Die Notwendigkeit eines tiefgreifenden Wandels gesellschaftlicher Verhältnisse ist wissenschaftlich unstrittig: Fossile Konsumgesellschaften überschreiten längst die ökologischen Belastungsgrenzen. Klima- und Biodiversitätsforschung sowie Ressourcendebatten verweisen seit Jahren auf das Überschreiten planetarer Grenzen. Dies realisiert sich in konkreten sozialökologischen Krisen, die jene Menschen und Regionen besonders treffen, die sie nicht verursacht haben. Ohne radikale Kursänderung steuern Gesellschaften auf eine Destabilisierung ökologischer und sozialer Systeme zu.
Der Übergang zu einer postfossilen, nachhaltigen Gesellschaft ist also zwingend. Doch dieser Wandel müsste schneller und umfassender erfolgen, als politische Systeme, Infrastrukturen und gesellschaftliche Routinen ihn aktuell ermöglichen. Hier zeigt sich die Spannung zwischen Dringlichkeit und Beharrung: Während wissenschaftliche Evidenz die Notwendigkeit tiefgreifender Transformation immer deutlicher hervorhebt, wirken viele gesellschaftliche Institutionen stabilisierend und führen in der Summe zu einem Weiter-So (Blühdorn 2020). Selbst in der Raumentwicklung, wo Nachhaltigkeit formell im Raumordnungsgesetz verankert ist, dominieren Strategien, die bestehende Raum- und Infrastrukturen nur graduell justieren, statt sie grundlegend zu transformieren. Transformation wird in dieser Logik nicht als gegenwärtige Aufgabe, sondern als Option für Zeiten nach der vermeintlich ‚akuten‘ Krise adressiert. Transformation wird in die Zukunft verschoben und währenddessen werden neue Pfadabhängigkeiten erschaffen.
Die Raum- und Planungswissenschaften sind in diese Dynamik unmittelbar eingebunden. Räumliche Planung ist ein ordnendes und koordinierendes Instrument und hat einen Entwicklungsauftrag. In Zeiten multipler Krisen tendiert sie möglicherweise besonders stark dazu zu bewahren, anstatt Neues zu wagen – mit der Folge, dass sie bestehende Muster stabilisiert, statt Räume für Transformation zu öffnen. Gerade deshalb lohnt es sich, den Blick auf die strukturellen Bedingungen zu richten, in denen Planung agiert.
Räumliche Planung gilt als Schlüsselinstanz für den Übergang zur Nachhaltigkeit: Sie soll Flächenverbrauch begrenzen, zugleich aber die Energie- und Verkehrswende ermöglichen, Wohnraum bereitstellen und sektorübergreifende Transformationspfade koordinieren. Jedoch liegt die Flächeninanspruchnahme über den politisch vereinbarten Zielen, die Wohnfläche pro Person wächst weiter und die Zahl der Pkw steigt trotz Verkehrswende kontinuierlich. Diese Befunde sind mehr als statistische Details. Sie markieren strukturelle Lock-ins, die zeigen, wie tief nichtnachhaltige Routinen in Alltagspraktiken verankert sind und spezifische Raum- und Infrastrukturen (re)produzieren. Diese Diskrepanz lässt sich nicht mit Appellen an effizientere und beschleunigte Planungsverfahren überbrücken. Sie verweist auf strukturelle Grenzen der Steuerbarkeit komplexer Transformationsprozesse.
Operiert Planung also mit dem Bild einer starken Steuerungsinstanz, während die Realität durch schwache institutionelle Kapazitäten und widersprüchlichen Zielvorstellungen geprägt ist? Knappe Personalressourcen in der planenden Verwaltung, sich dramatisch zuspitzende finanzielle Engpässe vieler Kommunen bei steigenden Investitionserfordernissen bilden die gegenwärtigen Rahmenbedingungen für räumliche Planung. Hinzu kommt ein sinkendes Vertrauen in staatliche Institutionen, das sich in politischen Polarisierungen, wachsendem Widerstand gegen planerische Vorhaben sowie einer verstärkten Infragestellung fachlicher Expertise niederschlägt. Dies steht in einem Widerspruch zu den Anforderungen komplexer Transformationsprozesse – etwa in Energie, Klima und Mobilität –, die Planung mit erhöhten Erwartungen an Koordinations- und Integrationsleistungen konfrontieren.
Aber allein auf die Ressourcen, Verfahren und Instrumente der räumlichen Planung zu blicken, reicht ebenso wenig wie technologische Innovationen. Die Nachhaltigkeits- und Transformationsforschung weist seit Längerem darauf hin, dass tiefgreifender Wandel nicht nur durch Neues, sondern auch durch das bewusste Loslassen des Alten entsteht (Kropp 2015). Exnovation – der gezielte Rückbau nichtnachhaltiger Raum- und Infrastrukturen sowie das Loslassen nichtnachhaltiger planerischer Ansätze – wird so zu einer zentralen Aufgabe. Transformation bedeutet unter diesen Bedingungen nicht nur das Lernen neuer Wege, sondern vor allem das Verlernen alter Gewissheiten. Der Begriff des Verlernens zielt auf die bewusste Aufgabe etablierter Routinen, hegemonialer Glaubenssätze und institutionalisierter Pfadabhängigkeiten (Bruns 2022). Für die räumliche Planung heißt das, nicht nur neue Instrumente, Leitbilder und Strategien zu entwickeln, sondern nichtnachhaltige Instrumente, Leitbilder und Strategien aktiv zu ersetzen.
