In einer stark von Unsicherheiten geprägten Zeit erscheint die Zukunft mancher ländlicher Regionen Deutschlands als besonders ungewiss. Sowohl faktische als auch gefühlte Gegebenheiten haben sich in den letzten Jahren und Jahrzehnten verschlechtert. Die verfassungsmäßig verankerte „Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse“ steht infrage. Gleichwohl lassen sich in diesen strukturschwachen, ländlichen Regionen Gegenbeispiele zum Niedergang finden, zum Beispiel die gelungene Neunutzung alter Strukturen, die soziale Belebung von Stadt- und Dorfzentren. Wir untersuchten solche positiven Impulse auf der Grundlage qualitativer Erhebungen zu 14 innovativen, bürgerschaftlich getragenen Initiativen in sechs Bundesländern.
Diese Initiativen operieren in ganz unterschiedlichen Aktivitätsbereichen, lassen sich aber alle als „Soziale Orte“ (Vogel/Herbst/Kerker et al. 2024) verstehen. Durch die Untersuchung dieser Initiativen veranschaulichen wir das innovative Potenzial Sozialer Orte. Wir haben Personen befragt, die die Initiativen besonders gut kennen und sich für sie engagieren. Im Folgenden widmen wir uns der Frage, welche Leistungen sie den Initiativen zuschreiben und wie sie deren Potenzial einschätzen, ihr Umfeld und die Region positiv zu verändern. Auf dieser Basis fragen wir weiter, welche Eigenschaften der Initiativen es sind, die diese Effekte begünstigen.
In Kapitel 2 erläutern wir das Konzept der Sozialen Orte und setzen es in Bezug zu Innovation und ländlicher Entwicklung. In Kapitel 3 beschreiben wir das Vorgehen bei unserer empirischen Untersuchung und stellen die Beispielfälle vor. Kapitel 4 beleuchtet die Wirkungen der Initiativen auf die Lebensqualität und das soziale und demokratische Miteinander vor Ort sowie regionale und überregionale Effekte. Kapitel 5 fasst die Ergebnisse zusammen und zieht ein Fazit.
Das Soziale-Orte-Konzept (vgl. Kersten/Neu/Vogel 2022; Vogel/Herbst/Kerker et al. 2024) betont die Bedeutung Sozialer Orte als neue Infrastrukturen der Daseinsvorsorge, für gesellschaftlichen Zusammenhalt und Demokratie. In der Regel handelt es sich um physische Orte, an denen unterschiedliche Akteure zusammentreffen und gemeinsam an lokalen Herausforderungen arbeiten. Diese Akteure müssen nicht unbedingt eine intensive Gemeinschaft bilden, sie können durchaus im ‚sozialen Raum‘ verteilt sein, vorausgesetzt, es lassen sich gemeinsame Anliegen identifizieren (vgl. Tönnies 1935; Vogel 2024). Soziale Orte fördern nicht partikulare Interessen, sondern das Gemeinwohl. Sie sind integrativ, also niedrigschwellig zugänglich, sie schaffen lokale Öffentlichkeit und pflegen überregionale Kontakte. Häufig entstehen Soziale Orte aus einer Verlusterfahrung: Die Dinge funktionieren nicht mehr wie zuvor, wichtige, die eigene Lebensqualität oder die Zukunftsfähigkeit des Ortes betreffende Einrichtungen sind weggebrochen. Das gemeinsame Anliegen kann darin bestehen, etwas Neues über die bestehende Grundversorgung hinaus zu schaffen. In diesem Fall wird in der Literatur von „kreativen“ bzw. „proaktiven“ Initiativen gesprochen (Bosworth/Rizzo/Marquardt et al. 2016; Steiner/Calò/Shucksmith 2023), während Initiativen, die auf entstandene Notwendigkeiten reagieren, dort als „adaptiv“ bzw. „reaktiv“ bezeichnet werden. In beiden Fällen können innovative Ansätze eine Rolle spielen. Soziale Orte sind innovationsträchtige Orte, dadurch unterscheiden sie sich von verwandten Konzepten wie „Dritten Orten“ (Oldenburg 1999) oder „Begegnungsorten“ (Manthe 2024), die sich in erster Linie darüber definieren, dass Menschen dort in soziale Interaktion treten.
Unter Innovation versteht man heute nicht mehr nur neue Technologien und Produkte; sondern zunehmend auch soziale Innovationen. Diese können als zielgerichtete Verhaltensänderungen definiert werden, die es Menschen ermöglichen, ein sich ihnen stellendes Problem besser zu lösen als bisher (vgl. Howaldt/Schwarz 2010; Neumeier 2017: 35; Howaldt 2018). Soziale Innovationen erfordern nicht unbedingt materielle Ressourcen, hier kommt es auf menschliches Handeln an. Ländliche Regionen rücken dadurch wieder stärker in den Fokus der Innovationsforschung. Denn auch wenn sie oftmals mit großen wirtschaftlichen Herausforderungen konfrontiert sind, finden sich dort Menschen, die über Talente, Fähigkeiten und Qualifikationen verfügen und motiviert sind, diese für ihren Ort und ihre Region einzusetzen.
Auch bei Sozialen Orten lässt sich aus diesem Grunde ein innovativer Charakter vermuten. Sie speisen sich erstens maßgeblich aus bürgerschaftlichem Engagement, und dieses ist, laut Klein (2016: 101) „unauflösbar […] mit einem gestaltungsbezogenen Eigensinn und einer Orientierung auch an öffentlichen Anliegen und gemeinsinnigen Kriterien“ verbunden. Diese Eigenschaften machen bürgerschaftliches Engagement zur Ressource für soziale Innovationen. Das innovative Potenzial Sozialer Orte wird zweitens von der Vielfalt der Akteure aus verschiedenen Sektoren gestärkt. Das Soziale-Orte-Konzept greift die sektorale Unterscheidung auf, die ebenfalls in der Wohlfahrtsforschung (vgl. Evers/Laville 2004), der Regionalentwicklung (vgl. Pollermann 2021) und der Innovationsforschung (vgl. Etzkowitz/Leydesdorff 1995; Howaldt/Kaletka/Schröder et al. 2016: 12; Domanski/Kaletka 2018: 293) eine wichtige Rolle spielt. Intersektorale Zusammenarbeit gilt als förderlich für Innovationen, da hierdurch die je spezifischen Ressourcen, Handlungslogiken und Interessen der Akteure aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Zivilgesellschaft kombiniert werden.
