Externe Kontrolle in der Bundesrepublik Deutschland

Begriffliche Klärung und ausgewählte empirische Befunde für das Verarbeitende Gewerbe

Authors

  • Heinrich Gräber
  • Mathias Holst

DOI:

https://doi.org/10.14512/rur.2519

Abstract

Der Aufsatz beschäftigt sich mit der räumlichen Dimension des Konzentrationsprozesses, indem Ahhängigkeits- und Beherrschungsbeziehungen zwischen Betrieben/Untemehmen auf die regionale Ebene projiziert und damit zu Ahhängigkeits- und Beherrschungsbeziehungen zwischen Regionen werden. Als Oberbegriff für diese Tatbestände verwenden wir den Begriff „Kontrolle“. Im räumlichen Kontext steht dabei die sogenannte externe Kontrolle – abhängige und beherrschende Einheiten haben ihren Standort in unterschiedlichen Regionen – im Vordergrund. Mit der Kontrollstruktur wird damit ein Strukturmerkmal in die Regionalforschung eingeführt, das zumindest im deutschsprachigen Raum noch neu ist.

Zunächst werden die definitorischen Grundlagen gelegt und der Kontrollbegriff abgeklärt. Wir unterscheiden nach verschiedenen Abhängigkeits- und Beherrschungsarten und danach, ob eine Kontrollmöglichkeit besteht (potentielle Kontrolle) bzw. von dieser Möglichkeit auch Gebrauch gemacht wird (faktische Kontrolle). Anschließend stellen wir die empirischen Quellen zur Kontrolle, ihren Informationsgehalt und ihre Probleme vor. Zu nennen sind hier die amtliche Statistik – insbesondere die Kartei im Produzierenden Gewerbe –, Untemehmenshandbücher, die Fusionsdaten des Kartellamtes sowie die Informationen aus Primärerhebungen.

Im letzten Abschnitt werden dann ausgewählte empirische Befunde zum Stand und zur Entwicklung räumlicher Kontrollverflechtungen im Verarbeitenden Gewerbe der Bundesrepublik Deutschland vorgestellt. Das räumliche Bezugsraster besteht aus den siedlungsstrukturellen Raumtypen bzw. den Arbeitsmarktregionen.

Insgesamt kann gezeigt werden, daß die externe Kontrolle quantitativ bedeutend ist und ihre Einbeziehung in die regionale Strukturforschung von daher geboten erscheint. Vorliegende Wirkungsuntersuchungen zeigen deutlich, daß es vor allem sehr enge Zusammenhänge zwischen der Funktionalstruktur einer Region und der in diesem Beitrag behandelten Kontrollstruktur gibt, wobei die Kontrolle im theoretischen Wirkungsmodell die unabhängige (erklärende) Variable darstellt.

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References

Vgl. Monopolkommission: Gesamtwirtschaftliche Chancen und Risiken wachsender Unternehmensgrößen. Hauptgutachten IV, BTags-Drucks. 10/5860, Bonn 1986.

Vgl. den „Bericht des Bundeskartellamtes über seine Tätigkeit in den Jahren ... sowie über Lage und Entwicklung auf seinem Aufgabengebiet (§ 50 GWB)“; zuletzt für die Jahre 1983/84, BTags-Drucks. 10/3550, Bonn 1985.

Die Wettbewerbswirkungen der Konzentration sind vor allem deshalb umstritten, weil es sehr unterschiedliche Begriffsbestimmungen von Wettbewerb gibt; vgl. dazu als Überblick: Herdzina, K.: Wettbewerbstheorie und Wettbewerbspolitik. Stand und Entwicklungstendenzen. In: Wirtschaftsdienst, Heft 10/1986, S. 525–532.

Vgl. als Überblick Oberhäuser, A.: Unternehmenskonzentration und Wirksamkeit der Stabilitätspolitik. – Tübingen 1979 und Stahlecker, P.: Konzentration und gesamtwirtschaftliche Stabilität. – Frankfurt/Main u. a. 1984 und Gahlen, B.; Buck, H.; Arz, S.: Ökonomische Indikatoren in Verbindung mit der Konzentration. Eine empirische Untersuchung für die Bundesrepublik Deutschland. Discussion paper des Wissenschaftszentrums Berlin. IIM/IP 85/4, Berlin 1985; Pischner, R.; Droege, K; Weise, B.: Konzentration und industrielle Entwicklung. Gutachten im Auftrag der Monopolkommission, erstellt vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (Berlin). In: Hauptgutachten II der Monopolkommission, 1978, S. 519–659.

