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            <article-title xml:lang="de">Peer, Christian; Psenner, Angela (Hrsg.) (2024): Urbane Mixturen. Städtebau und Stadtplanung als relationales Handlungsfeld</article-title>
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      <p>Gemeinsamer inhaltlicher Fokus der insgesamt neun Beiträge in diesem Sammelband ist vorderhand die Nutzungsmischung als Merkmal von Stadtstrukturen und als Ziel von Städtebau, Stadtplanung und Stadtentwicklung. Damit greifen <italic>Christian Peer</italic> und <italic>Angela Psenner</italic>, beide von der Technischen Universität Wien, ein altes Thema der Stadtforschung auf und können hierfür in ihrem Editorial einige gute Gründe anführen, die sie schon im Titel des Buches „Urbane Mixturen“ signalisieren. Zum einen unterscheide sich das, was Nutzungsmischung in den Städten von heute ausmache, von früheren Ausformungen, zum anderen habe sich das fachliche Verständnis von räumlicher Planung, die Nutzungsmischung erhalten, gestalten oder erzeugen möchte, verändert. „Mixturen werden von uns Herausgeber*innen als konzeptionelle Ergebnisse architektonischer und planerischer Arbeit, als Netzwerke von Lebewesen und Dingen, als hybride raum-zeitliche sowie noch wenig bekannte Konstellationen aufgefasst, die in städtischen Kontexten situiert ihre Wirkung entfalten“ (S. 11).</p>
      <p>Mit „Urbane Mixturen“ wird ein sehr geräumiges und zugleich die Prozesse betonendes Konzept vom Gegenstand avisiert, das sich deutlich vom traditionellen Verständnis der Nutzungsmischung „als statisches und statistisches Mengengerüst“ (S. 11) absetzt. Entsprechend seien neben und anstelle von klassischer Zonierungsplanung und traditionellem Städtebau kollaborative Praktiken der Stadtentwicklung adressiert (S. 10). Die Beiträge in diesem Buch, so das Versprechen im Editorial, „befassen sich mit urbanen Mixturen, deren Veränderungsprozessen und der Rolle von Architektur und Stadtplanung“ (S. 18). Wer nun, wie der Rezensent, Beiträge aus Theorie, Empirie und Planungspraxis zum Thema „Nutzungsmischung 2.0 und ihre Planung 2.0“ erwartet, wird vielleicht etwas enttäuscht sein. Die Perspektive „Urbane Mixturen“ ist hier eher als eine dehnbare Interpretationsfolie zu sehen, vor der man die Beiträge auch deuten kann, aber nicht muss.</p>
      <p>Die Texte sind durchweg im akademischen Kontext an deutschen und österreichischen Hochschulen entstanden. Ansonsten sind die Beiträge in ihrer disziplinären Orientierung, in ihrem selbstgestellten Anspruch und Duktus sehr unterschiedlich.</p>
      <p>Die Erwartung, über neue Strategien zur Nutzungsmischung in Stadtentwicklung und Städtebau ins Bild gesetzt zu werden, erfüllt vor allem der informative Beitrag „Mischung ≠ Mischung. Nachhaltige Stadtentwicklung erfordert neue und vielfältige Formen urbaner Durchmischung“ von <italic>Dorothee Huber, Jan Ackenhausen </italic>und <italic>Ute Schneider. </italic>Ihr Fokus liegt auf den Potenzialen für eine neue Nähe zwischen Wohnen und Gewerbe, die die digitalisierte Produktion und Distribution eröffnen und die mit der Debatte zur „Produktiven Stadt“ verknüpft sind. In ihrem Beitrag werden die in dieser Perspektive neuartigen Stadtentwicklungskonzepte zur gewerblichen Entwicklung in Brüssel, London, Wien und Zürich skizziert. Des Weiteren werden außergewöhnliche städtebauliche Modellvorhaben aus eben diesen Städten vorgestellt, mit denen industrielle Arbeitsplätze wieder in die innere Stadt geholt wurden. Auf zukünftige Entwicklungen orientiert auch der konzeptionell überzeugend argumentierende Beitrag „Räumliche Mixturen. (Stadt‑)Räumliche Einschreibungen sozial-ökologischer Trennungs- und Vermittlungsverhältnisse in Zeiten der Corona-Pandemie“ von <italic>Tanja Mölders </italic>und<italic> Sabine Hofmeister</italic>. Am Beispiel des „home-office“ und „home-schooling“ sowie der Nutzung urbaner Freiräume gehen sie der Frage nach, wie „neuartige gesellschaftliche Raumverhältnisse“ (S. 224) das Leben in der Pandemie geprägt und verändert haben, was davon sich dauerhaft verfestigen und damit auch die Bedingungen und Ausprägungen zukünftiger „urbaner Mixturen“ ändern könnte.</p>
