Die Zukunft der ländlichen Räume ist ein viel diskutiertes Thema in Politik, Fachkreisen und Zivilgesellschaft. Die damit einhergehenden Bilder, Erzählungen und Visionen von der Zukunft sind essenziell für politische Programme, abgeleitete Fördermaßnahmen und Maßnahmen vor Ort. Aus diesem Grund liegt es nahe, dass sich auch die Wissenschaft mit der Zukunft der ländlichen Räume beschäftigt. Dazu gehört auch eine Auseinandersetzung mit der Entwicklung, Ausgestaltung und Umsetzung von Zukunftsbildern, die für viele ländliche Akteure handlungsleitend sind.
Die Publikation „Ländliche Zukünfte. Aushandlungen in der partizipativen Regionalentwicklung“ reiht sich in die Forschungen zur Zukunft der ländlichen Räume ein. Sie entstand im Rahmen des Projektes „Partizipative Entwicklung ländlicher Regionen“ der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), das von 2016 bis 2022 an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn angesiedelt war. Die Autorin Sina Wohlgemuth nimmt eine explizit empirisch-kulturwissenschaftliche Perspektive ein, um die Rolle der Zukunft in Prozessen der partizipativen Regionalentwicklung zu verstehen. Als Forschungsgegenstand dient das EU-Programm LEADER (Liaison Entre Actions de Développement de l’Économie Rurale = Verbindung von Aktionen zur Entwicklung der ländlichen Wirtschaft), das bislang vor allem von humangeographischer und sozialwissenschaftlicher Seite untersucht wurde.
Im Kern der Forschungsarbeit geht es um die Frage, wie Zukünfte in ländlichen Räumen gestaltet werden. Die Autorin konzentriert sich dafür auf die Akteure in verschiedenen LEADER-Regionen und -Projekten, die sich mit ihren jeweiligen Erwartungen, Praktiken und Handlungsspielräumen in die partizipativen Entwicklungsprozesse einbringen. LEADER bietet sich insofern an, da es als „Paradebeispiel [für] eine gemeinschaftsgetriebene, netzwerkartige und auf partizipativen Methoden beruhende ländliche Entwicklung“ (S. 14) gilt. Dementsprechend erwartet die Autorin auch zahlreiche Aushandlungsprozesse, die nicht zuletzt Auskünfte über Macht- und Ungleichverhältnisse geben können.
Nach einer Einführung in die Arbeit widmet sich die Autorin den wesentlichen Diskussionen im Bereich der partizipativen Governance. Im Zuge dessen verortet sie den für LEADER typischen Bottom-up-Ansatz im New Rural Paradigm, in dem die lokalen Akteure und ihre endogenen Potenziale eine zentrale Rolle für regionale Entwicklungsprozesse spielen. Daran anknüpfend erörtert die Autorin die Relevanz von Zukunftsvorstellungen, die ländliche Akteure mobilisieren und zum Handeln anregen können. Dabei knüpft sie an die Debatten um die Anthropology of the Future an, in der die ethnographische Auseinandersetzung mit der Zukunft wichtige Erkenntnisse für gegenwärtige Praktiken ermöglichen soll (Kapitel 2).
Im Anschluss daran beschreibt die Autorin ihr kulturwissenschaftliches Instrumentarium, das bei der späteren Analyse des empirischen Materials zum Einsatz kommt. In diesem Zusammenhang führt sie in die Begrifflichkeiten der Rahmen- und Performanztheorie ein, um die Aushandlungsprozesse bei der Umsetzung des LEADER-Programms besser verstehen zu können. Darüber hinaus befasst sich die Autorin mit praxistheoretischen Ansätzen, da sie sich hierüber einen Zugang zu Mobilisierungspraktiken verspricht. Nicht zuletzt verweist sie auch auf das Konzept der Agency, das einen besseren Zugang zur Handlungsmacht der lokalen Akteure bei der Zukunftsgestaltung gewährleisten soll (Kapitel 3).