Routinen können heute selbst zu Barrieren für Transformation werden, wenn sie bestehende Strukturen stabilisieren, anstatt Veränderung zu ermöglichen. Eine Praxis des Verlernens erfordert daher eine Organisationskultur, in der die planende Verwaltung systematisch die Lern- und Veränderungsbereitschaft fördert und offen gegenüber experimentellen Ansätzen ist. So verstanden wird Verlernen zu einer Bedingung für Exnovation – und zu einer Voraussetzung dafür, dass Planung Räume der Transformation tatsächlich eröffnen kann.
Transformative Stadtentwicklungsprojekte oder regionale Experimentierräume zeigen, dass und wie alternative Praktiken erprobt werden und suffiziente Lebensweisen möglich sind. Doch erstens bleiben solche Ansätze häufig randständig und werden nur selten in den Mainstream der räumlichen Planung integriert, weil es an einer strukturellen Einbettung fehlt. So verharren sie im Projektstatus, statt systematisch übertragen und skaliert zu werden. Dadurch bleibt, zweitens, ihr ermutigender Einfluss oft räumlich und zeitlich begrenzt: Oft verändern energieautarke Quartiere, verkehrsberuhigte Stadtteile oder multifunktionale Flächennutzungen zwar das unmittelbare Umfeld, aber verschieben den dominanten Pfad der Nicht-Nachhaltigkeit nicht wesentlich.
Während also die ökologischen Grenzen auf globaler Ebene rasch überschritten werden, entstehen Veränderungen meist langsam und räumlich begrenzt. Genau darin liegt die zentrale Anforderung an die räumliche Planung: Wie kann eine systemische Wirksamkeit entfaltet werden? Wie kann Transformation skaliert und beschleunigt werden?
Der Vorschlag von O’Brien, Carmona, Gram-Hanssen et al. (2023), Transformation „fraktal“ zu denken, bietet hierfür eine hilfreiche Perspektive. Skalierung bedeutet demnach nicht die lineare Ausweitung einzelner Projekte, sondern die Wiederholung und Verankerung von nachhaltigkeitsbezogenen Werten und Handlungsweisen auf unterschiedlichen Ebenen. Entscheidend ist, dass sich Muster nachhaltigen Handelns sowohl in alltäglichen Praktiken, in politischen Institutionen als auch in kollektiven Planungsprozessen widerspiegeln. Für die Raumwissenschaften ergibt sich daraus die Aufgabe, nicht nur technische oder instrumentelle Übertragbarkeit zu untersuchen, sondern dies mit der räumlichen Verankerung normativer Orientierungen und der Ausgestaltung von Handlungsspielräumen zusammenzudenken.
Für die Raumwissenschaften ergibt sich daraus die Aufgabe, nicht nur technische oder instrumentelle Übertragbarkeit zu untersuchen, sondern dies mit der räumlichen Verankerung normativer Orientierungen und der Ausgestaltung von Handlungsspielräumen zusammenzudenken.
Räumliche Planung steht vor einer großen Aufgabe: Sie vermittelt zwischen wissenschaftlichem Wissen, politischen Prioritäten und gesellschaftlichen Praktiken. Ob sie diese Position nutzt, um Transformation zu ermöglichen, oder zum Weiter-So beiträgt, ist eine Frage ihrer reflexiven Selbstverständigung. Nur wenn Planung ihre eigene Rolle kritisch befragt, kann sie der Spannung zwischen Dringlichkeit, Beharrung und Transformation gerecht werden. Und wenn es gelingt, diese Spannungen nicht als Defizit, sondern als Gestaltungsherausforderung zu begreifen, kann Planung ihre Rolle neu definieren: als Instanz, die Transformation nicht nur bloß beschwört, sondern praktisch organisiert und skaliert.
Literatur
| Blühdorn, I. (2020): Nachhaltige Nicht-Nachhaltigkeit. Warum die ökologische Transformation der Gesellschaft nicht stattfindet. Bielefeld. https://doi.org/10.14361/9783839445167-fm |
| Bruns, A. (2022): Verlernen lernen – eine intervenierende Forschungs- und Arbeitsweise in der Politischen Ökologie. In: Gottschlich, D.; Hackfort, S.; Schmitt, T.; von Winterfeld, U. (Hrsg.): Handbuch Politische Ökologie. Theorien, Konflikte, Begriffe, Methoden. Bielefeld, 571–580. https://doi.org/10.14361/9783839456279-059 |
| Kropp, C. (2015): Exnovation – Nachhaltige Innovationen als Prozesse der Abschaffung. In: Arnold, A.; David, M.; Hanke, G.; Sonnberger, M. (Hrsg.): Innovation – Exnovation. Über Prozesse des Abschaffens und Erneuerns in der Nachhaltigkeitstransformation. Marburg, 13–34. = Ökologie und Wirtschaftsforschung 99. |
| O’Brien, K.; Carmona, R.; Gram-Hanssen, I.; Hochachka, G.; Sygna, L.; Rosenberg, M. (2023): Fractal approaches to scaling transformations to sustainability. In: Ambio 52, 9, 1448–1461. https://doi.org/10.1007/s13280-023-01873-w |