Da die Entwicklung einzelner Sektoren gesamtwirtschaftlich unterschiedlich verläuft und einzelne (Wachstums- oder Schrumpfungs‑) Branchen in den verschiedenen Regionen des Bundesgebietes in wechselnder Mischung vorhanden sind, bestimmt die sektorale Struktur einer Region in dieser Sichtweise die regionale Entwicklung; vgl. Hoppen, D. D.: Industrieller Strukturwandel. Eine empirische Untersuchung der sektoralen und regionalen Veränderungen im Sekundärbereich der Bundesrepublik Deutschland. Berlin 1979. = Schriften zu Regional- und Verkehrsproblemen in Industrie- und Entwicklungsländern, Bd. 25.

Einer der möglichen Gründe kann darin liegen, daß die Branche als Zusammenfassung von Betrieben heterogene Einheiten aggregiert. Die brancheninternen Unterschiede sind möglicherweise so groß, daß sie zusätzlich bzw. anstelle der sektoralen Disaggregation zu berücksichtigen sind. Darauf weisen u. a. Analysen regionaler Konjunkturentwicklungen, interregionaler Lohn- und Gehaltsunterschiede, aber auch die regionalen Sektorstrukturen selbst hin. Bade stellt nach einem Resümee verschiedener Untersuchungen fest, daß neben der Branche zusätzliche Einflußfaktoren existieren müssen; vgl. Bade, F. J.: Funktionale Aspekte der regionalen Wirtschaftsstruktur. In: Raumforschung und Raumordnung, Heft 6/1979, S. 253–268.

Vgl. Birch, D.: The job generation process. – Cambridge/Mass. 1979; Aiginger, H.; Tichy, T.: Die Größe der Kleinen. Die überraschenden Erfolge kleiner und mittlerer Unternehmungen in den achtziger Jahren. – Wien 1985; Ewers, H. J.; Fritsch, M.; Kleine, J.: Bildungs- und qualifikationsorientierte Strategien der Regionalförderung unter besonderer Berücksichtigung kleiner und mittlerer Unternehmen. – Bonn 1984, = BMBau 06.053.

Vgl. dazu Bade, F. J.: Funktionale Aspekte... a. a. O.; Bade, F. J.: Die funktionale Struktur der Wirtschaft und ihre räumliche Arbeitsteilung. – Berlin 1984, = IIM/IP 84/27; Bade, F. J.; Eickelpasch, A.: Funktionale Arbeitsteilung und regionale Beschäftigungsstrukturen. In: Garlichs, D.; Maier, F; Semlinger, K. (Hrsg.): Regionalisierte Arbeitsmarkt- und Beschäftigungspolitik. – Frankfurt 1983; Müller, K.: Wirtschaftlicher Strukturwandel und räumliche Entwicklung. Fallstudien-Ergebnisse zum Ausmaß sowie zu den Ursachen und Wirkungen funktionaler Konzentration in der Schweiz. – Bern und Stuttgart 1981 = Publikationen des Schweizerischen Nationalfonds aus den nationalen Forschungsprogrammen, Band 10; Geilinger, U.: Industrielle Mehr-Betriebs-Unternehmen und die funktionale Arbeitsteilung zwischen den Regionen. – Zürich 1983.

Vgl. Schackmann-Fallis, K. P.: Externe Abhängigkeit und regionale Entwicklung. – Mannheim 1985; Tödtling, F: Organisatorischer Status von Betrieben und Arbeitsplatzqualität in peripheren und entwicklungsschwachen Gebieten Österreichs. – Wien 1983; Bade, F. J.: Die Standortstruktur großer Industrieunternehmen – Eine explorative Studie zum Einfluß von Großunternehmen auf die regionale Wirtschaftsentwicklung. In: Jahrbuch für Nationalökonomie und Statistik, Bd. 196/4, 1981, S. 341–366; Mikus, W. u. a.: Industrielle Verbundsysteme. Studien zur räumlichen Organisation der Industrie am Beispiel von Mehrwerksunternehmen in Süddeutschland, Schweiz und Oberitalien. – Heidelberg 1979. = Heidelberger Geographische Schriften, H. 57.

