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         <article-id>998</article-id>
         <article-id pub-id-type="doi">10.14512/rur.998</article-id>
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            <article-title xml:lang="De">Kersten, Jens; Neu, Claudia; Vogel, Berthold (2022): Das Soziale-Orte-Konzept. Zusammenhalt in einer vulnerablen Gesellschaft</article-title>
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                  <institution>Leibniz Universität Hannover</institution>
                  <institution content-type="dept">Institut für Wirtschafts- und Kulturgeographie</institution>
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      <p>Wo und wie ist gesellschaftlicher Zusammenhalt möglich? Die sich vor allem diesen zwei Fragen widmende Abhandlung beginnt mit einem Paradoxon – westliche Gesellschaften wollen sozial integriert und liberal existieren, gleichzeitig der Individualisierung und Freiheit des Einzelnen gerecht werden. Schon Émile Durkheim hat sich dieser Frage angenommen und sie mit seiner berühmten These zur gesellschaftlichen Arbeitsteilung beantwortet (Durkheim <xref ref-type="bibr" rid="CR1">1992</xref>). Die Autorin und die zwei Autoren wenden ihre Antwort dagegen ins Geographische. Sie fragen danach, <italic>wo</italic> in der Gesellschaft Zusammenhalt und Gemeinsamkeit überhaupt noch erlebbar wird. Individualisierung erfahren Individuen in den Metropolen, individuelle Freiheit und Gelegenheitsstrukturen zu deren Ausleben sind hier allgegenwärtig. Wo stellt sich hingegen Solidarität ein? Wo wird gesellschaftlicher Zusammenhalt erfahrbar?</p>
      <p>Die Antwort mutet sozialgeographisch an: in Sozialen Orten. Mit dem Begriff des Sozialen Ortes nehmen die Autorin und Autoren semantische Anleihen bei dem raumplanerischen Konzept des Zentralen Ortes und soziologisieren es. Zentrale Orte organisieren gesellschaftlichen Zusammenhalt über die bedarfsgesteuerte Bereitstellung von Daseinsvorsorge in Ober‑, Mittel- und Unterzentren. Der Soziale Ort ist dagegen selbst eine Lokalität, die die Entstehung von Solidarität und Gemeinsinn evoziert. Und dies ist nicht voraussetzungslos. Problematisch ist in diesem Kontext vor allem ein unter Sparzwängen handelnder Staat, der sich aus der Fläche zurückzieht und so für ein Ausdünnen von öffentlicher Verwaltung, öffentlichen Infrastrukturen bis hin zur Grundversorgung verantwortlich ist. In der im Buch vorgestellten Lesart schlägt sich dieser Verzicht als fehlende Soziale Orte nieder. Soziale Orte ergänzen das Zentrale-Orte-Konzept zur Förderung des gesellschaftlichen Zusammenhalts unter den Bedingungen staatlichen Rückzugs aus der Fläche. Verschärfend erweist sich hierbei die Corona-Pandemie, die zu ihrer Eindämmung gesellschaftlicher Einschränkungen bedarf. Die grundlegende These der Abhandlung sieht folglich ein Zusammenspiel einer staatlich gewollten Distanzierung und Selbstisolierung der Menschen im Zuge der Pandemiebekämpfung (Stichwort „physical distancing“ (S. 7)) mit infrastrukturell ausgedünnten Regionen, worin Gefahren für den sozialen Zusammenhalt gesehen werden. Insbesondere Orte mit sozioökonomischen Problemlagen sind hier gefährdet. Damit erscheint das Buch hochaktuell und greift ein Thema großer gesellschaftlicher Tragweite auf. Die Folgen der Corona-Pandemie für das soziale Miteinander, insbesondere an Orten geringer infrastruktureller Ausstattung, sind noch lange nicht absehbar. Die vorliegende Abhandlung setzt hier einen wichtigen frühen Impuls für die Fachdiskussion.</p>
      <p>Das Ziel des Buches liegt in einer ausführlichen Darlegung der Sozialen Orte als Ergänzung des Zentrale-Orte-Konzepts für die Förderung des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Das Buch ist sehr eingängig geschrieben und richtet sich an Forschende wie Praktikerinnen und Praktiker. In sechs inhaltlichen Kapiteln werden jeweils unterschiedliche Aspekte von Zusammenhalt genauer beleuchtet. Die Argumentation beginnt mit der Darlegung des nicht ganz einfachen Begriffs des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Die Autorin und die zwei Autoren differenzieren in zwei Formen des Zusammenhalts, um der Gefahr zu entgehen, einen „leeren Signifikanten“ (Forst <xref ref-type="bibr" rid="CR2">2020</xref>: 