Sowohl die Vielfalt der sektoralen Akteure als auch die Nutzung zivilgesellschaftlicher Potenziale stärken also den innovativen Charakter Sozialer Orte. Ein Sozialer Ort kann zudem selbst als eine soziale Innovation gelten, insofern lokale Akteure dort anders als bisher zusammenwirken und lokale Bedarfe anders und erfolgreicher bedienen als zuvor. Eine Innovation ist im Gegensatz zur Invention in der Regel keine Weltneuheit. (Soziale) Innovationen sind die lokale Verwirklichung eines Ansatzes, der dortige Probleme auf neue Art und Weise löst, egal, ob er anderswo schon etabliert ist oder nicht. Wenn neue Ansätze sich verbreiten, ist dies ein Prozess von Diffusion. Die innovative Idee muss aber an lokale Gegebenheiten angepasst werden. Weil die Voraussetzungen an jedem Ort anders und letztlich einzigartig sind, sprechen Dehne und Klie (2024: 436) in diesem Zusammenhang von „Kunst“ bzw. „Kunstfertigkeit“. Indem Innovationen diffundieren, tragen sie zu sozialem Wandel und regionaler Entwicklung bei (vgl. Howaldt/Schwarz 2010; Howaldt 2018).
Was eine Innovation ist und was nicht, entzieht sich der präzisen Messbarkeit. Das gilt für den innovativen Charakter von Initiativen bzw. Sozialen Orten. Zu jeder Zeit gibt es jedoch eine öffentliche Wahrnehmung und Expertenmeinungen dazu, welche Ansätze als innovativ zu bewerten sind. Über bürgerschaftliche Initiativen wird beispielsweise in lokalen und in überregionalen Medien Bericht erstattet, wenn sie Lösungen vorleben, die für das Publikum neuartig und daher interessant sein können. Die empirische Forschung zu Innovationen im ländlichen Raum bietet eine Orientierung (vgl. Jungsberg/Copus/Herslund et al. 2020; Nordberg/Mariussen/Virkkala 2020; Vercher 2022; Zerrer/Sept/Christmann 2022; Richter/Christmann 2023), genauso wie publizistisch orientierte Beiträge (Links/Volke 2009; Schubert/Hubert 2021). Viel diskutierte Beispiele für Innovationen auf dem Land sind etwa genossenschaftlich betriebene Dorfläden und Bürgerenergiegenossenschaften, Solidarische Landwirtschaft (SoLaWi), E‑Car-Sharing (ESC) und intergenerationale Wohnprojekte.
Innovative Initiativen auf dem Land wurden in den letzten Jahren verstärkt beforscht. So wurden etwa begünstigende Faktoren untersucht, die zum Gelingen von Initiativen beitragen. Christmann (2020: 233–234) nennt Impulse von außen, Unterstützung durch die angestammte lokale Bevölkerung, Vorhandensein einer Schlüsselfigur (optimalerweise institutionell am Ort verankert), ein Unterstützerkreis um diese Person herum, Schirmherrschaft durch lokale Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger sowie eine Vertrauen schaffende Kommunikation ins Umfeld der Initiative. Nordberg, Mariussen und Virkkala (2020) heben die Bedeutung einer starken lokalen Gemeinschaft hervor, deren geteilte Eigenschaften ihr ein koordiniertes Handeln ermöglichen. Auch Neumeier (2017: 40–41) betont die zentrale Wichtigkeit der lokalen Akteure, insbesondere deren Ressourcen und Beteiligungswillen.
Die Faktoren, die zum Gelingen innovativer Initiativen beitragen, sind nicht automatisch dieselben, die einen Einfluss dieser Initiativen auf ihr Umfeld begünstigen. Dies verdeutlicht die begriffliche Differenzierung zwischen Output, Outcome und Impact (Christmann/Sept/Richter 2024: 6), die in der Evaluation von Projekten Verwendung findet. Output steht für das direkte Ergebnis, die erstellten Produkte oder Leistungen. Outcome bezeichnet die zeitlich nahen und konkreten Folgen und Impact die zeitlich entfernteren und allgemeineren Folgen. Im Fokus der wissenschaftlichen Forschung zu innovativen Initiativen standen bisher primär die Bedingungen, die es ihnen erlauben, sich zu entwickeln und Output zu erzielen. Hingegen sind die Voraussetzungen, unter denen aus Output auch Outcome und Impact folgen, noch weniger erforscht (vgl. Christmann/Sept/Richter 2024). Im Folgenden greifen wir den Gedanken dieser Differenzierung auf, fassen aber Outcome und Impact unter dem Begriff Wirkungen zusammen. Diese Zusammenfassung erscheint uns sinnvoll, da die geleistete Arbeit der von uns untersuchten Initiativen keinen Endpunkt hat (von dem aus sich ein zeitlicher Abstand messen ließe), wie es bei einem Projekt der Fall wäre. Im Gegenteil zeichnet sich der Erfolg der Initiative durch Fortbestand und Kontinuität aus.
In der Literatur finden sich Beispiele zu Wirkungen bürgerschaftlicher Initiativen in unterschiedlichen Aktivitätsfeldern wie etwa bei Christmann, Sept und Richter (2024: 9–10): Sie zeigen für einen Coworking Space im ländlichen Brandenburg, wie eine ganze Region aus ihrem Dornröschenschlaf geweckt wurde („how an innovative social enterprise has contributed to awakening an entire region from its slumber“). Das Fallbeispiel habe überdies eine Strahlkraft über die Region hinaus (Christmann/Sept/Richter 2024: 10), ein überregionales Netzwerk ländlicher Gemeinschaftsorte sei initiiert worden. Analog dazu beobachten Zerrer, Sept und Christmann (2022: 323–324) eine regionale Diffusion von Ideen, ausgehend von gelungenen Fallbeispielen digital unterstützter sozialer Innovationen. Für Bürgerenergiegenossenschaften wird in Anspruch genommen, dass sie nicht nur Strom herstellen, sondern durch ihre Beteiligung positiv auf die Akzeptanz der Energiewende im Allgemeinen wirken (Klemisch 2021: 47). Es finden sich neben Erfolgsmeldungen aber mitunter eher verhaltene Aussagen: Noack und Federwisch (2020: 1036–1037) berichten von einem Erzählcafé, welches zwar punktuell positive Effekte erzielte, sich aber nicht ‚auf Dauer‘ stellen ließ und keine bleibende Wirkung auf den Ort ausübte. Für intentionale Gemeinschaften stellt Andreas (2013: 14–15) fest, dass sie zwar hochgradig innovativ und untereinander vernetzt sind, letztlich aber in ihren jeweiligen Regionen Inseln bleiben.