      <p>In drei bauhistorischen Tiefenbohrungen wird ausgelotet, welche Bestandsstrukturen zeitgenössische „urbane Mixturen“ begünstigen oder erschweren und welche Möglichkeiten es gibt, sich diese planerisch und gestalterisch zunutze zu machen. Die Mitherausgeberin <italic>Angela Psenner</italic> untersucht die „Wiener Zinshaustypen“ aus der Gründerzeit, dort von 1848 bis 1918 datiert, als „Ermöglicher und Treiber für städtische Mixturen“ (S. 59) und stellt hier die Unterschiede zwischen dem „seriellen Arbeiterzinshaus“ und dem „bürgerlichen Zinshaus“ heraus. <italic>Felix Bentlin</italic> typisiert die öffentlichen Plätze im Hobrecht-Plan für Berlin von 1862 – den Winkel- und Zwickelplatz, den Kreuzungs- und Boulevardplatz, den Hafen- und Uferplatz und schließlich den Quartiersplatz. Er legt dar, welche Bedeutung öffentliche Platzräume für die Ursprungsplanung hatten, wie und mit welchen Folgen deren Realisierung von der Ursprungsplanung abwichen und wie sich ihre Nutzung im Alltag über die Zeitläufte verändert haben. Dabei wird, wenig überraschend, vor allem auf die Motorisierung des Stadtverkehrs und dessen Folgen verwiesen. Damit ist auch der Bogen zum Thema „Urbane Mixturen“ geschlagen, insofern Größe und Zuschnitt der öffentlichen Räume mit darüber entscheiden, welches Mit- und Nebeneinander von Nutzenden und Nutzungen dort möglich ist. Schließlich zeichnet <italic>Maren Harnack</italic> am Beispiel der Frankfurter Nord-West-Stadt für den Gebietstyp der Großsiedlung nach, welche Metamorphosen das sogenannte Nord-West-Zentrum im letzten halben Jahrhundert durchlaufen hat. Reichlich mit privaten und öffentlichen Versorgungsangeboten ausgestattet, bildete es den ambitioniert geplanten Mittelpunkt der Siedlung, der auch Nachfrage von außerhalb anziehen sollte. Der Autorin liegt daran herauszuarbeiten, dass auch Großsiedlungen „urbane Mixturen“ bieten und keineswegs die monofunktionalen Wüsten sind, als die sie von Beginn denunziert wurden („Schlafstädte oder was?“, S. 126), und dass auch diese Mischungen sich immer wieder erneuern.</p>
      <p>Drei weitere Beiträge wenden sich je auf ihre Weise der Ideengeschichte der Nutzungsmischung zu. <italic>Daniela Zupan</italic> erarbeitet detailliert und materialreich heraus, wie sich über die letzten 50 Jahre das Ziel der Nutzungsmischung zu einem „Leitprinzip für Städtebau und Stadtplanung“ (S. 144) im deutschsprachigen Raum herausgebildet hat. Hierzu stützt sie sich auf eine umfassende Auswertung der programmatischen Planungsliteratur und von Interviews mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen. Im Ausblick betont sie, dass es heute Anlass genug gäbe, die gegenwärtig unbezweifelte Dominanz des Leitbilds, die von der kommunalen Planungspraxis bis zur supranationalen Stadtpolitik („Neue Charta von Leipzig“) reicht, infrage zu stellen.</p>
      <p>Methodisch-konzeptionell einen ähnlichen Weg beschreitet der Beitrag des Mitherausgebers <italic>Christian Peer. </italic>Sein Thema sind „transformative Experimente“. Gemeint sind „Urban Living Labs bzw. Living Labs, Realweltlabore bzw. Reallabore, Urban Transition Labs bzw. Transition Management und Nischenexperimente sowie alternative, bottom-up initiierte experimentelle Raumnutzungen“ (S. 178) als konstitutive Elemente einer „kooperativen Stadtentwicklung“. Hier geht es also nicht um neue, sich etablierende Ziele wie im Beitrag von <italic>Daniela Zupan</italic>, sondern um neue oder erneuerte Wege, diese Ziele zu erreichen, also etwa „neue urbane Mixturen“ zu initiieren und zu stabilisieren. Gestützt auf ein Phasenmodell konzipiert der Autor „transformative Experimente“ als „soziale Innovation“ und zeichnet nach, wie und in welchen Etappen sie sich durchgesetzt haben. Schließlich wirft er auf sie einen kritischen Blick, arbeitet deren Begrenzungen heraus und kommt aber doch zum Schluss, „dass transformative Experimente sowohl auf semantischen wie auch auf pragmatischen und institutionellen Ebenen auf dem