© by the author(s); licensee oekom 2025. This Open Access article is published under a Creative Commons Attribution 4.0 International Licence (CC BY).
https://doi.org/10.14512/rur.2585
Raumforschung und Raumordnung | Spatial Research and Planning (2025) 83/2: 96–110
rur.oekom.de

Forschungsbeitrag / Research article

Psychisches Wohlbefinden im Kontext des Klimawandels unter Berücksichtigung der Arbeits- und Wohnsituation am Beispiel Eisenberg (Thüringen)

Jana Boltersdorf Contact Info , Susann Schäfer Contact Info

(1) Institut für Geographie, Friedrich-Schiller-Universität Jena, Löbdergraben 32, 07743 Jena, Deutschland
(2) Institut für Geographie, Universität Heidelberg, Berliner Straße 48, 69120 Heidelberg, Deutschland

Contact InfoJana Boltersdorf 
E-Mail: jana.boltersdorf@uni-jena.de

Contact InfoSusann Schäfer  (Corresponding author)
E-Mail: susann.schaefer@uni-heidelberg.de

Eingegangen: 30. Mai 2024  Angenommen: 7. Januar 2025  Online veröffentlicht: 3. März 2025

Zusammenfassung  
Die Auswirkungen von Hitzeereignissen auf die psychische Gesundheit und das Wohlbefinden von Bewohnerinnen und Bewohnern in Städten sind Thema dieses Beitrags. Ausgehend von einem kombiniert quantitativ-qualitativen Forschungsdesign werden die Auswirkungen und Anpassungspraktiken vor dem Hintergrund der individuellen Wohn- und Arbeitssituation untersucht. Am Beispiel der thüringischen Stadt Eisenberg (rund 11.000 Einwohner) zeigt sich, dass Individuen am Arbeitsplatz stärker negativ von Hitzeereignissen betroffen sind und gleichzeitig dort weniger Handlungsspielraum als in ihren eigenen vier Wänden haben. Diese Einsichten unterstreichen die notwendige Berücksichtigung von Anpassungsstrategien von öffentlichen Arbeitgebern und Unternehmen.

Schlüsselwörter  Psychisches Wohlbefinden – Hitzewelle – Hitzestress – Anpassung an den Klimawandel – Eisenberg


Psychological well-being in the context of climate change, considering the work and housing situation, using the example of Eisenberg (Thuringia)
Abstract  
The impact of heat events on the mental health and well-being of urban residents is the subject of this paper. Based on a combined quantitative-qualitative research design, the effects and adaptation practices are examined against the background of the individual living and working situation. The example of the Thuringian town of Eisenberg (around 11,000 inhabitants) shows that individuals are more negatively affected by heat events at work and at the same time have less scope for action there than in their own four walls. These insights underline the need to consider adaptation strategies for public employers and companies.

Keywords  Mental wellbeing – Heatwave – Heat stress – Climate change adaptation – Eisenberg (Germany)


1  Einleitung

Seit Beginn der Wetteraufzeichnungen hat sich die Temperatur in Deutschland aufgrund des anthropogenen Klimawandels im Durchschnitt um 1,5 °C erhöht (Hertig/Hunger/Kaspar-Ott et al. 2023: 12). In der Wissenschaft besteht weitgehend Einigkeit darüber, dass Extremwetterereignisse dadurch an Intensität und Häufigkeit zugenommen haben und mit einem weiteren Temperaturanstieg auch zukünftig zunehmen werden (Mücke/Litvinovitch 2020: 2). Hitze stellt unter Extremwetterereignissen für den Menschen die größte Gefahr hinsichtlich Morbidität und Mortalität dar (Großmann/Sinning 2020: 42): So zählte man im ‚Jahrhundert-Sommer‘ 2003 in ganz Europa bis zu 70.000 hitzebedingte Todesfälle (Herrmann 2018: 26). Zahlreiche gesundheitliche Probleme, z. B. Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Organschädigungen, treten während Hitzewellen vermehrt auf (Fischer/Sinning 2022: 217; Loss/Moebus/Tinnemann 2022: 662). Extreme Hitze wird auch als „silent killer“ bezeichnet, da es sich um eine nicht sichtbare und oft nicht wahrgenommene Gefahr handelt (Kenny/Notley/Flouris et al. 2020: 226). Insbesondere vulnerable Bevölkerungsgruppen, allen voran ältere Menschen, unterschätzen vielfach das Risiko, das für sie durch Hitze entsteht (Loss/Moebus/Tinnemann 2022: 662).

In Deutschland geht man zum Jahr 2100 von einer Verdreifachung der Zahl der jährlichen Hitzewellentage und je nach Emissionsszenario von einer Verfünffachung oder Verachtfachung der sogenannten Tropennächte (Nächte mit Mindesttemperaturen von 20 °C) im Zeitraum 2041 bis 2070 aus (Winklmayr/Matthies-Wiesler/Muthers et al. 2023: 6–7).1 Vor allem die Zunahme von Tropennächten ist aus medizinischer Sicht relevant, da erhöhte nächtliche Temperaturen eine Regeneration von der Tageshitze verhindern und somit ein erhebliches Gesundheitsrisiko darstellen (Hajat/Armstrong/Baccini et al. 2006: 637). Dies ist nicht nur ein Risiko für die physische Gesundheit, sondern kann auch psychische Folgen haben, wie erhöhte Impulsivität, Erschöpfung und Frustration aufgrund einer schlechteren Schlafqualität (Lõhmus 2018: 13–14).

In der Literatur werden die Folgen von Hitzewellen häufig auf der Basis von Sekundärdaten, das heißt Krankheitsregistern, erhoben und analysiert (z. B. Obradovich/Migliorini/Paulus et al. 2018). Die subjektive Perspektive der Betroffenen, deren sozialräumliches Umfeld (Wohn- und Arbeitsräume) sowie der damit verbundene Umgang mit Hitzewellen kommt dabei zu kurz. Diese Aspekte sind jedoch relevant für die Identifizierung von wirksamen Maßnahmen auf individueller, aber auch strukturell-politischer Ebene. Diese Forschungslücke wird in diesem Beitrag am Beispiel der Kreisstadt Eisenberg in Thüringen adressiert. Der Beitrag hat zum Ziel, folgende Forschungsfrage zu beantworten: Welche Auswirkungen hat Hitze auf das psychische Wohlbefinden am Wohnort und Arbeitsplatz von Menschen in Eisenberg?

Eisenberg wurde als Untersuchungsort ausgewählt, da Kleinstädte in bisherigen Forschungsarbeiten unterrepräsentiert sind, eine Betrachtung von Kleinstädten in diesem Kontext aber notwendig ist, um die spezifischen Risiken für in Kleinstädten lebenden Menschen adäquat einschätzen zu können. Um weiterführende Informationen über den Zusammenhang zwischen Hitze und psychischem Wohlbefinden zu ermitteln, wurde zunächst eine standardisierte Haushaltsbefragung und darauf aufbauend acht qualitative Leitfadeninterviews mit Eisenberger Bürgerinnen und Bürgern geführt. In dem standardisierten Fragebogen ging es um die subjektive Wahrnehmung klimatischer Veränderungen, den Gesundheitszustand sowie Anpassungen im Alltag bei Hitzewellen. Dabei wurden sowohl die Wohnsituation als auch der Arbeitsplatz fokussiert. Mit den qualitativen Interviews wurden dann die quantitativen Ergebnisse abgeglichen und untermauert. Ziel dieses Vorgehens war es in erster Linie zu überprüfen, welche Auswirkungen Hitze(wellen) generell auf das psychische Wohlbefinden im Alltag haben und inwieweit hier Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen dem Wohn- und Arbeitsumfeld wahrgenommen werden. Es muss herausgestellt werden, dass die Studie sich ausschließlich mit Hitzebelastung im Rahmen von Lohnarbeit beschäftigt. Andere Formen der Arbeit, wie z. B. Care-Arbeit, werden nicht explizit aufgegriffen.

