Werner Bätzing, Professor im Ruhestand an der Universität Erlangen-Nürnberg, hat sein Alpen-Buch, das erstmals im Jahr 1984 erschien, teilweise neu verfasst – in nunmehr fünfter Auflage. Die letzte Auflage des Standardwerks erschien vor elf Jahren. Dem Autor war es in einer Welt multipler Krisen, die auch vor den europäischen Alpen nicht Halt machen bzw. dort sogar schneller oder stärker wirken (z. B. Klimawandel, Naturgefahren, Biodiversitätsverlust, Peripherisierung), offenbar ein großes Anliegen, die Hochgebirgsregion neu zu bewerten (vgl. Mayer 2022a). Er tut dies in gewohnt grundsolider Manier, in einem stets ansprechenden, gut lesbaren, hier und dort fast journalistischen Schreibstil und – wie immer – mit insgeheim oder auch ganz offensichtlich normativer Perspektive. Letztere verweist auf die finale Aussage des Autors: „Daher kommt den Alpen in Europa die Funktion eines Frühwarnsystems zu, das frühzeitiger als andere Regionen in Europa deutlich macht, dass die moderne europäische Entwicklung in die Sackgasse der Selbstzerstörung läuft. Und da in den Alpen gleichzeitig auch sichtbar ist, wie Alternativen konkret aussehen könnten, sind die Alpen auch ein Vorreiter für eine Entwicklung, die zum Aufbau eines neuen Umweltbezuges in Europa führt“ (S. 410).
Auch wenn manchem Leser oder mancher Leserin der das Werk wie ein roter Faden durchziehende Fokus auf eine nachhaltige Entwicklung der Alpen als Vorreiter Europas zu weit gehen sollte, regt der Verfasser damit zweifellos zur Diskussion an. Ganz unabhängig davon sollte Werner Bätzings profundes Standardwerk in den Bücherregalen derer stehen, die als raumwissenschaftlich Interessierte im oder zum Alpenbogen forschen, lehren, leben, arbeiten oder ihn des Öfteren bereisen. Auch für Postdocs im Fach Geographie sollte das Buch als Basislektüre verpflichtend sein, um nachzuvollziehen, wie klassische integrative Geographie funktioniert. Denn Werner Bätzing betrachtet die Alpen als Ganzes und will sie als Ganzes verstanden wissen. Er analysiert die Hochgebirge nicht als „Natur“ einerseits und andererseits „Nutzungslandschaft“. Vielmehr präsentiert er sie als Resultat eines sich über Jahrhunderte herausgebildeten Mensch-Umwelt-Verhältnisses, als komplexe historisch gewachsene Kulturlandschaft, deren ökologische Stabilität häufig erst durch angepasste, in der Regel extensive Nutzungsweisen entstanden ist. Darin liegt die Wirkmächtigkeit dieses Buches.
Mit knapp über 500 Seiten (inklusive Nachwort, 50 Seiten Literaturverzeichnis und Sachregister) ist die Monographie umfänglicher geworden als die frühere Ausgabe. Viele Bilder sind ausgetauscht, Tabellen berichtigt (z. B. die größten und höchstgelegenen Skigebiete der Alpen; S. 184) und Grafiken durch Farbgebung teilweise verbessert (z. B. „Traditionelles Staffelungssystem der Landwirtschaft im Wallis/Altsiedlungsraum“; S. 67) worden. Einige thematische Karten wurden aktualisiert: z. B. die großartigen Choroplethen-Karten 27 und 28 zur Bevölkerungsveränderung in den Gemeinden des Alpenraumes (S. 332–333, 336–337). Dadurch gewinnt die Neuauflage an Wert. Das Fundament, die logisch nachvollziehbare, gut strukturierte, große Gliederung in fünf große Kapitel ist erhalten geblieben.
Diese Szenarien werden in ihrem Detailierungsgrad sehr unterschiedlich aufgespannt und mit Fakten belegt. Nicht nur militärstrategisch – von daher rührt diese Technik ursprünglich – ergeben Zukunftsbeschreibungen sicherlich Sinn; nicht aber neun Stück. Wer qualifizierte Politik- oder Wirtschaftsberatung betreiben will, und das strebt der Verfasser zurecht an, kann und sollte mit diesem Instrument arbeiten, jedoch auf ein glaubwürdigeres, auf genügend empirischer Substanz ruhendes scenario writing achten (mit oder ohne zusätzliche (Delphi‑)Expertenmeinungen) und es bei maximal vier alternativen, quasiprognostischen Entwürfen belassen, um nicht spekulativ zu werden (vgl. Lang/Iny/Pidun et al. 2026).