Die regionalen Wirkungen und damit die regionalpolitische Bewertung der Kontrollstrukturen sind nicht Gegenstand dieses Aufsatzes (vgl. dazu Gräber, H; Holst, M.; Schackmann-Fallis, K.-P; Spehl, H.: Externe Kontrolle und regionale Wirtschaftspolitik. – Berlin 1987 sowie die in Anm. 9 angegebene Literatur). Nach den vorliegenden Untersuchungen kann man aber davon ausgehen, daß mit der Kontrolle eine wichtige Größe in die regionale Strukturforschung einbezogen wird. Insbesondere der Einfluß der Kontrolle auf die funktionale Ausstattung eines Betriebes und damit auf Wirkungsbereiche wie die Qualifikationsstruktur der Beschäftigten, die Lohn- und Gehaltssumme etc. kann als belegt gelten.

Vgl. Watts, H. D.: The Large Industrial Enterprise — Some Spatial Perspectives. – London 1980 und Dicken, P: The Multiplant Business Enterprise and Geographical Space: Some Issues in the Study of External Control and Regional Development. In: Regional Studies, Vol. 10, 1976, S. 401–412.

Nach Möller dürfte diese Umsetzung der potentiellen Kontrolle in faktische Kontrolle vor allem von folgenden Faktoren abhängen:

von der räumlichen Distanz

von der Größe des abhängigen Betriebes/Unternehmens

von der Organisationsstruktur

vor allem aber von der Art der Produktionsverflechtung (Parallelproduktion, Stufenproduktion, eigenständiges Produktionsprogramm).

Vgl. Möller, W.-P.: Der Erfolg von Unternehmenszusammenschlüssen. Eine empirische Untersuchung. – München 1983, S. 244 ff.

Vgl. Glaab, H: Technische Aspekte des Aufbaus einer Kartei für Unternehmen und Betriebe im Produzierenden Gewerbe. In: Wirtschaft und Statistik, 1979, Heft 8, S. 476–483; Fuhr, M.: Die Kartei im Produzierenden Gewerbe als Aufbereitungsinstrument und Untersuchungsobjekt. In: Wirtschaft und Statistik, 1980, Heft 11, S. 760–770.

In der Kartei sind die Erhebungseinheiten der amtlichen Statistik – die Betriebe als örtliche Betriebseinheit und die Unternehmen als rechtlich selbständige wirtschaftliche Einheit – enthalten. Für die Statistischen Ämter erfüllt die Kartei folgende Aufgaben: Steuerung laufender Erhebungen, Steuerung von Stichprobenerhebungen, Instrument zur Zusammenführung statistischer Ergebnisse und Nutzung als eigenes Untersuchungsobjekt.

Vgl. Hoppenstedt (Hrsg.): Handbuch der Großunternehmen, Darmstadt, diverse Jahrgänge; Commerzbank (Hrsg.): Wer gehört zu wem?, Frankfurt, diverse Jahrgänge; Sparkassen- und Giroverband (Hrsg.): Besitz- und Beteiligungsverhältnisse deutscher Unternehmen, diverse Jahrgänge

Andere Komponenten wie “unterschiedliche Gründungs- bzw. Stillegungsintensitäten zwischen selbständigen, beherrschenden und abhängigen Einheiten” sowie ”unterschiedliche Veränderungsraten der Maßgrößen für Kontrolle – z. B. Beschäftigte – bei den vorhandenen Betrieben der verschiedenen Kontrollstatusgruppen” lassen sich mit den genannten Einschränkungen über die Kartei des Produzierenden Gewerbes ermitteln.

Die beiden ländlichen Typen der BfLR werden dabei zusammengefaßt und Berlin dem Raumtyp der hochverdichteten Regionen mit günstiger Struktur zugeordnet. Es ergibt sich dann folgende Differenzierung:

Raumtyp A: Hochverdichtete Regionen mit günstiger Struktur

Raumtyp B: Altindustrialisierte Regionen mit ungünstiger Struktur

Raumtyp C: Ländlich geprägte Regionen

Raumtyp D: Regionen mit Verdichtungsansätzen.

