Die Aufspaltung der Wohnfunktion Die Subventionierung des Zweitwohnungswesens der Wiener durch die Wohnungspolitik? Authors Herbert Baumhackl Institut für Geographie, Universität Wien DOI: https://doi.org/10.14512/rur.2058 Abstract Die Volkszählung 1981 stand in Österreich im Banne der Zweitwohnsitzproblematik. Jeder Bürger, der über mehrere Wohnsitze verfügte, konnte angeben, wo der "Mittelpunkt seiner Lebensinteressen" liegt, welchen Wohnsitz er als Hauptwohnsitz betrachtete. Die Wohnsitznachfrage hatte enorme politische Brisanz erhalten, weil damit weitreichende Konsequenzen für die Zuteilung von Mitteln aus dem Finanzausgleich bzw. die Mandatsverteilung verbunden sind.Der Beitrag geht den Gründen für die auch im Vergleich zu anderen Großstädten Europas hohe Zweitwohnungsintensität (ca. 37 % der Wiener Haushalte verfügen über einen Zweitwohnsitz) nach. Die Ausgangsthese ist: Die Hauptunterschiede im Ausmaß und in den Formen der Aufspaltung des Wohnens in den industrialisierten Ländern sind in den Rahmenbedingungen der jeweiligen politischen Systeme zu suchen, den Zielsetzungen der Gesellschaftspolitik, politisch-administrativen Strukturen, städtebaulichen Determinanten und vor allem der Wohnungspolitik und -wirtschaft. Länder mit einer liberalen Wohnungspolitik verzeichnen eine geringe Zweitwohnungsintensität und eine hohe Bevölkerungs-Suburbanisierungsrate, solche mit einer restriktiven Wohnungspolitik und größeren Segmenten geschützter Wohnungsteilmärkte haben dagegen eine hohe Zweitwohnungsintensität und eine vergleichsweise geringe Bevölkerungs-Suburbanisierungsrate. Der Anteil der Kosten des Hauptwohnsitzes am Haushaltseinkommen bestimmt die Möglichkeit der Aufspaltung des Wohnens.Das Zweitwohnungswesen der Wiener wird durch die spezifischen Mechanismen der Wiener Wohnungspolitik und -wirtschaft determiniert. Durch die geringe Mietkostenbelastung in den geschützten Wohnungsteilmärkten haben viele Haushalte Kaufkraftreserven. Wohnbauförderungsmittel sind auch dem Zweitwohnungsmarkt zugänglich. Die indirekte Förderung des Hauptwohnsitzes (geringe Wohnkostenbelastung vor allem bei den gemeinnützigen Wohnungsteilmärkten und im Althaussektor) und die Objektförderung der verschiedenen Zweitwohnsitzklassen (Zweithaus und Zweitwohnung) kann man als "Subventionierung" des Zweitwohnungswesens und damit als zentralen Erklärungsansatz für die Entwicklung des Wiener Zweitwohnsitzwesens ansehen.Das gewünschte Anspruchsniveau im Hinblick auf Wohn- und Wohnstandortqualität wird durch den Zweitwohnsitz realisiert. Viele Zweitwohnsitze sind daher besser ausgestattet (der Zweitwohnsitz als Ersthaus) als der städtische Wohnsitz, der bei Verlagerung des Hauptwohnsitzes ins Stadtumland nicht aufgegeben werden muß, sondern als "Vorratswohnung" für Kinder und Enkel gehalten wird. Diese Wohnungen werden dadurch dem Wohnungsmarkt "entzogen".Eine Liberalisierung der Wohnungspolitik würde für Wien große Auswirkungen haben: Viele Haushalte mit Zweitwohnsitz würden ihren Wiener Wohnsitz aufgeben und sich für ihren Zweitwohnsitz entscheiden, der häufig bereits als (späterer) Hauptwohnsitz konzipiert wurde. Downloads Download data is not yet available. References (l) Baumhackl, H.: Szenarien und Modellrechnungen zur