Im darauffolgenden Kapitel stellt die Autorin ihren methodischen Zugang zum Forschungsfeld dar. Sie beschreibt zunächst die Konstitution des Forschungsfeldes, das mit den verschiedenen LEADER-Regionen und -Projekten eine Multi-sited ethography nach sich zieht. Methodisch kündigt die Autorin ein Studyin-through-Verfahren an, das einer Triangulation aus teilnehmenden Beobachtungen an multiplen Orten, qualitativen Interviews mit Personen und Gruppen sowie Dokumentenanalysen entspricht. Abschließend hinterfragt sie ihre eigene Rolle im Forschungsprozess und positioniert sich als reflexive Beobachterin, involvierte Forscherin und externe Expertin (Kapitel 4).
In den eigentlichen Analysekapiteln 5, 6 und 7 greift die Autorin systematisch auf ihr kulturwissenschaftliches Instrumentarium zurück. So analysiert sie im Kapitel 5 die Aneignungs- und Aushandlungsprozesse, die auf den verschiedenen „Bühnen“ (z. B. Sitzungen, Netzwerktreffen, Beratungen) des LEADER-Programms zu beobachten sind. In Kapitel 6 behandelt die Autorin indessen die Mobilisierungspraktiken der Akteure, die auch auf emotionalisierende Weise ihre Mitmenschen zum Handeln bewegen möchten. In Kapitel 7 fokussiert sie schließlich auf die „lokalen Arenen der partizipativen Governance“ (Müller/Sutter/Wohlgemuth 2020, zitiert S. 26) und analysiert die machtgeladenen Aushandlungsprozesse in konkreten Aushandlungssituationen vor Ort.
Den Abschluss bildet ein resümierendes Kapitel, in dem die empirischen Erkenntnisse entlang der theoretischen und methodischen Zugänge reflektiert werden. Darauf aufbauend wird ein Ausblick auf zukünftige Forschungen gegeben (Kapitel 8).
Der Autorin gelingt eine kulturwissenschaftlich fundierte, methodisch reflektierte und empirisch begründete Auseinandersetzung mit der Gestaltung von Zukunft im Rahmen der partizipativen Regionalentwicklung. Ein großer Mehrwert ihrer Arbeit liegt darin, dass sie sich systematisch und überzeugend mit den Praktiken der Wissensaneignung und den intersubjektiven Aushandlungsprozessen beschäftigt, auf denen das zukunftsgerichtete Handeln der Akteure gründet. Gleiches gilt für jene Praktiken und Prozesse, die bei der Mobilisierung der Akteure sowie der Bevölkerung zum Einsatz kommen. Letztlich ist auch die Sensibilität der Autorin für den Wettbewerb um Deutungshoheit und Handlungsmacht hervorzuheben, der Rückschlüsse auf Macht- und Ungleichverhältnisse innerhalb des Akteurspektrums zulässt.
Mit ihrer empirisch-kulturwissenschaftlichen Perspektive und ihrem ethnographischen Zugang schließt die Autorin eine Forschungslücke in der Analyse der partizipativen Governance von regionalen Entwicklungsprozessen. Diese lag vor allem darin, die alltagsweltlichen Praktiken zur Entwicklung, Ausgestaltung, Umsetzung und Durchsetzung von Bildern, Erzählungen und Visionen von der Zukunft innerhalb des LEADER-Programms zu verstehen. Dabei machen die untersuchten LEADER-Regionen und -Projekte manche akademische Ausführung lebendig. Die Beispiele erlauben einen Blick in den Motorraum partizipativer Regionalentwicklung und versprechen der Leserschaft eine in der Summe gelungene und erkenntnisreiche Lektüre.
Literatur
| Müller, O.; Sutter, O.; Wohlgemuth, S: (2020): Learning to LEADER. Ritualised performances of ‘participation’ in local arenas of participatory rural governance. In: Sociologica Ruralis 60, 1, 222–242. https://doi.org/10.1111/soru.12287 |
