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https://doi.org/10.14512/rur.2540
Raumforschung und Raumordnung | Spatial Research and Planning (2025) 82/6: 525–3
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Rezension / Book review

Bernt, Matthias; Volkmann, Anne (2023): Segregation in Ostdeutschland – Transformationsprozesse, Wohnungsmärkte und Wohnbiographien in Halle (Saale)

Karin Wiest Contact Info

(1) Leibniz-Institut für Länderkunde, Schongauerstraße 9, 04328 Leipzig, Deutschland

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Eingegangen: 26. Februar 2024  Angenommen: 29. Februar 2024  Online veröffentlicht: 6. Mai 2024


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Die Auseinandersetzung mit den Zusammenhängen zwischen gesellschaftlicher Ungleichheit und der Verteilung von Wohnstandorten im Stadtraum ist seit Industrialisierung und Verstädterung ein Kernthema der sozialwissenschaftlichen Stadtforschung. Die vielfältigen und sich wandelnden Perspektiven auf die Thematik sind eng gekoppelt an die Auseinandersetzungen um Strukturen sozialer Ungleichheit, politische und ökonomische Einflüsse auf unterschiedlichen Maßstabsebenen, methodische Zugriffe (z. B. Kritik an deskriptiven Segregationsindizes) sowie an normative Bewertungen in der kommunalen Planungspraxis, wie sie besonders in den Debatten um soziale Mischung und gesellschaftliche Integration zum Ausdruck kommen (vgl. z. B. Dangschat 2007). Analysen zeichnen sich darüber hinaus dadurch aus, dass sie individuelle Entwicklungspfade sozialräumlicher Differenzierung als Folge von lokalen und historischen Kontextbedingungen inspizieren, die wiederum an spezifische Ausprägungen und Herausforderungen gekoppelt sind. So haben nach der Vereinigung Deutschlands Anfang der 1990er-Jahre Fragen nach dem Verlauf und der Intensität sozialräumlicher Differenzierungsprozesse im Hinblick auf die Städte in den neuen Bundesländern eine Renaissance erlebt – nicht zuletzt, weil die ‚sozialistische‘ Stadt der DDR als ein Gegenmodell zur segregierten ‚kapitalistischen‘ Stadt betrachtet wurde. Angenommen wurde, dass die in westdeutschen Städten bereits abgelaufenen Prozesse in ostdeutschen Städten einer ‚nachholenden‘ Entwicklung folgen würden. Seit der Jahrtausendwende wurde es – nicht zuletzt vor dem Hintergrund von gravierenden Wohnungsleerständen und Abwanderung – stiller um diese Thematik, obwohl sie sich gerade unter den Bedingungen großer Wahlfreiheiten auf entspannten ostdeutschen Wohnungsmärkten als nicht minder relevant erwies (vgl. z. B. Franz 2000; Wiest/Hill 2004).

Mit der aktuellen Studie von Matthias Bernt und Anne Volkmann geraten die Spezifika der „Segregation in Ostdeutschland“ erneut in den Blick. Ziel des Autorenteams ist es, eine Bilanz ostdeutscher Stadtentwicklung der letzten 30 Jahre vorzulegen (S. 189). Die Arbeit schlägt einen weiten Bogen von einerseits überblicksartigen Darstellungen theoretischer Ansätze der Segregationsforschung und andererseits einer feinkörnigen empirischen Tiefenbohrung am Beispiel der knapp 250.000 Einwohner großen Stadt Halle an der Saale. Der Untersuchungsansatz kombiniert eine makrosoziologische Institutionenanalyse mit einer mikrosoziologischen Betrachtung von individuellem Wohnstandortverhalten und Wohnbiographien auf der Grundlage qualitativer Interviews. Die bis heute persistenten Effekte politischer Transformationsentscheidungen, wie das Altschuldenhilfegesetz, Restitutionsregelung und Sonderabschreibungen für den Wohnungsbau, stehen im Mittelpunkt der Argumentation, um einen ostdeutschen Sonderweg zu skizzieren. Den zentralen Ausgangspunkt der Analyse bildet die These, dass sich – im Vergleich zu westdeutschen Entwicklungen – sozialräumliche Spaltungen in ostdeutschen Städten stärker ausgeprägt haben. Das Autorenteam will die entscheidenden ‚Weichenstellungen‘ für diese Entwicklung offenlegen und aufzeigen, welche Bedeutung diese für die Wohnstandortscheidungen unterschiedlicher Haushaltstypen haben.

Auf der Grundlage der Diskussion unterschiedlicher Erklärungsansätze für residentielle Segregation wird für die weitere Untersuchung sozialräumlicher Differenzierungsprozesse ein institutionalistischer Zugang zugrunde gelegt. Im empirischen Untersuchungsteil werden Zusammenhänge zwischen markanten sozialräumlichen Differenzierungsprozessen und spezifischen Siedlungstypen im Sinn des Nachbarschaftswandels dargelegt: die Aufwertung bzw. Gentrifizierung von innenstadtnahen Altbauquartieren, der Einwohnerrückgang in Großwohnsiedlungen und seine wachsende Bedeutung für einkommensschwächere Stadtbewohnerinnen und -bewohner sowie die Suburbanisierung, die einen neuen Siedlungstyp im Umland ostdeutscher Städte seit Anfang der 1990er-Jahre hervorgebracht hat. Am Beispiel ausgewählter und für Segregationsprozesse charakteristischer Teilräume in der Untersuchungsregion Halle (Saale) – dem gründerzeitlichen Paulusviertel, der ehemals sozialistischen Modellstadt Halle-Neustadt und dem Standort Großkugel, der ein Produkt fehlgeleiteter Wohnungsbausubventionierung der frühen 1990er-Jahre repräsentiert – werden einerseits Veränderungen des Wohnangebots und andererseits die Handlungsperspektiven von Bewohnerinnen und Bewohnern aufgezeigt.