Am Ende des Kapitels präsentiert der Autor schließlich seinen Lösungsweg: V.2 „Eine wünschenswerte Zukunft für die Alpen“ (S. 387). Mit Bravour wird herausgearbeitet, dass es nicht nur die landläufig in Betracht gezogenen Ressourcen (wie Finanzen) sind, die darüber entscheiden, wohin der Weg führt. Lokale oder regionale Identität gepaart mit kultureller Einbettung und Verantwortungsbereitschaft der Alpenbewohnerschaft sind mindestens ebenso entscheidend. Bätzing folgert: „Aus diesem Engagement erwächst die Fähigkeit zu Innovationen, bei denen regionale Potenziale und traditionelle Erfahrungen so mit der heutigen Welt verbunden werden, dass etwas Neues entstehen kann“ (S. 390).
Petitessen an Kritikpunkten betreffen veraltete Daten bei einzelnen thematischen Karten oder wenigen Tabellen: Karte 4 (S. 36): „Mittlere jährliche Niederschlagshöhen in den Alpen 1971-1990“; Karte 5 (S. 39): „Die Waldobergrenze in den Alpen“ (Stand: 1920er-Jahre); Karte 14 (S. 168): „Die Industriegebiete der Alpen“ (Stand: 1990er-Jahre); Karte 21 (S. 232): „Wasserkraftwerke mit mehr als 10 Megawatt installierter Leistung“ (Stand: Anfang 2000er-Jahre); Karte 15 (S. 192): „Die Touristenzentren im Alpenraum“ (Stand: Ende der 1980er-Jahre); Karte 18 (S. 219): „Zentren und ihre Pendlereinzugsgebiete im und am Alpenraum“ inklusive der Tabelle 6 (S. 218): „Die größten Agglomerationen im Alpenraum im Jahr 2010“. Es ist zudem schade und eine vertane Chance, dass der Text die Fachtermini (Alpine) Raumordnung, Raumplanung, räumliche Planung oder Regional- bzw. Raumentwicklung nicht aufweist (vgl. Pütz/Schindelegger/Meyer et al. 2025), obschon es sich an vielen Stellen aufgedrängt hätte, hier tiefer einzusteigen (etwa im Abschnitt IV.5 „Zwischenbilanz: Unbeabsichtigte Problemvernetzungen“ oder bei Kapitel V.2 auf den Seiten 402/403 beim Thema „Die Alpenkonvention als politisches Dach“). Leider wird auch die Geschichte des Alpenplans nur gestreift und die neuesten Debatten dazu werden nicht kritisch reflektiert (vgl. Mayer/Job 2024).
Ungeachtet dessen sind Werner Bätzings „Alpen“ nicht nur sein Lebenswerk, auf das er mit Fug und Recht stolz sein kann, sondern ein absolut fruchtbares Buch mit sehr hohem Informationsgehalt. Sowohl die wissenschaftliche Qualität der Ausführungen des Geographen mitsamt den zahlreichen Bildern und Karten als auch das gelungene Layout des beeindruckenden Opus werden in der breiten Leserschaft der alpinen Community mit Sicherheit auf großes Interesse stoßen – auch bei der fünften Auflage.
Literatur
| Lang, N.; Iny, A.; Pidun, U.; Christensen, M.; Sprong, J.; Job, A. (2026): Beyond Tomorrow: Four Scenarios for the World of 2025. Boston. |
| Mayer, M. (2022a): Bleibt alles anders? Veränderungsprozesse im Alpenraum aus geographischer Perspektive. In: Praxis Geographie 52, 10, 4–12. |
| Mayer, M. (2022b): Schutzgebiete in den Alpen: Zwischen Bewahrung und Dynamik. In: Geographische Rundschau 74, 3, 28–33. |
| Meyer, C.; Job, H. (2024): Developing a Data-Driven Approach to Climate-Proof a Regional Spatial Planning Instrument: The Bavarian Alpenplan. In: Eco.mont – Journal on Protected Mountain Areas Research and Management 16, 2, 16–29. https://doi.org/10.1553/eco.mont-16-2s16 |
| Pütz, M.; Schindelegger, A.; Meyer, C.; Job, H. (2025): Alpine Spatial Planning, Energy Transition, and Open Spaces: An Agenda for Future Development and Governance. In: Mountain Research and Development 45, 3, A1-A8. https://doi.org/10.1659/mrd.2024.00028 |
| Ströbel, K.; Job, H.; Brenner, L. (2025): What do we know about Open Spaces and their Ecosystem Services in the European Alps? Results of a Scoping Literature Review. In: Geographica Helvetica 80, 3, 207–220. https://doi.org/10.5194/gh-80-207-2025 |