Entwicklung des Zweitwohnungswesens in Österreich bis zum Jahr 2011. In: Lichtenberger, E. (Hrsg.): Österreich – Raum und Gesellschaft zu Beginn des 3. Jahrtausends. Prognosen, Modellrechnungen und Szenarien. Hrsg.: Österreichische Akademie der Wissenschaften. – Wien 1989. = Beiträge zur Stadt- und Regionalforschung, Bd. 9, S. 204–235 (2) Vgl. Volkszählung 1981 in Österreich (3) Baumhackl, H.; Zottl, B.: Freizeitwohnsitze der Wiener. Probleme ihrer statistischen Erfassung. In: Geographischer Jahresbericht aus Österreich, Bd. XLII (1983). 1985, S. 25–69 (4) Lichtenberger, E.: Leben in zwei Gesellschaften. – Wien, Köln, Graz: Böhlau 1984 (5) Baumhackl, H.: Die Aufspaltung der Wohnfunktion. Eine Analyse des Zweitwohnens am Beispiel des städtischen Systems Wien. – Wien 1989, Habilitationsschrift (6) Vgl. Baumhackl, H.: Das Zweitwohnungswesen im Rahmen der Wohnungswirtschaft. Manuskript Vortrag im Rahmen des Österreich-DDR-Symposiums der österreichischen Akademie der Wissenschaften gemeinsam mit der Akademie der Wissenschaften der DDR am 29.5.1988 in Krems DOI: https://doi.org/10.1515/9783112546703-003 (7) In den sozialistischen Staaten fehlt eine Suburbanisiemng im westlichen Sinn, eine Privatisierung des Wohnens ist in erster Linie in Form des Zweitwohnungswesens entstanden (Lichtenberger, E.: Zweitwohnungen im Stadtumland. In: Berliner Geographische Arbeiten, Sonderheft 4 (Jubiläumskonferenz 1986 der Sektion Geographie der Humboldt-Universität zu Berlin), S. 68–74) (8) Ruppert, K.: Der Zweitwohnsitz im Freizeitraum. In: Berichte zur Raumforschung und Raumplanung 17 (1973) 4, S. 3–8 (9) Obwohl in den meisten Ländern die Demokratisierung in Gang gesetzt worden ist, werden die Folgen für das Wirtschaftssystem, auf den Besitz der Produktionsfaktoren usw., erst in Jahren durchschlagen. (10) Vgl. Moewes, W.: Grundsatzfragen der Lebensraumgestaltung. – Berlin, New York: De Gruyter 1980 (11) Eibl-Eibesfeldt, I.; Haas, H.; Freisitzer, K.; Gehmacher, E.; Glück, H.: Stadt und Lebensqualität. Neue Konzepte im Wohnbau auf dem Prüfstand der Humanethologie und der Bewohnerurteile. – Stuttgart: Deutsche Verlagsanstalt; Wien: Österreichischer Bundesverlag 1985 (12) Vgl. Glück, H. (1985): vgl. Anm. (11) (13) Vgl. Eibl-Eibesfeldt, I.;, Haas, H.; Freisitzer, K.; Gehmacher, E.; Glück, H.: Stadt und Lebensqualität . .., a.a.O. (14) Lichtenberger, E.: Die Stellung der Zweitwohnungen im städtischen System. Das Wiener Beispiel. In: Berichte zur Raumforschung und Raumordnung (1980) H. 1, S. 3–14, hier S. 6Bereits 1977 bezeichnete Coppock das Zweitwohnen als "... a very difficult sector of wider fields of housing" (Coppock, J.T. (Ed.): Second Homes. Curse or Blessing. – Oxford: Pergamon 1977. = Geogr. Series) (15) In allen sozialen Wohlfahrtsstaaten ist allerdings ein sukzessiver “Rückbau” zu diagnostizieren. (16) Lichtenberger, E.; Fassmann, H.; Mühlgassner, D.: Stadtentwicklung und dynamische Faktorialökologie. Hrsg.: Österreichische Akademie der Wissenschaften. – Wien 1987. = Beiträge zur Stadt- und Regionalforschung, Bd. 8 (17) Infolge der Koppelung des Zweitwohnsitzes an die Gebäude- und Wohnungsdefinition und an die Regelmäßigkeit des Besuches ist von einer eklatanten Untererfassung des Zweitwohnens durch die amtliche Statistik auszugehen (vgl. Baumhackl, H.: Die Aufspaltung der Wohnfunktion. Eine Analyse des Zweitwohnens am Beispiel des städtischen Systems Wien. Habil.