Nachfolgend wird zunächst der aktuelle Forschungsstand zu diesem Thema vorgestellt (Kapitel 2). Anschließend werden die angewandten Forschungsmethoden (Kapitel 3) und die daraus gewonnenen Erkenntnisse vor dem Hintergrund des Forschungsthemas beschrieben (Kapitel 4), diskutiert und interpretiert (Kapitel 5). In Kapitel 6 werden Schlussfolgerungen aus der Untersuchung gezogen.


2  Aktueller Forschungsstand
2.1  Hitze und psychisches Wohlbefinden

In der gesichteten Literatur findet sich keine einheitliche Definition des Begriffes „Hitze“ oder „Hitzewelle“, weshalb diese Begriffe auch in der Zusammenfassung des aktuellen Forschungsstandes nicht einheitlich definiert sind. In einer zunehmenden Anzahl von Studien wird der Einfluss von Hitzewellen auf das psychische Wohlbefinden untersucht. So kann eine psychische Vorerkrankung das Mortalitätsrisiko während einer Hitzewelle verdreifachen (Hansen/Bi/Nitschke et al. 2008: 1373; Palinkas/Wong 2020: 13).

Darüber hinaus können Hitzewellen unabhängig von psychischen Vorerkrankungen zu einer Abnahme des psychischen Wohlbefindens führen (Zhang/Chen/Chen 2023). Schlafmangel aufgrund von einer schlechteren Schlafqualität in heißen Umgebungen kann insbesondere zu Konzentrationsschwierigkeiten, erhöhter Impulsivität, Frustration sowie negativen Emotionen führen und wird mit erhöhter Morbidität und Mortalität assoziiert (Lõhmus 2018: 13–14; Liu/Varghese/Hansen et al. 2021: 16). Verhaltensänderungen, wie eine reduzierte Fitnessaktivität oder ein Mangel an Sozialkontakt durch Selbstisolation an heißen Tagen, tragen ebenfalls zu einer Abnahme der mentalen Gesundheit an heißen Tagen bei (Lõhmus 2018: 2; Jung 2022: 25; Zhang/Chen/Chen 2023: 10). An heißen Tagen nimmt der Drogen- und Alkoholmissbrauch zu (Liu/Varghese/Hansen et al. 2021: 14) und es kommt zu einem Anstieg von aggressivem und kriminellem Verhalten (Cianconi/Betrò/Janiri 2020: 5; Jung 2022: 25). Insgesamt verstärkt eine Erhöhung der Monatstemperatur von 25-30 °C auf über 30 °C die Wahrscheinlichkeit, Probleme mit der mentalen Gesundheit zu entwickeln, um 0,5 % (Obradovich/Migliorini/Paulus et al. 2018: 10953).

Auch führt die Wahrnehmung von zunehmenden Extremereignissen, wie Hitzewellen, zunehmend zur sogenannten Eco-Anxiety. Eco-Anxiety beschreibt eine Sammlung von Gefühlen der Hilflosigkeit und Frustration im Hinblick auf die sich verändernde Umwelt sowie Ängste vor einer Zukunft unter sich verändernden Umweltbedingungen, vor allem unter jungen Menschen (Hayes/Blashki/Wiseman et al. 2018: 7; Cianconi/Betrò/Janiri 2020: 9).

2.2  Sozioökonomische Risikofaktoren der Vulnerabilität gegenüber Hitzewellen

Zu den Risikofaktoren, die die Vulnerabilität von Personen gegenüber Hitze erhöhen, gehören physische und psychische Vorerkrankungen (z. B. Vorerkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems, Vorerkrankungen der Atemwege, Krebs, Diabetes, psychische Erkrankungen), Drogenkonsum, Pflegebedürftigkeit, Obdachlosigkeit, isoliertes Wohnen und eine aus verschiedenen Gründen begrenzte Fähigkeit zur persönlichen Verhaltensanpassung (Kovats/Hajat 2008: 46; Pfaffenbach/Siuda 2012: 194; Baumüller 2018: 40; Lõhmus 2018: 7; Kenny/Notley/Flouris et al. 2020: 236; Karthick/Kermanshachi/Pamidimukkala 2022: 292). Alte Menschen sowie Säuglinge und Kinder sind aufgrund ihrer begrenzten Thermoregulationsfähigkeit ebenfalls vulnerabel gegenüber Hitze (Kenny/Notley/Flouris et al. 2020: 239). Einige Studien zeigen auch, dass Frauen tendenziell stärker durch Hitzewellen beeinträchtigt werden als Männer (Grewe/Heckenhahn/Blättner et al. 2010: 467; Krämer/Wörmann/Jahn 2013: 11; Cianconi/Betrò/Janiri 2020: 5).

Es muss zudem darauf hingewiesen werden, dass Fragen nach „sozial und räumlich ungleich verteilten gesundheitsrelevanten Umweltrisiken“ (Fischer/Sinning 2022: 218) in allen nachfolgenden Überlegungen mitberücksichtigt werden müssen: So treten relevante Vorerkrankungen bei Personen mit niedrigem sozioökonomischem Status häufiger auf (Lampert/Hoebel/Kuntz et al. 2019: 156). Auch ist das Wohnumfeld dieser Personen häufig signifikant ungünstiger (kleinere Wohnungen, weniger Grün, mehr Verkehr, dichte Bebauung etc.), was ihre Vulnerabilität in Bezug auf Hitze weiter erhöht (Rudolph/Gould/Berko 2015: 10; Ecker/Marbler 2021: 12; Looks/Borchers/Reinfried et al. 2021: 303; Fischer/Sinning 2022: 218). Bevölkerungsgruppen mit niedrigem sozioökonomischem Status verfügen häufig auch über weniger Bewältigungsmöglichkeiten wie beispielsweise soziale Netzwerke, um auf Umweltbeeinträchtigungen zu reagieren (Ernst/Franke/Franzkowiak 2022) und sind häufiger auch am Arbeitsplatz Lärm und Hitze sowie ungünstigen Arbeitsbedingungen, wie körperlich anstrengender Arbeit, ausgesetzt (Kroll/Müters/Dragano 2011: 4). Die Sterblichkeitsrate während Hitzewellen ist in sozial benachteiligten Stadtteilen oftmals entsprechend höher (Herrmann 2018: 27). Gleichzeitig bleiben Menschen mit niedrigem Einkommen in umweltpolitischen Diskursen unterrepräsentiert (Köckler 2020: 168).

Prozesse, wie die Alterung der deutschen Bevölkerung im Rahmen des demographischen Wandels, die steigende gesellschaftliche Ungleichheit in Deutschland sowie die weiter fortschreitende Urbanisierung werden vor diesem Hintergrund dazu beitragen, dass in Deutschland zukünftig der Anteil der gegenüber Hitzebelastung vulnerablen Bevölkerung ansteigt (Pfaffenbach/Siuda 2012: 193; Kenny/Notley/Flouris et al. 2020: 240).