Ausbleibende Wirkungen können auf mangelnde soziale Akzeptanz, oder sogar Gegnerschaft zur Arbeit der innovativen Initiativen zurückzuführen sein. Denn Innovation bedeutet nicht nur Verbesserung, sondern immer auch Veränderung und damit Überwindung des Bestehenden („Exnovation“). Es gibt jedoch weitere Gründe, z. B. zu geringe Ressourcen (vgl. Christmann/Sept/Richter 2024). Ferner sollten die Erwartungen nicht unrealistisch hoch angesetzt werden; Christmann, Sept und Richter (2024: 18) argumentieren: „impact stands for effects that exceed the original context of the initiatives and manifest in the broader context of the community or society, such as in new development dynamics at the local or regional level. This is a challenging task for initiatives with, usually, little man- and womanpower.“ Bürgerschaftliche Initiativen werden ihre Region somit vermutlich nicht grundsätzlich verändern bzw. transformieren können. Dass es insgesamt aber noch wenig Forschung zur Wirkung bürgerschaftlicher Initiativen in strukturschwachen Regionen gibt, nehmen wir zum Anlass, uns auf die Spurensuche nach eben diesen zu begeben.
Die empirische Grundlage für diesen Artikel bilden Daten aus einer qualitativen Untersuchung von innovativen, bürgerschaftlich getragenen Initiativen in strukturschwachen, ländlichen Regionen in Deutschland.1 Mit dem Begriff der Initiative meinen wir das, was entsteht, wenn sich Menschen um ein geteiltes Interesse herum versammeln und gemeinsam handeln. Bürgerschaftlich heißt, dass es hauptsächlich Ehrenamtliche aus der Zivilgesellschaft sind, die die Dinge organisieren und gestalten. Beim Kriterium der Innovation orientierten wir uns für die Auswahl möglicher Initiativen zunächst daran, ob sie in der Öffentlichkeit bzw. Fachdiskussion als innovativ gelten (vgl. Kapitel 2.1). Um unsere Forschung auf strukturschwache Regionen zu fokussieren, haben wir uns auf Fördergebiete der Bund-Länder-Gemeinschaftsaufgabe „Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur“ (GRW) (Zeitraum 2022–2027) beschränkt.2 Welche das sind, wird auf Grundlage von Einkommen bzw. Produktivität, Unterbeschäftigung, demographischer Entwicklung und Infrastrukturausstattung bestimmt (vgl. Maretzke/Ragnitz/Untiedt 2019: 155–156). Die von uns untersuchten Initiativen erhalten selbst keine GRW-Förderung, aber sie agieren in den so gekennzeichneten regionalen Kontexten.
Bereich | Pseudonym | Leistungen und Angebote (Bundesland) |
|---|---|---|
Eher reaktive Initiativen: Entstandene Daseinsvorsorgelücken füllen | ||
Nahversorgung | Dorfladen | Sozialer Anlaufpunkt für die Dorfbevölkerung; Ladenlokal mit Auswahl an zumeist regionalen Waren und Veranstaltungs-Catering (NI) |
Dorfzentrum | Sozialer Anlaufpunkt für die Dorfbevölkerung; Räumlichkeiten für Veranstaltungen; Nahversorgung mit (möglichst) regionalen Waren (ST) | |
Nahrungsmittelproduktion | SoLaWi | Selbstgezogenes Gemüse, Obst und Kräuter (Bio) zu erschwinglichen Preisen; Vermittlung gärtnerischen Wissens (ST) |
Mobilität | E‑Car-Sharing 1 (ESC 1) | Bereitstellung von klimaschonenden E‑Leihwagen; ehrenamtlicher Fahrerservice für mobilitätseingeschränkte Personen. E‑Car-Sharing 1: Gelegentliche gemeinsame Fahrten zu kulturellen Veranstaltungen. E‑Car-Sharing 2: Nutzung auch durch Touristen (NI, BB) |
E‑Car-Sharing 2 (ESC 2) | ||
Ortsentwicklung / öffentlicher Raum | Haussanierung | Denkmalgerechte Sanierung eines historischen Fachwerkhauses; geplant ist, es mit Café und Ferienwohnungen zu bewirtschaften (Initiative im Aufbau) (NI) |
Ladenfenster | Schaufenster von vakanten Ladengeschäften werden dekoriert bzw. Vereinen, Schulen etc. zur Gestaltung angeboten (NI) | |
Eher proaktive Initiativen: Den Status quo um Neues erweitern | ||
Bildung und Kultur | Kulturverein | Durchführung von handwerklichen und künstlerischen Veranstaltungen und Kurse für Menschen aller Altersgruppen und Herkünfte; Naturerfahrung für Kinder (MV) |
Kulturhof | Erhalt eines historischen Baudenkmals; kulturelle Angebote (TH) | |
Umweltbildungsstätte | Austragungsort für kulturelle Aktivitäten; Kurse und Freizeiten im Bereich Umweltbildung und (Sozial‑)Pädagogik, z. B. für Schulklassen und sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche; ökologischer Anbau in kleinem Maßstab (BB) | |
Energieerzeugung | BEG 1 | Aufbau und Betrieb von Photovoltaik-Energieerzeugungsanlagen; im genossenschaftlichen Eigentum von Privathaushalten aus der Region (und darüber hinaus) (beide NI) |
BEG 2 | ||
Gemeinschaftliches Wohnen | Wohnprojekt | Umweltbewusste Sanierung eines historischen Bauwerks; Aufbau einer generationenübergreifenden Wohn- und Lebensgemeinschaft; Schaffung von dauerhaft erschwinglichem Wohnraum (HE) |
Siedlung | Bau von Wohngebäuden und Gemeinschaftsräumen; Aufbau von Strukturen der Selbstverwaltung als Nachbarschaftskollektiv; generationenübergreifende Wohn- und Lebensgemeinschaft; integrative Wohnangebote an Geflüchtete; vergünstigter Wohnraum bei Bedarf (NI) | |
Der Auswahl war eine breite Recherche vorangegangen, die neben den oben genannten Kriterien auch diejenigen Merkmale berücksichtigte, die wir mit Sozialen Orten verbinden (vgl. Vogel/Herbst/Kerker et al. 2024: 1–2). Wir wählten diejenigen Initiativen als Untersuchungsfälle aus, welche die erstgenannten Kriterien erfüllten und gleichzeitig die Soziale-Orte-Merkmale am deutlichsten aufwiesen: Sie verfolgen übergeordnete gesellschaftliche Ziele und richten sich am Wohlergehen der Einheimischen aus. Sie sind getragen von Engagierten aus der lokalen Bevölkerung, wobei auch Beiträge und Beziehungen zum öffentlichen Sektor sowie zur lokalen Wirtschaft zu finden sind. Ferner wurde auf das Kriterium der Integrativität Wert gelegt, obwohl dieses, wie wir sehen werden, nicht überall erfüllt werden konnte.
