knapp kommentiert und mit einer gewissen Selbstverständlichkeit verwendet werden, lassen sich zwar praktisch ins Englische übersetzen, die Semantik aber einem internationalen Publikum begreifbar zu machen, ist für sich schon eine große Leistung David Haneys. Die tiefgreifende Auseinandersetzung mit den verschiedenen Begriffsebenen und oft politischen und wirtschaftlichen Verzweigungen liefert auch für das deutschsprachige Publikum anregende und vermutlich überwiegend unbekannte Einblicke.

Kapitel 2 verräumlicht die theoretische Ebene am Beispiel des Autobahnbaus. Bei kaum einem anderen Bauprojekt wurde die Bedeutung der Gestaltung und der landschaftlichen Einbindung von den mitwirkenden Akteuren immer wieder so euphorisch und explizit betont. Als „veins of the nation“ (S.78) betont David Haney die Bedeutung des Autobahnbaus für die Entwicklung der Kulturlandschaft und strukturellen „monumentalization of the landscape“ (S.119). Während der gestalterische Anspruch der Autobahn bereits detailliert aufgearbeitet wurde (vgl. Gruber/Schütz 1996; Zeller 2007), widmet sich David Haney der geopolitischen Motivation des Autobahnbaus. Die Ausarbeitung der geopolitischen Zielstellungen bleibt auch in den nachfolgenden Kapiteln ein Schwerpunkt seiner Analyse.

Die Vielfalt der zeitgenössischen Quellen, die David Haney in der Analyse aufbereitet, ist eine der hervorzuhebenden Qualitäten des Bandes. Der Autor macht deutlich, wie Fachzeitschriften zur Mobilisierung verschiedenster Fachleute beitrugen (vgl. Werner 2023). Er erweitert die Perspektive aber auch auf oft übersehene Quellen, wie Reiseführer oder „die neue linie“1, eine der wichtigsten zeitgenössischen Lifestyle-Zeitschriften, die Bauprojekte in neuer Weise dokumentierte und der allgemeinen Öffentlichkeit zugänglich machte.

David Haney eröffnet den Band mit einer Karte des Autobahnbaus von 1939, die die bedeutendsten kulturellen, historischen und baulichen Höhepunkte der NS-Diktatur darstellt. Es ist ein eindrückliches Abbild, wie die NS-Diktatur Narrative konstruierte, um Bilder von glorreichen oder zu überwindenden Phasen der Geschichte genau wie von einer vielversprechenden Zukunft zu zeichnen. Unverständlich ist dabei, warum David Haney den Vorgänger dieser Karte, „Deutschland und seine Reichsautobahnen“2 von 1934, die Valentin Zietara für die Ausstellung „Die Strasse“ erstellte, nicht anführt. Damit bleiben zentrale Verschiebungen in der politischen Konstruktion der Kulturlandschaft unbeachtet. Der reiche und gut kuratierte Bildfundus an Fotografien, Kunstwerken und technischen Zeichnungen ist ein Plus. Bedauerlicherweise werden im Original farbige Abbildungen nur schwarz/weiß dargestellt, womit deren Wirkung beeinträchtigt wird. Auch die Platzierung der Abbildungen ist teilweise irreführend, wenn Verweis und Abbildung zehn Seiten auseinanderliegen.

Kapitel 3 greift die Planungen des Reichssportfelds, des Olympischen Dorfs und des Reichsparteitagsgeländes in Nürnberg auf. David Haney liefert darin eine neue Perspektive auf bekannte Gegenstände. Beachtlich ist seine Gratwanderung zwischen der personellen und strukturell-analytischen Ebene. Kapitelübergreifend betrachtet er die oft übersehene Einbindung von Landschaftsarchitekten, ohne den Gesamtkontext aus den Augen zu verlieren. So erläutert er den Einfluss Alwin Seiferts beim Autobahnbau und den Ordensburgen, Heinrich Wiepkings beim Reichssportfeld und Olympischen Dorf und Alfred Hensels und Gerhard Hinz’ beim Reichsparteitagsgelände von der Standortentscheidung zur landschaftlichen und städtebaulichen Einbindung bis zur massenwirksamen Inszenierung in Kunst und Film.

Anhand der Ordensburgen, der SS-Burganlage Wewelsburg und Prora beleuchtet David Haney in Kapitel 4 die symbolische Bedeutung der baulichen und landschaftlichen Gestaltung in Verbindung mit rassischen und kulturpolitischen Motiven (vgl. Schmitz/Söhnigen 2023). Am Beispiel Prora zeigt er, wie die landschaftliche Gestaltung mitgedacht wurde, auch wenn sie in repräsentativen Modellen oft nicht dargestellt wurde.