2.3  Geographische Mikroräume: Wohn- und Arbeitsumfeld

Im Arbeitsumfeld kann das Risiko für Unfälle und Krankheiten während Hitzewellen in allen Berufsgruppen signifikant ansteigen (Varghese/Barnett/Hansen et al. 2019: 825). Weiterhin kann eine hohe Temperatur am Arbeitsplatz zu Müdigkeit und Unwohlsein führen, was in einer Minderung der Aufmerksamkeit für Details sowie in einer Abnahme der Leistungsfähigkeit resultiert (Pfaffenbach/Siuda 2012: 203; Kenny/Notley/Flouris et al. 2020: 244; Carter/Field/Oppermann et al. 2020: 6). Die Anzahl der Fehler und die Zeit, die in ungeplanten Pausen verbracht wird, nimmt zu, was zu einer weiteren Senkung der Arbeitsproduktivität führen kann (Hsiang 2010: 15368; Ioannou/Mantzios/Tsoutsoubi et al. 2021: 2; Karthick/Kermanshachi/Pamidimukkala 2022: 290; Stalhandske/Nesa/Zumwald et al. 2022: 2531). Vor allem Bevölkerungsgruppen, die viel im Freien arbeiten und/oder schwere körperliche Arbeit verrichten, sind an heißen Tagen einer erhöhten Gesundheitsgefährdung ausgesetzt (Steinmetzger 2005: 35; Smith/Woodward/Lemke et al. 2016: 642; Carter/Field/Oppermann et al. 2020: 5; Kim/Lee 2020: 1). Die Berufsgruppe, die am wenigsten von Hitze betroffen ist, sind Selbstständige, die bessere Möglichkeiten haben, ihren Arbeitsrhythmus an die Hitze anzupassen (Miller/Bates 2007: 560–561; Pfaffenbach/Siuda 2012: 202).

Geeignete Maßnahmen vonseiten des Arbeitgebers gegen Hitze am Arbeitsplatz sind je nach Berufsgruppe zum Beispiel das Bereitstellen von kostenlosen Getränken, die Flexibilisierung der Arbeitszeit (z. B. Gleitzeitregelungen), die Sensibilisierung für gesundheitliche Folgen von Hitzebelastung, die Bereitstellung von leichter Schutzbekleidung oder technisch-bauliche Maßnahmen zur Raumkühlung (z. B. Jalousien, Klimaanlagen) (Pfaffenbach/Siuda 2012: 195; Bender/Groth/Seipold et al. 2022: 32).

Inwieweit das Wohnumfeld Möglichkeiten zur Regeneration von der Hitze bietet, hat ebenfalls einen Einfluss darauf, als wie stark die Hitzebelastung im Arbeitsumfeld wahrgenommen wird (Schoierer/Mertes/Deering et al. 2021: 96). Die Ausstattung der direkten, makroräumlichen Wohnumgebung ist hierbei ein wichtiger Faktor: Begrünte und nicht zu dicht bebaute Umgebungen senken nicht nur die Hitzebelastung, sondern steigern auch die Wohnzufriedenheit der Anwohnenden (Bender/Groth/Seipold et al. 2022: 28). Zudem fördern sie gesundheitsbezogenes Verhalten wie physische Aktivität (Rudolph/Gould/Berko 2015: 10). Als vulnerabel gegenüber Hitze gelten insbesondere Menschen, die in großen Städten wohnen, da der sogenannte städtische Hitzeinseleffekt in urbanen Regionen an heißen Tagen in einer Erwärmung resultiert, die gegenüber dem ländlichen Raum über 10 K höher sein kann (Gabriel/Endlicher 2011: 2044; Schoierer/Mertes/Deering et al. 2021: 97). Die Ursachen für dieses Phänomen sind unter anderem künstliche Oberflächen mit erhöhtem Emissionsvermögen und die anthropogene Wärmeproduktion in Städten (Ward/Lauf/Kleinschmit et al. 2016: 528). Vor allem in Stadtteilen mit dichter, geschlossener Bebauung und wenig Vegetation ist die Hitzebelastung hoch (Großmann/Sinning 2020: 41; Looks/Borchers/Reinfried et al. 2021: 304). Dies ist angesichts der in Deutschland und weltweit zunehmenden Verstädterung ein problematischer Befund – in Deutschland wohnten 2017 etwa 77 % der Wohnbevölkerung in städtischen Gebieten (Kemen/Schäffer-Gemein/Kistemann 2020: 60). Hitze kann jedoch nicht als urbanes Problem abgetan werden: Personen, die in ländlichen Gebieten leben, arbeiten häufiger im Freien (z. B. in der Landwirtschaft), haben seltener Zugang zu Klimaanlagen und zu medizinischer Versorgung und sind im Durchschnitt älter als Menschen in Großstädten, was auch sie anfällig für Hitzewellen macht (Sheridan/Dolney 2003; López-Bueno/Navas-Martín/Linares et al. 2021: 2; Zhang/Chen/Chen 2023: 11). Im mikroräumlichen, privaten Wohnbereich können beispielsweise Fassaden- und Dachbegrünungen, Dämmung, angepasstes Lüftungsverhalten und technisch-bauliche Maßnahmen (z. B. Klimaanlagen, Ventilatoren, Jalousien) Abhilfe gegen Hitzebelastung schaffen (Großmann/Sinning 2020: 42; Kemen/Schäffer-Gemein/Kistemann 2020: 63).

2.4  Forschungslücken
Anhand der Literatur konnten vor allem drei Forschungslücken identifiziert werden:
– 
In der bestehenden Forschung werden hitzebedingte Gesundheitsrisiken meist auf der Basis von quantitativen Daten (v.a. Morbidität und Mortalität) untersucht. Insbesondere bei der Erforschung von Auswirkungen der Hitze auf das psychische Wohlbefinden tragen qualitative Erhebungen, in denen die alltägliche makro- und mikroräumliche Lebenswelt von Personen analysiert wird, zu einer sinnvollen Ergänzung des aktuellen Forschungsstandes bei. Qualitative Daten können durch den Fokus auf subjektive Erfahrungen zum besseren kontextuellen Verständnis von psychischem Wohlbefinden in verschiedenen Zusammenhängen beitragen.
– 
Klein- und Mittelstädte bleiben zudem in bisherigen Forschungsarbeiten gegenüber Großstädten unterrepräsentiert. Dies ist besonders relevant, da Klein- und Mittelstädte möglicherweise anderen klimatischen, infrastrukturellen und sozialen Bedingungen unterliegen, die die psychischen Auswirkungen von Hitzewellen beeinflussen könnten. Beispielsweise könnten die geringere Anpassung der städtischen Infrastruktur an Hitzewellen und der im Vergleich zu Großstädten oft höhere Altersdurchschnitt eine Rolle spielen. Angesichts der Tatsache, dass 57,9 % der deutschen Bevölkerung in Klein- und Mittelstädten leben (Bundestransferstelle Stadtumbau 2020: 4), ist eine Untersuchung dieser Regionen daher von besonderer Relevanz.
– 
Während es bereits ein breites Spektrum an Forschungsarbeiten zum Zusammenhang zwischen dem Hitzerisiko und dem makroräumlichen Lebensumfeld gibt (z. B. Auswirkungen von Stadtgrün, Hitzeinseleffekt), fehlt es bislang an systematischen wissenschaftlichen Untersuchungen, die sich mit der vergleichenden Betrachtung von Hitze im mikroräumlichen Kontext, insbesondere in Wohn- und Arbeitsumfeldern, auseinandersetzen. Mikroräumliche Ausstattungsmerkmale gewinnen mit dem anthropogenen Klimawandel an Relevanz, da sie individuelle Anpassungen an Hitze ermöglichen, deren Wirksamkeit von den spezifischen Eigenschaften des Wohn- und Arbeitsumfelds abhängt.

3  Methodik
3.1  Datenerhebung und Datenauswertung

Zur Adressierung der Forschungslücken wurde ein quantitativ-qualitatives Forschungsdesign gewählt. Im Dezember 2022 wurde zunächst eine postalische Haushaltsbefragung in Eisenberg, basierend auf einer Zufallsstichprobe von 2500 Einwohnerinnen und Einwohnern (EW) (älter als 18 Jahre), durchgeführt. Ihre Namen und Adressen wurden durch das Einwohnermeldeamt der Stadt Eisenberg zur Verfügung gestellt. Die Anschreiben und Fragebögen wurden mit den jeweiligen Adressen und Anreden personalisiert. Der Fragebogen thematisierte die Erfahrungen mit klimatischen Veränderungen in Eisenberg, die Wohn- und Arbeitssituation sowie die Einschätzung der eigenen Gesundheit (Status und während sommerlicher Hitzetage mit mehr als 30 °C), wobei wir physische als körperliche und psychische als mentale Gesundheit bezeichnet haben.