Unsere Informationen zu den ausgewählten Fällen stammen aus unterschiedlichen Quellen, die wichtigsten sind von uns durchgeführte Interviews mit Personen aus den Initiativen. Der Zugang gestaltete sich herausfordernd, da die Zeit der Engagierten begrenzt ist und unsere Interviewanfrage eine zusätzliche Anforderung darstellte. Aus dieser Situation ergab sich ein methodisch heterogenes Vorgehen. So entstanden in manchen Fällen spontane Gespräche oder Situationen, die als Gruppendiskussion verstanden werden können. Das Ergebnis ist eine Datenbasis aus 17 leitfadengestützten, halbstrukturierten Interviews mit ein bis zwei Personen und drei Gruppendiskussionen mit fünf bis acht Personen, die in den Jahren 2023 und 2024 geführt wurden. Angereichert und kontextualisiert wurde dieses Material mit öffentlichen Darstellungen über die Arbeit der Initiativen aus Internet und Presse, verfasst von Dritten oder von den Initiativen selbst. Dieses Zusatzmaterial und die transkribierten qualitativen Interviews wurden mit Rückgriff auf das Verfahren der inhaltlich strukturierenden Inhaltsanalyse (vgl. Kuckartz/Rädiker 2022) ausgewertet, um der Frage nachzugehen, welche Wirkungen die Initiativen vor Ort entfalten.
Schwerpunktmäßig spiegelt das von uns erhobene Material die subjektive Perspektive der Befragten wider. In der Auswertung erfolgte eine Kontrastierung des Interviewmaterials mit externen Quellen und Beobachtungen, die wir bei unserer Begehung eines Teils der Initiativen gemacht haben. Dass die Sicht der engagierten Akteure im Mittelpunkt steht, könnte für die Ergebnisse in dem Sinne eine Verzerrung bedeuten, dass sie das Erreichte möglichst positiv sehen wollen, um Selbstwirksamkeit zu spüren, oder aber nach außen positiv darstellen wollen, etwa um weitere Ressourcen für ihre Initiative zu mobilisieren (Förderung, Mithilfe). Dem entgegenzuhalten ist, dass die Befragten mit uns als Privatleute sprechen, sie hängen selbst nicht von den Initiativen ab und können es sich leisten, offen zu sprechen. Dies zeigte sich auch in den Interviews, die sie als Gelegenheit für eine kritische Reflexion zu nutzen schienen.
In diesem Kapitel beleuchten wir die Effekte der untersuchten bürgerschaftlichen Initiativen. Zunächst fokussieren wir die Bedeutung der direkten Leistungen (Output) für die Lebensqualität vor Ort (Kapitel 4.1). Anschließend wenden wir uns deren indirekten bzw. nachgelagerten Wirkungen (Outcome, Impact) zu: Kapitel 4.2 betrachtet den sozialen und gesellschaftlichen Mehrwert. Kapitel 4.3 fragt: Stoßen unsere Untersuchungsfälle neue örtliche Initiativen in anderen Bereichen an oder gar über die eigene Region hinaus?
Einige der untersuchten Initiativen reagieren mit ihren Aktivitäten auf die Ausdünnung des Bus- und Bahnverkehrs, den Niedergang des öffentlichen Raums und des Rückgangs des lokalen Einzelhandels in der Provinz. Ihre Ansätze sind gleichwohl innovativ: das Teilen von Gebrauchsgegenständen beim E‑Car-Sharing, die gemeinwirtschaftlich-genossenschaftliche Selbsthilfe bei der Nahversorgung in Dorfladen und Dorfzentrum, die kreative Zwischennutzung leerer Geschäfte.
Auch die solidarische Landwirtschaft kann man zu den Initiativen zählen, die etwas Verlorenes zurückbringen. Die Herkunft, Qualität und Produktionsweise von Lebensmitteln im Supermarkt sind für Konsumentinnen und Konsumenten schwer einschätzbar, oder sie sind mit Bio-Label versehen und oftmals hochpreisig. Darauf antworten solidarische Landwirtschaften mit einem innovativen Vermarktungsmodell, bei dem die Abnehmerinnen und Abnehmer in direktem Kontakt zum Erzeuger sind, teilweise sogar selbst mitarbeiten. Dabei wird ihnen von gelernten Gärtnerinnen und Gärtnern, die in Teilzeit für die solidarische Landwirtschaft arbeiten, Wissen vermittelt und in gewisser Weise gleichzeitig ein Stück Lebensmittelautonomie zurückgegeben.
„Wir wollten regionale Produkte, handwerklich gefertigt. Und da haben wir lange nach gesucht und erst in [Dorf] sind wir fündig geworden, der bereit war, mit uns zusammenzuarbeiten. Und die Ware ist super. Und das sagen uns die Kunden auch und die Kunden kommen auch wegen dieser Ware.“ (Interview Dorfladen)
„Ich hätte auch gedacht, dass […] die Dorfbewohner vermehrt auf den Laden dann zurückgreifen. Aber auch das ist nicht unbedingt zu beobachten. Natürlich kommen die Leute, kaufen ihr Brot, ihr Brötchen hier, was natürlich auch gut ist, aber alles andere bleibt mehr oder weniger ein Mitnahmeprojekt. Also Mitnahme, ich nehme mal eine Wurst mit. […]“ (Interview Dorfladen)
Dies setzt die Initiative unter ökonomischen Druck und bremst ihre weitere Entwicklung. Denn, „wenn wir Gewinn machen würden, dann würden wir es auch wieder in den Laden investieren. Das ist gar nicht die Frage. Aber erstmal müssen wir dahin kommen, dass wir wenigstens keine Verluste machen“ (Interview Dorfladen). Das im Vergleich zum Dorfladen hinsichtlich Aktivität, Umsatz und Kundenstamm deutlich größere Dorfzentrum hat zwar höhere Einnahmen, aber auch höhere Ausgaben. Auch hier werden Personal- und Energiekosten als schwierige Rahmenbedingungen genannt, die dazu führen, dass in den letzten Jahren der Gewinn nicht stieg, auch wenn mehr Umsatz gemacht wurde.
„Es ist so, man gibt den alten Menschen, indem man sie fährt. Aber man bekommt da auch etwas zurück. Nämlich das Gespräch und das Glänzen der Augen, dass man da etwas Gutes tut. Die freuen sich, dass man sie fährt. Und dass sie sich auch mit uns unterhalten können.“ (Interview ECS 1)
„Aber das Ergebnis […] meines [ersten Schaufensters], hat mich derartig beeindruckt, dass ich gesagt habe, es muss weiter gehen. Und dann ging es auch weiter […]. Dann kam eins nach dem anderen. Dann hatten wir irgendwann mal über 35 […] verschönerte Läden. […] 30 davon sind wieder vermietet. Ob jetzt durch uns oder ob sie sowieso wieder vermietet werden würden, das lässt sich nicht beweisen.“ (Interview Ladenfenster)
Auch wenn die befragte Person nicht genau weiß, welchen Einfluss ihr Engagement auf die Wiedervermietung der Ladengeschäfte hatte, so stellt sie doch einen Zusammenhang zwischen ihrer Arbeit und der neuen Nutzung dieser gewerblichen Potenziale her.
Zu den Initiativen, deren Aktivitäten wir als Erweiterung gegenüber einer Normalversorgung ländlicher Räume begreifen, wollen wir die Bildungs- und Kulturinitiativen, die Wohn- und Lebensgemeinschaften und die Bürgerenergiegenossenschaften zählen.