David Haney untersucht in Kapitel 5 anhand einzelner Denkmäler und Denkmallandschaften wie dem Brückeberg, dem Sachsenhain, der Annaberger Thingstätte oder dem Tannenberg den Umbau und den Neubau von Kulturstätten. Er beendet das Werk mit einem Blick in die Gegenwart. Anhand von drei Beispielen in Deutschland und im Ausland zieht er eigene Lehren zu fortbestehenden Motiven der Kulturlandschaft: „As a representation of political territory as well as racially based national community, cultural landscape continues to be a powerful tool across the range of political systems, for it is concrete, tangible, and can be directly experienced“ (S. 314).

David Haney liefert ein einzigartiges Buch, was sich kaum im bestehenden Forschungsdiskurs verorten lässt. Seine zentrale Aussage ist, dass die Einbindung und Einbettung in die Landschaft nie gelöster Teil der Architektur und Planung, sondern bestimmendes Element des Architekturverständnisses war. Auch die hohe Eigeninitiative der beteiligten Akteure wird deutlich, nicht aber etwa die Dynamik der einzelnen Projekte über die Länge des Untersuchungszeitraums.

Der Band ergänzt deutlich die bestehende Fachliteratur, viele Inhalte werden zudem zum ersten Mal auch auf Englisch erschlossen. David Haney plädiert überzeugend, Bauprojekte der NS-Diktatur nicht isoliert zu betrachten; die landschaftliche und städtebauliche Perspektive sollen vermehrt beachtet werden. Untersucht werden allerdings nur bekanntere Beispiele. Die Rolle der landschaftlichen Einbettung von Industrieanlagen oder auch Barackenlagern wird indessen nicht thematisiert. Das Ausmaß der landschaftsgewandten Dimension des NS-Städtebaus wird so auch in dieser Publikation nicht in ihrer Gänze erfasst. Darauf heißt es aufzubauen.

Vollständige bibliographische Angaben des rezensierten Werkes:  
Haney, D. (2023): Architecture and the Nazi Cultural Landscape. Blood, Soil, Building, New York. 358 Seiten, 165 Abbildungen.


Literatur

Brüggemeier, F.-J. (Hrsg.) (2005): How green were the Nazis? Nature, environment, and nation in the Third Reich. Athens.
 
Gruber, E.; Schütz, E. (1996): Mythos Reichsautobahn: Bau und Inszenierung der „Straßen des Führers“, 1933-1941. Köln.
 
Hagen, J. (2022): Geographies of Totalitarianism in Village, Town, and Countryside: Architecture, Landscape Design, and Spatial Planning in Nazi Germany. In: Koch, N. (Hrsg.): Spatializing Authoritarianism. Syracuse, 61–84.
 
Lekan, T. M. (2004): Imagining the nation in nature: landscape preservation and German identity, 1885-1945. London.
 
Schmitz, R.; Söhnigen, J. (2023): Rasse, Landschaft, Heimatschutz. In: Unabhängige Historikerkommission Bauen und Planen im Nationalsozialismus (Hrsg.): Planen und Bauen im Nationalsozialismus: Voraussetzungen, Institutionen, Wirkungen. München, 172–269.
 
Stratigakos, D. (2015): Hitler at home. New Haven.
 
Unabhängige Historikerkommission Bauen und Planen im Nationalsozialismus (Hrsg.) (2023): Planen und Bauen im Nationalsozialismus: Voraussetzungen, Institutionen, Wirkungen. München.
 
Werner, O. (2023): Die Zeitschrift „Raumforschung und Raumordnung“ (RuR) von 1936 bis 1944 als Medium akademischer Forschung im „Dritten Reich“. In: Raumforschung und Raumordnung | Spatial Research and Planning 81, 1, 5–19. https://doi.org/10.14512/rur.148
 
Zeller, T. (2007): Driving Germany: The Landscape of the German Autobahn, 1930-1970. New York. = Studies in German History 5. https://doi.org/10.1515/9780857452269
 

Fußnoten

1Erschienen von 1929–1943 in Leipzig: https://de.wikipedia.org/wiki/Die_neue_linie (04.02.2024).
2https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Valentin_Zietara_(1883-1935)_Deutschland_und_seine_Reichsautobahnen_nach_dem_Plan_der_Reichsregierung_Mai_1934_Pictorial_map_of_Nazi_Germany_90_x_118_cm_id.smb.museum_569177_CC_BY-NC-SA_4.0.jpg (04.02.2024).