Strukturwandel tertiärer Aktivitäten und Raumentwicklung am Beispiel der Schweiz

Authors

  • Beat Hotz-Hart
  • Markus Würth

DOI:

https://doi.org/10.14512/rur.2504

Abstract

Der Dienstleistungssektor der Schweiz wird in Gruppen unterteilt, die auf ihre Verteilung auf die Regionen und ihre Entwicklung hin untersucht werden. Obwohl auch periphere Regionen vom Wachstum einzelner Dienste profitieren, konzentriert sich die Gruppe der wertschöpfungsstärksten und dynamischsten kommerziellen Dienste in den urbanen Räumen.

Drei Folgen werden diskutiert: Durch das Dienstleistungswachstum verschärfen sich räumliche Ungleichgewichte tendenziell. Da ein enger Zusammenhang zwischen kommerziellen Diensten und dispositiven Funktionen der Industrie besteht, deutet diese Entwicklung auch auf die verstärkte Ausbildung hierarchischer Funktionsräume hin. Die Überlagerung der ausgeprägt föderativen politisch-administrativen Struktur der Schweiz mit einer zunehmend hierarchischen Struktur der Wirtschaft verschärf tendenziell Spannungen zwischen regionalen Interessen einerseits und an der internationalen Wettbewerbsfähigkeit orientierten nationalen Interessen andererseits.

In der Politik sollten die komplementären Beziehungen zwischen der industriellen Entwicklung der Dienste explizit im Rahmen einer vermehrten Dienstleistungsorientierung der Regionalpolitik berücksichtigt werden.

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Die Einteilung erfolgte nach dem Anbieter (öffentlich oder privat) und nach dem Nachfrager (End- oder intermediäre Nachfrage).

Intensive Vernetzung, Koppelungseffekte zwischen den sekundären und tertiären Aktivitäten erhöhen die betriebliche und regionale Wettbewerbs- und Anpassungsfähigkeit. In Anlehnung an das Konzept von Perroux (1955) wird von einem “moteur tertiaire” gesprochen. Polese (1974) hat den Ausdruck ”moteur tertiaire” bereits 1974 verwendet.

Vgl. dazu Meier (1984).

Im Kanton Waadt sind rund 25 % der in der Industrie Beschäftigten nicht unmittelbar in der Produktion tätig. Aus einer BIGA-Statistik können zum Anteil an Büropersonal (in Prozenten) in den einzelnen Industrien für 1985 folgende Angaben entnommen werden: Chemische Industrie 36,9 %; Maschinen, Apparate, Fahrzeuge 40,8 %; Tabak 36,1 %.

Diese orientieren sich an der Zentrums-Peripherie-Problematik und unterscheiden sich nach verschiedenen Eigenheiten wie z. B. dem jeweils dominanten Wirtschaftssektor (vgl. Schüler, Nef 1983).

Zur Unterscheidung von Konzentration/Dekonzentration und Zentralisation/Dezentralisation, vgl. Spehl 1985, S. 260. “Während es bei Konzentration bzw. Dekonzentration um die Veränderung der räumlichen Verteilung von Arbeitsplätzen und Wohnungen usw. geht, handelt es sich bei den Begriffen Zentralisierung und Dezentralisierung um die Veränderung der räumlichen Verteilung von Steuerungskompetenz und Entscheidungsmacht.“

Dazu liefert Geilinger (1984, S. 57 ff.) in seiner Dissertation eindrückliche Evidenz: Er untersucht die räumliche Verteilung von Büropersonal, Managementpersonal und gelernten Arbeitern in der Industrie 1981. Der Anteil an Büro- bzw. dispositivem Personal zeigt in allen Wirtschaftszweigen ein Abfallen vom Kernraum zur Peripherie. Das Managementpersonal zeigt eine dazu fast identische Verteilung. Mit Ausnahmen liegt auch der Anteil der gelernten Arbeiter am Produktionspersonal in der Peripherie tiefer als im Kernraum.

Die Entwicklung innerhalb der urbanen Räume und die Stadtentwicklung im Zusammenhang mit Dienstleistungen wurde an anderer Stelle behandelt, vgl. dazu Hotz-Hart, Würth 1985.

Bailly et al. (1984, S. 24) stellen am Beispiel eines industriellen Kleinzentrums (Delémont) und eines tertiären Kleinzentrums (Aigle) fest, daß nur 30,9 % der Dienste lokal gekauft worden sind. Allerdings bestanden zwischen den untersuchten Unternehmen große Unterschiede gemäß der zu vermutenden funktionalen Abhängigkeit der Betriebe.

Die Effekte neuer Informations- und Kommunikationstechnologien auf die Raumentwicklung verstärken diese Tendenz, vgl. dazu Hotz-Hart, Schmid 1987.

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Published

1987-05-31

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Section

Research Article

How to Cite

1.
Hotz-Hart B, Würth M. Strukturwandel tertiärer Aktivitäten und Raumentwicklung am Beispiel der Schweiz. RuR [Internet]. 1987 May 31 [cited 2024 May 22];45(3):65-72. Available from: https://rur.oekom.de/index.php/rur/article/view/2504