Der Kulturverein bietet eine organisationale Struktur, in der insbesondere handwerkliche und künstlerische Kurse und Veranstaltungen angeboten werden. Die Anleiterinnen und Anleiter sind aus der Region oder Gäste von außerhalb. Der Bevölkerung werden damit hochwertige Angebote gemacht, für die sonst weite Strecken in Ballungszentren gefahren werden müssten. Die Formate richten sich an Menschen aller Altersgruppen und Herkünfte, aber besonders an Kinder. Unsere Gesprächspartnerin will „Kinder befähigen, sich selbstwirksam zu fühlen. […] Ich glaube, mit dem [Spielplatzprojekt] hat sich ganz viel geändert. […] Die Leute im Dorf sind super stolz“ (Interview Kulturverein). Dass der örtliche Kulturverein tatsächlich einen Unterschied macht, spiegelt sich in folgender Überlegung unserer Gesprächspartnerin wider: „Wenn wir das jetzt nicht weiterführen, was heißt denn das für die Kinder hier? Was heißt denn das für die Zukunft?“ (Interview Kulturverein). Dieses Verantwortungsgefühl überwiegt die zeitlichen und kräftemäßigen Belastungen, welche für die Ehrenamtlichen umso höher werden, je stärker das Angebot der Initiative nachgefragt wird.
„Ja, ist wie Medizin. Und so haben die das alles empfunden. Und diese Freiheit auf dem Hof und dass man dann hinten zu den Ponys gehen durfte und auch alleine, ohne Lehrer. Das waren einfach richtig gute Ansätze.“ (Gruppendiskussion Umweltbildungsstätte)
Die Aktiven betreiben ferner Biolandbau und haben im Rahmen eines Flächenausgleichprojekts mit Landesgeldern Hecken und Obstbäume gepflanzt. Eine Funktion für das Dorf hat der Hof als gelegentlich geöffnetes Café und Treffpunkt. All dies ließ in letzter Zeit etwas nach, teilweise aufgrund des inzwischen hohen Alters der Aktiven. Die Übergabe der geschaffenen Strukturen an eine neue Generation gestaltet sich schwierig, da niemand dafür bereitsteht. Es spielen andererseits auch kulturelle Faktoren eine Rolle (vgl. Kapitel 4.2).
„So, ich sag mal, auch die Akzeptanz ist ja eine andere, nicht? Wenn ich jetzt aus dem Küchenfenster gucke und gucke auf ein Windrad und da geht das Geld nur weg und ich ärgere mich nur darüber, dass ich die Geräusche habe oder den Schattenschlag, wie auch immer. So […] aber andersrum, ich sehe das doch ganz anders, wenn ich daran beteiligt bin. Selbst wenn ich nur eine minimale Marge dran an Gewinn erziele, aber zumindest, das ist meine Mühle, nicht?“ (Interview Bürgerenergiegenossenschaft 2)
Die beiden Bürgerenergiegenossenschaften in unserer Auswahl sind, wie die meisten in Deutschland, junge Initiativen. Beide haben aber schon ein größeres Flächen-Photovoltaik-Projekt und mehrere kleine Photovoltaik-Anlagen auf öffentlichen Gebäuden realisieren können. Sie schildern das Problem, dass im Kontext weggefallener Förderungen bzw. der gesunkenen Einspeisevergütungen dieses Modell nicht sehr rentabel ist, sodass in den nächsten Jahren noch kaum monetäre Ausschüttungen an die Mitglieder geleistet werden können. Die Idee, die Wirtschaftskraft der Haushalte in der Region zu stärken, realisiert sich bis auf Weiteres nicht. Gleichwohl werden konkrete Beiträge zur Energiewende geleistet.
Die beiden Wohn- und Lebensgemeinschaften organisieren sich um ein Grundbedürfnis: das Wohnen. Das Wohnprojekt zielt darauf ab, dauerhaft kostengünstigen Mietraum zur Verfügung zu stellen. Hierfür wurde ein historisches Gebäude hergerichtet. Die Siedlung hat in einem peripheren Landstrich, der wegen Zuzug gleichwohl unter Wohnraummangel leidet, auf einer Freifläche neuen Wohnraum geschaffen. In begrenztem Maße spielen hier Solidaritätsstrukturen eine Rolle, die Wohnen auch für weniger zahlungskräftige Haushalte ermöglichen. Die Initiativen sind beide generationenübergreifend und haben sich beim Bauen an hohen bzw. sehr hohen ökologischen Standards orientiert. Über das Wohnen an sich hinaus geht es diesen Initiativen besonders um das „Wie“: Es steckt ein Element von gelebter Utopie und Gesellschaftsexperiment in diesen Initiativen, wie im folgenden Kapitel noch weiter ausgeführt wird.
Allen von uns betrachteten Initiativen ist gemein, dass ihre Effekte weit über ihren Output, also die primär erbrachte Leistung, hinausgehen. Während sie etwa Nahrungsmittel erzeugen oder Elektroautos vermieten, stellen sie zugleich eine Ressource für das örtliche Zusammenleben dar. Wie im Folgenden gezeigt wird, betrifft das sowohl den Aspekt der Vergemeinschaftung im Sinne sozialer Nahbeziehungen als auch den der Vergesellschaftung im Sinne einer Einbeziehung in den demokratischen Meinungsaustausch (vgl. Tönnies 1935).
„Erstmal ist es wirklich eine Beobachtung, dass hier in dem Genossenschaftsprojekt sich vor allen Dingen Zugezogene angesprochen fühlen und ich glaube, das liegt einmal daran, ja, wir sind, wir sind offen für jemanden, der neu hierher zieht nach [Kleinstadt], ist es eine ganz einfache Möglichkeit, Anschluss zu finden, sich einzubringen.“ (Interview Haussanierung)
Der Wunsch, einander zu begegnen und sich zu vernetzen, ist ein zentrales Motiv, um sich in einer bürgerschaftlichen Initiative zu engagieren. Es kommt allerdings auf die Natur der Initiative an, ihren Aktivitätsbereich und ihre Außendarstellung. Davon hängt ab, wer Angebote nutzt oder sich aktiv einbringen möchte. Dieser soziale Mehrwert trägt und stabilisiert bürgerschaftliche Initiativen. Dementsprechend unterscheidet sich die Wirkung der Initiative auf die lokale Gemeinschaft.