41) zu produzieren. „Zusammenhalt als subjektive Erfahrung“ wird dabei dem „Zusammenhalt in struktureller Hinsicht“ (S. 19) gegenübergestellt. Während ersterer das Erleben von Solidarität im sozialen Nahbereich adressiert, zielt letzterer auf infrastrukturelle Voraussetzungen für den Zusammenhalt durch den Staat. Dieser Begriffsarbeit schließt sich ein Kapitel zur Wahrnehmung des gesellschaftlichen Zusammenhalts an. Autorin und Autoren sehen die Schwierigkeit, dass Zusammenhalt lediglich im direkten Nahumfeld der Menschen wahrnehmbar und erlebbar ist. Jede Skalenebene jenseits des Individuums lässt Zusammenhalt abstrakter und imaginärer erscheinen. Dies ist insofern problematisch, wie die Verfassenden mit Bezug auf die US-amerikanische Soziologin Arlie R. Hochschild ausführen, da nicht in erster Linie Wissen und Informationen das individuelle Verhältnis zur Welt definieren, sondern Emotionen und eine darauf beruhende Haltung, die wiederum die individuelle Einordnung politischer Entscheidungen bestimmt. Regionaler Zusammenhalt, die Unterstützung von ‚abgehängten‘ ländlichen Räumen oder auch nur Fernempathie werden so ungleich schwieriger erreichbar. Soziale Orte implementieren in diesem Fall Kontaktmöglichkeiten, die das Erleben von Zusammenhalt wieder ‚vor Ort‘ ermöglichen. Wie dies praktisch gestaltet werden kann, legt das vierte Kapitel dar. Anhand von zwei Fallbeispielen, Saalfeld-Rudolstadt (Thüringen) und Waldeck-Frankenberg (Hessen), wird die Ausgestaltung von Sozialen Orten als Gelegenheitsstruktur für „Kommunikation und Kooperation“ (S. 76) ausgeführt.</p>
      <p>Bei diesen Beispielen ist wesentlich, dass die hier bearbeiteten Problemlagen des Zusammenhalts auf anderen Maßstabsebenen als den zwei Orten selbst angesiedelt sind: Der Rückbau von Infrastruktur, der demographische Wandel oder auch Demokratiedefizite sind gesamtgesellschaftliche Problemlagen, die aber in Sozialen Orten in den Gemeinden vor Ort angegangen werden. Der Zusammenhalt der lokalen Gesellschaften steht dabei im Zentrum. Das fünfte Kapitel widmet sich den rechtlichen Grundlagen der Sozialen Orte und von gleichwertigen Lebensverhältnissen in der Bundesrepublik. Insbesondere der Einbezug der Baugesetzgebung in den Diskurs um den gesellschaftlichen Zusammenhalt ist dabei ein innovativer Aspekt des Buches. Die Autorin und die Autoren formulieren sogar einen Vorschlag zur Modifizierung des § 1 Abs. 5 BauGB (Baugesetzbuch), um hier ihr Konzept legislativ zu verankern. Die Abhandlung schließt mit einem Plädoyer für einen intensiveren Blick auf die weniger prominenten Orte am Rand der wissenschaftlichen Aufmerksamkeit, in denen wichtige Impulse für den gesellschaftlichen Zusammenhalt gesetzt werden.</p>
      <p>Gesellschaftlicher Zusammenhalt ist für die Forschung ein komplexes Feld. Dem Band gelingt es, hier den Fokus auf die Ermöglichung von Zusammenhalt durch Interaktionen vor Ort zu legen. Wenn der Begriff des Sozialen Ortes in seiner Breite notwendigerweise eher vage bleibt, ein Gegenbegriff wird in der Abhandlung nicht angeboten, so gelingt es den Verfassenden doch, einen wichtigen Anstoß für die Regionalforschung zu geben. Soziale Orte als Gelegenheitsstruktur für Zusammenhalt, sei es räumlich-materiell, sei es als immaterielle Netzwerkstruktur, bieten Möglichkeiten für Praktikerinnen und Praktiker vor Ort, soziales Leben zu fördern und zu unterstützen. Die im Buch dargelegten empirischen Erkenntnisse machen Hoffnung, dass gerade „das Unscheinbare und Nicht-Prominente“ (S. 144) Möglichkeiten aufzeigen können, sozialen Zusammenhalt in einer postpandemischen Gesellschaft zu leben.</p>
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            <title>Vollständige bibliographische Angaben des rezensierten Werkes:</title>
            <p>Kersten, Jens; Neu, Claudia; Vogel, Berthold (2022): Das Soziale-Orte-Konzept. Zusammenhalt in einer vulnerablen Gesellschaft. Bielefeld: transcript Verlag. = Rurale Topografien 16. 7 Abbildungen, 161 Seiten.</p>
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               <mixed-citation>Durkheim, E. (1992): Über soziale Arbeitsteilung. Studie über die Organisation höherer Gesellschaften. Frankfurt am Main.</mixed-citation>
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