-Schrift Wien 1989, S. 189 ff.) (18) Ebenda (19) Die besondere Schwierigkeit der Erhebung der laufenden Wohnungskosten bestand darin, daß sich die laufenden Wohnungskosten aus mehreren Bestandteilen zusammensetzen, deren Einzelbeträge dem Befragten häufig nicht bekannt sind (vgl. auch Kaufmann, A.; Knoth, E.; Hartmann, B.: Wohnungskosten und ökonomische Situation der Haushalte. – Wien 1979. = Publikation des Instituts für Stadtforschung, Bd. 65, hier S. 327) (20) Aus erhebungstechnischen Gründen, da die Betriebskosten in den monatlichen Abrechnungen oft nicht gesondert ausgewiesen oder nur jährlich abgerechnet werden (vgl. auch Kaufmann, A.; Knoth, E.; Hartmann, B.: Wohnungskosten ... a.a.O., S. 319 f. und Kaufmann, A.; Bauer, E.: Wohnsituation, Wohnungsaufwand und Haushaltseinkommen 1981. – Wien 1984. = Publikation des Instituts für Stadtforschung, Bd. 71, hier S. 108 bzw. Erfahrungen anläßlich des Pretest für die eigene Studie), wurde auf eine gesonderte Erhebung der Teilkosten (Nebenkosten) der laufenden monatlichen Wohnungskosten verzichtet (21) Diese Kostenarten sind auch getrennt erhoben worden. Dies ist besonders von Bedeutung – auch Kaufmann, A.; Bauer, E.: Wohnsituation ..., a.a.O., S. 108 weisen auf diese Problematik der Kostenerfassung hin –, weil die Kosten für Hauszentralheizung, Warmwasserversorgung, Garagenbenützung häufig nicht gesondert monatlich ausgewiesen werden, wodurch Neu- und Althauswohnungen nicht streng vergleichbar sind. (22) Quelle: Eigenerhebung 1984 (23) Die bereits publizierten Ergebnisse wurden durch den Einspruch Wiens in ca. 30 000 Fällen obsolet. (24) Lichtenberger, E.: Die Stellung der Zweitwohnungen ..., a.a.O., S. 4 (25) Kaufmann, A.; Artner, G.; Diebalek, Ch.; Duloritz, H.: Motive und Formen der Wohnungsmobilität. – Wien 1976. = Publikation des Instituts für Stadtforschung, Bd. 49 (26) Lichtenberger, E. (Hrsg.): Österreich – Raum und Gesellschaft zu Beginn des 3. Jahrtausends. Prognosen, Modellrechnungen und Szenarien. Hrsg.: Österreichische Akademie der Wissenschaften. – Wien 1989. = Beiträge zur Stadt- und Regionalforschung, Bd. 9 Downloads PDF (German) XML (German) Published 1991-03-31 Issue Vol. 49 No. 2,3 (1991) Section Research Article License Articles in Raumforschung und Raumordnung – Spatial Research and Planning are published under a Creative Commons license. From Vol. 79 No. 2 (2021), the license applied is CC BY 4.0. From Vol. 77 No. 1 to Vol. 79 No.1, articles were published under a CC BY-SA license. Earlier volumes have been re-published by oekom 2022 under the Creative Commons Attribution 4.0 International License CC BY 4.0. How to Cite 1.Baumhackl H. Die Aufspaltung der Wohnfunktion: Die Subventionierung des Zweitwohnungswesens der Wiener durch die Wohnungspolitik?. RuR [Internet]. 1991 Mar. 31 [cited 2026 Sep. 26];49(2,3):160-7. Available from: https://rur.oekom.de/index.php/rur/article/view/2058 More Citation Formats ACM ACS APA ABNT Chicago Harvard IEEE MLA Turabian Vancouver Download Citation Endnote/Zotero/Mendeley (RIS) BibTeX Share
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