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https://doi.org/10.14512/rur.4035
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Rezension / Book review

Kallert, Andreas; Dudek, Simon (Hrsg.) (2026): Krisen ländlicher Räume. Ursachen und Folgen von Austeritätspolitik in Kommunen

Markus Hesse Contact Info

(1) Universität Luxemburg, 11, Porte des Sciences, 4366 Esch-sur-Alzette, Luxemburg

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Eingegangen: 30. Juni 2026  Angenommen: 2. Juli 2026  Online veröffentlicht: 15. September 2026


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Gibt es Krisen ländlicher Räume? Die hartnäckige Konjunktur der einschlägigen ruralen Bildproduktion – von der ewigen „Landlust“ bis hin zu Formaten à la „Wir ziehen aufs Land“ in den Mediatheken der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender – zeugt auf den ersten Blick vom Gegenteil. Denn dort wird insinuiert, dass das Leben in ländlichen Räumen eine zunehmend nachgefragte Alternative zum Stress des Großstadtlebens und zu überreizten metropolitanen Immobilienmärkten darstelle. Dass die Wirklichkeit viel komplexer ist und schon die Definition dessen, was als „Land“ bzw. ländlicher Raum zu gelten hat, sehr viel differenzierter ausfällt, ist eine Selbstverständlichkeit im raumwissenschaftlichen Diskurs. Diese Einsicht ist jedoch kaum in der gesellschaftlichen Debatte präsent, sie muss immer wieder neu thematisiert werden.

Unter anderem diesem Zweck dient das vorzügliche Werk „Krisen ländlicher Räume“, das von den in der Arbeitsgruppe Wirtschaftsgeographie der Katholischen Universität Eichstätt Tätigen Andreas Kallert und Simon Dudek herausgegeben wird. Die Beiträge entstammen einem Workshop zum Thema „Kommunalfinanzen in der multiplen Krise: Ländliche Räume im Spannungsfeld von Austerität und Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse“ im März 2025 im oberfränkischen Nordhalben (Landkreis Kronach). Die Wahl des Tagungsortes ist auch als inhaltliches Statement zu verstehen, Ausdruck der konkreten Auseinandersetzung mit den Problemen des strukturschwachen, durch Abwanderung, Infrastrukturkonflikte und Stadt-Land-Diskurse geprägten Teils ländlicher Räume. Finanzausstattung, Finanzierungsprobleme und daraus resultierende Konflikte bilden den Schwerpunkt der Abhandlungen im Buch. Beteiligt waren neben der Geographie auch Vertreterinnen weiterer Sozial‑, Wirtschafts- und Politikwissenschaften.

Die Buchbeiträge werden im Anschluss an eine kurze Einführung in drei großen Blöcken präsentiert, die als thematische Rahmung dienen: Konzepte und Zugänge, Kommunalfinanzen und Austerität, Soziostrukturelle und transformative Perspektiven. Die Abfolge wissenschaftlich gehaltener Beiträge wird aufgelockert durch Interviews mit Vertreterinnen und Vertretern kommunalpolitischer Praxis und entsprechender Forschung. Die Resultate des Workshops, auf dem das Buch basiert, werden ergänzt durch ein Graphic Recording der öffentlichen Keynote des Wirtschaftsweisen Achim Truger sowie der anschließenden Podiumsdiskussion. Außerdem wird die „Nordhalbener Erklärung“ dokumentiert. Sie enthält sieben Kernforderungen hinsichtlich Erweiterung und Rückgewinnung von strukturellem Handlungsspielraum in ländlichen Gemeinden durch Wiederherstellung ihrer Finanzkraft, besserer Infrastrukturausstattung, Stärkung lokaler und regionaler Wertschöpfung (etwa durch erneuerbare Energien) und Ähnlichem.

Ein Verdienst dieser Schrift und des Workshops besteht darin, die Tatsache der kommunalen Finanzmisere überhaupt sichtbar gemacht zu haben – sowohl in struktureller Hinsicht als auch praktischer Auswirkungen – und mögliche politische Antworten darauf zu skizzieren. Das Thema Kommunalfinanzen wird von den Städten und Gemeinden sowie ihren Spitzenverbänden zwar unüberhörbar artikuliert; diese Kritik hat sich in der jüngeren Vergangenheit jedoch schon fast etwas abgenutzt. In vielen landläufigen Raumentwicklungsdiskursen ist das Thema Finanzen weithin unterrepräsentiert, erst recht wenn es um Transformation geht. Im Buch finden auch diejenigen, die der politisch instrumentalisierten, haltlos oberflächlichen Debatte über „Stadt“ gegen „Land“ nichts abgewinnen können, reichlich Argumente für eine kritische Positionierung. Zudem gibt es eine Fülle von Hintergrundmaterial zum Thema kommunale Finanzausstattung, das man in Breite und Tiefe kaum woanders vorfindet.

Ein anderes Verdienst des Werks und seiner Beiträge ist die sorgfältige Analyse und Interpretation der vorgestellten empirischen Fälle, quer durch die Bundesrepublik (neben Bayern auch Thüringen, Hessen, Rheinland-Pfalz). So lernt man beispielsweise, dass es in Westdeutschland eine Zeit ohne kommunale Finanzkrise gab (1960er-/1970er-Jahre). Die anschließenden Dekaden waren durch verschärfte wirtschaftliche Rahmenbedingungen, einen tendenziellen Abbau des öffentlichen Leistungsspektrums (Privatisierung) sowie eine veränderte Machtverteilung zwischen Bund, Ländern und Gemeinden geprägt. Zugleich werden im Buch mögliche Politikstrategien kritisch hinterfragt, etwa die Bindung von Fördermitteln an Wettbewerbsverfahren. Eine vielsagende Analyse zeigt, dass die „Förderdatenbank des Bundes“ für ländliche Regionen 990 Einträge ausweist, diese Verfahren aber eben nicht nur Gewinner produzieren. Aus diesen Darstellungen wird auch deutlich, dass die krisenhafte Entwicklung kommunaler Finanzen im ländlichen Raum und damit der Gemeinden insgesamt nicht schicksalhaft an periphere Lagen gebunden sind. Es ist eine Kombination aus vielen Faktoren – wie Größe, Lage und Infrastrukturausstattung, aber auch historischer Entwicklungspfad, institutionelles Setting, Politik- und Planungspraktiken –, die zum heutigen Bild beiträgt.

Das Buch erscheint in der Reihe „Kritische Landforschung“ des für sozial- und kulturwissenschaftliche Arbeiten einschlägig ausgewiesenen Transcript-Verlags. Eine Zuwendung der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) hat ermöglicht, es parallel im Open Access-Format zu publizieren, was seine weite Verbreitung begünstigen dürfte. Um die hier diskutierten Anliegen zu unterstützen, würde sich auch eine Einspeisung zentraler Inhalte in die oben genannte Bildproduktion der Medien anbieten – ganz im Sinne des oft geforderten public understanding of science. Warum nicht statt Biohof oder Bauernhaussanierung einmal eine Sendung zur Finanznot der Landgemeinden bringen? Dies würde nicht nur den Informationsauftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks vortrefflich einlösen, sondern auch die gesellschaftliche Relevanz der Forschung untermauern.

Vollständige bibliographische Angaben des rezensierten Werks:  
Kallert, A.; Dudek, S. (Hrsg.) (2026): Krisen ländlicher Räume. Ursachen und Folgen von Austeritätspolitik in Kommunen. Bielefeld: Transcript Verlag. = Kritische Landforschung 7. 339 Seiten, zahlreiche Abbildungen und Tabellen.