Die Rücklaufquote für diese standardisierte Befragung lag bei 21,9 % (N = 548). Auf den Fragebögen konnten die Probanden auch ihre Kontaktdaten für ein vertiefendes Interview hinterlassen. Nach Datenanalyse in SPSS Statistics wurden Ende 2023/Anfang 2024 alle Personen, die uns ihre Kontaktdaten zur Verfügung gestellt hatten, kontaktiert. So wurden zusätzlich zur Befragung acht leitfadengestützte, semistrukturierte Interviews durchgeführt und mit MAXQDA im Rahmen einer qualitativen inhaltlich-strukturierenden Inhaltsanalyse (Kuckartz 2018) analysiert (vgl. Tabelle 1).
Tabelle 1 Merkmale der Interviewpartnerinnen und -partner

Kürzel

Geschlecht

Alter

Vorerkrankungen

Arbeitsumfeld

Haushalt und Wohnumfeld

B1

Weiblich

57

Allergie, Atemwegserkrankungen

– Lehrerin an einer Förderschule

– Regelmäßiger Raumwechsel und Aufenthalt im Freien möglich

– Partnerschaft

– Haus mit einem Garten

B2

Weiblich

31

Keine angegeben

– Wissenschaftliche Mitarbeiterin

– Kühles Labor als Hauptarbeitsplatz

– Homeoffice möglich

– Partnerschaft und drei kleine Kinder

– Neugebautes und selbst geplantes Haus mit Garten

B3

Weiblich

74

Allergie, Gelenkverschleiß

– Pensioniert

– Ehrenamtlich in der häuslichen Pflege alter Menschen tätig

– Haus mit Hof und Garten

B4

Männlich

36

Adipositas, Schwitzen an heißen Tagen

– Sachbearbeiter in einem Archiv

– Büroarbeit

– Gelegentlich Arbeit im Freien: Touristenführungen

– Wohnung mit Balkon

Das Interview mit B5 wurde durchgeführt. Jedoch wurde die Einverständniserklärung vonseiten der interviewten Person zurückgezogen

B6

Männlich

50

Adipositas, Allergie

– Projektmanager im Werkzeugbau

– Büroarbeit

– Gelegentlich Arbeit in Werkhalle

– Partnerschaft und Kinder

– Haus mit Terrasse, Keller und Garten

B7

Männlich

64

Keine angegeben

– Bereichsleiter

– Klimatisierter Büroarbeitsplatz

– Partnerschaft

– Dachgeschosswohnung

– Gemeinschaftsgarten

B8

Weiblich

61

Keine angegeben

– Bürokraft in einer Schule

– Klimatisierter Arbeitsplatz

– Haus mit Garten

B9

Männlich

38

Keine angegeben

– Mitarbeiter in der Jugendarbeit

– Kellerbüro

– Gelegentlich Arbeit im Freien

– Ein-Zimmer-Wohnung an Hauptverkehrsstraße

– Lüften aus Lautstärkegründen erschwert

– Breite Fensterfront

Sowohl der standardisierte Fragebogen als auch die Interviews fokussierten auf die Wahrnehmung klimatischer Veränderungen und die subjektive Einschätzung des physischen und psychischen Wohlbefindens während Hitzewellen. In den Interviews wurde die Wahrnehmung der Befragten zu Stimmungs- und Verhaltensänderungen an heißen Tagen abgefragt. Zudem wurden vertiefende Fragen zu Maßnahmen gestellt, die in ihrem Wohn- und Arbeitsumfeld bereits gegen Hitze unternommen werden und die sie sich zusätzlich wünschen würden. Um den Einstieg in das Interview über psychisches Wohlbefinden zu erleichtern, wurden den Interviewten Kärtchen mit gängigen Symptomen zur Auswahl vorgelegt.

3.2  Fallstudie Stadt Eisenberg

Eisenberg ist die Kreisstadt des Saale-Holzland-Kreises in Thüringen. Die Stadt hat insgesamt 11.072 Einwohner. Das Durchschnittsalter im Jahr 2020 liegt mit 47,4 Jahren knapp drei Jahre über dem Durchschnittsalter der Gesamtbevölkerung in Deutschland.2 Eisenberg liegt zum größten Teil auf einer Hochebene, die sich rund 275 Meter über NN von Westen nach Osten erstreckt. Im Süden und Norden der Stadt fällt der Boden steil in zwei Täler ab. Laut dem Klimasteckbrief des Regionalen Klimainformationssystems ist mit einer starken Zunahme von heißen Tagen bzw. sommerlicher Hitze bis zum Jahr 2050 zu rechnen. Konkret wird mit der Zunahme der Durchschnittstemperatur im Sommer von 5,4 °C ausgegangen. Heiße Tage (mehr als 30 °C Tagesmaximaltemperatur) sollen bis 2100 von zwei auf voraussichtlich 39 Tagen steigen.3


4  Ergebnisse
4.1  Auswirkungen von Hitze auf Stimmung und Verhalten

Die quantitativen Ergebnisse machen deutlich, dass sich das subjektive Gesundheitsempfinden im Sommer für die meisten Bewohnerinnen und Bewohner (67,9 %) grundsätzlich nicht ändert. Von den übrigen berichten 5,1 % über positive und 23,7 % über negative gesundheitliche Auswirkungen. Dabei gibt es einen Unterschied zwischen den physischen und psychischen Auswirkungen: Von physischen Auswirkungen sind 39,0 % betroffen und psychische Folgen spüren 26,0 %. Zu den psychischen Auswirkungen zählen unter anderem Müdigkeit, Erschöpfung, fehlende Motivation und Konzentrationsprobleme. Zudem berichten die einige auch zu einem geringen Teil von positiven psychischen Veränderungen. Zwar betrifft dies nur etwa 3 % der Befragten (N = 16), aber diese berichten von erhöhter Motivation, draußen aktiv zu sein.

Auch bei den vertiefenden Interviews zeigt sich ein gemischtes Bild bei den Auswirkungen von Hitze (Tageshöchsttemperatur mit mindestens 30 °C) auf das Wohlbefinden (vgl. Abbildung 1).
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Abbildung 1 Auswirkungen von Hitze auf das Wohlbefinden (N = 8, Mehrfachantworten möglich)

Fünf Interviewte sprechen vorwiegend oder zusätzlich über positive Auswirkungen von Hitze auf ihre Stimmung und ihr Wohlbefinden. Hierbei wird Hitze mit einem Anstieg an Lebensfreude und mit Entspannung im Vergleich zu kühleren Tagen assoziiert.

Verminderte Leistungsfähigkeit oder Konzentrationsprobleme sowohl im Hinblick auf körperliche als auch auf geistige Tätigkeiten werden als negativ besetzte Hitzesymptome ebenfalls von fünf Befragten genannt. Prokrastination, Frustration, Schlafprobleme und Erschöpfung werden von jeweils vier Befragten im Zusammenhang mit Hitze angegeben. Erschöpfung wird hierbei vor allem im Hinblick auf körperliche Betätigung und von einem Befragten auch im Zusammenhang mit Schlafproblemen erwähnt. Die Neigung zur Prokrastination bezieht sich ebenfalls vor allem auf Aufgaben, die mit körperlicher Betätigung verbunden sind oder die generell als unangenehm und lästig empfunden werden.

„Ich schiebe dann Arbeiten vor mir her, die ich eben sonst sicherlich auch nicht so gerne mache, aber dann mache ich sie erst recht nicht. Und, ja, nur so das Notwendige, beziehungsweise, was mir jetzt Freude bereitet.“ (B1)

Drei Befragte erzählen von vermehrter Antriebslosigkeit. Ebenfalls drei Befragte berichten von geringfügigen Auswirkungen auf die physische Gesundheit (z. B. Kreislaufprobleme, extremes Schwitzen) an heißen Tagen. Dieses Bild passt entsprechend gut mit den Ergebnissen der standardisierten Haushaltsbefragung zusammen.