„Wichtig war von Anfang an, es muss ein Treffpunkt sein, also ’nen Café muss dazu sein, es darf nicht nur eine reine Verkaufsstelle sein. Und dieser Kommunikationspunkt, den wir damals geschaffen haben, der ist bis heute […] sehr, sehr, sehr gut besucht und die Leute treffen sich da und wir haben viele junge Familien, die hierher gezogen sind, da trifft sich Jung und Alt, das klappt gut. Und in der Küche kocht Jung und Alt, aber insbesondere, das ist der Schwerpunkt auch unseres wirtschaftlichen Erfolges.“ (Interview Dorfzentrum)
„Und ich denke, dass viele nicht so richtig wissen, was wir machen eigentlich, weil sie nicht unsere Zielgruppe sind. […] Und natürlich ist es so, dass sie Vorstellungen haben, wie gemäht eine Wiese sein muss, die wir nicht erfüllen. […] ich glaube, die Probleme mit unserem Verein sind gekommen, als wir eine queere Koordinatorin hatten.“ (Interview Kulturverein)
Für manche Einwohnerinnen und Einwohner sind innovative Initiativen zum Teil von ihren Zielen und ihrem Stil her ungewohnt, was zu einer gewissen Distanz führt. Die Aktiven kommen nicht selten aus der Großstadt oder haben zumindest längere Zeit in einer gelebt. Je nach ihren persönlichen kommunikativen Kompetenzen und ihrer Kompromissbereitschaft gelingt es ihnen, die kulturelle Kluft zu überbrücken – oder eben nicht. Im Fall der Umweltbildungsstätte wird ein gewisser Konflikt zwischen Initiator und Dorfbevölkerung berichtet, die sich von einem Städter nicht sagen lassen möchte, wie man ökologisch zu leben habe. In diesem Fall treten Differenzen auf, welche die Wirkung der Initiative tatsächlich hemmen. Wie schon erwähnt, kommen inzwischen weniger Einheimische auf den Hof als am Anfang.
„[Für] uns ist es natürlich schön, wenn sie einen Beruf mitbringen, wo man das Know-how direkt am Bau verwerten kann. Aber das ist ja überhaupt nicht Voraussetzung. Es gibt auch Menschen, die bringen uns einfach auf dem Bau das Wasser vorbei, damit wir genug zu trinken haben. Oder die bringen mal einen Kuchen oder ein Brötchen vorbei. Oder kommen auch einfach nur gucken ‚Na, wie läuft’s denn, wie geht es, was macht ihr, wo steht es, wie geht es.“ (Interview Haussanierung)
Jedoch gelingt es im Gegensatz zu den Zugezogenen kaum, die angestammten Ortsansässigen für die Initiative zu gewinnen. Diese sind bereits stark eingebunden in familiäre Beziehungen und in traditionelles Vereinsengagement (vgl. Schubert 2018: 380).
Für die Teilnahme an einer Bürgerenergiegenossenschaft muss eine finanzielle Hürde überwunden werden. Ein gewisses wirtschaftliches und technisches Hintergrundwissen wirkt sich ebenfalls begünstigend auf die Entscheidung zur Teilnahme aus und es braucht Zeit, sich mit allen aufkommenden Fragen auseinanderzusetzen. Das typische Mitglied ist männlich, gebildet, vermögend und älter (Drewing/Glanz 2020: 283; Radtke/Bohn 2023). Über einen Kern von Engagierten hinaus findet eine weitgehende Vergemeinschaftung durch Teilnahme an der Bürgerenergiegenossenschaft eher nicht statt. Genossenschaftsmitglieder müssen einander nicht häufig begegnen, um die Ziele der Genossenschaft zu unterstützen.
„Also so ein paar Sachen haben komischerweise immer übereingestimmt. So die politische Ausrichtung, wobei wir jetzt alle nicht so superpolitisch sind. Und auch der Wunsch, sich enkeltauglich zu verhalten, sich hier ökologisch, also einigermaßen saisonal, regional und ökologisch zu ernähren.“ (Interview Wohnprojekt)
Auch die Siedlung macht zunächst einen in diesem Sinne homogenen Eindruck, sie ist ebendiesem sozial-ökologischen bis anthroposophischen Milieu zuzuordnen, was eine soziale Schließung impliziert. Gleichzeitig öffnet sie sich jedoch für andere Milieus: Es wohnen mehrere Familien mit Fluchthintergrund in der Siedlung und erhalten durch sie Unterstützung, in der deutschen Gesellschaft anzukommen. Nicht immer gelingt dieses Zusammenleben dauerhaft. Kulturelle Differenzen sind eine von mehreren Konfliktquellen, welche die Siedlung in den letzten Jahren auf die Probe stellen. Weitere zu nennende sind politische Differenzen um die Covid-19-Pandemie und den Krieg in der Ukraine. Unsere Gesprächspartnerin beobachtet: „Die Konflikte, die es in der Gesellschaft aktuell gibt, bilden sich auch bei uns nach. Der Unterschied ist, dass wir uns versprochen haben, dass wir weiterhin miteinander reden“ (Interview Siedlung). Da man ein gemeinsames Anliegen hat und in alltäglichen Austauschbeziehungen steht, bleibt man also auch über politische Differenzen hinweg im Gespräch. Dieser Aspekt wird im Folgenden noch näher betrachtet.
Durch eine konkrete Aktivität der Daseinsvorsorge, die an verschiedene Milieus, politische Sichtweisen und Weltbilder anschlussfähig ist, entsteht in den beobachteten Initiativen die Notwendigkeit, sich abzustimmen – kurzum mit unterschiedlichen Menschen und Perspektiven in Interaktion zu treten. Die dabei zu klärenden Punkte betreffen nicht allein die praktische Ebene, sondern auch normative Grundlagen und damit gesellschaftspolitische Fragen, beispielsweise: Wer ein Fest organisiert, stößt auf Fragen des Umweltschutzes, wer Mitgliedsbeiträge festlegt, auf Fragen sozialer Ungleichheit. Zudem sind die Initiativen fast durchweg als Vereine oder Genossenschaften organisiert, sodass demokratische Praktiken strukturell angelegt und rechtlich festgeschrieben sind.
Manche der Initiativen nehmen zusätzlich schon allein aufgrund ihrer Kernaktivität am demokratischen Meinungsaustausch teil. Im Fall der solidarischen Landwirtschaft wurde eine Positionierung im politischen Raum dadurch notwendig, dass der Lebensmittelanbau nicht nur auf Menschen Anziehung ausübt, die preisgünstiges Biogemüse oder sozialen Kontakt suchen. Auch rechtsextreme Strömungen in der Region fühlten sich vom Projekt angesprochen. Um nicht „unterwandert“ zu werden, hat die solidarische Landwirtschaft ein Bekenntnis zum demokratischen Miteinander in ihrer Satzung festgeschrieben, der Neumitglieder zustimmen müssen. Abgesehen davon nehmen unterschiedliche Gruppen an der solidarischen Landwirtschaft teil und bei weitem nicht nur das ökologisch-alternative Milieu.