Die Stadt Halle (Saale), die zu den kleineren Großstädten Deutschlands gehört, ist ein durchaus spezifischer Fall für die Auseinandersetzung mit sozialräumlichen Differenzierungsprozessen. Aufgrund ihrer begrenzten Größe, geringer wirtschaftlicher Dynamik und geringem Einwohnerwachstum ist eher von moderatem Druck auf den lokalen Teilwohnungsmärkten auszugehen. Besondere Bedeutung kommt der Wohnversorgung einkommensschwächerer Bevölkerungsgruppen zu. Damit stellt die Untersuchung eine wichtige Ergänzung zu den oft im Fokus der Stadtforschung stehenden boomenden Metropolregionen mit überhitzten Wohnungsmärkten dar. Gleichzeitig stellt sich die Frage nach der Übertragbarkeit der empirischen Befunde: zum einen auf andere ostdeutsche Städte mit anderen strukturellen Voraussetzungen, zum anderen aber auch auf mögliche Gemeinsamkeiten mit strukturschwächeren westdeutschen Stadtregionen und ähnlicher Größenordnung.

Der gewählte Ansatz, der die institutionellen Einflüsse unter anderem im Kontext von gesetzlichen Regulationssystemen, Eigentumsformen, Machtbeziehungen, Förder- und Subventionsprogrammen als Erklärungen in den Vordergrund stellt, ermöglicht es, die Pfadabhängigkeit der sozialräumlichen Entwicklung in ostdeutschen Kommunen vor allem vor dem Hintergrund des gesellschaftspolitischen Transformationsprozesses deutlich herauszuarbeiten. Als wesentliches Moment dieser Entwicklung sind die Abwanderungs- und Schrumpfungsphase im Zusammenspiel mit Übergängen und Brüchen zu betrachten, die sich auf Entscheidungen politischer Steuerung wesentlich mit ausgewirkt haben. Unter anderem schien, da die Lage auf den Wohnungsmärkten lange Jahre durch geringeren Nachfragedruck gekennzeichnet war, auch der geförderte Wohnungsbau durch die öffentliche Hand obsolet zu sein. Um entsprechende Pfadabhängigkeiten in ihren multiskalaren Wirkungszusammenhängen und Überlagerungen lokaler, nationaler und supranationaler Entwicklungen noch differenzierter abzubilden, hätte auch die Zuschreibung ‚ostdeutsch‘ in unterschiedlichen Kontexten noch eine stärkere Reflexivität vertragen, zumal sie den zentralen erklärenden Faktor der aufgezeigten Entwicklungen beschreibt. So sind viele der beschriebenen Prozesse, wie insbesondere die Liberalisierung, Deregulierung und Privatisierung des Wohnungsmarktes für gesamtdeutsche bzw. Entwicklungen innerhalb Europas seit Ende der 1980er-Jahre charakteristisch gewesen. Eine Einordnung und Relativierung der Befunde im gesamtdeutschen Kontext und gegebenenfalls darüber hinaus wäre wünschenswert, um die Intensität der beschriebenen sozialräumlichen Spaltung tatsächlich bewerten zu können. Die Befunde in ostdeutschen Städten können innerhalb Deutschlands daher vor allem als Effekte eines besonders radikalen Bruchs mit den Prinzipien einer staatlichen Wohnungswirtschaft im Zuge einer allgemeinen Neoliberalisierung interpretiert werden, die zum Ausverkauf kommunalen Eigentums geführt haben und die sich heute in markanten sozialräumlichen Differenzierungen niederschlagen.

Vollständige bibliographische Angaben des rezensierten Werkes:  
Bernt, M.; Volkmann, A. (2023): Segregation in Ostdeutschland – Transformationsprozesse, Wohnungsmärkte und Wohnbiographien in Halle (Saale). Berlin: Transcript. = Urban Studies. 8 Tabellen, 13 Abbildungen, 216 Seiten.


Literatur

Dangschat, J. S. (2007): Soziale Ungleichheit, gesellschaftlicher Raum und Segregation. In: Dangschat, A.; Hamedinger, A. (Hrsg.): Lebensstile, soziale Lagen und Siedlungsstrukturen. Hannover, 21–50. = Forschungs- und Sitzungsberichte der ARL 230.
 
Franz, P. (2000): Soziale Ungleichheit und Stadtentwicklung in ostdeutschen Städten. In: Harth, A.; Scheller, G.; Tessin, W. (Hrsg.): Stadt und soziale Ungleichheit. Wiesbaden, 160–173. https://doi.org/10.1007/978-3-663-01302-0_9
 
Wiest, K.; Hill, A. (2004): Sanfte Gentrifizierung, Studentifizierung und Inseln ethnischer Konzentration in ostdeutschen Innenstadtrandgebieten? In: Raumforschung und Raumordnung 62, 6, 361–374. https://doi.org/10.1007/BF03184400