Wir vermuten, daß für diesen Tatbestand vor allem Kontrollverflechtungen über nicht allzu große Distanzen verantwortlich sind; die Distanzdimension konnte leider aus Kosten- und Geheimhaltungsgründen nicht in die Sonderaufbereitung des Statistischen Bundesamtes einbezogen werden. Für diese Vermutung sprechen aber auch die Regionalauswertungen von Fuhr auf der Basis der Regierungsbezirke; vgl. Fuhr; M.: Die Kartei im Produzierenden Gewerbe, a. a. O.

Entsprechende Berechnungen für die Zahl der Betriebe bzw. die Investitionsvolumina finden sich in: Gräber; H.; Holst, M. u. a.: Externe Kontrolle und regionale Wirtschaftspolitik, a. a. O., Abschnitt 2.4.2.5.

Vgl. Schackmann-Fallis, K.-P: Externe Kontrolle... a. a. O., Tödtling, F.: Organisatorischer Status von Betrieben..., a. a. O. und Bade, F. J.: Die Standortstruktur großer Industrieunternehmen ..., a. a. O.

Zum Konzept der Arbeitsmarktregionen vgl. Klemmer, P.: Abgrenzung von Fördergebieten. – Bochum 1983. Die Analyse stützt sich auf die 180 gemeindescharfen Arbeitsmarkregionen, die von Klemmer als Diagnose- und Prognoseeinheiten für die Gemeinschaftsaufgabe “Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur” abgegrenzt wurden.

Detaillierte Angaben, u. a. eine Übersicht über die – standardisierten – Kontrollindikatoren für jede Arbeitsmarktregion, finden sich bei: Gräber, H.; Holst, M.: Externe Kontrolle ..., a. a. O.

Es wird hier keine aktuelle Fördergebietsabgrenzung verwendet, da die Kontrollstrukturen des Jahres 1982 beschrieben werden. Für die Investitionsentscheidungen, die zu diesen Kontrollstrukturen führten, sind – wenn überhaupt – nur die Förderpräferenzen der Vergangenheit von Bedeutung.

Vgl. Gräber, H.; Holst, M. u. a.: Externe Kontrolle... a. a. O., Abschnitt 3. Die Rücklaufquote lag bei ca. 10 % (Betriebe) bzw. ca. 20 % (Beschäftigte); die relativen Beschäftigungsanteile nach Raumtypen bzw. Kontrollstatusgruppen entsprechen in etwa der Grundgesamtheit, während bei der Betriebsgröße Großbetriebe über- bzw. Kleinbetriebe unterrepräsentiert sind.

Als stark einseitig wurde dabei eine Verflechtung definiert, bei der der größte Lieferant (Kunde) mehr als 60 % der Vorleistungen (des Absatzes) zw. die zwei größten Lieferanten (Kunden) mehr als 80 % der Vorleistungen (des Absatzes) auf sich vereinigt (vereinigen).

Detaillierte Angaben mit den diesbezüglichen Tabellen finden sich in: Gräber, H.; Holst, M. u. a.: a. a. O., Abschnitt 3.3.

Für weiter zurückliegende Zeiträume sind keine Daten verfügbar, da die im Abschnitt 3. erwähnte Kartei des Produzierenden Gewerbes erst ab 1978 voll funktionsfähig ist.

In der Fusionsbilanz wird die durch Fusionen erfolgte Veränderung der regionalen Beherrschung bzw. Abhängigkeit saldiert. Die Zahl der durch Unternehmen der Region getätigten Zusammenschlüsse bzw. der Umsatz dieser Akquisitionen wird saldiert mit der Anzahl bzw. dem Umsatz der Unternehmen der Region, die von anderen Unternehmen erworben werden.

Vgl. Gräber, H.; Holst, M. u. a.: a. a. O.

Published

1987-09-30

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Research Article

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1.
Gräber H, Holst M. Externe Kontrolle in der Bundesrepublik Deutschland: Begriffliche Klärung und ausgewählte empirische Befunde für das Verarbeitende Gewerbe. RuR [Internet]. 1987 Sep. 30 [cited 2024 Apr. 14];45(5,6):207-20. Available from: https://rur.oekom.de/index.php/rur/article/view/2519