Indem sie Dinge zu verändern versuchen, werden manche Initiativen Botschafter des Neuen und Adressat für Rückmeldungen dazu. Im ökologischen Bereich gilt das für die Umweltbildungsstätte und für die E‑Car-Sharing-Initiativen, die sich als Verfechter der Elektromobilität verstehen und Erstkontakte zu dieser Technologie ermöglichen. Es gilt auch für die Bürgerenergiegenossenschaften, die neben ihren Photovoltaik-Projekten zusätzlich Information und Aufklärung zu erneuerbaren Energien anbieten, z. B. in Form von Begehungen und Festivitäten (BEG 1) und durch einen Stammtisch zu wechselnden energiebezogenen Themen (BEG 2). Damit sind die Bürgerenergiegenossenschaften lokale Exponenten der Energiewende.
„[Ich] würde jetzt nicht irgendwie einem Dogma oder eine Ideologie oder irgendwie so eine Idee haben, sagen, dafür gehen wir jetzt und alle müssen Soziokratie machen. Also […] das sehe ich überhaupt nicht hier. Aber was zum Beispiel auch im Grundsatzpapier für mich durchleuchtet ist, dass ein Ort von Begegnung von auch zum Beispiel Politik und Spiritualität oder von unterschiedlichen Meinungen, dass diese gelebte Demokratie eigentlich so und Austausch und Verbindung irgendwie im Zentrum steht. […] Es gibt diesen Begriff Konvivialität, finde ich zum Beispiel total schön. Das meint […] sowas wie eine Gastlichkeit, die auch einlädt. Und das ist eigentlich vielleicht ein Gegensatz zu Fremdenfeindlichkeit.“ (Interview Wohnprojekt)
„Also es gab Schmierereien hier am Trafohäuschen, also sehr nah an der Straße, war mit Kreide ein Hakenkreuz hingeschmiert worden und dann daraufhin […] hat sich dann eine Gruppe gegen Rechts, so nennen die sich, gegründet […] und die haben sich dann einfach in kleiner Gruppe getroffen […]. Und irgendwann haben die mit Mahnwachen in der Innenstadt angefangen und dann wurden sie natürlich auch angesprochen und haben das, diese Gruppe erweitert und da können jetzt auch Leute aus [Kleinstadt], die nicht Teil vom Projekt sind, hinzukommen. Und das hat so ein Momentum ausgelöst, dass jetzt jeden Samstag eine Mahnwache oder ein Protest gegen rechts in der Innenstadt gibt und dass bei einem kreisweiten Treffen, Vernetzungstreffen gegen rechts, aus [Kleinstadt] die größte Gruppe an Menschen kam, auch wenn das gar nicht das größte Ballungszentrum ist.“ (Interview Siedlung)
„Die Leute fühlen sich irgendwie nicht gesehen und sie fühlen sich politisch nicht aufgehoben und deswegen gehen sie zur AfD und das ist ein Thema, was ein Einzelner nicht lösen kann, aber es braucht eben irgendwie so ein bisschen eine positive Atmosphäre so untereinander und das wollen wir gerne versuchen irgendwie ein bisschen zu stiften.“ (Interview Kulturhof)
„Und für mich ist da auch ein Potenzial darin, dass für [Kleinstadt] es wichtig sein könnte, dass das Haus hier da ist und da heraus ein bestimmtes Interesse entsteht, auch eine bestimmte Möglichkeit, dass Ressourcen, Zuspruch, Unterstützung zufließt und es dem Haus zugutekommt. Und andersherum wieder, dass wir auch dadurch wie so eine Verantwortung haben oder nehmen könnten, wie du sagst, dieses andere Leben ganz konkret vorlebbar zu machen. Und in dem Sinn, dass wir da andere einladen, punktuell dabei zu sein. Dass das wie so die Auszahlung oder die Rückzahlung ist, die wir [Kleinstadt] geben.“ (Interview Wohnprojekt)
„[Es] ist halt eine wahnsinnig enge Verzahnung zwischen dieser Initiative, die eine sehr, sehr wichtige Arbeit in [Kleinstadt] macht, indem sie nämlich einfach wieder Veranstaltungen organisiert werden, indem sie was für ihr Ortsbild tut und nur durch diese Veranstaltung, nur dadurch, dass Menschen zusammengeführt werden und auch die, allein die regelmäßigen Treffen der Kerngruppe, wo man sich eben auch austauschend diskutiert, sind wahnsinnig wichtig, um eben überhaupt neue Projekte ins Leben zu rufen.“ (Interview Haussanierung)
Beim Kulturhof und den beiden Bürgerenergiegenossenschaften ist es noch zu früh, um nach allgemeinen Wirkungen auf die Region zu fragen. Was die Car-Sharing-Initiativen angeht, kann man zumindest von einer der beiden sagen, dass sie aufgrund ihrer Öffentlichkeitsarbeit dazu beigetragen hat, das Dorf und seine engagierten Bürgerinnen und Bürger überregional bekannt zu machen. Bürgerschaftliche Initiativen können zu Leuchttürmen werden, an denen sich andere Akteure in peripheren Regionen orientieren können.
„Wir konnten zeigen, dass es funktioniert, auch finanziell funktioniert. Das ist auch ein wichtiger Punkt, das hat dazu geführt, dass im letzten Jahr in [Dorf 1] genauso das Projekt durchgeführt wird, erfolgreich, die sind mit 120 Mitgliedern am Werke da oder 130 sogar schon und in [Dorf 2] genau dasselbe.“ (Interview ECS 1)
„Wir haben im Grunde eine Blaupause geliefert für die Umsetzung in, in [Dorf 1] und da kommt auch wieder das, was Sie ja interessiert, dieses Zusammenspiel von Menschen, damit das überhaupt funktioniert, spielt da eine ganz große Rolle. Also der Punkt ist der, dass da Kontakte da sind, dass man sich kennt in der Nachbarschaft. Und dass man dann auch da Leute wieder gewinnt, die, die dieses dann vorantreiben und dann sagen, ich mach das. Ich lad das jetzt mir mal auf und setz’ das jetzt auch in dem Dorf mal um. Aber die Erleichterung der Umsetzung ist natürlich gegeben. [Person 1] kommt dann und sagt dann, wie es geht mit dem Fahrdienst. Und die Organisation des Ganzen. Wir haben denen die Buchungs-App auch da gegeben in [Dorf 3].“ (Interview ECS 1)
„Ich werde ja jetzt relativ viel kontaktiert, auch aus umliegenden Ortschaften, auch größeren Orten […] Leute, die eben auf unsere Genossenschaft aufmerksam werden und sagen ‚Ah super, so was bräuchte es hier auch.‘ Und gerade in [benachbarte Kleinstadt] habe ich mit vielen Leuten schon gesprochen, die sagen ‚Das bräuchten wir auch‘, aber sie schaffen es nicht, irgendwie da so einen Kreis zusammenzutrommeln und diesen Beginn zu machen.“ (Interview Haussanierung)
Dass bestimmte Ansätze und Modelle sich verbreiten, liegt darin begründet, dass bürgerschaftliche Initiativen trotz ihrer Individualität Problemstellungen adressieren, die in vielen ländlichen Regionen in ähnlicher Weise vorliegen. Es verweist ebenfalls darauf, dass die Ressourcen, welche für die erfolgreiche Umsetzung grundlegend sind, an vielen Orten bestehen. Die Initiativen in unserem Sample stehen als Beispiele für einige Konzepte, die unter den gegenwärtigen gesellschaftlichen Bedingungen einen Beitrag zur Zukunftsfähigkeit peripherer Regionen leisten können.