Sommerliche Hitze hat nicht nur Auswirkungen auf die Stimmung der Befragten, sondern führt auch zu Verhaltensveränderungen im Alltag der Befragten, die in Abbildung 2 dargestellt sind.
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Abbildung 2 Verhaltensänderungen an heißen Tagen (N = 8, Mehrfachantworten möglich)

Hitze wirkt sich insbesondere auf die Bewegungsgewohnheiten sowie auf das Ess- und Trinkverhalten der Befragten aus. Fast alle Befragten geben an, dass sie sich an heißen Tagen tendenziell weniger bewegen. Insbesondere als anstrengend wahrgenommene, bewegungsintensive Tätigkeiten werden von sieben Befragten in den frühen Morgen, in den Abend oder auf kühlere Tage verlegt (Kategorie „Verschiebung von Dingen“ in Abbildung 2). Sechs Personen berichten davon, dass sie an heißen Tagen generell weniger und vor allem weniger fettige, „schwere“ Mahlzeiten zu sich nehmen. Fünf Befragte sagen auch, dass sie selbst oder Personen aus ihrem Umfeld an heißen Tagen das Haus seltener als gewöhnlich verlassen und mehr Zeit drinnen verbringen:

„Das ist dann, wo ich mich wirklich zurückziehe, drinnen bleibe, Fenster sind zu und teilweise auch wirklich gar nichts mache.“ (B1)

Vereinzelt werden, ähnlich wie in der quantitativen Erhebung, gegenteilige Verhaltensänderungen erwähnt: So berichten zwei Befragte davon, dass sie an heißen Tagen mehr Zeit mit Menschen aus ihrem Umfeld verbringen, anstatt sich zu isolieren, oder sich mehr im Freien aufzuhalten und auch längere Strecken zu laufen, weil die Hitze als motivierend empfunden wird. Drei Befragte geben an, dass kalte Temperaturen und der Winter sich generell oder in bestimmten Situationen stärker negativ auf ihre Stimmung und ihr Verhalten auswirken als heiße Temperaturen.

4.2  Einschränkungen durch Hitze im Wohn- und Arbeitsumfeld
Bei der Frage nach der Einschränkung von Hitze differenziert nach Wohn- und Arbeitsumfeld fällt in der standardisierten Erhebung auf, dass sich die breite Mehrheit wenig oder kaum eingeschränkt fühlt (vgl. Abbildung 3). Dieses Bild wird durch die qualitativen Interviews ebenfalls gestärkt.
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Abbildung 3 Vergleich der gefühlten Einschränkung in % bei der Wohnsituation (N = 538) und am Arbeitsplatz (N = 286)

Bei den Einwohnerinnen und Einwohnern, die sich von Hitze (sehr) stark beeinträchtigt fühlen, ist es gerade der Arbeitsplatz, der überproportional häufig betroffen ist. Dieser Zusammenhang wurde in den qualitativen Interviews weitergehend vertieft: Im Hinblick auf das Wohnumfeld ist eine wiederkehrende Aussage der interviewten Personen, dass Eisenberg aufgrund seiner Waldnähe eine bezüglich Hitzebelastung günstige Lage aufweist. Sechs Befragte betonen, dass sie die Option, an heißen Tagen in den Wald zu gehen, als eine Strategie zur Reduktion der persönlichen Hitzebelastung nutzen. Zu Hitze äußert sich keiner der Befragten negativ in Bezug auf das öffentliche Wohnumfeld in Eisenberg.

„Ich […] könnte noch hinzufügen, dass Eisenberg durch seine Lage mit der Hitze vielleicht noch ganz gut zurechtkommt, weil wir dieses Mühltal haben, weil wir dieses Umfeld haben, wo jeder auch mal irgendwo reinflüchten kann. Das ist ein Riesenvorteil von dem Eisenberg.“ (B8)

Auch die Hitzebelastung im privaten, mikroräumlichen Wohnumfeld wird überwiegend als erträglich wahrgenommen. Die Aspekte, die sich hitzemildernd auf das private Wohnumfeld auswirken, umfassen beispielsweise Jalousien oder Klimaanlagen.

Sieben befragte Personen verfügen über einen Garten oder einen Balkon, der zum Aufenthalt an heißen Tagen genutzt wird. Fünf Befragte verfügen über ein eigenes Haus, was ebenfalls als hitzemildernd bezeichnet wird. Lediglich zwei Befragte beschreiben Hitze im privaten Wohnumfeld als relativ belastend, was mit ihrer hitzeexponierten Wohnlage begründet wird.

Als Ergebnis der standardisierten Befragung wird deutlich, dass rund die Hälfte (52,0 %) der Einwohnerinnen und Einwohner in Eisenberg in Wohnungen lebt, während die anderen in Einzel- (31,0 %), Doppel- (6,9 %), oder Reihenhäusern (6,6 %) leben. Deren Ausstattung geht aus Tabelle 2 hervor.
Tabelle 2 Ausstattungsmerkmale im Wohnbereich (N = 538)

Elemente Bau oder Grundstück

Prozent

Ausstattungsmerkmale der Wohnung/des Hauses

Prozent

Balkon

44,5

Ventilator

17,7

Terrasse

28,1

Klimaanlage

3,3

Laubengang

0,9

Vorhänge/Jalousien (innen)

65,1

Eigener Garten

45,8

Rollläden

49,6

Innenhof

23,4

Markise

18,1

Gemeinschaftlich genutzter Garten

8,8

  
Im Arbeitsumfeld werden von den Befragten verschiedene technisch-bauliche Aspekte, wie dicke Wände oder Kellerlage, sowie Maßnahmen vonseiten des Arbeitgebers genannt, die dazu beitragen, Hitzebelastung zu reduzieren. Zu den Maßnahmen des Arbeitgebers/der Arbeitgeberin gehören beispielsweise Jalousien, Klimaanlagen, Schutzmasken, die Bereitstellung von kostenlosem Trinkwasser oder die Flexibilisierung der Kernarbeitszeiten. Diese Maßnahmen werden von den meisten Befragten als ausreichend bewertet.

„Bei mir ist es so, ich arbeite in einem klimatisierten Raum. Deswegen spüre ich diese Wärme eigentlich nur, wenn ich jetzt außerhalb dieses Gebäudes unterwegs bin, und das bin ich beruflich eh selten.“ (B7)

Alle Befragten arbeiten hauptsächlich drinnen, wo Hitze meist nicht als Belastung empfunden wird. B1 berichtet jedoch von verminderter Leistungsfähigkeit, Schwierigkeiten, die Kinder zu motivieren und auch von Gefühlen der Besorgnis im Hinblick auf die Kinder im Schulumfeld an heißen Tagen. B9 erwähnt, dass Aufgaben, die im Freien erledigt werden müssen, an heißen Tagen ungleich belastender sind als seine sonstigen Bürotätigkeiten.