Weg sind, als soziale Innovationen in der städtebaulichen Planung anerkannt zu werden“ (S. 188–189). Der Beitrag „Kritik der Mischung“ von <italic>Nikolai Roskamm</italic> will eine Art Metakritik des gesamten Mischungsdiskurses sein. Er nimmt einen sehr großen Abstand zu seinem Gegenstand ein, der es ihm erlaubt, einen gewaltigen Bogen zu spannen, vom städtebaulichen Fachdiskurs, der von Jane Jacobs bis zu den Städtebaudebatten innerhalb der Planerzunft Ende des letzten Jahrzehnts („Kölner Erklärung“ und die Folgen) reicht. Gleich mitabgehandelt wird die Debatte um „soziale Mischung“, die seit Jahrzehnten kommunale Sozialpolitik und Wohnungswirtschaft umtreibt und deren Ob, Wie und Warum die Stadtsoziologie immer wieder beschäftigt. Gleiches gilt für die Diskussion über die „Europäische Stadt“ und Manifestationen des Mischungsmotivs auf allen Ebenen von Planung und Politik, zugespitzt: vom städtebaulichen Einzelprojekt bis zur supranationalen Stadtpolitik. Allen, die sich hier abmühen, egal ob sie sich die funktionsgetrennte oder die funktionsgemischte Stadt auf ihre Fahnen geschrieben haben, und im Übrigen implizit auch allen Autorinnen und Autoren des Buches, hält er entgegen, dass sie letztlich nicht wissen, was sie tun. Denn sie alle könnten nicht den beiden Paradoxien der Mischung im Städtischen entgehen: Jede Stadt sei eine gemischte Stadt, sonst sei sie keine. Jede planerische Intervention, auch wenn sie auf Mischung abziele, verändere eine bereits gemischte Stadt. „Sie versucht etwas [die gemischte Stadt] herzustellen, in dem sie das, was sie eigentlich [die gemischte Stadt] herstellen möchte, ändert und beseitigt“ (S. 263). Die zweite Paradoxie jeder Mischungsbemühung liege darin, dass jede Vorstellung von Mischung Trennung voraussetze. „Das Mischen-Wollen impliziert eine vorher gedanklich durchgeführte Operation der Trennung“ (S. 263).</p>
      <p>Aus dem Tableau der Beiträge fällt der von <italic>Thomas E. Hauck, Beate Apfelbeck, Stefanie Hennecke, Christine Jakoby, Wiebke Reinert, Annette Voigt, Wolfgang W. Weisser </italic>zur „Planung von Städten als Orte der Co-Habitation“ deutlich heraus. Dort geht es um Wildtiere in der Stadt. Die Autorengruppe in Größe einer Handballmannschaft (Landschaftsarchitektur, Stadtökologie und Biologie) hält darin ein leidenschaftliches Plädoyer für „Animal-Aided-Design“ (AAD), einen methodischen Ansatz, mit dem die Belange von Wildtieren in städtischen Quartieren in den Mittelpunkt gerückt werden. Dabei geht es nicht nur um deren Schutz, sondern um ihre gezielte Ansiedlung, indem man Wildtieren, die man dort gern sähe, qualifiziert eine Umgebung bereitstellt, die ihnen behagt. Nun werden manche nach dem Bezug zu „urbanen Mixturen“ fragen. Aber warum sollte man bei einem sehr weit gefassten Verständnis von Nutzungsmischung in der Stadt nicht auch Wildtiere, denen es gut geht und die den Stadtbewohnerinnen und -bewohnern nicht schaden, als willkommene Ingredienzien „urbaner Mixturen“ gelten lassen?</p>
      <p>Ein Sammelband zur Nutzungsmischung, der vieles bietet: anwendungsorientierte Analysen zu „best practices“, bauhistorische Studien und ideengeschichtliche Abhandlungen. Nicht alles ist elegant geschrieben, mancher akademischer Verdunkelungsjargon verlangt einiges Stehvermögen, das aber meistens lohnt. Und wie es bei Sammelbänden nicht anders sein kann: Nicht alles wird alle Leserinnen und Leser ansprechen oder gar begeistern. Auch hier gilt, was der Theaterdirektor in Goethes Faust I mit auf den Weg gibt: „Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen.“</p>
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            <title>Vollständige bibliographische Angaben des rezensierten Werks:</title>
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         <p>Peer, C.; Psenner, A. (Hrsg.) (2024): Urbane Mixturen. Städtebau und Stadtplanung als relationales Handlungsfeld. Bielefeld: transcript. <ext-link xlink:href="https://doi.org/10.14361/9783839462362">https://doi.org/10.14361/9783839462362</ext-link>
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