Wir haben bürgerschaftlich getragene Initiativen untersucht, die sich als Soziale Orte verstehen lassen. In ihnen manifestiert sich lokales Engagement, unterschiedliche Gruppen von lokalen Akteuren wirken zusammen, um Angebote für lokale Bedarfe zu schaffen. Die fokussierten Beispiele zeigen, dass Soziale Orte aufgrund ihrer Charakteristika beste Voraussetzungen dafür bieten, auch innovative Orte zu sein. Ursächlich für die erfolgreiche Etablierung von Innovationen sind in den beobachteten Fällen die beträchtlichen Kompetenzen und die hohe Motivation einzelner Personen aus der lokalen Zivilgesellschaft sowie die Einbindung in überregionale Netzwerke.
Was bedeuten unsere Beobachtungen bezüglich der Frage, welche Wirkungen von Sozialen Orten in strukturschwachen ländlichen Regionen ausgehen? Zunächst ist festzustellen, dass jede der untersuchten Initiativen durch ihre Aktivitäten die lokalen Lebensbedingungen unmittelbar verbessert. Aus befähigungstheoretischer Perspektive (Capability Approach; Sen 2000) könnte man sagen: Der Möglichkeitsraum der Anwohnerinnen und Anwohner vergrößert sich durch sie. Ein Automatismus der Verhaltensänderung durch die erweiterten Optionen ist jedoch nicht beobachtbar: Nicht alle kaufen im Dorfladen ein, das E‑Auto wird nicht unbedingt ausgeliehen, Kulturangebote nicht von jeder und jedem in Anspruch genommen.
Die häufig idealistische Einsatzbereitschaft derer, die bürgerschaftliche Initiativen promoten, geht nicht zwingend mit einer ebenso großen Teilnahmebereitschaft der lokalen Bevölkerung einher. Hier zeigen sich Limitierungen, die eng mit den sozioökomischen und kulturellen Verhältnissen der Menschen verbunden sind, aber darüber hinaus das Wesen der Initiativen betreffen.
Im Falle der reaktiven Initiativen, die auf einen Verlust antworten, liegt dies daran, dass die konventionellen Strukturen (Supermärkte, eigener Pkw) auch auf dem strukturschwachen Land für die meisten immer noch gut genug funktionieren, sodass innovative Angebote nicht unbedingt in Anspruch genommen werden müssen. Im Falle der lebensmittelanbietenden Initiativen kommen die oftmals teureren Lebensmittelpreise erschwerend hinzu. Bei den proaktiven Initiativen, die über das bestehende hinausgehen wollen, liegt eine andere Art von Selektivität vor: Nicht alle Menschen nehmen voraussetzungsreiche Kulturangebote an, nicht alle wollen alternative Wohnformen ausprobieren oder Teil der Energiewende sein. Diejenigen Initiativen, die eine „ländliche Avantgarde“ darstellen, richten ihr Angebot letztlich an bestimmten sozialen Milieus aus – auch wenn niemand von vornherein ausgeschlossen wird und durchaus aktiv Schritte im Sinne von Inklusivität unternommen werden. Damit ist auf die Gleichzeitigkeit von Gemeinwohlorientierung und selektiver Nutzung bzw. (sozialer) Schließung verwiesen.
Aber was nicht ist, kann noch werden: Innovative Soziale Orte erproben Dinge, die sich gegebenenfalls weiterverbreiten oder mit öffentlicher Unterstützung auf Dauer stellen lassen. Zudem bieten sie denen, die sich beteiligen, soziale Einbindung, Selbstwirksamkeitserfahrungen und die Möglichkeit, gemeinsam mit anderen über die Zukunft der eigenen Region nachzudenken und an ihr zu arbeiten. Die Initiativen sind Begegnungsorte, an denen sowohl Gemeinschaft als auch Gesellschaft Platz haben: Sie sind sowohl soziale Anknüpfungspunkte, etwa für Zugezogene, als auch Diskussionsforen, um gesellschaftliche (Konflikt‑)Themen zu verhandeln. Die These eines sozialen und demokratischen Mehrwerts Sozialer Orte bestätigt sich demnach. Dies macht Soziale Orte zu einer wichtigen Ergänzung einer funktionierenden Top-down-Versorgung im ländlichen Raum. Öffentliche Daseinsvorsorge kann wiederum von Sozialen Orten, aufgrund ihres Voraussetzungsreichtums und ihrer zum Teil selektiven Leistungen, nicht ersetzt werden.
Können Soziale Orte strukturschwache Regionen revitalisieren bzw. die dort vorherrschenden negativen Trends umkehren? Zwar lassen sich einzelne Hinweise auf einen positiven Einfluss der Initiativen auf die regionale Entwicklung finden, insgesamt könnte es aber sein, dass strukturelle Trends wie demographischer Wandel oder De-Industrialisierung dominieren. Für weitere Forschung könnte es dennoch lohnen, gezielt nach nachweisbaren Effekten (im Unterschied zu von den Engagierten intendierten oder selbst wahrgenommenen) zu suchen, indem Außenstehende befragt werden oder aber mit quantitativen Indikatoren Veränderungen beispielsweise des lokalen Mobilitätsverhaltens erhoben werden. Die Frage der Wirkung sollte jedoch außerdem aus einer anderen Perspektive betrachtet werden, schließlich handelt es sich bei den Initiativen nicht zuvorderst um Faktoren, die von außen auf eine Region wirken. Sie sind vielmehr ein Ausdruck regionaler „Selbsthilfekräfte“. Die fokussierten Initiativen nutzen Humanressourcen und Experimentierräume, die ländliche Regionen bieten – sie sind selbst bereits Ausdruck von Lebendigkeit ihrer Region und erzeugen sie nicht erst.
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Fußnoten
| 1 | Die Erhebung wurde im Rahmen des vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) geförderten Projektes „Soziale Orte als Innovationsressource. Wie Zukunft in ländlichen Räumen entsteht! (InReSo)“ am Soziologischen Forschungsinstitut Göttingen durchgeführt. |
| 2 | Vgl. https://www.bmwk.de/Redaktion/DE/Dossier/gemeinschaftsaufgabe-verbesserung-der-regionalen-wirtschaftsstruktur.html#foerdergebiet (08.04.2026). |