„Ich habe eigentlich immer im Büro gearbeitet. Dadurch war das nie so eine Problematik, weil im allerschlimmsten Fall hast du dir halt direkt so einen Ventilator ins Gesicht pusten lassen.“ (B9)

„Wenn natürlich irgendwie gerade Rasenmähen oder Gartenarbeit ansteht, dann ist es unerträglich eigentlich.“ (B9)

Sechs befragte Personen nehmen die Hitzebelastung bei der Arbeit als stärker wahr als in ihrem Wohnumfeld und in der Freizeit, wofür verschiedene Gründe aufgeführt werden (vgl. Abbildung 4). Die Befragten erzählen, dass es im Wohnumfeld einfacher ist, sich an die Hitze anzupassen, als im Arbeitsumfeld. So besteht im privaten Wohnumfeld beispielsweise eher die Möglichkeit, sich einen kühlen oder schattigen Aufenthaltsort zu suchen. Im Falle B2 bezieht sich dies auch auf ihre Arbeit im Homeoffice: Hier wird neben der Möglichkeit zur Verhaltensanpassung an Homeoffice-Tagen auch die gesparte Autofahrt als Vorteil der Arbeit von zuhause genannt, denn an heißen Tagen wird diese Autofahrt als sehr unangenehm empfunden.
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Abbildung 4 Gründe für eine stärker wahrgenommene Hitzebelastung im Arbeitsumfeld als im Wohnumfeld (N = 8, Mehrfachantworten möglich)

Unabhängig vom Wohnumfeld, wird die Möglichkeit zur Verhaltensanpassung in der Freizeit von fünf Befragten als Argument angeführt, wieso Hitze auf der Arbeit als stärker empfunden wird: In der Freizeit muss nichts geleistet werden und es besteht die Möglichkeit, sich im Freibad abzukühlen oder sich auf der Couch auszuruhen. Sechs der Befragten geben zudem an, bei Hitze mehr als sonst vor allem Lust auf als angenehm empfundene Tätigkeiten und Unternehmungen zu haben.

„Wenn man die Zeit findet, auch mal baden zu gehen oder vielleicht auch einen Urlaub hat, dann ist es auch schön, wenn es wirklich heiß ist.“ (B1)

Ein weiterer Grund dafür, dass Hitzebelastung bei der Arbeit von zwei Befragten als stärker empfunden wird als in der Freizeit, ist die Tatsache, dass die Befragten bei der Arbeit nicht nur für sich selbst, sondern auch für andere bzw. für das Aufrechterhalten der Produktion verantwortlich sind.

„Und dann ist es ja immer irgendwo belastender, wenn man eine Aufgabe hat und soll nun da also noch jetzt quasi für jemanden sorgen, und es ist warm.“ (B3)

Diese Aspekte können also dazu beitragen, das Antwortverhalten der quantitativen Befragung in Abbildung 3 zu verstehen.

Zwei Befragte erzählen, dass Hitzebelastung auf der Arbeit sie auch in der Freizeit beeinflusst, was sich in Form von erhöhter Erschöpfung und einem ruhiger als gewöhnlich gestalteten Feierabend äußert. B7 nimmt Hitzebelastung im Wohnumfeld stärker wahr als am klimatisierten Arbeitsplatz und stellt bei der Frage nach dem Vergleich zwischen der Hitzebelastung bei der Arbeit und im Wohnumfeld die einzige auffällige Ausnahme dar. Auch B9 berichtet, dass das generelle Klima im Wohnumfeld als unangenehmer empfunden wird als am Arbeitsplatz. Dies wird jedoch durch die beschriebenen, flexibleren Anpassungsmöglichkeiten an Hitze in der Freizeit und im Wohnumfeld ausgeglichen.


5  Diskussion
5.1  Auswirkungen von Hitze

Zu Beginn wurde vor dem Hintergrund der Literaturrecherche davon ausgegangen, dass Hitze überwiegend negative Effekte auf Personen in Eisenberg hat. Entgegen diesen Erwartungen berichten einige Befragte in den qualitativen Interviews auch von einer positiveren Stimmung bei Hitze. Dies bestätigen die quantitativen Ergebnisse, die zeigen, dass sich das subjektive Gesundheitsempfinden im Sommer für die Mehrheit der Bewohnerinnen und Bewohner nicht wesentlich ändert und ein geringer Teil der Befragten sogar von positiven psychischen Veränderungen wie höherer Motivation und Aktivität im Freien berichtet. Eine Erklärung für diese Ergebnisse könnte die im Hinblick auf Hitze überwiegend als angenehm bewertete Wohn- und Arbeitsumgebung der Befragten sein: So kann davon ausgegangen werden, dass Eisenberg als Kleinstadt weniger stark vom städtischen Hitzeinseleffekt betroffen ist als größere Städte (Heaviside/Macintyre/Vardoulakis 2017: 297). Natürliche Anpassungsfaktoren, wie vor allem die Waldnähe, scheinen das psychische Wohlbefinden an heißen Tagen positiv zu beeinflussen, wie es von mehreren Befragten explizit erwähnt wurde. Die Waldnähe wird von B8 auch im Vergleich zur vorherigen Wohnsituation in einer Region ohne Wald explizit als hitzemildernd empfunden. Im Vergleich zu den Befragten, die in einem Haus leben, berichten vor allem B7 und B9 von starker psychischer Hitzebelastung im Wohnumfeld. Sowohl das makro- als auch das mikroräumliche Wohnumfeld spielen also eine zentrale Rolle bei der Bewertung von Hitzebelastung.

Die negativen Auswirkungen, die im Zusammenhang mit Hitze von den Befragten sowohl in der quantitativen Befragung als auch in den qualitativen Interviews genannt werden, lassen sich sehr gut mit den Symptomen zusammenbringen, die im Rahmen der Literaturrecherche erwartbar waren: So wird das von vielen Befragten festgestellte Symptom der verminderten Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit auch in der Literatur mit Hitzewellen assoziiert (Kenny/Notley/Flouris et al. 2020: 244; Stalhandske/Nesa/Zumwald et al. 2022: 2531). Ein persönlicher Produktivitäts- bzw. Leistungsabfall an heißen Tagen hängt eng mit dem Aspekt der Prokrastination zusammen, den einige Befragte im qualitativen Interview im Kontext von Hitze nennen. Eine erhöhte Erschöpfung an heißen Tagen kann als eine mögliche Begründung dafür angeführt werden. Im Zusammenhang mit dem zunehmenden Arbeits- und Fachkräftemangel in Deutschland, durch den der Bedarf an produktiven Arbeitskräften steigt, ist die sinkende Produktivität am Arbeitsplatz an heißen Tagen oder eine mögliche hitzebedingte Arbeitsunfähigkeit problematisch. Die Schaffung von hitzeangepassten Arbeitsplätzen wird aus dieser Perspektive als entscheidende Maßnahme in der Literatur hervorgehoben (Kroll/Müters/Dragano 2011: 1).

Erwartungsgemäß passen alle Befragten ihr Verhalten an heißen Tagen gegenüber Tagen mit kühleren Temperaturen an. Hierbei werden insbesondere Bewegungsverminderung sowie Selbstisolation mit einer Abnahme des psychischen Wohlbefindens in Verbindung gebracht (Zhang/Chen/Chen 2023: 10). Eine Zunahme an Hitzewellen durch den Klimawandel kann diese Verhaltensänderungen insbesondere bei vulnerablen Bevölkerungsgruppen weiter verstärken. Verhaltensänderungen hingegen, wie vermehrte Waldspaziergänge oder Freibadbesuche, von denen die Befragten der quantitativen und qualitativen Erhebung auch erzählen, können sich positiv auf das psychische Wohlbefinden auswirken. In Eisenberg verfügt zudem fast die Hälfte der Befragten der quantitativen Befragung über einen Garten oder Balkon, der zur Abkühlung genutzt werden kann. Es kann auch hier vermutet werden, dass Personen, die in großen Städten und ohne Garten oder Balkon leben, vermehrt von für die mentale Gesundheit negativen Verhaltensänderungen an heißen Tagen betroffen sind, da öffentliche und private grüne Infrastruktur dort meist nicht in dem Ausmaß gegeben ist (Zorn/Schäfer/Kurmutz et al. 2021). Durch den Klimawandel steigende Temperaturen könnten also dazu führen, dass Kleinstädte wie Eisenberg als Wohn- und Arbeitsort gegenüber Großstädten an Attraktivität gewinnen werden. Dies könnte sich auch positiv auf das Stadtleben und die Wirtschaft in Eisenberg auswirken.

Insgesamt wird Hitze in Bezug auf das psychische Wohlbefinden der Befragten entsprechend sehr unterschiedlich bewertet. Es wird sowohl von negativen als auch von positiven Auswirkungen gesprochen, wobei beides maßgeblich mit dem mikroräumlichen (z. B. Unterscheidung Haus/Wohnung) und makroräumlichen (z. B. Waldnähe) Wohnumfeld zusammenhängt.

5.2  Hitze im Wohn- und Arbeitsumfeld

Im Fokus dieser Arbeit steht die Frage: Welche Auswirkungen hat Hitze auf das psychische Wohlbefinden am Wohnort und Arbeitsplatz von Menschen in Eisenberg? Wir stellen fest, dass Hitzebelastung von den Befragten der quantitativen Untersuchung und der qualitativen Interviews insgesamt im Arbeitsumfeld als stärker wahrgenommen wird als im Wohnumfeld und in der Freizeit. Der Hauptgrund, der hierfür in den vertiefenden Interviews genannt wird, ist, dass der Arbeitsplatz nicht über die gleiche mikroräumliche Flexibilität verfügt wie das Wohnumfeld. Während sich zuvor genannte Verhaltensanpassungen an heißen Tagen vor allem auf das Wohnumfeld und die Freizeitgestaltung beziehen, verändert sich der Arbeitsrhythmus der meisten Interviewten an heißen Tagen nicht oder nur geringfügig. In der Freizeit besteht vermehrt die Möglichkeit, kühle Räume aufzusuchen, sich auszuruhen oder hitzemildernde Orte im öffentlichen Raum, wie beispielsweise das Freibad, zu frequentieren, während bei der Arbeit unabhängig von der Außentemperatur das Arbeitspensum zu erfüllen ist. Selbstständig Arbeitende haben hier einen größeren Spielraum, ihren Arbeitsalltag an Hitzetage anzupassen: So berichtet B1, dass ihr selbstständig arbeitender Mann seine Arbeitszeiten an heißen Tagen flexibel gestalten kann.

Die benannte abnehmende Leistungsfähigkeit und -bereitschaft bei Hitze kann ebenfalls zu dem Wunsch führen, an heißen Tagen vor allem Tätigkeiten auszuüben, die als angenehm empfunden werden. So stehen auch die eingangs erwähnten positiven Assoziationen, die einige der Befragten im Hinblick auf Hitze benennen, vor allem im Zusammenhang mit als angenehm empfundene Freizeitaktivität, wie dem Gang ins Freibad oder dem Entspannen auf der Liege im Garten. Als weiterer Grund für die erhöhte Wahrnehmung von Hitzebelastung im Arbeitsumfeld gegenüber dem Wohnumfeld kann neben der Möglichkeit zur Verhaltensanpassung im Wohnumfeld auch die bessere Möglichkeit zur hitzeangepassten Raumausstattung angeführt werden: Im Wohnumfeld haben Personen, insbesondere die mit eigenen Immobilien, mehr Spielraum, sich mithilfe von technisch-baulichen Maßnahmen gegen Hitze auszurüsten. So geht aus der standardisierten Befragung hervor, dass ein großer Anteil an Personen in Eisenberg über Vorhänge, Jalousien, Markisen und Ventilatoren im privaten Wohnumfeld verfügt. Solche mikroräumlichen Anpassungsmaßnahmen können hier selbstbestimmt umgesetzt werden, während entsprechende Anschaffungen im beruflichen Umfeld vom Arbeitgeber getätigt werden müssen. Je nach Lage und Ausstattung des Wohnumfeldes kann die Arbeit im Homeoffice entsprechend zu einer im Vergleich zum geschäftlichen Umfeld geringeren Hitzebelastung beitragen. Der Befund, dass die Anpassung an Hitze im privaten Wohnumfeld im Allgemeinen einfacher ist als am Arbeitsplatz, deckt sich mit Erkenntnissen aus der Literatur (z. B. Pfaffenbach/Siuda 2012: 203).

Inwieweit das Wohnumfeld an heißen Tagen zur Erholung nach der Arbeit genutzt werden kann, trägt maßgeblich dazu bei, wie Hitzebelastung allgemein wahrgenommen wird (Schoierer/Mertes/Deering et al. 2021: 95). Dies wird von den Befragten bestätigt, die vor allem Aspekte der mikroräumlichen Ausstattung im Wohnumfeld (z. B. Vorhänge, Gärten, Ventilatoren) als hilfreich beschrieben, um das psychische Wohlbefinden an heißen Tagen zu steigern. Insbesondere eine schlechte Schlafqualität in Hitzeperioden kann mit der persönlichen Wohnsituation in Verbindung gebracht werden (Zhang/Chen/Chen 2023: 3), da das Entstehen von Schlafstörungen maßgeblich mit der nächtlichen Innenraumtemperatur zusammenhängt (Baumüller 2018: 41; Schoierer/Mertes/Deering et al. 2021: 96). Dass insbesondere die beiden Personen, die von einer in Hinblick auf Hitze suboptimalen Wohnumgebung berichten (B7 und B9), auch vermehrt von Schlafstörungen betroffen sind, ist also nicht überraschend. Darüber hinaus berichten vor allem B7 und B9 auch vermehrt von Hitzebelastung im Alltag generell. In einer Wohnung zu leben, erhöht also im Vergleich zum Leben in einem Haus die persönliche Hitzebelastung. Dies steht im Zusammenhang mit der Thematik der Umweltgerechtigkeit, denn es sind vor allem Menschen mit niedrigerem sozioökonomischem Status, die sich häufiger in im Hinblick auf Hitze unvorteilhaften Wohnsituationen wiederfinden (Fischer/Sinning 2022: 218). So sind Wohnungs- oder Hauseignerinnen und -eigner im Schnitt häufiger mit dem Raumklima ihrer Wohnung zufrieden als Mieterinnen und Mieter (Pfaffenbach/Siuda 2012: 201).

Die Wahrnehmung von Hitzebelastung im Wohn- und Arbeitsumfeld beeinflussen zusammen mit individuellen Faktoren (Alter, Gesundheitszuszand etc.) die individuelle Bewertung der generellen, alltäglichen Hitzebelastung. Hitzebelastung am Arbeitsplatz kann beispielsweise durch mikroräumliche Ausstattung, flexible Arbeitszeiten und Homeoffice reduziert und durch Arbeit im Freien verstärkt werden (Zorn/Schäfer/Tzschabran 2023). Hitzebelastung im Wohnumfeld kann beispielsweise durch mikroräumliche Ausstattung, persönliche Verhaltensanpassungen, Waldnähe, ein eigenes Haus und einen eigenen Garten reduziert und durch das Leben in einer Wohnung sowie eine (starke) Hitzebelastung im Arbeitsumfeld verstärkt werden.

Vor dem Hintergrund des anthropogenen Klimawandels, der die oben genannten Aspekte auch zukünftig weiter verstärken wird, ist davon auszugehen, dass vulnerable Gruppen, wie alte Menschen oder sozioökonomisch schwache Gruppen, auch zukünftig stärker psychisch und physisch durch Hitzewellen gefährdet sein werden. Dies ist für deutsche Kleinstädte, wie Eisenberg, besonders relevant, da das Durchschnittsalter hier oft höher ist als im Bundesdurchschnitt. Entsprechend sind gerade in Eisenberg Maßnahmen gegen Hitze sowohl im Wohn- und Arbeitsumfeld zentral, um alle Menschen vor Hitze zu schützen.

5.3  Limitationen

Insbesondere aufgrund der qualitativen Interviews muss festgehalten werden, dass die Stichprobe von acht Befragten zu klein ist, um gehaltvolle Ergebnisse daraus abzuleiten. Es kann hierbei entsprechend nicht der Anspruch sein, ein abschließendes Bild von psychischen Belastungen durch Hitzewellen im Wohn- und Arbeitsumfeld abzubilden. Es soll vielmehr darum gehen, ein Stimmungsbild herauszuarbeiten, das von zukünftigen wissenschaftlichen Untersuchungen aufgegriffen werden kann. Dies muss auch aufgrund der Tatsache erwähnt werden, dass die Befragten sich hinsichtlich ihrer Lebenswelt relativ ähnlich sind (z. B. überwiegend privilegierte Wohn- und Arbeitsverhältnisse). Etwa die Hälfte der Menschen in Eisenberg lebt in Wohnungen. Dieser Umstand wird in der qualitativen Befragung nicht ausreichend abgedeckt. Dadurch können sozioökonomische Unterschiede im Rahmen dieser Untersuchung nicht weiter vertieft werden. Die individuelle Vulnerabilität von Personen etwa durch Vorerkrankungen oder Alter kann ebenfalls aufgrund der geringen Zahl an Interviewpartnerinnen und -partnern nicht weitergehend analysiert werden. Auch andere relevante Aspekte, wie zum Beispiel die Berücksichtigung von Arbeitszeiten, Arbeitswegen und Arbeitsbedingungen würden den Rahmen dieser Untersuchung sprengen, sollten in weiteren Forschungsarbeiten aber aufgegriffen werden.


6  Schlussfolgerungen

In diesem Beitrag wurde das Thema „Psychisches Wohlbefinden im Kontext des Klimawandels unter Berücksichtigung der Arbeits- und Wohnsituation am Beispiel Eisenberg (Thüringen)“ systematisch bearbeitet. Hierfür wurde eine umfangreiche Literaturrecherche durchgeführt. Es wurden quantitative Befragungen mit insgesamt 548 Personen in Eisenberg (Thüringen) durchgeführt und ausgewertet. Anschließend wurden vertiefende qualitative Interviews mit acht Eisenbergerinnen und Eisenbergern geführt und im Rahmen einer inhaltlich-strukturierenden Inhaltsanalyse ausgewertet und interpretiert.

Insbesondere drei Ergebnisse sind im Rahmen der eingangs formulierten Forschungsfrage hervorzuheben: Erstens, die Ergebnisse bestätigen, dass Hitze das psychische Wohlbefinden in Eisenberg auf vielfältige Weise beeinflusst. Dieser Einfluss ist nicht ausschließlich negativ. Stattdessen kann Hitze die Stimmung heben und die Laune verbessern. Gleichzeitig resultiert anhaltende Hitze aber auch in Erschöpfung, Frustration und Leistungsabfall. Zweitens, Hitzebelastung wird am Arbeitsplatz als stärker empfunden als in der Freizeit und im Wohnumfeld. Eine flexible Verhaltensanpassung an die Hitze sowie die Möglichkeit zur selbstbestimmten mikroräumlichen Ausstattung im Wohnumfeld können hierbei als zentrale Gründe angeführt werden. Drittens, die makro- und mikroräumlichen Ausstattungen des Wohn- und Arbeitsumfeldes spielen eine zentrale Rolle in der Wahrnehmung von Hitzebelastung. So tragen beispielsweise Waldnähe, Klimatisierung, Gärten und die richtige Fensterausrichtung zu einer Reduzierung der wahrgenommenen Hitzebelastung bei, während beengende, hitzeexponierte Wohn- und Arbeitsverhältnisse die wahrgenommene Hitzebelastung verstärken können.

Im Hinblick auf die Forschungsfrage konnte also ein Zusammenhang zwischen Hitze und psychischem Wohlbefinden einerseits, sowie zwischen der Wahrnehmung von Hitzebelastung und der makro- und mikroräumlichen Ausstattung andererseits in Eisenberg festgestellt werden. Zwar trägt die kleine Größe der Stadt und das grüne Umfeld zu einer niedrigeren Wahrnehmung der Hitzebelastung bei, als sie in Großstädten erwartbar wäre, doch auch in Klein- und Mittelstädten ist im Kontext des anthropogenen Klimawandels zu erwarten, dass die physischen und psychischen Belastungen durch Hitze in der Bevölkerung zunehmen werden. Verstärkt wird diese Problematik nicht nur durch den Klimawandel, sondern auch durch gesellschaftliche Prozesse, wie zunehmende Alterung der Bevölkerung und die zunehmende soziale Ungleichheit in Deutschland.

Zunehmende Hitzewellen durch den anthropogenen Klimawandel könnten sich positiv auf das öffentliche Leben und die Wirtschaft in Eisenberg auswirken, da Kleinstädte dadurch an Attraktivität gewinnen könnten. Gleichzeitig ist davon auszugehen, dass Arbeit, die im Freien verrichtet werden muss, unattraktiver wird und das physische und psychische Wohlbefinden von vulnerablen Bevölkerungsgruppen durch den Klimawandel zunehmend gefährdet ist. Es ist entsprechend wichtig, dass Hitzeanpassungskonzepte auf allen politischen Ebenen erarbeitet werden, um möglichst alle Personengruppen vor Hitze im Wohn- und im Arbeitsumfeld zu schützen. Hierbei muss es vor allem darum gehen, Konzepte zum Schutz der Personen zu entwerfen, die in hitzeexponierten Wohnlagen leben oder sich aus finanziellen Gründen keine angemessene, hitzeangepasste Wohnungsausstattung leisten können.

Neben politischen Akteuren müssen vor allem Arbeitgeber verstärkt dazu angehalten werden, mikroräumliche Schutzmaßnahmen gegen Hitzebelastung am Arbeitsplatz zu ergreifen. Arbeitszeiten sollten flexibel an Hitze angepasst werden. Nicht zwingend erforderliche Arbeiten im Freien sollten auf kühlere Tage verschoben werden. Je nach Arbeits- und Wohnumfeld kann es auch sinnvoll sein, den Beschäftigten an heißen Tagen Homeoffice zu ermöglichen. Diese Maßnahmen können dazu beitragen, das psychische Wohlbefinden in der alltäglichen Lebenswelt von Personen zu steigern. Eine weitere wichtige Maßnahme sowohl auf politischer Ebene als auch seitens der Arbeitgeber ist es, die Bevölkerung dafür zu sensibilisieren, dass Hitze ein Risiko für das physische und psychische Wohlbefinden darstellen kann.

Daraus ergibt sich weiterer Forschungsbedarf dahingehend, wie sich Hitze auf verschiedene Bevölkerungsgruppen und in verschiedenen Wohn- und Arbeitsregionen auswirkt, sowie welche Maßnahmen dazu beitragen können, Hitzebelastung zu reduzieren: Beispielsweise wäre es aufschlussreich, vergleichbare qualitative Interviews in anderen Regionen und auch in größeren Städten durchzuführen und die Ergebnisse anschließend zu vergleichen. Auch ein systematischer Vergleich zwischen der Hitzebelastung während der Arbeit im geschäftlichen Umfeld und im Homeoffice könnte den Forschungsstand sinnvoll ergänzen. Eine weitere Forschung zu diesem Thema ist für politische Akteure auf allen Ebenen, insbesondere aber für Planungsprozesse auf kommunaler Ebene eine wichtige Grundlage.

Competing Interests  
The authors declare no competing interests.
Acknowledgement  
We would like to thank the reviewers for their detailed and helpful comments. We would also like to thank Matthias Hannemann and Annika Heßmer for coordinating the household survey as part of a course in the winter semester 2022/2023. We are also grateful to the geography students for their support in helping to collect and prepare the raw data.
Funding  
This work received no external funding.


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Fußnoten

1Vgl. auch https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1379151/umfrage/tropennaechte-euro-pa/#:~:text=F%C3%BCr%20Deutschland%20wird%20zum%20Beispiel,ZeitrZei%202041%20bis%202070%20prognostiziert (03.01.2025).
2https://statistik.thueringen.de/ (06.01.2025); https://www.bib.bund.de/DE/Fakten/Fakt/B19-Durchschnittsalter-Bevoelkerung-ab-1871.html (06.01.2025).
3https://rekisviewer.hydro.tu-dresden.de/viewer/steckbriefe/TN/16074018/000_GESAMT.pdf (06.01.2025).